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Thorsten Mense: Katalanischer Nationalismus

Wo die Volkstanzgruppe kämpft

Eine ganze Nation von Arbeitern führt im Süden Europas einen Klassenkampf gegen 300jährige koloniale Unterdrückung, gegen Imperialismus und Kapitalismus. Und gegen die maroden Nahverkehrsstrukturen. So sieht zumindest die linke Unabhängigkeitsbewegung »Esquerra Independentista« in Katalonien ihren »nationalen Befreiungskampf«. Die Linksnationalisten unterstützen den katalanischen Nationalismus, der sich in den letzten Jahrhunderten zu einer ideologie- und klassenübergreifenden Massenbewegung entwickelt hat. Warum aber Nationalismus und Befreiung nach wie vor nicht zusammenpassen, erklärt Thorsten Mense.

von Thorsten Mense

Alles fing an mit Graf Wifred el pelós – dem »Behaarten«. Er beherrschte bereits die zwei Provinzen Urgell und Cerdanya, als ihm im Jahr 878 zusätzlich Barcelona, Girona und Besalú übertragen wurden. Dies gilt – zumindest in der katalanischen Geschichtsschreibung – als die »Geburtsstunde der katalanischen Nation«. Die folgenden Jahrhunderte waren gekennzeichnet von Expansionsbestrebungen Kataloniens und Konflikten mit anderen spanischen Königreichen um die Eigenständigkeit der Region. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde in Folge eines Bauernaufstandes zum ersten Mal die »Katalanische Republik« ausgerufen. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

Eine nationalistische katalanische Bewegung entwickelte sich aber erst Ende des 19. Jahrhunderts. Es entstanden die ersten nationalistischen Organisationen und die erste katalanische Tageszeitung wurde gegründet. Schon von Beginn an war diese Bewegung sehr heterogen. Der Kampf um soziale Verbesserungen, der vor allem von der anarchistischen Arbeiterbewegung geführt wurde, und der republikanische Kampf um Demokratie verbanden sich auf vielen Ebenen mit dem Nationalismus. Alle drei Bewegungen (Republikaner, Anarchisten, Nationalisten) bildeten sich als organisierte politische Massen­bewegungen in den 1870er und 1880er Jahren heraus.

Zu einer Zusammenarbeit zwischen der Arbeiterbewegung und den (damals noch vorrangig bürgerlichen) Nationalisten kam es aber nur langsam, »denn das Klassenbewusstsein der militanten und überwiegend anarchistischen Arbeiterklasse aus Katalanen und Einwanderern stand dem Nationalismus skeptisch gegenüber«, wie der marxistische Nationalismusforscher Eric Hobsbawm schrieb. Die Arbeitskämpfe und die Entstehung der Arbeiterbewegung hatten aber großen Einfluss auf die nationalistische Be­wegung, sodass viele Nationalisten die soziale nicht von der nationalen Frage trennen wollten. Auf dem ersten Katalanen-Kongress im Jahre 1880 wurde ein »linker Nationalismus« propagiert. Die Befreiung und Selbstverwirklichung des Einzelnen galt als Vor­aus­setzung für die Selbstbestimmung Kataloniens, die Verwirklichung der Menschenrechte und die Trennung von Staat und Kirche.

Die bürgerlichen Nationalisten in Katalonien, die Handels- und Industriebourgeoisie, konnten diese linken Ansätze jedoch vorerst ver­drän­gen, so dass 1892 im ersten Grundsatzprogramm des politischen Katalanismus, den Bases de Manresa von Enric Prat de la Riba, ein traditionell-konservativer, antiliberaler Nationalismus propagiert wurde.

Die Herausbildung eines »linken Nationalismus« erfolgte erst gegen Ende des Ersten Weltkrieges und stand im Zusammenhang mit der Krise von 1917, in der sich die Unzufriedenheit des Militärs, der Bevölkerung Kataloniens und der Arbeiterbewegung bündelte. In Anbetracht der Revolution in Russland wurde versucht, durch einen (gesamtspanischen) Generalstreik die Revolution und damit auch die Republik herbeizuführen. In Katalonien sahen viele die Chance, diese Situation zur Erweiterung der Autonomie nutzen zu können. Jedoch wurden die Arbeiter und Nationalisten gleichermaßen von der bürgerlichen Lliga Regionalista de Catalunya, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts maßgeblichen politischen Kraft in Katalonien, enttäuscht. Die Lliga hatte sich bereits 1916 in einem Manifest zu »Katalonien und Großspanien« bekannt und wollte nun auch nicht mit revolutionären Tendenzen in Verbindung gebracht werden. Daraus folgte eine Spaltung des katalanischen Nationalismus, die zudem im Kontext der Radikalisierung der verschiedenen politischen Bewegungen (Anarchisten, Faschisten, Separatisten etc.) in den Jahren vor der Diktatur Miguel Primo de Riveras stand. Zu dieser Zeit entstanden in Katalonien auch die ersten nationalistischen Organisationen, die separatistische Forderungen vertraten, wie Estat Catalá und die radikaldemokratische Acció Catalana.

