Jesse-Björn Buckler: Plädoyer für einen linksradikalen Veganismus

Go vegan!

Ein Plädoyer für einen linksradikalen Veganismus.

Disko von Jesse-Björn Buckler

Wissen Sie, was Sexen ist oder was ein Sexer macht? Ich hätte auf eine abgefahrene, ost-indonesische Sexpraktik getippt oder auf eine brandneue Handyspielerei, weil im Französischen das Tippen von SMS »texten« genannt wird. Vielleicht auch auf eine aufregende Kombination von beidem. »Sexen«, das klingt irgendwie sexy – ist es aber leider nicht. Als Sexen bezeichnet man die in der Eierproduktion übliche Trennung von neu­geschlüpften Küken nach ihrem Geschlecht. Ein Sexer genannter Arbeiter oder eine Arbeiterin untersucht dabei auf einem Fließband antrans­por­tierte Jungtiere aus dem Brutkasten nach deren Geschlechtsmerkmalen und sortiert die männ­lichen und weiblichen Küken auf zwei un­terschied­liche Fließbänder. Die weiblichen Küken werden als zukünftige Legehennen in die jeweiligen Eierfabriken verbracht. Etwa 70 Prozent von ihnen fristen die restlichen zwölf bis 15 Monate ihres Le­bens in der Legebatterie eines fensterlosen Stalls und werden anschließend am Fließband ge­schlachtet.

Die aussortierten männlichen Küken hingegen sind aus Sicht der Betriebe nicht profitabel, weil sie keine Eier legen und für eine Verwendung als Masthähnchen nicht schnell genug wachsen. Das Fließband schafft sie daher in einen Container. Dort werden sie vergast, zerhäckselt und schließlich zu Tiermehl verarbeitet. In jedem Eier-System, egal ob in Käfig-, Freiland- oder Bodenhaltung, funktioniert das so.

Das Sexen ist nur ein Beispiel für die technokratische Gewalt gegen Lebewesen mit dem Ziel der Profitmaximierung. In solchen Praktiken spiegelt sich aber nicht nur das katastrophale Mensch-Tier-Verhältnis, sondern es schim­mert auch die alles bestimmende Meta-Struktur der kapitalistischen Gesellschaft, das Wertprinzip, durch.

Max Horkheimer benutzte das Bild eines Wolkenkratzers als Metapher für die Gesellschaft. In »Dämmerung. Notizen in Deutschland« beschrieb er den Wolkenkratzer mit einer prächtigen Kathe­drale als Dach und einem Schlachthof als Keller. Aus den oberen Stockwerken hat das Establishment eine »schöne Aussicht auf den gestirnten Himmel«. Darunter wohnen komfortabel die politischen Handlanger und die Militärs. In den unteren Etagen finden sich schließlich die einfachen Arbeiter und noch tiefer die Arbeitslosen. Dann »beginnt erst das eigentliche Fundament des Elends, auf dem sich dieser Bau erhebt, denn wir haben bisher nur von den hochkapitalistischen Ländern gesprochen, und ihr ganzes Leben ist ja getragen von dem furchtbaren Ausbeutungs­apparat, der in den halb- und ganzkolonialen Territorien, also in dem weitaus größten Teil der Erde funktioniert. (…) Unterhalb der Räume, in denen millionenweise die Kulis der Erde krepieren, wäre dann das unbeschreibliche, unausdenk­liche Leiden der Tiere, die Tierhölle in der mensch­lichen Gesellschaft darzustellen, der Schweiß, das Blut, die Verzweiflung der Tiere.«

Auch wenn das Wolkenkratzerbild nur ansatzweise dem monopolistischen, nicht aber dem gegenwärtigen Kapitalismus gerecht werden kann, so bleiben die Herrschafts- und Ausbeutungs­ketten zugunsten der oberen Stockwerke. Bemerkenswert ist, dass Horkheimer Tiere und Menschen als Teil derselben Struktur gedacht hat. Tatsächlich werden Tiere in die Macht- und Ausbeutungsstrukturen der Gesellschaft eingemeindet. So merkwürdig es klingen mag, Tiere sind zum Teil der menschlichen Gesellschaft geworden, auch wenn sich ihre Teilnahme am gesellschaftlichen Leben natürlich völlig anderes gestaltet als die von Menschen. Ihnen ist jede Veränderung ihrer Situa­tion, jeder Aufstieg in der Hierarchie des Wolkenkratzers unmöglich. Es ist ein Euphemismus, ihre Stellung mit der von Sklaven zu vergleichen. Treffender ist die Charakterisierung als biologische Maschinen. Während der Arbeiter und die Arbeiterin zum bloßen Anhängsel der Maschine degradiert wird, werden Tiere selbst zur Maschine.

