Sima Vaisman: Ein Auszug aus »In Auschwitz«

Wir sind Tote

Die Ärztin Sima Vaisman war 41 Jahre alt, als sie am 20. Januar 1944 mit dem Transport Nr. 66 von Drancy nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Zu Beginn des Krieges war sie von Paris nach Lyon geflüchtet. Die antijüdische Gesetzgebung von Vichy-Frankreich verbot ihr dort seit Oktober 1940, in ihrem Beruf als Dentistin zu praktizieren. Schließlich wurde sie 1943 verhaftet. Ein Bericht über ihre Erlebnisse im Vernichtungslager ist von ihr nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr nach Frankreich verfasst worden. Nun liegt der Text erstmals auf Deutsch vor. »Kein Reporter der Welt hätte wie Sima Vaisman auf achtzig Seiten schildern können, welche Hölle die Juden auf Erden erlitten. Kein Reporter, kein Schriftsteller, kein Historiker – nur ein Zeuge und einer der ersten Stunde«, schreibt Serge Klarsfeld. Ein Auszug aus »In Auschwitz«.

von Sima Vaisman

Es ist im Mai, als sich die Deutschen entschließen, die Juden aus Ungarn zu »liquidieren«. Tag und Nacht strömten die Züge herbei. Das Kommando, das sich bis dahin mit dem Sortieren der Sachen derjenigen, die ankommen, beschäftigt hatte, ist mit Arbeit überhäuft und reicht nicht mehr aus. Man eröffnete ein neues Lager. Man installierte hastig Holzbaracken in der Nachbarschaft der Krematorien. Ein Badehaus existierte dort bereits. Dieses neue Lager war Brzezinki, das wahre Lager der Vernichtung, der Zerstörung, des Todes. 1 200 Personen werden dort Tag und Nacht arbeiten, danach wird man ihnen Verstärkung aus dem Lager schicken. 1 000 bis 1 500 Personen werden den ganzen Sommer täglich dorthin zum Arbeiten kommen.

Und am 16. Mai bin ich als Ärztin in dieses Lager geschickt worden.

Brzezinki setzt sich aus ungefähr vierzig Baracken und einem Badehaus zusammen, das Ganze umgeben von elektrischem Stacheldraht.

Auf jeder Seite des Stacheldrahts befinden sich die Krematorien (2 auf der einen Seite und 3 und 4 auf der anderen), ebenso das weiße Häuschen, die Gaskammer. Jedes Krematorium besitzt ebenfalls seine Gaskammer.

Die Gleise werden vom Bahnhof bis zu den Krematorien verlängert. Man vermeidet so den Transport vom Bahnhof in Lastwagen, man verschwendet weder Benzin noch Zeit.

Unser Kommando belegt nur zwei Baracken, umgeben von einer Mauer aus Stacheldraht mit einem Tor, das immer verschlossen ist. Gegenüber befindet sich die »Sauna«, die Krematorien Nummer 1 und 2 sind etwa 200 Meter von dort entfernt. Ein Raum wird als Lager für die Effekten der Ankömmlinge dienen, die in Auschwitz inhaftiert sind (alle kleinen Lager, die die Namen Birkenau, Brzezinki, Auschwitz, Babitz, Buna-Monowitz, Raisko tragen, gehören zu Auschwitz und bilden zusammen das, was die Welt heute unter dem Namen Auschwitz kennt).

Ich besitze einen Raum für die Sprechstunde und ein Zimmer für die Kranken, wo ich nicht das Recht habe, sie länger als maximal zehn Tage zu behalten; da unser Lager als Arbeitslager gilt, ist es unmöglich, die Kranken länger zu behalten. Wir müssen sie ins Lager von Birkenau schicken.

Aber wir halten uns selten an das, wozu wir berechtigt sind. Haben wir überhaupt das Recht auf andere Dinge als auf Misshandlungen, auf Qualen, auf den Tod? Alles, was wir machen, ist nichts als »illegal«. Wir behalten also alle unsere Kranken, außer den Ansteckenden (Scharlach und Typhus). Ich sage »wir«, denn man schickt mir im Juli eine weitere Ärztin nach Brzezinki, mit der ich bis zur Auflösung des Lagers arbeiten werde, das heißt bis zur Evakuierung im Januar 1945 während des rasanten Vormarschs der Russen.