Unterdrückung und Gegenkultur

Nach seinem Putsch im Jahr 1923 konzentrierte sich Primo de Rivera vorerst auf die Bekämpfung der anarchistischen Arbeiterbewegung und des radikalen linken Spektrums der Unabhängigkeitsbewegung, weshalb er anfangs auch von bürgerlichen und zum Teil sogar von sozialistischen Katalanen große Unterstützung bekam. Eine Tatsache, die von heutigen linken Nationalisten gerne verdrängt wird. Die Unterstützung verlor er aber schon bald, als er mit der Durchsetzung einer repressiven anti-katalanischen Politik begann. Unter seiner Herrschaft wurden die katalanische Flagge und Hymne verboten, Kultur- und Bildungseinrichtungen geschlossen, und der offizielle Gebrauch der Sprache wurde unter Strafe gestellt. Sogar das Stadion des FC Barcelona wurde 1925 wegen »anti-spanischer Aktivitäten« zeitweilig geschlossen. Durch die Unterdrückung alles Katalanischen kam in dieser Zeit ein so genannter »moralischer Separatismus« auf: Ein wachsender Anteil der katalanischen Bevölkerung machte sich die Überzeugung zu eigen, dass Katalonien unter der Herr­schaft der spanischen Krone nicht frei sein könne.

Die Arbeiterbewegung sowie die gespaltene nationalistische Bewegung fanden unter Primo de Rivera zu einer Art Volksfront gegen die Diktatur zusammen. Diktatur und Repression hatten zur einer Ausbreitung des katalanischen Nationalismus geführt. Aufgrund der anfänglichen Unterstützung des bürgerlichen Katalanismus für Primo de Rivera war die Bewegung überdies ideologisch nach links gerückt.

Nach Ende der Diktatur rief 1931 in Barcelona der Mitgründer der Republikanischen Linken Kataloniens (ERC), Francesc Macià, die »Katalanische Republik« als Staat aus, »der in die Iberische Föderation integriert ist«. So weit kam es wegen des Widerstandes des spanischen Parlaments und des Militärs zwar vorerst nicht, Katalonien besaß aber ab 1932 eine eigene Regionalregierung (Generalitat) und einen Autonomie-Status mit weitgehenden Rechten. Die ERC musste sich aber weiterhin gegen die radikale Arbeiterbewegung durchsetzen, von der sie in der Zweiten Republik abgelehnt und durch Streiks und Aufstände in Bedrängnis gebracht wurde. Als sich auf Befehl des Generals Franco am 17. Juli 1936 die in Marokko stationierten Trup­pen erhoben, um die »marxistische Revolution« in Spanien zu verhindern, begann der Spanische Bürgerkrieg.

Die Anarchisten der CNT/FAI (Confederación Nacional del Trabajo/Federación Anarquista Ibérica) – zu diesem Zeitpunkt die mächtigste Organisation in Katalonien – versuchten trotz der Kriegswirren, eine tiefgreifende soziale Revolution in die Wege zu leiten. Eine vielerorts spontane Kollektivierungsbewegung entstand, die sich Ländereien und Industriebetriebe in riesigem Ausmaß auf militantem Weg aneignete. Das Gesundheits- und Bildungssystem wurde grundlegend verändert, die Emanzipation der Frauen gefördert, Kirchen wurden geplündert und niedergebrannt, und zum Teil wurde sogar das Geld abgeschafft. Katalonien stand zu diesem Zeitpunkt unter einer Art Doppelherr­schaft von Anarchisten und Republikanern, die gemeinsam die Regierung bildeten. Die ERC konnte aber schon bald den parlamentarischen Einfluss der Anarchisten verhindern und sich neben den Kommunisten bis zum Ende des Bürgerkrieges behaupten. Im Januar 1939 besetz­ten Francos Truppen Barcelona und leiteten das Ende des »kurzen Sommers der Anarchie« ein. Die faschistische Diktatur des Caudillo Francisco Franco begann.

Es folgte brutale Repression. Allein in den ers­ten sechs Jahren wurden in ganz Spanien 400 000 Menschen verhaftet und 30 000 hingerichtet. Durch das Verbot politischer Betätigung entwickelten sich Kultur- und Sportvereine zu Zentren regimefeindlicher Aktivitäten in Katalonien. Bald machte sich Franco auch an die Bekämpfung der kulturellen und nationalen Identitäten in den abtrünnigen Regionen Baskenland und Katalonien. Er begann eine umfassende »Entkatalanisierungs«-Kampagne und verbot, in der Tradition der Diktatur de Riveras, alle kulturellen und politischen Symbole sowie den Gebrauch der Sprache in der Öffentlichkeit. Jede Betonung der regionalen Kultur und Sprache galt nun als Anzeichen von Widerstand und Dissidenz gegenüber dem autoritären Regime.

