Jungle World abonnieren
Jürgen Kiontke: »The Wrestler«

Ein Mann wie ein Kotelett aus dem Supermarkt

»The Wrestler« bedeutet ein schönes Comeback für den Boxer Mickey Rourke. Und ein ebenso berechenbares.

von Jürgen Kiontke

Das machen Filmkritiker: Sie sitzen 16 Stunden am Tag im Kino und warten darauf, dass was passiert. In ihrem eigenen Leben ist es näm­lich genau umgekehrt – da sind sie sogar froh, wenn möglichst we­nig geschieht. Denn sie sind auf ihre Weise Freaks – und haben sich ins Dunkle zurückgezogen, wo sie mit niemandem reden oder noch schlimmer: in Körperkontakt treten müssten.

Da sind sie ganz anders als die Schauspieler. Die sind zwar auch in einer Branche des vollends Unechten unterwegs, aber wenigstens auf der anderen Seite. Sie bewegen sich ab und zu mal und machen den Erlöser. Fürs blutleere Publikum müssen sie vieles durchstehen, dafür werden sie manchmal sogar geliebt. Muss man noch extra darauf hinweisen, dass Filmkritiker ein Kino mit »Auf-die-Fresse-Faktor« lieben?

Viel Liebe erfährt derzeit der Schauspieler Mickey Rourke. Sein neuer Film ist ein Riesenerfolg. Er heißt »The Wrestler«, und er zeigt nicht viel mehr, als sein Titel ankündigt: einen amerikanischen Ringer bei der Arbeit.

Wrestling ist eine der miserabelsten Sportarten der Welt und kommt gleich nach Baseball und Cricket: Wenn die Ringer zuschlagen, ist immer mindestens ein Meter Platz bis zum Gegner.

Solche Vorsichtsmaßnahmen sind allerdings nichts für den in die Jahre gekommenen Randy »The Ram« Robinson Ramzinski, den Rourke im wahrsten Sinne des Wortes: verkörpert. Es geht hier ausschließlich um das Menschengebirge als verbogene alte Kampfmaschine.

Als solche lässt es es sich in Schlägereien in muffigen Turnhallen von Provinzstädten malträtieren.

Das Training fällt schwer, es will täglich absolviert werden. So sehen wir »The Ram« in der Fitness-Bude, beim Joggen und beim Locken-legen-lassen. Der Mann ist oft nackt und ist es doch nicht: Der Speck glänzt wie ein Ganzkörperanzug.

Früher mal, da hat sich das Kämpfen gelohnt, da war er Weltmeister oder so was in diesem Business, in dem alles Fake ist. Nun aber kann man nur mit Echtheit erfolgreich sein. Die Beine werden mit Gaffer-Tape angeklebt.

Darren Aronofsky, der Hardcore-Regisseur mit Hang zu experimentaler Strenge, hat sich mit Rourke ein passendes Objekt gesucht – und präsentiert ihn in ganz eigener Handkamera-Optik. Ken Loach und Michael Moore können einander hier die Hände reichen.

Grenzerfahrung wird so symbolisiert, Unzivilisiertheit, kurz: das Animalische des Menschen. Randys Körper ist ebenso weichgeschlagen wie die Koteletts in dem Supermarkt, in dem er sich ein paar Dollar für den Lebensunterhalt verdient. Was ein Regieeinfall: Der Feierabend-Wrestler ist tagsüber Fleischereifachverkäufer.

Dass Rourke dabei aussieht wie Porno-Annina aus dem »Big-Brother«-Container liegt wohl an einigen missratenen Schönheitsoperationen; man kann nicht genau sagen, bei wem jetzt – Rourke oder Randy. An den blondierten Extensions ist wohl der Friseur schuld.

Was soll er machen? Randy ist irgendwo zwischen 40 und 50 bzw. gefühlten 60 Jahren. Obligatorische Reichtümer – Autos, Enkel, Firmen­imperien –, die das Leben irgendwie noch aushaltbar machen würden, hat er nicht angehäuft, es steht zu befürchten, dass er das ganze Geld durchgebracht hat. Womit, lässt sich kaum erahnen: Er lebt spartanisch in einem Wohnmobil, manchmal schläft er betrunken im kalten Kofferraum seines Autos, wo ihn kleine Jungs ärgern und bewundern. Er hat vielleicht noch mitgealterte Kollegen, aber Freunde, so etwas gibt es in diesem Film nicht. Statt dessen tauchen zwei Mutterfiguren auf, die sich um den leidenden Mann kümmen können. Die eine (Marisa Tomei) ist nicht so verrückt, dass sie sich mit ihm einlassen würde. Die andere ist sogar verwandt mit Randy – es ist seine Tochter (Evan Rachel Wood).