In Brzezinki bin ich mitten ins Zentrum der Hölle selbst gestürzt. Tag und Nacht, fast pausen­los, kommen Züge an, die zwischen Mai und September 800 000 ungarische Jüdinnen herbeibrachten, eine Gesamtzahl, welche uns im Lager von den SS-Leuten gegeben wird, die uns zynischerweise fortlaufende »Arbeit« versprechen und uns die Transporte oft im Voraus ankündigen.

Zwischen diese ungarischen Transporte schiebt sich von Zeit zu Zeit ein Transport aus Frankreich, aus Belgien, aus Holland oder der Tschechoslowakei, aus Italien oder aus Jugoslawien … größtenteils jüdische Transporte.

Die Züge folgen einander fast ohne Pause und laden Tausende und Abertausende von Menschen ab. Eine rasche Auswahl wird vom Lager­arzt noch beim Aussteigen aus dem Zug vorgenommen. An Sonntagen spielt ein Orchester.

Einige junge, kerngesunde Frauen und Männer kommen auf die Seite und werden zum Badehaus geführt. Das sind die »Glücklichen«, diejenigen, die für das »Leben« als Sträfling mit all dem Elend, dem Hunger, der Erniedrigung, dem langsamen Tod im größten Durcheinander ausgewählt sind.

Die anderen werden zu den Gaskammern, den Öfen geführt … und an unserem Block ziehen, fließen, mal in prasselndem Regen, mal unter einer sengenden Sonne, Ströme von Menschen dahin, junge Frauen mit Kindern in den Armen, Frauen, die unterwegs noch ihre Brust voller Leben, voller Saft geben, um ihre Kinder vom Weinen abzuhalten … An die Röcke klammern sich die kleinen Kinder, die schon gehen können, prächtige Kinder, braune und blonde, mit ihren Locken, die im Wind wippen; die kleinen Mädchen haben große Schleifen im Haar … Und junge, gesunde, starke Männer, diejenigen, die sich nicht von ihren Familien trennen wollen, die es vorziehen, mit ihnen in »Arbeitslagern« zu bleiben, so wie es ihnen ihre im Sold der Deutschen stehenden Landsleute feierlich versprochen haben, die zu Hause geblieben sind … Und junge Mädchen, und junge Leute, die ihre erschöpften Väter und Mütter stützen, krank oder gebeugt unter dem Gewicht der Bündel, der Gepäckstücke, die sie beim Aussteigen nicht den Männern haben anvertrauen wollen (unseren Häftlingen, die am Bahnhof arbeiten), die sie ihnen mit dem Versprechen, dass sie sie im Lager wiederfinden würden, abnehmen wollten. Es sind ihre Vorräte, die Windeln zum Wechseln für die Kleinen, ein Nachttopf für den Knirps, der Kochtopf, um ihm, sobald man angekommen ist, seinen Brei zu machen, eine Puppe, ein Spielzeug, es sind ihre armseligen Überbleibsel eines ganzen Lebens …

Und Alte mit weißen Haaren, die sich mühevoll voranschleppen, und die Kranken, die von ihren Leidensgefährten gestützt werden, von ihren müden, erschöpften Familienmitgliedern, die schon Eile haben, anzukommen; die Toten, die sie hinter sich herziehen müssen …

Der Wagen des Roten Kreuzes ist zwar da, er führt den Zug an oder folgt ihm, aber er ist beladen, er bringt das Gas für ihre Vernichtung mit.

Und es hagelt Schreie, Beschimpfungen, Stockhiebe auf diese lebende Lava, die nicht in Fünferreihe zu marschieren weiß und die nicht schnell genug läuft.

Fragende oder angsterfüllte Augen richten sich auf uns, sehen die Häftlinge am Fenster unseres Blocks, im Türspalt; das sind diejenigen, denen es, während die SS sie nicht beobachtet, geglückt ist, die Öffnungen zu erstürmen, denn man weiß nie, vielleicht ist dort das Kind, die Mutter, der Vater, der Bruder, die Schwester, die zu Hause versteckt zurückgeblieben sind und die jetzt ankommen? Und oft stößt eine von uns einen Schrei aus oder fällt in Ohnmacht. Sie hat in der Schlange, die sich auf die Krematorien zubewegt, diejenigen erkannt, die ihr auf der Welt am liebsten sind, die, die ihr Daseinsgrund sind, diejenigen, die ihr den Mut verliehen haben, ihr Martyrium zu ertragen.