Dem apersonellen Herrschaftsverhältnis Kapitalismus ist zueigen, dass die Erzeugung von stofflichem Reichtum nicht primär der Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen dient, sondern vielmehr Mittel zum Zweck der Wertschaffung ist. Dabei ist das eigentliche Produkt weitgehend gleichgültig. Es ist egal, ob Handgranaten, Kondome, Ideen oder Schnitzel produziert werden. Wichtig ist nur, dass am Ende mehr Kapital herauskommt, als am Anfang da war. Weitgehend gleichgültig sind auch die Schäden die am Menschen, der Natur und am Tier durch die Produktion angerichtet werden. Auch die offensichtliche Leidensfähigkeit der zu Biomaschinen degradierten Tiere wird als lästiges Betriebsgeräusch ignoriert.

Anders als wir Menschen haben Tiere nicht die Fähigkeit, die Gewalt, die über sie hereinbricht, zu rationalisieren. Sie finden keinen Trost und keine Ablenkung in einem religiösen oder philosophischen Denken. Ihnen bleiben nur dumpfes Unverständnis, Schmerzen und die nackte Angst vor der gewalt- und qualvollen Beendigung der eigenen Existenz. »Für den Entzug des Trostes tauscht das Tier nicht Milderung der Angst ein, für das fehlende Bewusstsein von Glück nicht die Abwesenheit von Trauer und Schmerz.« (Adorno / Horkheimer, »Dialektik der Aufklärung«) Schon in der Einteilung als Nutztiere, Haustiere, Versuchstiere, Zootiere oder Pelztiere schlägt sich das Verwertungsdenken nieder. Sie werden als etwas begriffen, das für den Menschen dienlich und nutzbar ist, nicht aber als Lebewesen mit eigenen Interessen – deren Existenz wie die des Menschen Selbstzweck ist. Der Wolkenkratzer-Kritiker Horkheimer formulierte dazu etwas umständlich: »Die Menschen sind einander und der Natur so radikal entfremdet, dass sie nur noch wissen, wozu sie sich brauchen und was sie sich antun.« (Adorno / Horkheimer, »Dialektik der Auf­klärung«)

Das Verwertungsdenken, das den Umgang der Menschen untereinander und mit den Tieren bestimmt, wird als transhistorisch und damit unveränderbar wahrgenommen. Eine Kritik daran erscheint geradezu naturwidrig. Auch Ivo Bozic kritisiert in seinem Artikel (Jungle World 37/08) nicht das repressive Mensch-Tier-Verhältnis. Ihm geht es nur um die Kritik an den Kritikern: »Wer heute jung ist und Tiere mag, gerät viel leichter (…) in eine Szene, die sich Tierrechtler oder Tierbefreier nennt. Bei Veganismus und Tierrechten geht es nicht um Tierschutz, sondern um Ideologie. Eine gefährliche Ideologie.« Das ganze funktioniert nach dem Schema: Pappkameraden aufbauen, Pappkameraden abschießen und dann Applaus ernten. Dem Kollegen purzeln daher auch so kuriose Polemiken durch den Text: »Auch der konsequenteste Veganer tötet jeden Tag Hunderte Tiere. Alleine auf seinem Weg zum Bio-Markt zerquetscht er sie achtlos unter seiner Sohle.«

Vegan zu leben bedeutet, sich nicht an der Gewalt zu beteiligen, die Tieren angetan wird, nicht den Auftrag zu geben, Tiere zu töten oder anderweitig von ihren Qualen zu profitieren. Das Argument der Veganer besteht in der größtmöglichen Minderung und schlichten Vermeidung von vermeidbarem Leiden.