Dies hatte zur Folge, dass die nationalistische und die demokratische Bewegung ineinander übergingen. Die katalanische Kultur und Sprache wurde zu einem Synonym von Freiheit. Es entstand eine antifranquistische Bewegung, in der sich christdemokratische und liberale natio­nalistische Zirkel sowie Linksnationalisten und Anarcho-Syndikalisten sammelten. Zwangs­läufig mussten infolgedessen die Klassengegensätze innerhalb der Autonomiebewegung ignoriert sowie die revolutionären Ziele der linken Nationalisten und der Arbeiterbewegung zurückgestellt werden. Auf diese Weise konnte sich in Katalonien eine antifranquistische Massenbewegung entwickeln, die wesentlich zur Schwäch­ung des Franco-Regimes beitrug. Katalonien wurde zu einer treibenden Kraft bei der Demokratisierung Spaniens.

Am 20. November 1975 starb Franco im Alter von 83 Jahren, die Diktatur endete. Wie schon zu­vor unter Primo de Rivera hatte die Repression in Katalonien zu einer Ausbreitung des Nationalismus geführt: Das Regime hatte, entgegen seiner Intention, zur Verstärkung des ethnischen Partikularismus beigetragen.

Die lange Tradition des Konflikts zwischen katalanischer Peripherie und kastilischem Zentrum wurde auch in der Demokratie fortgeführt. In den ersten zehn Jahren nach der Einfüh­rung des Autonomiestatuts wurden von Spa­nien und Katalonien zusammen 900 Verfassungs­­klagen eingereicht. Dabei spielte auch stets die Ökonomie eine Rolle: Die katalanische Region war zu fast jeder Zeit wohlhabender als der Rest Spaniens und ist es heute noch. Die Forderung politischer Eliten nach Autonomie muss auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden.

In den letzten 30 Jahren hat der Nationalismus in Katalonien nicht abgenommen. Von 1977 bis 1991 stieg der Anteil nationalistischer Wähler in Katalonien von 20 auf 54 Prozent an. In fast allen Schichten der Bevölkerung kann man eine gefestigte katalanische »nationale Identität« feststellen, die vor allem auf dem Gebrauch der Sprache und einer als gemeinsame empfundene Geschichte und Tradition beruht. Von der extremen Rechten bis hin zu sich als linksradikal verstehenden Gruppen ist dabei die Sprache und Kultur die Basis der »kollektiven Identität als katalanische Nation«, unabhängig von den jeweiligen Nationalismuskonzepten. Der bis zum Jahr 2006 im Amt gebliebene sozialistische Regierungschef Kataloniens, Pasqual Maragall, bezeichnete die Sprache als »DNA der Katalanen«.

Trotz der Hegemonie eines diffusen Nationalismus wird die vollständige Unabhängigkeit heute nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung offensiv gefordert. Die meisten sind grund­sätzlich mit einem Autonomiestatus zufrieden, fordern aber in dessen Rahmen mehr Eigenständigkeit. (1) Eine vollständige Loslösung vom spanischen Staat wird in erster Linie von der Linken verlangt.

Die linke Unabhängigkeitsbewegung

Die linke Unabhängigkeitsbewegung Esquerra Independentista ist vor allem außerparlamentarisch tätig. Zu den größten und aktivsten Gruppen des Moviment Català d’Alliberament Nacional (Katalanische Nationale Befreiungsbewegung) zählen derzeit Endavant (Sozialistische Organisation der Nationalen Befreiung), Maulets (Revolutionäre Jugend für die Unabhängigkeit), CAJEI (Vereinigung der Jugendversammlungen der linken Unabhängigkeitsbewegung) und das MDT (Bewegung für die Verteidigung des Landes). Die letztgenannte Organisation galt lange Zeit als politischer Arm der einzigen bewaffneten nationalistischen Gruppe in Katalonien, Terra Lliure (Freies Land), die bis Ende der achtziger Jahre militant aktiv war. Daneben existiert eine große Anzahl von kleineren Gruppen, Jugendorganisationen und Studentenvereinigungen.

Die ERC betrachtet sich zwar selbst als zur Esquerra Independentista gehörig und gilt zu Recht als historischer Vorläufer der linken Unabhängigkeitsbewegung, ist jedoch realpolitisch und pragmatisch orientiert, sodass sie oft auch autonomistisch und sozialdemokratisch ist. Aus diesem Grund wird sie von den meisten Linksnationalisten mittlerweile nicht mehr zur Esquerra Independentista gerechnet. Es zeichnet sich jedoch eine erneute Radikalisierung der Partei ab. So hat der ehemalige Präsident der ERC und derzeitige Vizepräsident der Generalitat, Josep Lluís Carod-Rovira, im August 2007 ein Referendum über die katalanische Unabhängigkeit für das Jahr 2014 angekündigt.