Und wir schauen zu, verkrampft, mit vor Wut zusammengebissenen Zähnen; der Hass gegen unsere Peiniger lässt uns unsere Fäuste ballen, uns auf die Lippen beißen.

Sollen wir denen, die vorüberziehen, sagen, dass sie dem Tod entgegengehen, dass das ein paar Schritte weiter nicht die Dusche ist, wie ihnen die SS-Leute sagen und wie es ihnen die Aufschrift am Eingang der Gaskammer verspricht (Bad), sondern die Gaskammer selbst … ihr Tod. Ist es nicht besser, sie bis zur letzten Minute in Unkenntnis zu lassen? Wozu würde der Aufstand dienen? Unbewaffnet, mit leeren Händen, sind sie von vornherein besiegt. Ihr Tun würde zu nichts dienen, ihre seelischen und körperlichen Qualen wären nur noch größer …

Und schweigend und machtlos wohnen wir diesem Zug bei. Unsere brennenden Blicke folgen ihnen bis zum Schluss.

Man lässt sie in die Krematorien gehen. Man befiehlt ihnen, sich für »die Dusche« auszuziehen, die Schnürsenkel ihrer Schuhe gut zusammenzubinden, um sie am Ausgang nicht suchen zu müssen (in Wahrheit, damit sie nicht durcheinanderkommen).

Die männlichen Häftlinge, die in den Krematorien arbeiten, helfen ihnen mit Schreien und Schlägen. Man nimmt ihnen ihren Schmuck, ihre Eheringe, ihre Uhren ab und treibt sie in die Gaskammer. Sie beginnen zu verstehen …

Die Gaskammer besitzt zwei kleine Fenster, vergitterte Luken. Die Hände klammern sich daran, strecken sich nach oben, wir hören das Weinen der Kinder, Schreie »Mama, Mama«, sie rufen uns zu Hilfe … und wenn die Kammer voll ist (insgesamt 1 000 Personen), nähern sich zwei SS-Leute mit aufgesetzten Gasmasken den zwei kleinen Fenstern, leiten dort das Gas ein (in Büchsen) und verschließen sie hermetisch … Absolute Stille macht sich breit. Der Tod dauert sieben Minuten …

Das Kommando der Männer vom Krematorium wird all die Sachen, die Koffer, die von den Vergasten gut zusammengeschnürten Schuhe auf Lastwagen oder Handkarren laden, und all das wird in unsere Baracken kommen, wo unsere Frauen es sortieren, ordnen und nach Deutschland schicken werden.

Nach einer halben Stunde ist alles vorbei, sauber.

Man öffnet die Tür der Gaskammer. Die Körper von denen, die bei der Tür waren, fallen heraus, die anderen liegen alle aufeinander, alle auf dem Bauch, als wenn all diese Wesen versucht hätten, sich durch Ducken vor dem Gas zu retten … Die Körper werden schnell zu den Öfen gebracht … Die Anlagen sind gereinigt, und man kann diejenigen hereinkommen lassen, die vor dem Krematorium darauf warten, an der Reihe zu sein.

Denn zwischen Mai und August 1944 ist der »Andrang« derart hoch, dass die fünf Gaskammern (jede vorgesehen für 1 000 Personen), obwohl Tag und Nacht arbeitend, nicht mehr ausreichen. Man steht vor den Krematorien Schlange, man wartet draußen geduldig ganze Stunden, oft schon entkleidet, völlig nackt verharrt man Stunden auf dem Rasen …

Und die vier Kamine reichen auch nicht mehr aus. Man lässt große Gräben zwischen den Krematorien ausheben. Ganze Kommandos tun nichts, als Holz in diese Gräben zu bringen, man übergießt die Körper mit Benzin … große rote Flammen lodern wild aus den Gräben, lodern aus den Kaminen … Ein fürchterlicher Gestank nach geschmolzenem Fett, nach verkohlten Knochen umgibt unser Lager …

Und weil es zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht genug Gas gibt, begnügt man sich damit, die Menschen leicht zu vergiften. Noch aus den Flammen steigen Schreie … und wir setzen unser Leben fort!

Und uns gegenüber spielt sich im Badehaus eine weitere Tragödie ab.

