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Martin Büsser: Emos als Feindbild

Die zarteste Versuchung

Niemand kann die Emos leiden. Doch die Motive hinter dem neuen Feindbild sind allesamt reaktionär. Ein Plädoyer für die Emos.

von Martin Büsser

Kennen Sie den? »Wie nennt man Kondome für Emos? – Weingummis!« Oder den? »Wieso sind Emos ab zwölf Uhr nicht mehr in Kneipen anzutreffen? – Weil dann die Happy Hour beginnt!« Die bereits zahlreich kursierenden Witze über Emo, die nicht einfach nur ein Ostfriesen- oder Blondinen-Update sind, können einerseits als Zeichen dafür gelten, dass dieser Jugendkultur reichlich Aufmerksamkeit geschenkt wird. Doch die Feindseligkeit, die den Emos entgegenschlägt, ist etwas, das es im Vergleich mit allen bisherigen Jugendbewegungen in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Obwohl die Emos in den urbanen Zentren kaum auffallen, werden sie von allen Seiten angefeindet. Die Witze sind nur ein Bestandteil zahlreicher diskriminierender Attacken, denen die Emos hierzulande vor allem in Internet-Foren ausgesetzt sind. In anderen Ländern wie Mexiko und Chile werden sie mittlerweile sogar gewalttätig attackiert. In Russland legte der Abgeordnete Yevgeny Yuryev Anfang Juli der Duma einen Gesetzesentwurf vor, mit dem das Emo-Outfit in Schulen und öffentlichen Gebäuden verboten werden soll. Emo fördere Depression, Perspektivlosigkeit und sozialen Rückzug, und mit diesem Gesetz könne der »geistigen und ethischen Krise« der russischen Jugend entgegengewirkt werden.

Nun gut, auch die Punks haben anfangs den Hass so genannter Normalos auf sich gezogen und ihrerseits keine Gelegenheit ausgelassen, um ihren Hass gegenüber den Poppern zum Ausdruck zu bringen. Doch im Hass auf die Emos vereinen sich erstmals sämtliche Spektren der Jugendkultur, darunter Gruppen, denen man eine derartige Allianz gar nicht zugetraut hätte: Punks, Metaller, HipHopper, Skater, Elternverbände, Lehrer und Politiker.

Der diskriminierende Inhalt der Witze, die über Emos gemacht werden, macht bereits deutlich, was dieser eher introvertierten, defensiven Gruppe vorgeworfen wird, nämlich dass sie an der Welt leidet. Eines der beliebten Stereotype über die Emos ist, dass sie sich ständig »ritzen«, also Schnittwunden zufügen. Dies ist allerdings nichts, was für Emos spezifisch ist. Auch die Punks haben unter den gesellschaftlichen Verhältnissen gelitten und ihren Frust in Ritualen der Selbstzerstörung zum Ausdruck gebracht. Der ganze Kult um Jim Morrison und Kurt Cobain baut auf deren messianisch verklärten Weg in den Tod auf. Aber wird jemand, der ein T-Shirt von Nirvana trägt, auf dem Schulhof gehänselt? Und warum galten der Heroin-Look von abgemagerten Typen wie Richard Hell und Blixa Bargeld oder ein sich in Glasscherben wälzender Iggy Pop einmal als cool, während die Schnitt­wunden der Emos heute als Zeichen von Schwäche oder Lächerlichkeit angesehen werden?

Das mag unter anderem daran liegen, dass sich die sozialen Rahmenbedingungen seit den frühen achtziger Jahren geändert haben. Abgesehen von den erwähnten Poppern, zeichneten sich Jugendbewegungen bis dahin gerade dadurch aus, dass sie sich dem kapitalistischen Diktat, funktionieren zu müssen, also gesellschaftlich anerkannte Leistung zu erbringen, zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten verweigert haben. Insofern sind die Emos ein scheuer, aber wirkungsvoller Widerhall dieses alten Verständnisses von Jugend- und Subkultur. Sie nehmen sich das Recht zum Tagtraum, zum Grübeln und Schwelgen, sie gönnen sich eine verlängerte Pubertät. In seiner kleinen Schrift »Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie« hat Adorno diese pubertäre Tendenz der Zweckverweigerung gegenüber Anna Freud und der Psychoanalyse verteidigt: »Der Geist, der sich von den unmittelbaren Zwecken distanziert, und dem dazu jene paar Jahre die Möglichkeit geben, in denen er über seine Kräfte verfügt, ehe diese der Zwang zum Erwerb des Lebens absorbiert und abstumpft, wird als bloßer Narzissmus verleumdet.«