Die Gruppen der Esquerra Independentista streben neben einem unabhängigen Katalonien stets auch die Einführung des Sozialismus an. Kaum eine Erklärung schließt ohne die Forderung nach Independència i Socialisme (Unabhängig­­keit und Sozialismus). Die linken Nationalisten begreifen sich dabei in der Tradition der republikanischen Kräfte in Spanien und verbinden ihre Bemühungen um ein souveränes Katalonien mit Antifaschismus, Antirassismus, Antikapitalismus und Antisexismus. Maulets z.B. beschreibt als Ziel »ein vereinigtes, unabhängiges, ökologisches, antipatriarchales und klas­sen­loses Katalonien in einer Gesellschaft, in der die kollektiven Freiheiten die Garanten für individuelle Freiheiten sind«. Alle Gruppen orientieren sich an der marxistischen Ideologie, sehen sie aber vor allem als theoretisches Instrument an, das der »historischen Epoche und nationalen Realität« (Endavant) angepasst werden müsse.

Anarchistische Gruppen, die seit der Einführung der Demokratie nur noch wenig politisches Gewicht haben, stehen dem Nationalismus skeptisch gegenüber, nehmen aber dennoch regelmäßig an Demonstrationen der Esquerra Independentista teil. Die Ablehnung staatlicher Organisierung führt dabei bisweilen zu absurden Aussagen. So forderten Anarchisten auf einer Demonstration für die Unabhängigkeit am 11. Sep­­tember 2004 auf einem Transparent: »Cons­truïm uns Països Catalans sense estats ni fronteres« (»Lasst uns ein Katalonien ohne Staaten und Grenzen aufbauen«). In der radikalen außer­parlamentarischen Linken Kataloniens herrschen die Independentistas vor.

Die linksnationalistischen separatistischen Gruppen beziehen sich ausschließlich auf die so genannten Països Catalans (Katalanische Länder), um deutlich zu machen, dass Katalonien nach ihrer Ansicht größer ist als das Gebiet der autonomen Region. Das bedeutet, dass alle Gegenden, in denen Katalanisch gesprochen wird (Valencia, die Balearen, ein kleiner Teil der Region Aragonien sowie, außerhalb Spaniens, die Region Roussillon in Südfrankreich und Andorra), zu Katalonien gerechnet werden. Bisweilen wird auch noch die Ortschaft L´Alguer auf der italienischen Insel Sardinien hinzugezählt, über deren Status in einem unabhängigen Katalonien jedoch Uneinigkeit herrscht. Das Gebiet der autonomen Gemeinschaft hat ungefähr sieben Millionen Einwohner (rund 15 Prozent der Gesamtbevölkerung Spaniens), während sich die Einwohnerzahl der Països Catalans auf über zehn Millionen beläuft. Zwar teilen die meisten linksnationalistischen Kreise z.B. auf den Balearen und in Valencia das Konzept der Països Catalans; viele Menschen aus der dortigen Bevölkerung sehen sich jedoch nicht als Katalanen, sondern betonen stets die eigene lokale Identität. Bei der Ausarbeitung der EU-Verfassung führte dies zu einem Streit zwischen Valencia und Barcelona, da beide regionalen Hauptstädte jeweils eine eigene (sprachlich identische) katalanische Version nach Brüssel geschickt hatten, um ihren Alleinvertretungsanspruch zu verdeutlichen.

Sag mir, wo du stehst

In den Diskussionen geht es oft weniger um konkrete politische Probleme als um nationale Befindlichkeiten. In der Debatte um das neue Autonomiestatut im Jahre 2005 sorgte ein Satz in der Präambel für die größten Probleme: »Catalunya es una nació« (»Katalonien ist eine Nation«). Im weiteren Text war wie gehabt nur von der »katalanischen Nationalität« die Rede, was jedoch nichts an der Polemik änderte, die wegen der Bezeichnung Kataloniens als »Nation« aufkam. Die spanische Rechte unter der Führung der konservativen PP rief Millionen von Menschen auf, »für Spanien als einzige Nation« zu votieren, während die katalanische Linke nicht von der Bezeichnung Kataloniens als »Nation« ablassen wollte. Das Statut wurde schließlich in abgeschwächter Version vom spa­nischen Parlament angenommen, in der Präambel heißt es jetzt nur noch, dass »das Parlament Kataloniens mit großer Mehrheit Ka­talonien als Nation definiert«. Die ERC schied daraufhin aus Protest aus der katalanischen Re­gionalregierung.

Die außerparlamentarische Esquerra Independentista hatte von Beginn an zum Protest gegen das Statut aufgerufen. Über 250 Gruppen und Einzelpersonen hatten sich in einer »Vereinigten Kampagne für die Selbstbestimmung« zusammengeschlossen. »Som una nació: autodeterminació!« (»Wir sind eine Nation: Selbstbestimmung!«) Das Motto der Kampagne macht deutlich, dass trotz aller revolutionärer Rhetorik die Argumentation der Esquerra Independentista dem klassischen Schema eines ethnisch-kulturalistischen Nationenkonzepts folgt: Die Legitimation für die Gründung eines eigenen Staates entnimmt man der »vorstaatlichen« Exis­tenz einer »katalanischen Kulturnation«. Über­dies wird die Unabhängigkeit als notwendige Voraussetzung betrachtet, um eine fortschritt­liche Politik verwirklichen zu können: »Die Unabhängigkeit ist die einzige Form, um die totale Destruktion der kapitalistischen Herrschaft, die uns ausbeutet, zu garantieren, und daher der einzige Weg, um den Sozialismus einzurichten«, so Endavant. Daraus erklärt sich zu einem Teil, dass die Esquerra Independentista ihren programmatischen Schwerpunkt auf die Unabhängigkeit und nicht auf eine emanzipatorische Politik legt.

Die Esquerra Independentista sieht sich in der Tradition der nationalen Befreiungskämpfe und als Teil der antikolonialen Bewegung. Deut­lich wird dieses Selbstverständnis in der 2007 ins Leben gerufenen Kampagne »300 Jahre Besetzung, 300 Jahre Widerstand – Vereinigte Kampagne der linken Unabhängigkeitsbewegung«. Die »300 Jahre« beziehen sich dabei auf die Eroberung Valencias durch die Truppen des Königs Phillip V. im Jahr 1707, die für die Kampag­ne den Beginn der bis heute andauernden spanischen Besatzung darstellt. Auf den traditionellen Demonstrationen der linken Unabhängigkeitsbewegung zum katalanischen Nationalfeiertag am 11. September gehören Parolen wie »Fora les forces d´ocupació« (»Weg mit den Besatzungsmächten«) und »Contra l´ocupació, Revolució« (»Gegen die Besatzung, Revolution«) zum Standardrepertoire. Die Organisation Maulets schreibt in ihrer Selbstdarstellung: »Unser Kampf ist der Kampf aller unterdrückten Völker der Welt.« Die Unterdrückung, hieß es im Aufruf zum katalanischen Nationalfeiertag 2007, zeige sich unter anderem an der »Durchsetzung unnötiger Infrastrukturen wie des TGV [französische Schnellbahn] (…), während grundlegende Dienstleistungen wie Nahverkehrszüge nicht den minimalsten Bedürfnissen gerecht werden.« Die »sprachliche Unterdrückung« wird wiederum daran festgemacht, dass Katalonien offiziell zweisprachig ist und Kastilisch den gleichen Status wie das Katalanische besitzt. Die Esquerra Independentista fordert jedoch, dass Katalanisch die einzige offizielle Sprache sein müsse. (2)

Linksradikale Folkloretänzer

Die »kulturelle Eigenart der Katalanischen Nation« wird von allen linksnationalistischen Gruppen hervorgehoben und gleichzeitig als be­droht angesehen: »Wir wollen den Reichtum unserer katalanischen Volkskultur fördern und wiederherstellen, die wir als Lebens- und Ausdrucksweise verstehen und nicht als bloßen Folk­lorismus. Dazu gehören die katalanische Sprache, die Volksfeste, die Traditionen der Vor­fahren, die katalanische Küche, traditionelle Musik und Tänze (…) Stützen, die gegen die gegenwärtige kulturelle Kolonisierung verteidigt und verstärkt werden müssen.« (Maulets) Es sei »in Katalonien kein Widerspruch, sich als linksradikal zu bezeichnen und einer Folkloretanzgruppe anzugehören«, wie es Doris Liebscher und Sarah Uhlmann in der Zeitschrift Phase 2 einmal treffend beschrieben haben.

Die angestrebte Unabhängigkeit ist also nicht nur Mittel zum Zweck (Sozialismus), son­dern das Ziel an sich, um »die nationale Existenz« (Maulets) sicherzustellen. Der Unabhängigkeitskampf gilt als Widerstand gegen den Kapitalismus, der zum Ziel habe, die »kulturelle Identität der Völker auszulöschen« (Endavant).

Aber was macht die »Katalanische Nation« aus? Dem »Wörterbuch der Unabhängigkeitsbewegung« des MDT zufolge gehört jede Person ei­ner Nation bzw. Ethnie an, und diese Zugehörigkeit sei exklusiv, d.h. jeder Mensch könne ohne Konflikte nur einer Nation angehören. Weiter heißt es dort: »Die Kulturnation definiert sich durch kulturelle Besonderheit, d.h. konkret durch Homogenität (intern) und Differenz (nach außen), wodurch diese kulturellen Merkmale entstehen. Daher existiert sie [die Kulturnation] unabhängig vom ausdrücklichen Bewusstsein der Inhaber [der kulturellen Merkmale].« CAJEI beschreibt die katalanische Nation als eine »sprachliche, historische, kulturelle und identitäre Einheit«. Ethnische Zugehörigkeit im Sinne von biologischer Abstammung spielt in diesem Konzept vorerst keine Rolle. Die Bewahrung der Kultur und die Betonung alter Mythen und Traditionen als vermeintlich unveränderbare Wesensmerkmale der katalanischen Nation füh­ren aber dazu, dass jeder Katalane gleichzeitig als Angehöriger einer Jahrhunderte alten »Schick­salsgemeinschaft« angesehen wird. So spielt am Ende die Abstammung doch eine Rolle.

