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Sonja Eismann: Wie queer ist Emo?

Dünne Jungs in engen Mädchenhosen

Die Jugendkultur der Emos stellt traditionelle Geschlechterrollen in Frage, dennoch ist auch sie paradoxerweise eher eine Männerdomäne. Wie queer ist Emo?

von Sonja Eismann

Die Anwürfe des Hagener Aggro-Rappers GinTonik, dessen Diss-Track »Emotional« eine von zahllosen auf Youtube eingestellten Hassti­ra­­den gegen Emos ist, bringen den Kern der weit verbreiteten Abneigung gegenüber den »kleinen Emos« unverstellt auf den Punkt: »Überall Schwuch­teln im Drag-Queen-Dress/das ist Stress für meine Augen/[…] Scheiße, Jungs stehen auf Jungs, und die Girls stehen auf Schwule, ich schwör’, es gab nie eine verstörtere Jugend.« Inmitten von Kastrations- und Tötungsphantasien äußert sich der Hass auf die Andersartigkeit der »verstörten« Kids hier ganz unverblümt als Homophobie.

Die binären Geschlechterdichotomien dürfen nicht angetastet werden, und nicht-heterosexuelles Begehren darf nicht existieren, da es »alles andere als hetero« ist und somit die von vielen Rappern so gerne angerufene patriarchale Ordnung unterminiert. Dem »Transvestitengesindel mit Eyeliner« wird geraten, stattdessen lieber anzufangen zu wichsen.

Auch der Hass auf den mittlerweile fast völlig als schillerndes Anime-Phantasiegeschöpf inszenierten Sänger von Tokio Hotel, Bill Kaulitz, der nur marginal als Vertreter einer Emo-Kultur verstanden werden kann, speist sich aus demselben regressiven Wertekanon und steht dabei für eine Fortführung eines lange verloren geglaubten Androgynitätsdiskurses in der Popmusik. Doch wo in den achtziger Jahren mit Prince und Grace Jones noch die Kategorien race und class ins Blickfeld gerückt wurden, wird Emo-Kultur heute hauptsächlich von sehr jungen Töchtern und Söhnen der (weißen) Mittelschicht konsumiert. Bill Kaulitz – mit seiner verschleierten Sexuali­tät und seinem feenhaften Auftreten als androgyner Prinz die perfekte Projektionsfläche für die Sehnsüchte junger Mädchen – kann aber vor allem als paradigmatisch für die Strukturierung von Begehren im Emo gelten.

Emo bietet einen Zufluchtsort für Teenager, die ihre Ambivalenzen hinsichtlich ihrer Sexualität nicht in »erwachsene« Dichotomien von »männlich vs. weiblich« beziehungsweise »hetero vs. homo« pressen lassen wollen. Interessant dabei ist, dass es vor allem der männliche Körper ist, der fetischisiert und »gequeert« wird. Auf Websites wie »emo-corner.com« heißt es, Emo-Girls stünden besonders auf ganz dünne und große Emo-Jungs in engen Mädchenhosen und mit Makeup. Darüber hinaus finden sich auf der Seite zahlreiche Fotos von küssenden Jungs – und keine von küssenden Mädchen. Im Forum zur Frage »Yes or no to emo boys kissing?« wird seitenlang darüber diskutiert, ob Küsse zwischen Emo-Jungs nun sexy seien oder nicht – die überwältigende Mehrzahl der Userinnen (und User) plädiert für »very hot«, beklagt sich aber auch darüber, selbst zu wenig sexy für eine Partnerschaft mit einem Emo-Jungen zu sein.

Obwohl einige der hier auftretenden Mädchen recht selbstbewusst den Wunsch äußern, doch auch einen Emo-Boy als »Spielzeug« haben zu wollen, beziehen sich sowohl Kritik wie Affirma­tion des Phänomens Emo zumeist auf männliche Subjektivitäten: auf der einen Seite als »Schwuch­teln« beschimpft – männliche Homosexualität wird bekanntlich als systemdestabilisierender wahrgenommen als weibliche –, auf der anderen Seite ein exzessives Kreisen um die eigene Sensibilität, die häufig als von Frauen verletzt dargestellt wird. Bereits 2003 monierte die US-amerikanische Journalistin Jessica Hopper in ihrem Artikel »Emo: Where the girls aren’t« in der Zeitschrift Punk Planet, dass ab einem gewissen Zeitpunkt jedes Emo-Album ein Konzeptalbum eines waidwunden, aber trotzdem männlichen Jungen gewesen sei, dem von einer Frau übel mitgespielt worden sei. Kein Wunder eigent­lich, wenn man sich die Geschlechterverhältnisse im Emo-Musikbusiness, um das es beim heutigen Modephänomen Emo zugegebenermaßen gar nicht mehr so stark geht, einmal genauer ansieht.

Es gibt keine bekannte Emo-Girl-Band, und die einzige Frau, die man wegen ihres Stylings noch zumindest rudimentär mit dem Trend assoziieren könnte, Avril Lavigne, singt dümmlich unsolidarische Songs über das uncoole »Girlfriend« ihres Schwarms. So taugt Emo als Herausforderung des Status quo, was nun »maskulines« Verhalten sei beziehungsweise dessen Durchkreuzung mit Schminke, Mädchenklamotten und Jungsküssen – den Mädchen hat es dabei allerdings nicht wirklich viel Neues zu sagen. Die gucken aber offensichtlich gerne zu und freuen sich, wenn ohne ihr Zutun auf der anderen Seite auch mal etwas weitergeht.

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