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Axel Grumbach und Elke Wittich: Olympische Phrasen und Siegesträume

Dabei sein im Delirium

Abseits aller olympischen Phrasen zählt dann doch nur eines: der deutsche Sieg. Eine vorläufige Bilanz

von Axel Grumbach und Elke Wittich

Ungefähr ab Minute eins der Eröff­nungsfeier wurde er beschworen, der »gemeinsame Traum«, der die Jugend der Welt heute hier und so weiter und so fort.Was der blödsinnige Ausdruck nun genau bedeuten soll und vor allem: wovon da gemeinsam geträumt werden könnte, weiß allerdings vermutlich keiner der Reporter, Funk­tionäre und Fans, die die Phrase so gerne benutzen. Machen wir uns mal nichts vor: Ein gemeinsamer Traum ist keineswegs etwas Posi­tives, sondern durchaus auch etwas, was zum Beispiel Lynchmobs hatten und haben.

Wovon aber könnte eine Träumerei handeln, die alle Teilnehmer der Olympischen Spiele mit­einander teilen?

Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie von einem nicht allzu verschwitzten und möglichst nicht aus dem Mund riechenden Funktionär die Goldmedaille umgehängt zu bekommen, zum Beispiel.

Abgesehen davon, dass angesichts der Tat­sache, dass jeder wohl eher sich selbst als zu ­eh­rende Hauptperson in diesem tollen gemeinsamen Traum sieht, dürfte die Mehrzahl an­gesichts absolut unzureichender sportlicher Leis­tungen eben nicht einmal im Traum daran denken, jemals auch nur in die Nähe des Siegerpodests zu kommen. Vielleicht träumt diese Mehrzahl ja von ganz was anderem?

Davon, dass alle Konkurrenten am Tag der Vorentscheidungen von einem bösartigen Magen­virus außer Gefecht gesetzt werden, zum Beispiel. Oder davon, dass ein neuartiger Dopingtest alle anderen überführt. Und man dann die Goldmedaille von einem nicht allzu ver­schwitz­ten und möglichst nicht aus dem Mund riechen­den …

Kann nicht sein, denn Sportler sind ja, wie pau­senlos beschworen wird, unendlich fair und zu bösen Gedanken überhaupt nicht fähig.

Es gibt also keinen gemeinsamen Traum. Außer dem, den wohl jeder bei der Eröffnungsveranstaltung hatte: dass dieses schreckliche Kind bitte auf der Stelle aufhören möge zu singen. Wobei auch für die kleine Sirene eine wei­tere beliebte olympische Phrase galt: Dabei sein ist alles.

Stopp. Der Satz ist nicht ganz korrekt, jedenfalls dann nicht, wenn es um Deutschland geht.

Dass das Dabeisein alles sei, gilt nämlich nur für andere Nationen. Dann wird der blöde Satz von Reportern mit großer Inbrunst gesagt oder geschrieben, meist in Verbindung mit irgend­einem hoffnungslosen Starter aus einem kleinen Land. So jemanden als putzigen Exoten vor­zuführen, gehört zum festen Programm von ARD und ZDF, mit viel Pech wird so ein Athlet dann nicht nur wie ein kleines Kind angepatscht und geklapst, sondern auch noch gezwungen, irgendeinen deutschen Satz nachzusprechen, und am Ende mit einem »Auch das ist Olympia!« wieder entlassen.

Im Gegensatz dazu gilt »Dabei sein ist alles« allerdings definitiv nicht für deutsche Olympia-Teilnehmer. »Deutschland-Achter langsam, Handball-Frauen schwach«, lauteten die vor­wurfs­vollen Schlagzeilen in den ersten Tagen, dazu kam allgemeines Wehklagen über das ­Versagen der deutschen Schwimmerinnen und Schwimmer.

Die hatten sich im Fernsehen nach ihrem Miss­erfolg lang und breit zu rechtfertigen. Was sie auch, meist mit den Tränen kämpfend, ausgiebig taten – anstatt den tief enttäuschten Reporter einfach stehen zu lassen und ihm im Weggehen zuzuwerfen: »Dabei sein ist alles!«. Und vielleicht auch noch ein paar Sätze über Sport und insbesondere Olympische Spiele als völkerverbindende Maßnahme zu verlieren.