Wo nichts weiterhilft, kann man es immer noch mit der eigenen Notschlachtung versuchen. Mit einem ähnlich zerhauenen Wrack, wie er selbst eins ist, kommt’s zum Showdown: Stachel­draht, Glasscherben und Tacker kommen zum Einsatz. Von der üblichen »Tun-als-ob«-Stilübung des Wrestling sind die beiden weit weg. Randy wurde vom Arzt gewarnt, der Herzinfarkt dräut.

Aronofsky zeigt dies alles mit einer Kamera vom Flohmarkt: Grobkörnig ist dieses Material, dass an die Erdkundefilm-Ästhetik der siebziger Jahre gemahnt. Nur ganz spezielle Filme sehen so aus, etwa »Henry – Portait of a Serial Killer« (USA 1988).

Am kunstvollsten ist sicher die Parallelisierung der Comebacks von Mickey Rourke und seiner Filmfigur – die in sich, ganz wie es sich für einen Gewinner des Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig gehört, viele Genre-Attribute vereint.

Denn »The Wrestler« ist Western, wo es um Grenzerfahrung geht, um grenzenloses Territorium: der Wüste in der Seele. Durchaus handelt es sich aber auch um einen Kriegsfilm: Randy ist ein Kämpfer, erst in gespielter, dann in echter Lebensgefahr, wenn auch das größte Bedrohungs­potenzial nicht von den Ayatollahs dieser Welt (der Fighter namens »Ayatollah« in »The Wrestler« ist jedenfalls ein äußerst kollegialer Gegner), sondern von innen kommt – geht es doch um Körper, Vernichtungskraft und Waffen.

Ja, es scheint, als habe der Schauspieler Mickey Rourke sein ganzes Leben auf diese Rolle gewartet, unterwegs noch eine Karriere als Profiboxer eingelegt, um dann umso glaubwürdiger den alten Kampfdinosaurier zu geben.

Am meisten dürfte Aronofskys Genre-Mischung denn auch Anleihen beim Tierfilm nehmen, beobachten wir doch die fremde Spezies »alter Mann« bei der Fortpflanzung, in ihrem Bau, beim Fressen und Jagen, bei der Flucht und beim Angriff … »The Wrestler« ist durchaus voller sozialdokumentarischer Genauigkeit.

Als Tierfilm hat er natürlich auch überhaupt keine Aussage – denn welches Bild vom Menschen präsentiert Aronofsky dem staunenden Kinobesucher? Ein ebenso falsches wie übergeschnapptes: Der letzte Kampf, Zivilisation ist zum Heulen. Die Gesellschaft, sie produziert Ausschuss wie Randy »The Ram«.

Hier wird ein Reigen des Niedergangs gezeigt, wie er so schon unendlich oft zu sehen war: Es ist die Geschichte vom aufrechten weißen Mann, den die vielen Kämpfe, die das Leben ihm aufnötigte, niedergedrückt haben; der übersehen hat, dass er mit seinem alternden Körper nicht mehr lange als Kämpfer reüssieren kann; der nicht mitbekommen hat, dass eine Veränderung Not getan hätte.

Es dauert keine halbe Stunde, da ist man diese Bilder vom müden Walross etwas leid. Da sitzt man und wartet, dass der Film noch einmal eine überraschende Wendung hervorbringt, aus der Eindimensionalität des schlagantäuschenden Männertums ausbricht – vergeblich. Man weiß erschreckend schnell, wie dieser Film weitergehen wird.

In dem Sinne ist »The Wrestler« zwar ein schöner Kontrapunkt im Hollywood der oft glatten Oberflächen und wird von der Kritik zu Recht bejubelt. Er entkommt aber den Gesetzmäßigkeiten des Gewohnheitskinos zu keiner Zeit. In seiner Berechenbarkeit ist »The Wrestler« nichts für Leute, die im Kino zu neuen Ufern aufbrechen wollen. Und ein neues Ufer, das wäre: Randy rettet sich aus eigener Kraft.

Bruce Springsteen schrieb diesem Helden der nichtvorhandenen Arbeiterklasse den Titelsong auf den Leib, für solche Leistungen gibt es den Golden Globe.

»The Wrestler« (USA 2008). R: Darren Aronofsky,
D: Mickey Rourke, Marisa Tomei. Start: 26. Februar

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …