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Jens Friebe: Linke Kritik sollte den Vegetarismus vor bösen Ideen schützen

Vegetarismus oder Barbarei

Ethisch begründeter Vegetarismus muss keineswegs die Grenze zwischen Mensch und Tier in Frage stellen und ist alles andere als antizivilisatorisch. Drei Antworten auf drei Vorwürfe.

Disko von Jens Friebe

Wer in etwa 300 verschiedenen Kneipen seinen Vegetarismus verteidigt hat, begegnet kaum noch neuen Einwänden. So ist es nicht verwunderlich, dass auch in dieser Disko-Serie wieder viele Bekannte da sind. Ich möchte die drei Prominentesten unter ihnen vorstellen und sagen, was mir an ihnen nicht passt.

1. Die Grenze zwischen Mensch und Tier

Eines der häufigsten Argumente gegen den ethisch begründeten Vegetarismus (in der Folge »Vegetarismus«) lautet, dass mit einer Ausdehnung des Zuständigkeitsbereichs der Ethik auf die Tierwelt Mensch und Tier gleichgesetzt würden, die Menschenrechte somit akut gefährdet seien. Nur weil aber jemand weder Menschen noch Tiere ohne Not gequält und getötet wissen will, setzt er Menschen und Tiere nicht gleich. Dies wäre nur der Fall, wenn er Menschen- und Tierleben gegeneinander aufrechnete.

Der Streit, den Vegetarier grundsätzlich führen wollen, ist kein Streit um die Grenze zwischen Mensch und Tier, sondern ein Streit darüber, ob jenseits dieser Grenze ein Reich völliger Mitleidlosigkeit, Indifferenz und Brutalität beginnen soll. Wenn nicht, ist Vegetarismus die logische Konsequenz – sagen wir Vegetarier und sagt seltsamer Weise auch Ivo Bozic (Jungle World 37/08) in seiner Kritik am Vegetarismus: »Zum Beispiel Massentierhaltung. Tatsächlich erfüllen viele dieser Fabriken den Tatbestand der Tierquälerei, und es ist gut und notwendig, immer wieder eine bessere Tierhaltung einzufordern. Ein Verzicht auf die Massentierhaltung würde allerdings erfordern, wie in der Bio-Landwirtschaft sämtlichen Rindern auf Weideland Auslauf zu gewähren. Das jedoch würde eine Weidefläche beanspruchen, bei der wohl kaum ein Urwald dieses Planeten überleben würde. Bio-Fleisch kann also keine Alternative sein. Fleischverzicht dann schon eher.«

Streicht man hier die verbrämenden Wörter »viele«, »dann«, »eher« und den Teilsatz, der von einer »besseren« Massentierhaltung (also einem Einpferchen unter artgerechten Bedingungen) träumt, erhält man eine ziemlich schlagende Begründung für Fleischverzicht. Aber nicht mal Bozic selbst kann Bozic überzeugen. Er hat zu viel Angst, dass, wenn er kein Fleisch isst, die Grenze zwischen Mensch und Tier verschwindet und er, praktisch automatisch, anfangen muss, Neugeborene zu töten. Der besagten Grenze schadet er mehr, als er ihr nützt, wenn er schreibt: »Die Tatsache, dass wir ausgerechnet zwischen Menschen und den restlichen Tieren trennen, ist nicht biologisch oder ethisch zu begründen. Jede andere Grenzziehung aber auch nicht. Und da, wo es versucht wird, wird es gefährlich. Etwa wenn der Spiritus Rector der Tierrechtsideologie, Peter Singer, versucht zu erklären, dass das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung die Leidens­fähigkeit von Lebewesen sei, und damit manchen behinderten Menschen und Neugeborenen das grundsätzliche Recht auf Leben abspricht.«

Das Argument ist tautologisch. Eine als instabil vorgestellte Prämisse (Grenze zwischen Mensch und Tier) wird mit einer aus dieser Prämisse gezogenen Schlussfolgerung begründet (grundsätz­liches Lebensrecht von Behinderten und Neugeborenen). »Gefährlich« kann die Konsequenz aus dem Gedanken, dass es keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt, nur finden, wer ihn ohnehin nicht hegt. Ich zum Beispiel. Trotz Vegetarismus würde ich – vor die recht unwahrschein­liche Wahl gestellt – jederzeit ein ganzes Rudel Affen für Ivo Bozics Leben opfern. Und zwar ganz einfach, weil ich ein Mensch bin und Ivo Bozic auch. Die Grenze zwischen Mensch und Tier ist nämlich gar nicht so beliebig, wie er behauptet (um sie dann in einem paradoxen Schluss umso dogmatischer zu befestigen). Es ist die Grenze zwischen uns und den anderen, es ist die Außengrenze unserer Art. Selbstverständlich sind wir in der Regel parteiisch. Ausnahmen wie Dian Fossey – die Wilderer foltern ließ, weil diese Gorillas gejagt hatten, um selbst zu überleben – bestätigen die Regel.

Also noch mal ganz langsam: Menschen sollen nicht für Tiere sterben. Sie sollen nicht mal für Tiere leiden. Sie sollen nur nicht ohne guten Grund Tiere quälen und töten. Und eine kulinarische Attraktion ist kein guter Grund.

An diesem Punkt kommen meist die Motten und Milben ins Spiel, deren Wohlergehen man doch beim besten Willen nicht panisch garantieren wollen könne. Wenn ich aber nun die Grenze zwischen Mensch und Tier als sakrosankt ansehe, was hindert mich dann daran, noch eine zweite Grenze, innerhalb der Tierwelt, zu ziehen; und was hindert mich, wenn der Mensch pauschal aus dem Ranking genommen ist, daran, für diese Grenze tatsächlich Intelligenz und Leidensfähigkeit zu entscheidenden Kriterien zu machen?