Für die Esquerra Independentista gilt grundsätzlich jeder Mensch als Katalane, der die Spra­che spricht und bereit ist, »die katalanische Kultur und Nation« zu verteidigen. »Wir verstehen als Katalanen jede Person, Immigrant oder nicht, die bereit ist, sich als Katalane nationalisieren zu lassen; das heißt, unsere Sprache zu lernen und zu respektieren, unsere Kultur anzuerkennen und sich nicht gegen den nationalen Aufbau unseres Landes zu stellen.« (Endavant) Die »katalanische Nation« besteht sowohl durch den Willen ihrer Mitglieder als auch durch die historische »kulturelle Einheit«. Die traditionellen Konzepte »Willens«- und »Kulturnation« werden hier vermischt.

Dieses vermeintlich offene Konzept besitzt jedoch auch totalitäres Potenzial: Wenn die Verteidigung von Kultur und »nationaler Identität« – und damit auch der Existenz dieser Phänomene – als Bedingungen für eine freie Gesellschaft aufgefasst werden, wird jede Person, die diesen vorausgesetzten kollektiven nationalistischen Willen nicht teilt oder teilen möchte, zum potenziellen Störer der friedlichen Ordnung. Darauf basiert der Chauvinismus nationalistischer Ideologien, der sich in Katalonien bisweilen auch konkret gewaltsam äußert. So ist in den Augen der meisten linken Independentistas die 2005 von katalanischen Linksintellektuellen und Künstlern gegründete antinationalistische Partei Ciutadans de Catalunya (Bürger Kataloniens) »faschistisch«, und ihre Vertreter wurden auf Veranstaltungen auch schon mit Gewalt attackiert.

Nation oder Emanzipation?

Zur Legitimation des Befreiungskampfes der Esquerra Independentista und ihrem Verständnis von Nation und Nationalismus müssen einige Fragen im Hinblick auf die Perspektive einer frei­en Gesellschaft in der »Sozialistischen Republik Katalonien« gestellt werden. Das Ziel des Befreiungskampfes ist für die Linksnationalisten neben der nationalen auch (im Sinne des Marxismus) die soziale und individuelle, d.h. »mensch­liche Emanzipation« (Endavant). Der Mensch soll nicht nur von ökonomischer Unterdrückung, sondern auch von allen anderen gesellschaftlichen Zwängen befreit werden: »Daher ist es nötig, dass wir gegen die Unterdrückung jeglichen Ausdrucks, sei es von Sexualität, Identität, Verhalten oder Beziehung, der aufgrund sei­ner Eigenschaften die festgelegten Normen verlässt und in der Konsequenz die Hegemonie des Systems gefährdet, die persönliche Autonomie verteidigen und die persönliche Befreiung als unverzichtbaren Teil der globalen Befreiung praktizieren.« (Endavant) Die starke Verankerung der Esquerra Independentista im subkulturellen Milieu, die Zusammenarbeit und Überschneidung der Gruppen mit der Hausbesetzer- und Queer-Bewegung sowie ihr Fokus auf Feminismus und Antirassismus zeigt, dass die individuelle Emanzipation nicht nur theoretisches Paradigma ist.

Ihr Konzept einer »katalanischen Kulturnation« lässt sich jedoch nicht ohne Widersprüche mit ihrem emanzipatorischen und antirassistischen Anspruch verbinden. Dies beginnt bereits bei der Sprache: Wenn die Sprache die Basis der »kollektiven Identität« darstellt, wird durch Anderssprachige die eigene »Identität« bedroht, woraus sich in logischer Folge eine Gefahr durch »Überfremdung« ableitet. Torsten Eßer, Autor und offensichtlicher Freund des katalanischen Nationalismus, tappt genau in diese Falle, wenn er in dem Standardwerk »Eine kleine Geschichte Kataloniens« schreibt, dass die Sprache »von der schieren Zahl der innerspanischen Zuwanderer und Immigranten aus Afrika, Europa und Lateinamerika in die prosperierende Region bedroht bleibt, auch wenn viele von ihnen bereit sind, Katalanisch zu lernen«. In einem Staat, der die »Einheit von Sprache, Kultur und Identität« (CAJEI) bewahren soll, ist Individualität und Pluralität stark bedroht, denn die Institutionalisierung der Kulturnation im Nationalstaat verstärkt die Homogenisierung sowie den Druck auf ihre Mitglieder, in ihr aufzugehen. Kulturelle Freiheit und Pluralismus haben in Staaten, die das Ideal einer ethnisch-sprachlichen und kulturellen Homogenität anstreben, meist wenig Platz.

