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Elke Wittich: Die Biografie Friedrich Torbergs

Warum ich Hakoahner wurde

Friedrich Torberg war Journalist, Schriftsteller, Zionist, Kommunistengegner und Übersetzer Ephraim Kishons. Sein Leben kann man jetzt in einer Biografie nachlesen.

von Elke Wittich

Vermutlich würde sich dieses Buch besser verkaufen, wenn es neben dem zwar zutreffenden, aber eben schlichten Titel »Friedrich Torberg – die Biografie« den rot gedruckten Zusatz tragen würde: »Alles über das Leben des Kishon-Übersetzers.« Alternativ könnte dort stehen: »So war der Autor der Tante Jolesch wirklich.«

Dem Publikum ist Friedrich Torberg, der am 16. September dieses Jahres 100 Jahre alt gewor­den wäre, schließlich bestenfalls als der Mann bekannt, der die Satiren von Eph­raim ­Kishon ins Deutsche übersetzte. Und in den »Tante-Jolesch«-Büchern Anekdoten veröffentlichte, deren Pointen, wie etwa »Alles, was ein Mann schöner ist als ein Aff’, ist ein Luxus«, mittlerweile immer mal wieder von irgendeiner B-Promi-Schlampe geklaut und als eigene Geistesblitze ausgegeben werden.

Nun ist das mit Biografien immer so eine Sache. Im schlimmsten Fall handelt es sich bei so einer Lebensbeschreibung – vorzugsweise dann, wenn die Hauptperson maximal 30 ist und sich auf dem Höhepunkt ihres Ruhms befindet – um eine Zusammenstellung der wichtigsten Daten und Geschichten, die von PR-Agenturen im Wochenrhythmus an Zeitungsredaktionen verteilt werden.

Im zweitschlimmsten Fall hat der Autor eine Mission: die eigene Rolle im Leben des Geschilderten in den Vordergrund zu stellen, was natürlich dann am besten klappt, wenn der Geschil­derte schon tot ist.

Friedrich Torberg hatte mit seinem Biografen Glück. David Axmann, gleichzeitig Torbergs Nachlassverwalter, erzählt dessen Leben wie einen Roman, mit vielen Zitaten aus Briefen und Texten des Autors, der weit mehr war als nur Kishon-Übersetzer und Anekdotenerzähler.

Mit 19 begann er als Sportreporter und Theaterkritiker beim Prager Tageblatt, 1930 veröffent­lichte der gebürtige Wiener mit Unterstützung von Max Brod seinen ersten Roman, »Der Schüler Gerber«.

Befreundet mit den führenden Intellektuellen seiner Zeit, fand Torberg, der einen äußerst präzisen und ironischen Sprachstil pflegte, auch Zugang zum Kreis um Karl Kraus.

1935 folgte »Die Mannschaft, Roman eines Sportlebens« – und die Entlassung beim in der Tschechoslowakei neu gegründeten Prager ­Tageblatt. Der Grund: Torberg hatte über einen neuen Weltrekord des Schwimmers Peter Fick unter dem Titel »Neuer Fick-Rekord« berichtet.

1940 gelang Torberg, dessen Schriften bereits 1933 von den Nazis verboten wurden, end­lich die Emigration in die USA, wo er zunächst in Hollywood unterkam. Gut ging es ihm nicht. »Ich habe zum Geld eine ausgeberische Beziehung und keine sammlerische«, schrieb er an seine Schwester Ilse, die im Gegensatz zur Mutter und der zweiten Schwester Sidonie den Nazis entkommen und nach Palästina emigriert war.

1951 konnte Torberg endlich zurück in sein ge­liebtes Wien, er stürzte sich gleich in die Arbeit. Unter anderem gab er die Werke von Fritz von Herzmanovsky-Orlando heraus, schrieb weithin beachtete Glossen und Kritiken und wur­de, wie er selbstironisch schrieb, zum oft ins Fernsehen eingeladenen »Jud vom Dienst«.

Seine politische Überzeugung – Torberg war glühender Kommunistenhasser und Zionist – allerdings wurde zunehmend unpopulär.