Ich gebe zu, dass diese zweite Grenze im Gegen­satz zur ersten beweglich und zwangsläufig strittig ist. Ich persönlich finde etwa die Position der Honig verdammenden Bienengewerkschafter sehr radikal. Noch radikaler aber finde ich die gegenwärtige Praxis, hoch sensible und schlaue Tiere wie Kühe oder Schweine massenhaft einzupferchen und im Akkord zu vernichten.

2. Zurück zur Natur

Auch populär und in der hier laufenden Debatte stark vertreten ist die Auffassung, Vegetarismus sei Teil eines rückständigen Naturkults, Ausdruck einer Sehnsucht nach vorzivilisatorischen Zuständen. Nun hört mal zu, Fleischfreaks: Es ist mir vollkommen egal, wie viele Schwachköpfe aus der Ideengeschichte ihr hier rankarrt. Das be­weist nur, dass wirre Hirne auch das Widrigste zusammendenken können (dazu später noch mehr). Vegetarismus ist, wie Klassenkampf, seinem Wesen nach modern. Nur durch die Produktivkraft der Maschinen gibt es den Reichtum, der für alle Menschen ein Leben ohne Mangel bedeuten könnte, und für die Tiere die Entlassung aus der Nahrungskette, an deren Ende der Mensch sitzt. Dass die Maschinen in der Wirklichkeit dazu dienen, Menschen effizienter auszubeuten und Tiere effizienter abzuschlachten, schmerzt den Linken und den Vegetarier (wie sehr also erst den linken Vegetarier), kann aber für beide kein Grund sein, sich in eine archaische Vorgeschichte zurückzuwünschen. Selbst der Automatisierung des Tötens könnte man als Vegetarier noch etwas Positives abgewinnen. Denn sie trennt den Vorgang so stark von den Menschen, dass sie, direkt mit diesem konfrontiert (etwa bei einem Schlachthausbesuch), unabgestumpft seine Grau­samkeit empfinden können. Dementsprechend gibt es die meisten Vegetarier nicht im Busch oder in der schwäbischen Provinz, sondern in den Metropolen, dort also, wo sich die »verderbte und dekadente Zivilisation« konzen­triert, gegen die, Jan Gerber zufolge (39/08), die »vegane Tierrechts­szene« die Natur in Stellung bringt.

Ein anachronistisches Idyll liegt viel eher der Idee vom »guten« Biofleisch als Alternative zur Massentierhaltung zugrunde. Wie Bozic in der eingangs zitierten Stelle richtig sagt, würde das malerische Kuhparadies der alternativen Bauernhöfe einen so lächerlich geringen Bruchteil der Nachfrage decken, dass der allgemeine Fleischkonsum sich ohne das Komplement der Massentierhaltung zwangsläufig dem Vegetarismus annähern müsste.

Überhaupt lässt sich mit dem Vegetarismus-Kritiker Bozic recht gut gegen den Vegetarismus-Kritiker Gerber argumentieren und andersrum. Bozics Rechtfertigungen des Fleischkonsums (»Tiere essen Tiere« und »schon die Steinzeitmenschen wussten, wie man Tiere verwertet«) entstammen sämtlich dem trüben vorsintflutlichen Reich der Notwendigkeit, nach dem Gerber uns eine Sehnsucht attestiert, der er entgegenhält: »Tatsächlich lässt sich erst mit dem Beginn der Loslösung der Menschen von Natur, Sippe, Blut, Boden und Scholle in einem emphatischen, nicht bloß biologischen Sinn von Menschheit sprechen. Zuvor unterschied sich das menschliche Leben in der Tat nur marginal vom Leben der Tiere.« Was sagt wohl zu dieser Begriffsbestimmung wiederum Bozic als strenger Wächter der Mensch-Tier-Grenze? »Völkerschau, ick hör dir trappsen«?

3. »Vegetarier X war Faschist«

Das Stammtischargument »Hitler war auch Vegetarier« ist selbst den dümmsten Kritikern mitt­lerweile zu dumm. Andreas Speits Text folgt aber im Wesentlichen der gleichen Logik: Unter Neonazis hat sich eine Veganerbewegung etabliert. Die NSDAP kam Forderungen von Tierschützern entgegen. Richard Wagner bezeichnete Tierversuche als das »Böse und das Jüdische«. Für Paul Förster waren Tierliebe und Judenhass zwei Seiten derselben Medaille.

So what? Diese »Genealogie« zeigt doch nur, dass Faschisten Vegetarier sein können, nicht, dass Vegetarismus faschistisch ist. Es ließe sich mit dieser Methode erstens eine genauso imposante Liste progressiv gesinnter Vegetarier verfassen (sie würde von da Vinci über Diderot und Gustav Struve bis zu Elvis Costello reichen; beweisen würde sie ebenfalls nichts) und zweitens eine noch längere Liste faschistischer oder antisemitischer Fleischesser erstellen (allerdings schwer zu recherchieren, da Fleischkonsum in den Biografien nicht extra erwähnt wird). Drittens ließe sich einwandfrei beweisen, dass Kapitalismuskritik = Antisemitismus ist.

Und was Richard Wagner angeht: Der hat mit dem Tristan-Akkord auch zur Auflösung der Tonalität beigetragen. Heißt das, Alban Berg und John Zorn sind tabu?

Schluss

Damit nichts in den falschen Hals kommt: Natürlich müssen böse Ideen, die sich mit dem Vegetarismus verbinden, bekämpft werden. Es nervt aber, dass die linke Kritik den Vegetarismus nie vor bösen Ideen schützen will (wie von jeher den Antikapitalismus), sondern immer nur erwischen und erledigen. Die Gründe dafür liegen auf dem Teller.

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