Der Arzt kommt, um die gänzlich nackte lebende Ware, die er für das Lager ausgesucht hat, in Augenschein zu nehmen! Dünne, kranke und vor allem schwangere Frauen könnten sich, von ihm unbemerkt, eingeschlichen haben, also prüft er behutsam, höflich, mit geradezu väterlicher Fürsorglichkeit diejenigen, die ihm schwan­ger oder krank vorkommen. Er erklärt ihnen, dass es in ihrem eigenen Interesse sei, ihm zu gestehen, ob sie ein Kind erwarten und ob sie erschöpft sind … Er wird ihnen leichte Arbeit geben und zusätzliche Verpflegung. Berührt von so viel Liebenswürdigkeit gestehen die Frauen bedenkenlos. Sie werden zur Seite gebracht, man wirft ihnen einen Mantel über die Schultern, man stellt ein Kind zu ihnen, das in die Sauna geschlüpft ist, ohne bemerkt zu werden (die polnischen Jüdinnen beispielsweise wussten, dass die Kinder verbrannt wurden, und manchmal gelang es ihnen, sie zwischen ihren Beinen zu verstecken), und man bringt sie ins Krematorium.

Oft ruft man mich zur »Sauna«, um eine Ohnmächtige wiederzubeleben oder eine Nadel herauszuziehen, die eine von den Frauen versucht hat, sich in eine Vene zu stoßen (weil man sie von ihren Kindern getrennt hat, von ihrer Mutter oder von ihrem Mann), eine andere hat versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden …

Und alle diese Frauen stürzen sich auf mich, fragen mich aus über ihre Angehörigen, ihre Männer, erkundigen sich bei mir, ob die Kinder nicht allzu unglücklich sein werden in den »Familienlagern«, wohin man sie in Begleitung einer Tante, einer Großmutter oder eines anderen Familienmitglieds abgeführt hat, ob sie die Erlaubnis bekommen werden, sie täglich zu sehen.

Es hat keinen Wert, ihnen die Wahrheit zu sagen. Sie werden es früh genug begreifen, sobald sie im Lager ankommen.

Aber sie beginnen auch so zu verstehen, sie sehen die Flammen, sie nehmen den Geruch wahr …

Aber kann man etwas so Ungeheuerliches, so Unmenschliches glauben … Wenn sie es wissen, werden sie es noch immer nicht glauben … Und wir, die wir im Zentrum dieser Hölle leben, wir wissen, wir sehen, aber begreifen wir wirklich, was wir sehen?

Wie können wir danach weiterleben? Nichts als der Hass gibt uns diese Kraft, die Hoffnung, vor unseren eigenen Augen das Naziregime stürzen zu sehen, die Hoffnung, dass wir eines Tages der Welt der Lebenden helfen werden, die Rückkehr dieser Verbrechen zu verhindern!

Und während man vergast, verbrennt, Sträflinge produziert, die ins Lager einziehen werden, nachdem sie für das Leben und das Leid ausgewählt worden sind (man hat sie rasiert, in Lumpen gekleidet, durchsucht, damit ihnen nichts bleibt, nicht einmal ein wertloses Andenken, hat sie tätowiert, nachdem man sie von den Menschen getrennt hat, die ihnen am nächsten standen und die ihr Lebensinhalt waren), arbeitet und isst unser Kommando.

Ich sage »arbeitet«, denn man muss die letzten Sachen, Kleidungsstücke, Taschen, Körbe, die die Neuankömmlinge bei ihrer Ankunft in der Sauna noch bei sich hatten, einsammeln, sie in die Baracken bringen, wo andere Gefangene sie sortieren (Schmuckstücke, Silber, Medikamente, Männerkleidung, Frauenkleidung, Wäsche, Decken, Geschirr, Teppiche, neue Stoffe, Vorhänge, Lebensmittel, Spielsachen … jeder Artikel in eine spezielle Baracke). Man bürstet sie ab, man reinigt sie, man macht Pakete aus vergleichbaren Artikeln, die man anschließend auf Lastwagen lädt, die sie zum Bahnhof und von da nach Deutschland bringen. Die Lumpen behält man für die Lagerhäftlinge.