Fast richtig liegt Ivo Bozic, wenn er schreibt: »Veganer kümmern sich in der Regel (…) um Tiere mit großen Augen, die einen traurig oder süß angucken können. Um Affen, Hunde, Katzen, Rin­der, Lämmer, Kücken und kuschelige Pelz­tiere.« Hätte er dies anstatt den Veganern den in seinem Text so gelobten grzimekschen Tierschützern vorgeworfen, dann wäre ihm sogar zustimmen. Die von ihm diffamierten Veganer konsumieren aus Prinzip keine Tierprodukte, keine Fische, Schnecken, Insekten und auch nicht den Honig der wenig possierlichen Bienen. Hingegen fungieren Tierschutz­repräsentanten als willige Stich­wortgeber für die Industrie und helfen fleißig mit, wenn es darum geht, gößere Käfige oder »art­gerechtes Schlachten« auszuhandeln – anstatt das Ganze zu beenden.

Die Splatterbilder aus der Massentierhaltung rufen bei jeder und jedem einen Funken Rest­empathie und wütende Empörung hervor. Selbst bei Ivo Bozic sind solche Regungen noch vorhanden. Doch wie ein Staatsanwalt stellt er beim Gedanken an die Massentierhaltung lapidar fest: »Tatsächlich erfüllen viele dieser Fabriken den Tatbestand der Tierquälerei.« Der Tatbestand der Tierquälerei ist durch das Tierschutzgesetz definiert. Die pure Existenz des Gesetzes ist ein bemerkenswertes Zugeständnis ans Mitgefühl und gegen die Ökonomie. Tierrechtlerinnen und Tierrechtler wollen dieses Zugeständnis radikalisieren und analog zu den allgemeinen Menschenrech­ten Leib- und Lebensrechte für Tiere durchsetzen.

Die Aufnahme von Tieren in die Gruppe der Rechtssubjekte wirft einige ethische Fragen auf und provoziert einen Teil der antispeziesistischen Tierrechts- und Veganerbewegung zu falschen Antworten. Sie unternehmen den idiotischen Versuch, die Grenze zwischen Menschen und Tieren aufzuheben. Auf einer klaren Grenzziehung zwischen Menschen und Tieren ist aber allein schon der Übersicht halber zu bestehen. Diese Grenze wird durch die unübersehbare Exzentrik der Spezies Mensch gerechtfertigt. Nicht gerechtfertigt wird dadurch die Gewalt, die im Namen dieser Exzentrik verübt wird. Die tierrechts­aktivistische Dummheit, wie sie unablässig von Teilen der veganen Bewegung oder von Tierrecht­lern demonstriert wird, ändert nichts an der Richtigkeit ihres Kernanliegens.

Einem reflektierten, linksradikalen – also politischen – Veganismus kann es nur um die gleichzeitige Befreiung von Mensch und Tier aus der Verwertungslogik gehen. Im Hinblick auf das Anfangs erwähnte Beispiel des Sexen bedeutet dies: Kein Tier soll mehr gesexed und verarbeitet werden, und kein Mensch soll mehr so einen elendig, stupiden Fließband-Sexer-Job machen müssen. Die sozialrevolutionäre Emanzipation des Menschen und die Befreiung der Tiere sind nicht dasselbe und dürfen nicht verwechselt werden. Das eine bedingt leider nicht das andere. Beides sind logische Folgerungen aus demselben Grund­gedanken und dem Aufbegehren gegen dieselbe gesellschaftliche Struktur. Ihr gemeinsamer axiomatischer Ausgangspunkt ist die Idee der Ab­schaffung von Fremdbestimmung, Ausbeutung und jedwedem unnötigen Leiden.

Töten ist generell nur in besonderen Situationen akzeptabel, also sollen auch keine Tiere getötet werden, wenn dazu keine Notwendigkeit besteht.

Kommentare

Ich finde es recht putzig, wenn die "Linke" erkennt, dass ein Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Fleischkonsum besteht. Hut ab! Ich finde aber, dass der Stock noch aus dem Arsch gezogen werden muss - denn wenn erst der Umweg über ein antikapitalistisches Gedankenkonstrukt die nötige Empathie für gequälte Individuen hervorruft, finde ich, ist noch nicht viel gewonnen. Denn die Tiere können zum einen nicht darauf warten, dass alle Menschen zuerst von einer antikapitalistischen Gesellschaft überzeugt werden, bevor diese Mitgefühl für Schwächere entwickeln können. Zum anderen gilt: wer die Grausamkeiten an Tieren nicht aus dem Herzen heraus versteht, wird sie auch nie aus seinem Verstand heraus verstehen können.
@Tobias Hagenbäumer
Welchen Zusammenhang sollte es zwischen Kapitalismus und Fleischkonsum geben? Nein, den gibt es nicht. Höchstens zwischen Kapitalismus und der Art und Weise der Fleischproduktion.
Ansonsten aber gebe ich Ihnen Recht: Es ist besser, tierlieb aus naivem Mitgefühl zu sein, als vegan aus ideologischen Gründen.
toller artikel! reflektiert, emphatisch und frei von naivem zynismus.
Ferdinand Muggenthaler sagt dazu (19.09.2008@22:06)
Nicht der Fleischkonsum ist eine Erfindung des Kapitalismus. Wenn schon, dann sind eher Tierschutz und Veganismus, wenn nicht kapitalistische, dann zumindest moderne Erfindungen. Im ausgehenden Mittelalter jedenfalls waren noch Tierquälereien üblich, die uns heute kaum einfallen würden. Leonardo da Vinci berichtet, dass am Hof von Mailand an der Tafel jeder Gast ein Kaninchen an seinen Stuhl gebunden hatte, als "lebendige Serviette".
Sehr guter Text, Respekt an den Autor.

