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Klaus Bittermann: Die linke Hamas-Solidarität

Unter der Hamas-Fahne

Obwohl die Hamas die Bevölkerung im Gaza-Streifen brachial unterdrückt, verschafft sie sich immer mehr Respekt von Israel-Hassern und Antisemiten. Ein Essay über die linke Hamas-Solidarität.

von Klaus Bittermann

Uri Avnery ist der beliebteste Jude der deutschen Linken, denn bei jedem Konflikt in Palästina geht er mit Israel scharf ins Gericht, er verschafft den Antiimps das gute Gewissen für ihren Anti-Israelismus, indem er ihnen immer wieder bestä­tigt, dass Kritik an Israel auf keinen Fall etwas mit Antisemitismus zu tun habe. Hingegen seien wirkliche Antisemiten »leicht zu erkennen. Sie haben einen Stil, der unverkennbar ist. Es ist eine Art kollektiver Geisteskrankheit, die nichts mit Logik zu tun hat.«

Zwar trifft dieser von großer Schlichtheit gepräg­te Hinweis immerhin auf Hitler und die Deutschen zu, aber schon allein die Tatsache, dass der kollektive Wahn während des Nationalsozialismus die Normalität darstellte, macht das Eindi­men­sionale in Avnerys Argumentation deutlich. Denn es kommt auf den gesellschaftlichen Zusam­menhang an, vor dessen Hintergrund so etwas wie kollektiver Wahnsinn verhandelt wird. Schlicht ist die Aussage schon allein deshalb, weil der Antisemitismus nicht mehr wie zu NS-Zeiten mit irrem Blick und abstehenden Ohren auftritt – höchstens bei der Hamas –, sondern argumentativ und »vernünftig« wie bei Roland Koch.

In der israelischen Propaganda, so Avnery, werde der Holocaust »gegen die Palästinenser verwendet. Das führt natürlich leicht zur arabischen Gegenreaktion, den Holocaust zu verharmlosen oder zu leugnen.« Bei dieser simplen Kausalität liegt die Ursache immer bei den Israelis. Avnery merkt nicht mal, dass er die Intelligenz der Paläs­tinenser nicht sonderlich hoch schätzt, wenn er deren Leugnung des Holocaust als rein reflexhafte Angelegenheit beschreibt, als ob die Palästinenser gar nicht in der Lage wären, Geschichte un­abhängig von Israel zu denken.

Avnery wird »speiübel«, wenn er in den täglichen Nachrichten hören muss, dass die Hamas die Bewohner des Gaza-Streifens als »Geisel« halte. Das sei so »absurd« wie die Behauptung, Chur­ch­ill habe die Londoner Bevölkerung bei der Bombardierung der Deutschen als Geisel gehalten. Eine krude Logik. Wenn man liest, welche Hochachtung Avnery vor der Hamas hat, die er als »po­litische und religiöse Körperschaft« beschreibt, die »tief in der Bevölkerung verwurzelt« ist und »die im sozialen, schulischen und medizinischen Bereich aktiv ist«, ohne ein Wort über deren repres­sive und fundamentalistische Ideologie zu verlieren, dann wäre man blind, würde man in dieser absurden Logik nicht ein kleines Ressentiment entdecken.

Auch die europäische Linke versteht nicht, warum Israel sich wegen ein paar Raketen so aufregt. Die Antiglobalisierungsikone Naomi Klein rief im Guardian zu einem Boykott Israels auf. »Kauft nicht bei Juden« auf der Seite der Linken ergänzte sich hier auf geniale Weise mit der Warnung der NPD vor einem »Holocaust an Palästinensern«. Auch in den Redaktionsräumen der taz und der jungen Welt wird das Tun Israels genau überwacht; manchmal hat man den Eindruck, genauer als es den Israelis mit ihren Aufklärungsdrohnen über dem Gaza-Streifen gelingt. Aufgedeckt wurden dabei jedoch weniger irgendwelche hilfreichen In­formationen, sondern Latrinenparolen, die selbst Kai Diekmann eine gewisse Bewunderung abgenötigt haben dürften. »Mittags ist Mordpause«, »Gezielter Terror«, »Wer stoppt Israel?«, »Phosphor auf Kranke«, »Israels sinnloser Krieg«, »Israel schießt auf die Uno« lauteten die Aufmacher der beiden Blätter. Zudem bediente man sich aus dem Fundus der Bilder, die die Hamas reich­lich zur Verfügung stellte: verletzte Kinder, Menschen auf der Flucht, zerstörte Häuser. Bilder, die nichts beweisen, sondern mit denen ausschließlich auf der emotionalen Klaviatur des Mitleids geklimpert wird.