Warum er sich beispielsweise zeitlebens der ­zionistisch geprägten Hakoah-Sportbewegung verbunden fühlte, erzählte er in einem Beitrag für eine in Israel erschienene Festschrift anlässlich des 50. Hakoah-Jubiläums. (Hakoah Wien war nach dem Ersten Weltkrieg einer der österreichischen Sportvereine mit den höchsten Mitgliederzahlen.)

Als kleiner Junge war er bei einem Fußballspiel gewesen. Es spielte der Brigittenauer AC gegen Hakoah, ein wichtiges Match, vor allem für den Verein Vorwärts, der den Abstieg nicht mehr aus eigener Kraft verhindern konnte und Schützenhilfe von Hakoah brauchte. Ein Vorwärts-Fan, so erzählte Torberg, verfolgte das Spiel äußerst engagiert.

»Nun pflegt man in solchen Situationen den angefeuerten Spieler beim Namen zu rufen – aber den kannte der Anfeuerer nicht. Und die übliche Bezeichnung, die er für Juden allgemein parat hatte – nämlich ›Saujud‹ –, schien ihm in diesem Augenblick doch nicht recht am Platze. ›Hoppauf!‹ brüllte er also, und nochmals ›Hoppauf!‹ – und dann kam ihm eine Erleuchtung. Sein nächster Zuruf lautete: ›Hopp­auf. Herr Jud!‹ (…)

Warum ich Hakoahner wurde? Warum ich stolz darauf bin, es zu sein? Warum ich glaube, dass es eine Hakoah geben musste? Weil sie den Anderen beigebracht hat, ›Herr Jud‹ zu sagen.«

In einer Rezension der NZZ kommt die Torberg-Biografie nicht besonders gut weg. »Was die einst von Frank Tichy aufgedeckten Verbindungen Torbergs zum amerikanischen Geheimdienst angeht, so erfährt man bei Axmann darüber nicht nur nichts Neues«, heißt es dort. Und weiter: »Sie (die Verbindungen; E.W.) werden von ihm ebenso verharmlost wie Torbergs hysterische und für die Betroffenen mitunter existenzgefährdende Jagd nach ›Krypto-Kommu­nisten‹ und ›Fellowtravellern‹, seine Intrigen gegen seine Lieblingsfeinde wie die ›Filzlaus‹ Hilde Spiel, die Torberg als Präsidentin des österreichischen PEN zu verhindern wusste, oder der aus heutiger Sicht bizarr anmutende österreichische ›Brecht-Boykott‹, den Torberg initiierte und der immerhin bis 1962 andauerte.«

Ob es zur CIA-Verbindung von Torberg, der Mitgründer der, wie 1967 bekannt wurde, mit Geldern des US-Geheimdienstes finanzierten österreichischen Zeitschrift FORVM war, neue Erkenntnisse geben könnte, sei dahingestellt. Wirklich verharmlost werden die Torbergschen Kämpfe gegen Hilde Spiel und andere sowie gegen die öffentliche Aufführung von Brecht-Stücken in Österreich im übrigen nicht. Axmann schildert sie, ohne Sympathie für das Vorgehen seines Protagonisten erkennen zu lassen. »Der alte Torberg war sich ziemlich sicher: ›Man wird’s mir wohl bis zum Lebensende nicht verzeihen‹«, schreibt er darüber rückblickend und setzt hinzu: »Manche haben’s ihm bis heute nicht verziehen.«

Warum Torberg weder mit der Studenten­bewegung der sechziger Jahre noch mit linken Intellektuellen sympathisierte, erklärte er selber immer wieder in seinen Texten und Briefen. Er registrierte aufmerksam, dass der Ostblock und die westeuropäischen Linken nach dem Sechs-Tage-Krieg zunehmend israelfeindlich rea­gierten und schrieb, »dass die deutschen Links­intellektuellen nur solang für die Juden sind, als die Kommunisten nichts dagegen haben«.

1945 hatte er in einem Brief geschrieben: »Nach und nach breche ich mit all diesen kostbaren Zeitgenossen, die also für Stalin sind, weil er doch nichts gegen Juden hat – was auch nicht wahr ist –, und von denen ich infolgedessen annehmen muss, dass sie auch für Hitler gewesen wären, wenn er nichts gegen Juden gehabt hätte.«

David Axmann: Friedrich Torberg – Die Biographie. Langen Müller, München 2008, 318 S., 19,30 Euro

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