@Ferdinand Muggenthaler:
Auch Menschenrechte und Gleichstellungsprinzipien sind moderne Erfindungen. Das macht sie aber um keinen Deut schlechter, sie entkräften sogar zusätzlich die - nicht von dir getroffene, aber oft gehörte - Aussage, Fleischkonsum sei etwas "Natürliches" und damit per se gut.
Wenn du wissen willst, was man mit Menschen im Mittelalter so alles angestellt hat, empfehle ich dir den Besuch einer mittelalterlichen Burg inklusive Folterkammer. Erst wenn wir so weit sind die Folter an Tieren zu beenden, können wir uns eine gerechte Zivilisation nennen.
Mathias:
» Das macht sie aber um keinen Deut schlechter, sie entkräften sogar zusätzlich die (...) Aussage, Fleischkonsum sei etwas "Natürliches" und damit per se gut. «

M.W. spielten Omega-3-Fettsäuren in der Hirnetwicklung des Menschen eine Entscheidende Rolle (Hypothese(?): Urmenschen in Ostafrika (Rift Valley) hauptsächlich Fischesser, leider fehlt mir da ein Artikel zu. Sollte aber in einer Ausgabe der Spektrum der Wissenschaft oder Science zu finden sein).

Omega-3-Fettsäuren die auf die Hirnentwicklung einen nachgewiesenen(!) positiven Effekt haben, finden sich in signifikanten Mengen nur in Fisch (und ich denke Muscheln). Alpha-Linolsäure die in hohen Konzentrationen in einigen Pflanzen(ölen) vorkommt kann ein erwachsener Mensch nur zu einem geringen Prozentsatz in für die Hirnentwicklung relevante umwandeln.

Die Frage "Fleisch essen 'natürlich'?" halte ich also erstmal für nicht entschieden.
@foobar
die Frage einer "Natürlichkeit" ist auch, wie schon angemerkt, überhaupt nicht relevant.


@Bozic:
sehen Sie etwa auch keinen Zusammenhang zwischen Sexismus und Kapitalismus? (man könnte schließlich ähnlich argumentieren, daß sexistische Rollenzuschreibungen schon seit tausenden von Jahren eine Rolle spielen. und überhaupt: "was soll Feminismus oder Antisexismus mit Kommunismus zu tun haben?")

und jemanden wie Peter Singer zu bemühen ist übrigens auch sehr schwach, da sich der "vegane Teil" der sogenannten "radikalen Linken" größtenteils von derart menschenfeindlichen Theorien verabschiedet hat (genauso wie dort der Anteil derer, die ernsthaft eine komplette Aufhebung der Mensch/Tier Vorstellungen fordern, extrem gering ist - warum auch gleiche Rechte? das Krokodil wird nicht bedauern, kein Wahlrecht zu haben. den meisten geht es lediglich um elementarste Grundrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit).

erstaunlicherweise erlebte ich bei Menschen, die sich dann eher als "Tierfreunde" bezeichneten schon häufiger das Gegenteil. diese würden zwar, obwohl sie "tierlieb" seien niemals auf ihr Steak verzichten, halten aber den Menschen für "das gefährlichste aller Tiere, weil er gezielt die Natur und den Planeten kaputt macht".... *seufz* .... insofern sind "Ressitiments gegenüber Menschen" (wenn man so wohl) unabhängig von Veganismus oder Tierrechtsfragen.