Auch die Berufung auf die »Kulturnation« steht der freien Entfaltung des Individuums ent­gegen. Denn das Individuum wird im nationalen Kollektiv aufgelöst. Vor allen Dingen ethnonationalistische Ideologie besitzt dadurch eine immanente totalitäre Logik, weil das Individuum nicht als solches zählt, sondern nur als ein dem überzeitlichen ethnischen und nationalen Kollektiv angehöriges Subjekt. Differenz wird nach außen betont, im Inneren jedoch negiert, wie Alex Demirovic in »Demokratie und Herrschaft« treffend beschreibt: »Die an die Gleichheit geknüpfte Wahrnehmung der Differenz unterwirft die Individuen (…) einer Ethnizität und reduziert naturalisierend ihre gesellschaftlichen Verhältnisse und Praktiken auf einen Aspekt.«

Dies führt zur Ausblendung der Macht- und Herrschaftsverhältnisse und der sozialen Unterschiede innerhalb der Nation. »In dem Maße (…), in dem das Bemühen um kulturelle Identität oder Autonomie an die Stelle des Kampfes um bessere Lebensbedingungen tritt, anstatt mit ihm verknüpft zu werden, nimmt es ideologischen Charakter an. Es dient der Desartikulation oder Entnennung der Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse.« Diese Kritik Georg Auernheimers an nationalen Befreiungsbewegungen trifft den Kern des Problems der politischen Praxis der Esquerra Independentista, die die »Selbstverwirklichung des katalanischen Volkes« in einem eigenen Staat als Bedingung für bessere Lebensbedingungen betrachtet und anderen Dingen überordnet. Unter Verdrängung innerer Konflikte und Widersprüche wird »das Katalanische« ganz selbstverständlich mit demokratischem und sozialem Fortschritt verbunden, der Unabhängigkeitskampf gilt, ganz unabhängig von den Inhalten, als revolutionär. Die spezifische »nationale Identität« wird hier mit Klassenbewusstsein und progressiven (bzw. im Falle Spaniens regressiven) Überzeu­gungen verknüpft: Die »katalanische Nation« wird als poble treballador (Volk der Arbeiter) dar­gestellt, während die katalanische Bourgeoisie den espanyolistas (Vertreter des zentralistischen Spanien) zugerechnet wird. Es findet eine Ethnisierung der sozialen Klassen statt.

Die Verknüpfung des Rechts auf Partizipation mit der Zugehörigkeit zur Nation und die Forderung nach einer Hegemonie der katalanischen Kultur und Sprache entspricht ganz und gar nicht dem linken Ansatz, mit Berufung auf das egalitäre Menschenbild die Gleichberechtigung aller Menschen zu fordern, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu nationalen, ethnischen, geschlechtlichen und anderen Gruppen. Zum an­deren ist die Forderung nach einem katalanischen Staat als Ziel an sich nur sehr begrenzt mit der marxistischen Theorie vereinbar. Denn nach der klassischen marxistischen Theorie ver­schwinden mit dem Ende des Kapitalismus nicht nur die Gegensätze der Klassen, sondern auch die der Nationen. Der Nationalstaat galt als bürgerliches Phänomen, das überwunden wer­den müsse. Die kommunistische Revolution hatte Marx und Engels zufolge, wie sie in der »Deutschen Ideologie« erklärten, auch zum Ziel, »die einzelnen Individuen (…) von den verschiedenen nationalen und lokalen Schranken« zu befreien. Ebenso haben die Arbeiter »kein Vaterland«, sondern sie sind »eine Klasse, die bei allen Nationen dasselbe Interesse hat und bei dem die Nationalität schon vernichtet ist«. Ein Widerspruch, den linke Nationalisten seit jeher mit erstaunlicher Konsequenz zu verdrängen schafften. Eric Hobsbawm zufolge stellt die Forderung nach Unabhängigkeit für »Nationalisten, die sich als Marxisten verkleiden, eine beträchtliche intellektuelle Hürde« dar.

Ethnonationalismus und das Ende der Links-Rechts-Dichotomie

Hausbesetzer und Queer-Aktivisten propagieren einen kulturellen Konservatismus, revolutionäre Nationalisten bezeichnen politische Nationen als undemokratisch, und Antirassisten fordern die Einheit von Sprache, Kultur und Territorium in einem Staat.

Diese moderne Variante des Nationalismus ist ebenso wenig mit der traditionellen Ideologiekritik wie mit der dichotomen Typologie (eth­nisch vs. politisch) des Nationalismus zu fassen. Die Ideologie der nationalen Befreiungsbewegung in Katalonien entspricht am ehesten dem von modernen Vertretern der Kritischen Theorie erweiterten Konzept des Ethnonationalismus. Ethnonationalistische Bewegungen in diesem Sinne stehen in der Tradition der antikolonialen revolutionären Befreiungsbewegungen, reagieren auf die Transformation der globalen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhält­nisse jedoch mit einem Rückgriff auf ethnische Konzepte. Im Sammelband »Kritik des Ethnonationalismus« beschreibt Michael Werz dieses Phänomen: »Die Verbindung erscheint vielmehr als eine fortgesetzte Regression: Die universalen, fortschrittlichen Bestandteile aus den Anfangszeiten der nationalen Befreiungsbe­wegungen waren nicht von langer Dauer; heute werden nationalistisch verkleidete ethnische Kategorien in Erklärungsmuster für soziale und politische Konflikte sowie historische Traditionslinien umgefälscht.«