Ich sage »isst«, denn die Neuen haben Lebensmittel mitgebracht, und wir haben Hunger. Die Körbe und die Taschen werden durchsucht. Ein Stück Schokolade, ein Keks, ein Wurstzipfel, etwas Konfitüre und Speck werden schnell verschlungen, eine Büchse Sardinen oder Konserven und ein Stück Brot werden schnell in der Hose (die Häftlinge in Brzezinki arbeiteten in Hosen) oder im Hemd versteckt, selbst auf die Gefahr hin, die Haare zu verlieren, wenn es eine Kontrolle gibt. Und wir werden schließlich oft kontrolliert.

Und nach zwölf Stunden Arbeit (Tag- und Nachtschicht) leisten sich diese Mädchen, zurück im Block, wahre Fressorgien. Was kümmert sie, dass die Flammen gen Himmel lodern, dass der Gestank verkohlter Knochen einem die Kehle zuschnürt, dass man Schreie und Hilferufe hört, die aus den Flammen kommen, dass unsere Leidensschwestern sich vor Schmerz in der Sauna winden, denn man hat ihnen gerade ihr eigen Fleisch und Blut entrissen, ihre Kinder, ihre Mutter, ihren Mann, dass sie schon Hunger haben und ihnen kalt ist. Man isst gierig, das Fett tropft auf die Finger, auf die Betten, man schwatzt, man lacht … Kein Schriftsteller, kein Dichter könnte jemals dieses Leben beschreiben. Ist das die Hölle?

Wird die Welt der Lebenden – denn wir, wir sind Tote, denn wir sind sicher, hier niemals herauszukommen – wird sie eines Tages wissen, was in diesem kleinen Wald passiert ist (das Lager von Brzezinki), und wird sie daraus Schlüsse ziehen?

Und die Öfen arbeiten unaufhörlich, ihr lebender Brennstoff wird regelmäßig geliefert.

Als das Gros der ungarischen Transporte vorbei ist, hat man begonnen, den Rest der polnischen Ghettos zu liquidieren. Im letzten September gingen 80 000 Juden, alle aus Lodz, in die Öfen, und auch die aus Radom und die letzten aus Lublin, und Tausende und Abertausende von anderen …

Und entsprechend dem Vormarsch der Russen bringt man Zigtausende von Juden aus ganz Europa. Noch angesichts der Niederlage rächen sich die SS-Leute an unbewaffneten, wehrlosen, schutzlosen Frauen und Kindern, sie »erlösen« Europa von der jüdischen Gefahr!

Wir werden Zigtausende Juden aus Theresienstadt (Tschechoslowakei) vorbeiziehen sehen, Slowaken und manchmal, selten, einen holländischen Transport. Der letzte Transport aus Frankreich erfolgte Anfang September, er kam aus dem Gefängnis von Montluc. Das ist eine Überraschung für die Führung von Auschwitz, denn man erwartete keine Transporte mehr aus Frankreich. Er sollte zehn Tage in einer Baracke ohne Essen bleiben (wir haben ihnen geholfen und ihnen einen Teil von dem gegeben, was wir für uns besorgt hatten, indem wir bei den Deutschen ein paar Vorräte klauten), in Erwartung einer Antwort aus Berlin, um zu erfahren, was mit ihm zu machen sei. Manche sind wartend gestorben. Doch die Antwort ist zu ihren Gunsten. Sie werden nicht ins Gas gehen. Man lässt sie alle ins Lager einrücken.

Allerdings kommen, zwischen die jüdischen Transporte eingeschoben, auch »arische« Transporte, die wie wir entkleidet, tätowiert, wenn man Läuse bei ihnen findet, auch rasiert, in Lum­pen gekleidet und ins Lager eingewiesen werden. Dort wird ihr Leben genauso hart wie unseres sein, aber sie werden das Recht auf Briefe und auf Pakete haben. Der Großteil dieser Transporte ist aus Polen gekommen. Ein Teil der freien Bevölkerung von Warschau ist in Folge des Aufstands vom September 1944 nach Auschwitz verschickt worden.

Das Arbeits- und Familienlager, das ihnen die deutsche Propaganda versprochen hatte, war in Wirklichkeit das Straflager von Auschwitz!