ach ja, nochwas in Richtung Redaktion (passend zum Thema): was sollte dieses Wesley Smith Interview kürzlich eigentlich? muß man jetzt schon jedem Idioten ein Forum geben, sogar irgendwelchen pseudowissenschaftlichen Kreationisten? die Meinungen solcher Freaks bzgl. Themen wie Veganismus ist relativ klar (übrigens, aber danach wurde ja nicht gefragt, ebenso deren Meinung bzgl. anderer emanzipatorischer Bemühungen).
@mister x:
Ich sehe sehr viele Zusammenhänge zwischen Sexismus und Kapitalismus. Allerdings glaube ich weder, dass der Kapitalismus ursächlich für Sexismus ist, noch, dass es ohne Kapitalismus keinen Sexismus mehr geben würde. Aber was hat das mit dem Thema zu tun? Diesen Zusammenhang sehe ich nicht. Sexistisch finde ich auf jeden Fall, Frauen mit Tieren zu vergleichen. Mit demselben schlechten Argument (Opfer) könnte man Juden und Tiere vergleichen, und genau darauf läuft die ganze Tierrechtler-Propaganda ja auch regelmäßig hinaus. Ich sag nur: Hühner-KZ. Gesellschaftliches Unrecht und die Diskriminierung von Menschen werden relativiert. Die konstruierten gesellschaftlichen Geschlechterbilder und Rollenzuschreibungen von Frau und Mann sind schlecht und gehören dekonstruiert, die konstruierte Mensch-Tier-Grenze hingegen ist notwendig und verteidigenswert, weil nur sie es ermöglicht, für alle Menschen - unabhängig von Geschlecht, Herkunft und sozialer Stellung - gleichermaßen ein Recht auf Freiheit und Emanzipation einfordern zu können. Wie ich in meinem Artikel zu erklären versucht habe.
@Mister X:
Wie Sie selbst richtig bemerken, macht es wohl kaum Sinn, das Wahlrecht für Krokodile zu fordern oder die Eisbärenmännchen dazu zu verdonnern, sich auch mal um ihre Kinder zu kümmern (was vielleicht eh nicht so gut wäre, weil sie die ganz gerne auch mal auffressen). Es kann also beim Verhältnis zwischen Mensch und Tier gar nicht um gesellschaftliche oder soziale Gleichstellung gehen. Darum geht es aber im Kampf gegen Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus.
Ok, ich bin nicht so ganz zufrieden mit dem Text. Einige Stellen sind unklar formuliert und laden deshalb zu Missverständnissen ein.

1.
Gravitationspunkt des Textes ist das gute Dogma der ethischen Verpflichtung "der größtmöglichen Minderung und schlichten Vermeidung von vermeidbarem Leiden". Ganz wichtig ist mir dabei die Betonung der "Vermeidbarkeit". Beim Töten von Tieren kritisiere ich auch in erster Linie die Unnötigkeit. „Töten ist generell nur in besonderen Situationen akzeptabel, also sollen auch keine Tiere getötet werden, wenn dazu keine Notwendigkeit besteht." Da die Nutzung von Tieren als Nahrungsmittel mit erheblichen Leiden für die Tiere (Gefangenschaft und Tod) verbunden ist - brauch man dafür schon gute echt Argumente. Ein gutes Argument dafür währe eben der Nachweis einer Notwendigkeit. Dieser Nachweis kann in unserer Gesellschaft nicht erbracht werden.

2.
Es besteht keine direkte Verbindung zwischen einfachen Fleischkonsum und Kapitalismus. Es gibt aber einen Zusammenhang zwischen Fleischindustrie und Kapitalismus, zwischen einem Denken in Wertkategorien und der Ignoranz gegenüber vom offensichtlichen Leiden, zwischen Herrschaft und Ausbeutung.
"Sexistisch finde ich auf jeden Fall, Frauen mit Tieren zu vergleichen."

das nur zu allererst. "Vergleichen" und "Gleichsetzen" ist nicht dasselbe (ich kann ja auch problemlos den Nationalsozialismus mit einem Becher Sojapudding vergleichen und feststellen, daß ich Zweiteres weitaus appetlicher finde). in dem Fall hätte ich auch jedes andere institutionalisiertes Unterdrückungsverhältnis in meine Frage einbauen können, die allesamt mit den kapitalistischen Verhältnissen verknüpft sind (das diese nicht Bedingung für die Existenz sind halte ich dabei natürlich für selbstverständlich).


so, "ontopic" :)
"Es kann also beim Verhältnis zwischen Mensch und Tier gar nicht um gesellschaftliche oder soziale Gleichstellung gehen."

doch, weil sich Rechte und Möglichkeiten IMMER an den Subjekten bzw. den jeweiligen biologischen Voraussetzungen orientieren. ein Mensch ohne Gebärmutter kann mit dem Recht auf Abtreibung ebenfalls sehr wenig anfangen. mit dem Recht auf körperliche Unversehrheit hingegen schon.

ähnlich verhält es sich mit den Tieren, bei denen ebenfalls nicht pauschal Rechte zu- oder abgesprochen werden können.
Die Gefahr, die von einer schrittweisen Aufhebung des Mensch/Tier Dualismus ausgeht, sehe ich übrigens überhaupt nicht bzw. kaum, da sich ein "Existenzrecht" für alle zumindest von den wenigsten Seiten instrumentalisieren ließe (Schwachköpfe wie Singer argumentierten ja gerade mit Unsinn wie Bewußtsein o.ä.) - einzig problematisch wäre dann das Thema Abtreibung, welches aber bereits jetzt in einer Form geführt wird, die eine "Verschärfung" seitens Konservativer kaum noch vorstellbar macht (denn das Recht von Menschen auf Leben existiert ja offiziell schon).

Im Übrigen möchte ich nochmal darauf hinweisen (wie dies auch schon in den Kommentaren unter Ihrem ursprünglichen Artikel der Fall war), daß viele Ihrer Unterstellungen kaum auf Veganer, und insbesondere kaum auf Veganer aus "linksradikalem" Umfeld zutreffen. wie schon oben angerissen erlebte ich behämmerte Argumentationen (u.a. tatsächlich auch Unsinn wie dem Abwerten von "geistig Behinderten" aufgrund anderer kognitiven Möglichkeiten) vorrangig bei "Bauchlinken" oder "Tierfreunden".

.... reicht erstmal, zuwenig Schlaf heute ;)
Hallo Ivo und Co.,

bevor wir uns in Details verrennen - dies ist auch der Grund meiner scherzhaften Anspielung auf die "Linke" - sollten wir stets bemüht sein, Wege zu suchen, die möglichst viele Menschen mit einbeziehen. Denn den Tieren ist es egal, ob sie von einem Demokrat, einem Kommunisten oder ... gegessen werden. Wer Interesse hat, sich für Tiere einzusetzen, sollte bereit sein, über seinen persönlichen Schatten zu springen. Denn statt sich über Vergleiche zu streiten oder im Rhetorik-Schach zu verbeißen, sollte lieber akzeptiert werden, dass viele Wege nach Rom führen. Wie Rio R. sagte: "Alles was uns fehlt ist die Solidarität".
Also das mit den lebendigen Servietten bei Hernn Muggenthalers Beitrag finde ich ein sehr schönes Bild - könnte die Redaktionscrew der jungle world diesen schönen Brauch nicht auch in der eigenen Kantine wieder zu neuem Leben erwecken? Wenn es davon dann auch noch ästhetische Photographien im Blatt gäbe, die nicht so grauslig wären, wie die Abbildungen der Bratwürste vom letzten Mal, dann empfände ich das als (lebens)künstlerische Höchstleistung!
Übrigens: Hier im Münsterschen leben so viele freilaufende Karnickel, dass ich mir durchaus vorstellen könnte die notwendigen Exemplare für diesen festlichen Anlass in die Hauptstadt zu versenden.
@Tobias
Okay, von Rhetorik-Schach halte ich auch nichts. Aber Rio Reiser zu vereinnahmen, geht auch nicht. Vegetarier oder gar Veganer war er nicht. Mir gegenüber rühmte er sich vielmehr einmal damit, dass die Kühe vom Bauern nebenan mehr Milch geben würden, seitdem die Scherben in ihrem Schuppen in Fresenhagen probten. So einfach sei es - auch mit Musik-, die Welt zum Besseren zu verändern.