Die Sache mit dem Weltfrieden wird bei Olym­pia traditionell durch weiße Tauben symbolisiert, die man während der Eröffnungsveranstal­tungen freilässt und dann hofft, dass keines der Viecher, wie schon geschehen, geradewegs ins Feuer fliegt oder den Ausweg aus dem Stadion nicht findet und fortan in der Arena wohnt und dort dann in den folgenden Wochen den VIP-Bereich vollkackt.

In Peking gab es keinen Tauben-Act, was ­allerdings niemandem auffiel, denn die versam­melte Sportjournaille war während der Auftaktveranstaltung vollauf damit beschäftigt, sich als Politik-Kommentatoren zu üben. In der ARD hatte man sich sicherheitshalber San­dra Maischberger dazugeholt, die die einmarschierenden Nationen mit großer Sachkenntnis kommentierte (»Bangladesh, auch eines dieser Länder, die bedroht werden durch das, was mit diesem Wasser passiert«).

Der anmaßende Unfug war damit allerdings noch längst nicht erledigt. Wieso man bei den Öffentlich-Rechtlichen davon ausgeht, dass die Zuschauer darauf brennen, die politische Weltlage auf jeden Fall von dafür nicht ausgebildetem Personal erklärt zu bekommen, wird wohl auf immer ein Geheimnis bleiben. Auch nur eine halbe Stunde anzuhören, was Monica Lierhaus und Reinhold Beckmann sich zum Thema Menschenrechte ausgedacht haben, ist jedenfalls, nunja, nennen wir es: nicht schön, auch wenn keine weißen Tauben durchs Bild fliegen und für Ablenkung sorgen.

Zur viel beschworenen olympischen Tradi­tion hätte übrigens gehört, die Vögel abzuknallen, denn noch im Jahr 1900, bei den Olympischen Spielen von Paris, galten sie, so gesehen, als Sportgeräte. Und entsprechend wurde bei der Sportart, die heutzutage unter Tontaubenschießen firmiert, auf lebende Tauben geschossen. 1900 gewann der Belgier Leon Lunden Gold, er hatte 21 Vögel zur Strecke gebracht.

Mittlerweile darf nur noch eine Tierart bei den Olympischen Spielen mitmachen, die zudem auch nur ganz selten erschossen wird. Was früher »Military« hieß und oft dazu führte, dass sich Pferde so schwer verletzten, dass sie getötet werden mussten, heißt nun »Vielseitigkeit« und ist mit Rücksicht auf tierliebende Zuschauer deutlich entschärft worden. Die Grundzutaten sind aber immer noch die gleichen: Dressur, Geländeritt, Springparcours. Und ein ARD-Kommentator, der militante Sieges­rhetorik mit deliranter Pferdeschwärmerei, Extrem-Patriotismus und großer Lautstärke ver­bindet.

»Ein so hübsches Pferd, ein so elegantes Pferd« ist da also »mit frischer Galoppade« unterwegs fürs Vaterland und schließlich »im Ziel für Deutschland«.

Und so geht das auch beim nächsten deutschen Starter weiter: »Der sieht ja so was von frisch aus, dieser Abraxas«, den der Reporter ­irgendwann nur noch »Braxi« nennt, »ein starker Bewegungskünstler, mit einer Frische, die ihresgleichen sucht«, und der von seiner Reiterin zielsicher durchs Gelände gelenkt wird.

Braxi macht seine Sache gut, »er fliegt wie ein Adler und zuweilen auch wie eine weiße Taube«, angefeuert vom Fan am Mikrophon, »ja, jetzt geht es weiter, komm, weiter geht’s«. Am Ende ist die deutsche Equipe nicht nur erste, nein, »damit haben wir jetzt zum großen Angriff geblasen auf die Australier«.

Und für alle, die das vielleicht noch nicht so ganz verstanden haben, noch einmal im Klartext: »Und die Jungs vom fünften Kontinent holen jetzt die dicken Socken raus, jetzt wird’s kalt an den Füßen, Deutschland greift an.«

Na dann.

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