Aber im September 1944 zeichnet sich für unser Lager die Bedrohung durch den russischen Vormarsch ab. Man beschließt eine schrittweise Evakuierung dieses Lagers, die Liquidierung von Auschwitz. Und das Wort »Liquidierung« im Munde der Deutschen nimmt für uns konkrete Gestalt an …

Man fängt beim Zigeunerlager an. 4 250 »Zigeuner«, Männer, Frauen und Kinder werden zu den Krematoriumsöfen gebracht und in einer Nacht vergast. Und diese wissen, wohin man sie bringt; sie wehren sich, sie weinen, sie schreien, die Kinder rufen ihre Mütter in allen Sprachen (einmal habe ich zufällig in einem Zigeunerkommando, in dem ich eine Untersuchung auf Läuse und Krätze machte, Französinnen getroffen, die in Frankreich geboren waren, von französischen Eltern, die keine andere Sprache kannten als die französische und die in Frankreich festgenommen und in dieses Lager für Zigeuner geschickt worden waren, einfach weil sie fliegende Händler waren), sie rufen uns um Hilfe …

Und am nächsten Tag werden lange rote Flammen nicht mehr um Hilfe, sondern nach Rache rufen.

Am selben Tag wird von woanders dem Sekretariat der Befehl gegeben werden, sie alle zu töten, zu vernichten, weil das Lager, wie sie sagen, durch Syphilis verseucht ist …

Jede Nacht erleuchten die Scheinwerfer der Lastwagen, die zu den Krematoriumsöfen fahren, unsere Fenster. Wir zählen sie während dieser schlaflosen Nächte, um zu wissen, wie viele unserer Brüder und Schwestern in dieser Nacht gestorben sind.

Der SS-Lagerarzt »arbeitet hart«, er wird pausenlos Selektionen durchführen.

Und von Zeit zu Zeit fahren kleine Transporte, 100, 300 oder 500 Personen, mit dem Zug in eine unbekannte Richtung ab. Ins Leben oder auch in den Tod? Wir hören nächtelang Schreie und Hilferufe …

Hat mir nicht eine SS-Frau, als ich ihr naiverweise sagte, dass es lange dauern würde, ein solches Lager zu evakuieren, zynisch geantwortet: »Sehr schnell, mindestens 75 Prozent werden zum Himmelkommando gehen.«

Gegen Ende November geht eine sensationelle Neuigkeit von Mund zu Mund: Die Deutschen werden nicht mehr vergasen, nicht mehr verbrennen! Es ist eines der zahlreichen Lügenmärchen, die im Lager die Runde machen, einen Tag heißt es, dass eine Kommission des Internationalen Roten Kreuzes das Lager besuchen wird, einen anderen Tag, dass die Wehrmacht die Leitung des Lagers übernehmen und die SS ablösen wird. Man klammert sich trotzdem an diese Hoffnung, man will es glauben.

Tatsächlich sind von diesem Augenblick an die Transporte, die nach Auschwitz kommen, selten, und es wird keine Selektionen mehr innerhalb des Lagers geben. Von Zeit zu Zeit, wenn ein kleiner Transport in eine unbekannte Richtung abgeht, haben wir beklommene Herzen, immer fragen wir uns, zu welchem neuen Krematorium er geschickt wird. Und die »gut Unterrichteten« machen deutlich, dass man 80 Kilometer von uns entfernt moderne Krematoriumsöfen konstruiert hat, wo alles elektrisch funktioniert …

Ist es wahr, sind es die SS-Leute, die dieses Gerücht gestreut haben, um uns seelisch ein bisschen mehr zu quälen … ? Unmöglich, sie darüber zum Sprechen zu bringen, sie sind »stumm«.

Letztlich, warum nicht glauben? Haben wir nicht schon ganze Transporte gesehen, die aus anderen Lagern zu uns kamen und direkt in die Gaskammern verfrachtet wurden? Das waren in der Regel Transporte mit erschöpften, ausgelaugten Menschen, aus denen man schon all ihre Arbeitskraft herausgeholt hatte (Muselmanen, wie man sie bei uns nannte, Wesen, die zu Mumien heruntergekommen waren). Haben wir nicht eines Tages einen Transport mit 500 Kindern von ungefähr zehn bis 14 Jahren zu uns kommen sehen, noch gesunden Kindern, Zigeunerkinder sagte man uns im Lager, die aus Dachau kamen und bei uns sofort nach ihrer Ankunft vergast wurden?

In Brzezinki geht die Arbeit fieberhaft weiter. Die Baracken sind brechend voll. Man muss so schnell wie möglich sortieren, reinigen, Pakete machen und das geraubte, aus der ganzen Welt zusammengestohlene Gut nach Deutschland schicken.