Hier eine Strophe aus seinem Lied „Menschenfresser“:

Menschenfressermenschen haben auch ein Herz für Kinder.
Menschenfressermenschen leben meistens viel gesünder.
Menschenfressermenschen essen manchmal vegetarisch.
Menschenfressermenschen sind nicht immer blond und arisch.
Hallo Ivo,

da ich nicht im Dialog schreiben möchte, biete ich Dir an, sich unter manchmalvegetarisch@gmx.de weiter zu unterhalten.
"manchmalvegetarisch@gmx.de"

ich hoffe doch, daß diese eMailadresse absichtlich für diese Diskussion angelegt wurde. ansonsten: wie fürchterlich.
Den Ansatz, durch die eigene Lebensweise dazu beizutragen, das Leid anderer zu minimieren (oder zumindest selbst weniger zu diesem Leid beizutragen) - gibt es ja nicht nur im Veganismus.
Ist ja auch nachvollziehbar, nur m.E. eine ethische (moralische) Entscheidung und sollte als solche respektiert werden. Vorwürfe á la "Dann sei auch konsequent und friss Steine, Du Pflanzenquäler" sind also unangebracht. Das gilt aber genau so für Leute, die 100% Bio essen, nicht fliegen wollen etc.
Problematisch ist es aber, aus so einer Moral eine politische Haltung abzuleiten. Denn dann kommt man zwangsläufig zu den von Ivo aufgeworfenen Fragen: Wo sind die Grenzen? Was darf getötet werden und was nicht? Wer darf töten und wer nicht? Welches Leid ist unnötig? Und wessen Leid wiegt mehr?Besonders die letzte Frage hat es in sich. Die Frage, welche Produktionsbedigungen die Produkte haben sollten, die ich konsumiere, ist eine, die sich vielleicht 10% der Weltbevölkerung überhaupt stellen können. Selbst hierzulande ist es ein Mittelstandsdiskurs.
Aber vielleicht ist es ja gar kein Konsens in der Linken, dass es in erster Linie um die Lebensbedingungen der Menschen geht (und es dazu auch im Kommunismus einer Ausbeutung der Natur bedarf). Das Gegenmodell - eine Natur, die sich ohne Menschen selbst reguliert - scheint nicht nur wegen des Klimawandels derzeit auf jeden Fall erreichbarer, aber nicht wünschenswerter.
ich meine natürlich Mittelschichtsdiskurs ;)
Hallo Mister X,

nicht immer das schlechteste befürchten - meine private Emailadresse ins Forum setzen ist vielleicht doch etwas zu offenherzig.
Hallo Björn, liebe Interessierte,

leider sind hier ein paar sachliche Fehler aufgetaucht die richtig gestelllt werden müssen:

1. "Sie werden als etwas begriffen, das für den Menschen dienlich und nutzbar ist, nicht aber als Lebewesen mit eigenen Interessen – deren Existenz wie die des Menschen Selbstzweck ist."

Tiere haben Bedürfnisse und keine Interessen. Ein Interesse ist eine kognitive, abstrakte Zuwendung zum Gegenstand des Begehrens. Tieren ist die Abstraktion verwehrt.

2."Schon in der Einteilung als Nutztiere, Haustiere, Versuchstiere, Zootiere oder Pelztiere schlägt sich das Verwertungsdenken nieder. Sie werden als etwas begriffen, das für den Menschen dienlich und nutzbar ist, nicht aber als Lebewesen mit eigenen Interessen – deren Existenz wie die des Menschen Selbstzweck ist."

Der Verwertungsgedanke, den Du hier brandmarkst ist lediglich die Nutzbarmachung der Natur. Der Neanderthaler zog schon los um sich die Tiere in dieser Form gefügig zu machen als Essen(Jagdtier) und Kleindung (Pelztier). Spezifisch kapitalistisch oder modern ist diese Verwertungslogik nur als Wertverwertung. Das heißt Geldinvestition in Tiere, zur Profiterwitschaftung. Die Nutzbarmachung der Natur wird hingegen Bestandteil jeder noch so emanzipierten Gesellschaft sein.
3."Aufnahme von Tieren in die Gruppe der Rechtssubjekte"
Ist weder möglich, noch aus der Perspektive der Herrschaftkritik zu wünschen.
Nicht möglich ist es Tiere zu Rechtssubjekten zu machen, weil Rechte abstrakte menschliche Verpflichtungen sind, die ein Tier nicht in der Lage ist zu verstehen und deswegen ihrer verpflichtenden Achtung nicht nachkommen kann.
Nicht wünschenswert ist die Einforderung von Rechtsstanddpunkten für Benachteiligte, weil Rechte im Gegensatz zu klugen Gedanken oder hären Ansprüchen der Gewaltdeckung durch den Staat bedürfen, damit sie etwas zählen.

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