Die propalästinensische Seite hatte erstaunlich wenig Argumente zu bieten. Eins davon war, dass Israel die »Verhältnismäßigkeit der Mittel« nicht wahre. Aber worin bestünde die eigentlich, fragte sich auch André Glucksman in Le Monde. Ist sie gewährleistet, wenn Israel mit selbstgebastelten Qassams zurückschießt? Wenn Israel Selbstmordattentäter auf einen belebten Markt in Gaza-Stadt schickt? Wäre das eine angemessene Reaktion auf die Politik der Hamas?

Vielleicht ist gerade das Wissen um das eigene Ver­sagen die Grundlage, warum sich die Linke mit den Palästinensern so identifiziert und die unerfüllten Hoffungen und geheimen Wünsche auf sie projiziert. Während es die Linke als Bewegung nicht mehr gibt und sie ideologisch zerstritten ist, stellt sich die Hamas hingegen als einheitlicher Kampfverbund dar, der einen Lebenszweck hat, der darin besteht, das zu erreichen, was die Nazis nicht ganz geschafft haben. Der Hamas werden als nationaler Befreiungsbewegung Sympathien entgegengebracht, ohne zu erwähnen, dass sie mit Gewalt über den Alltag herrscht und dass, wer ihr in die Quere kommt, schnell in einer Folterzelle enden kann, und auch ohne ein Wort über die Ideologie der Hamas zu verlieren, die »Die Protokolle der Weisen von Zion« für eine Aufklärungsschrift hält.

Dass die Hamas ein religiös-fundamentalistischer Heimatvertriebenenverband ist, der die glei­che Blut-und-Boden-Ideologie wie die Nazis und eine widerwärtige Heldenverehrung betreibt – »Palästina wird frei sein. Unser Blut wird seinen Boden tränken« –, scheint die Linke nicht zu stören. Dass die Hamas die eigenen Kinder als Selbst­mordattentäter ausbildet und anschließend als Märtyrer verehrt, ist kein Geheimnis, und deshalb ist es umso erstaunlicher, dass Linke wie Elmar Altvater und Sahra Wagenknecht glauben, in einem »Offenen Brief« die Hamas in Schutz nehmen und extra darauf hinweisen zu müssen, dass die Hamas keinesfalls alleine »für das Leiden der palästinensischen Bevölkerung (…) verantwortlich gemacht« werden könne.

Gerade die Linke, die Marx gelesen hat, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es keinen historisch legitimierten Anspruch auf das Land gibt, sondern dass, wie Wolfgang Pohrt in der taz vom 28. Juni 1982 schrieb, »Palästinenser und Israelis gleiche Rechte besitzen, dass zwischen gleichen Rechten die Gewalt entscheidet, und dass Israel über die bessere Armee verfügt«.

Gerade eine Linke, die den Anspruch hat, antinational zu denken, müsste wissen, dass die Staatenbildung immer nur das Deprimierendste hervorbringt. Wolfgang Pohrt schrieb damals: »Wenn Menschen sich als Volk zusammenrotten und einen eigenen Staat bekommen, sind alle humanitären Traditionen und ist die ganze Leidensgeschichte vergessen. Als Patrioten fügen sie anderen zu, was sie erlitten, als sie als vaterlandslose Gesellen galten. Kein Grund zur Annahme, die Palästinenser würden sich, wenn sie Erfolg hätten, anders verhalten als die Israelis.«

Mit den Opferbildern als Aufmacher das Leid der Zivilbevölkerung zu missbrauchen, um Propaganda gegen Israel zu treiben, damit erreicht man keine Aufklärung, sondern schürt nur den Hass auf Israel und die Juden. Zwar hat die Linke keinen großen Einfluss auf die deutsche Öffentlichkeit, aber in dieser Auseinandersetzung hat sie gegenüber allen, die sich bemühen, den Kon­flikt nicht propagandistisch auszuschlachten, die Nase vorn und 49 Prozent der Deutschen hinter sich. Jeder zweite Deutsche jedenfalls hält nach der jüngsten Forsa-Umfrage Israel für ein aggressives Land.

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