Ende November müssen alle Kinderkleidung und Kinderspielzeug sortieren … Dringlicher Befehl aus Berlin, sagen uns die SS-Leute. Wir wissen, dass Weihnachten naht, dass man den deutschen Kindern Geschenke machen muss. Und die Kleider und Spielsachen von Hunderten lebendig verbrannter Kinder werden die Augen der Kinder der SS vor Freude zum Leuchten bringen? …

Und unsere Frauen arbeiten Tag und Nacht, die Sachen verbrennen ihnen die Hände, und die Züge folgen einander, Züge beladen mit Spielzeug, mit Kinderwäsche und -bekleidung, mit Decken, mit Vorhängen, mit wertvollen Teppichen, mit Schuhen, mit Geschirr, mit neuen Stoffen, mit Kisten voll Gold, Schmuck und Banknoten aus verschiedenen Ländern …

Und wenn die Ausbeute nicht gut ist, lassen die SS-Leute unsere schon von der Arbeit erledigten Frauen sonntags »Sport« treiben (denn es gibt alle vierzehn Tage sonntags einen halben Tag frei). Sport, das bedeutet, dass man mit einem großen, schweren Stein im Arm unter den Anweisungen eines SS-Mannes marschieren, rennen, sich auf den Boden werfen, sich erheben, sich wieder hinwerfen, auf den Knien rutschen, sich aufs neue erheben muss … und das pausenlos, ohne Unterbrechung eine Stunde, anderthalb, zwei Stunden lang. Hiebe prasseln auf diejenigen, die den anderen nicht mehr folgen können. Und wir sind in einem Land, wo man fast das ganze Jahr im Schlamm watet. Dreckig wie Schweine, entkräftet und todmüde kehren wir am Abend in den Block zurück. Und am Morgen des nächsten Tages beginnt die Arbeit wieder …

Am Morgen des 18. Januar geht das Gerücht um, dass das Lager evakuiert werden muss. Die Küche ist außer Betrieb, man hat uns am Mittag unsere Suppe nicht gebracht. Fieberhaft verbrennen die SS-Leute die Dokumente, die Kommandobücher, unsere Kennkarten etc. Ein großer Scheiterhaufen, auf dem die leeren Koffer verbrannt werden …

Um fünf Uhr nachmittags gibt man uns den Befehl, uns unverzüglich in Reihen aufzustellen, um abzurücken. Man erlaubt uns, eine Decke mitzunehmen und überhaupt das, was wir wollen. Die Ware in den Baracken wird von den SS-Leuten bewacht, aber wir versuchen trotzdem, uns in letzter Minute einen zusätzlichen Pullover, ein Ersatzhemd etc. zu beschaffen.

Die Waffen im Anschlag durchsuchen die SS-Leute die Blöcke, um zu sehen, ob niemand drin zurückgeblieben ist. Niemand wagt es übrigens, sich in den Baracken zu verstecken, denn seit langem wissen wir, dass man Brzezinki sprengen wird. Und tatsächlich ist sofort nach unserer Abreise in den Baracken Feuer gelegt worden. Man konnte dem Feind nicht die Beweise für die Verbrechen überlassen …

Um sechs Uhr setzt sich unsere Kolonne in Bewegung und macht sich auf den Weg. Wir wagen es nicht zu glauben, dass wir Brzezinki verlassen, dass man uns nicht alle vergast hat, dass wir lebend rauskommen. Und bei einer Temperatur von minus 25° marschieren wir munter, marschieren wir schnell, lassen wir dieses verdammte Land hinter uns, wo Millionen von Menschen ihr Leben gelassen haben, wo jede von uns irgendeinen ihrer Angehörigen gelassen hat, ein Elternteil, ein Kind, eine Freundin …

Die überall entfachten Scheiterhaufen erleuchten die Nacht. Man verbrennt, man löscht die Spuren der Naziverbrechen aus …

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Sima Vaisman: In Auschwitz. Das Protokoll einer jüdischen Ärztin nach der Befreiung. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Serge Klarsfeld. Aus dem Französischen von Daniele Raffaele Gambone. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2008, 96 Seiten, 17,90 Euro. Das Buch ist ab Mitte September erhältlich.

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