Die Ideologie des Ethnonationalismus gründet sich auf dem »Selbstbestimmungsrecht der Völker«, stellt die »Kulturnation als natürliche Einheit« dem »künstlichen«, gegen das Wesen der Menschen gerichteten Konzept der Staatsbür­gernation entgegen und sieht eine friedliche und demokratische Welt nur als eine Welt »freier Völker« möglich. »Frei« heißt hier: Jedem »Volk« seinen Staat. Diese Argumentation kann gleicher­maßen völkischen oder rechtsextremen Bewegungen zur Legitimation von Ausgrenzung und rassistischer Gewalt dienen oder – wie im Falle Kataloniens – als erste Etappe auf dem Weg zu einer vermeintlich freien, gerechten und sozialistischen Welt gelten. Da die Schlussfolgerungen aus der ethnonationalistischen Weltanschauung zwar konträr sind, die legitima­torische Basis jedoch identisch ist, müssen Bewegungen auf beiden Seiten immer wieder erschreckt feststellen, dass sie argumentativ auf der gleichen Seite stehen. Die Zusammenarbeit der ERC mit der fremdenfeindlichen italienischen Lega Nord bis 1994 in der europäischen Fraktion der separatistischen Parteien (European Free Alliance) ist dafür nur ein Beispiel.

Kategorien wie »links« und »rechts« haben im Ethnonationalismus ihre Bedeutung verloren. Denn trotz der aufgezeigten Widersprüchlichkeiten in der Ideologie der katalanischen Esquerra Independentista greift die These, sie ziehe aus dem reaktionären Konzept der Kulturnation nur die falschen – d.h. in diesem Fall »linken« – Schlüsse, zu kurz. Wie beschrieben wurde, vermischt sie verschiedene Nationalismuskonzepte, verbindet diese mit Antiimperialismus und Sozialismus (zwei Ideologien, die auch keineswegs per se links sind) und kann sich außerdem auf eine lange Geschichte der Unterdrückung »ihrer Kultur« berufen, wodurch die Bewegung, unabhängig von ihren Inhalten, einen (ver­meint­lich) fortschrittlichen und demokratischen Charakter gewinnt.

Emancipació impossible

Bei der linken Unabhängigkeitsbewegung wird politische Identität zur Identitätspolitik, mit »der Tendenz, Identität zum Ziel und Wert an sich zu machen und damit den ursprünglichen Zusammenhang mit der Befreiung aller aufzugeben«, wie Claudia Koppert einmal im Hinblick auf identitäre Kämpfe unterdrückter Grup­pen kritisiert hat. Dies steht nicht nur der Vorstellung einer freien Welt entgegen, in der die »Zwangskollektive Klasse, Geschlechter, Nationen und ethnische Gruppen« (Demirovic) aufgelöst sind. Es ist auch fraglich, ob die angestrebte Überwindung des Kapitalismus auf diese Weise erreicht werden kann. Ob man wie Bernd Ostendorf die List des Kapitalismus beschreibt, »der seine Opfer so programmiert, dass sie sich in einem Kräftefeld, das von Identitätsgräben durchsetzt ist, gegenseitig matt setzen«, die Funktion von Nationalstaaten als historisch notwendig für die Entstehung des globalen Kapitalismus hervorhebt oder den Bedeutungsverlust dieser Institution im Angesicht transnationaler Verflechtungen des Kapitals betont, wodurch »Unabhängigkeit« zur »postfordistischen Illusion« (Gruppe Demontage) wird: Die Schaffung eines Nationalstaates auf ethnisch-kultureller Grundlage als antikapitalistisch und emanzipatorisch zu betrachten, erscheint mehr als fragwürdig. Oder, wie ausgerechnet Lenin ein­mal gesagt haben soll: »Malt den Nationalismus nicht rot an.«

Anmerkungen:

(1) Dieses Kräfteverhältnis wird anhand einer Umfrage des Institut de Ciències Polítiques i Socials der Universitat de Autónoma von 2006 deutlich: Demnach wollen 17 Pro­zent einen unabhängigen katalanischen Staat, 18 Prozent sind für eine katalanische Republik und 54 Prozent sind mit dem Status als Autonome Gemeinschaft zufrieden. Die allgemeine Forderung nach Unabhängigkeit wird jedoch von 33 Prozent mitgetragen.

(2) Die sprachpolitische Realität in Katalonien sieht aber längst nicht so düster aus, wie es die Nationalisten gerne darstellen. Das Sprachgesetz von 1998 schreibt vor, dass es möglich sein muss, »vollständig auf Katalanisch zu leben«. Im neuen Autonomiestatut ist sogar festgelegt, dass alle Bürger Kataloniens »das Recht und die Pflicht« haben, beide offizielle Sprachen (Kastilisch und Katalanisch) zu beherrschen.

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