Genau diese Verleumdung des Narzissmus findet sich in den Hasstiraden der Anti-Emo-Foren wieder, diesmal jedoch nicht von Psychologen oder Pädagogen, sondern von anderen Jugendlichen formuliert. Dass den Emos ihre Verträumtheit von Gleichaltrigen geneidet wird, hat mit einem veränderten Selbstverständnis der Jugend­kultur zu tun. Coolness wird nicht mehr mit Verweigerung, sondern mit Disziplinierung, Durchsetzungsvermögen und Leistungsbereitschaft gleichgesetzt. Und das nicht zuletzt in Folge zweier Jahrzehnte HipHop-Battles, die von Pädagogen und Institutionen wie der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert werden.

Doch nicht das Leiden an der Welt alleine schürt den Hass auf Emos, auch nicht deren mehr oder weniger exzentrisches Outfit, etwa die schwarz gefärbten Haare und Fingernägel. Wäre dem so, müssten Anhänger der Gothic-Bewegung ähnlichen Anfeindungen ausgesetzt sein, was nicht der Fall ist. Das Motiv für die Feindseligkeit gegenüber den Emos besteht in der Verbindung all dessen mit einem defensiven, androgynen Auftreten. Sämtliche in Internet-Foren kursierenden Äußerungen gegen Emos sind latent, bisweilen auch offen homophob. In einem Yahoo-Forum äußert sich ein Blogger: »Wir fanden heraus, es gibt prozentual berechnet mehr Emos, die sich von dem gleichen Geschlecht angezogen fühlen, als normale Menschen.« Und er unterstreicht sein Verständnis von Normalität wenige Zeilen später mit dem Verweis auf die Musik: »Emos denken auch, dass sie ›Rock‹-Musik hören, das stimmt aber nicht, es sind nur Möchtegernrocker. In der Rocker­szene sind diese Art von Lebewesen recht unbeliebt.« Homosexualität ist nach Ansicht derer, die Emos hassen, ­etwas Defizitäres und damit genauso »unecht« wie die Musik, die von den Emos gehört wird.

In dieser reaktionären Verknüpfung, die auf eine wie auch immer umrissene »Normalität« und Rock-Authentizität beharrt, drückt sich die typisch männliche Angst vor Brüchen und Ambivalenzen aus, vor dem Ungenauen und dem Undefinierten, mit dem Emos spielerisch umgehen. Zusätzlich ist diese Angst an einen diffusen Hass auf alles Intellektuelle ­gekoppelt, was darin zum Ausdruck kommt, dass im Zusammenhang mit Emos stets von »verwöhnten Muttersöhnchen-Gymnasiasten« die Rede ist. Das Zusammenspiel von Androgynität, »Weichheit« und vergleichsweise hohem Bildungsstand stellt für die Gegner ein Maximum an Bedrohung ihrer männlichen Hegemonie dar, die – so ist zu befürchten – nahezu alle Jugendkulturen auszeichnet. Jugendkulturen, die mehrere Jahrzehnte überlebt haben, konnten wahrscheinlich nur durch ihr aggressives Platzhirsch-Verhalten überleben, das mit Purismus, musikalischer Standardisierung und einem Hang zu Authentizitäts-Mythen einhergeht.

Dem zutiefst reaktionären Szene-Selbstverständnis vieler HipHopper oder Punks sind Emos deswegen suspekt, weil sie gegen dieses Reinheitsgebot der Szenen verstoßen, denn der »Emo-Style« setzt sich aus musikalischen und subkulturellen Elementen zusammen. Es ist aber genau diese Aneignung fremder Stile und subkultureller Codes, die Emo sympathisch macht und jenen wiederum Angst, die Regelverstöße jeglicher Art fürchten, seien es musikalische, seien es sexuelle. Emos, haltet durch! Eines Tages wird die Welt erkennen, dass ihr die letzte Jugendbewegung wart, die den libertären, glamourösen Geist von Roxy Music und David Bowie in widrigen Zeiten neu hat aufleben lassen.

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