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Georg Seesslen: Der Amoklauf von Winnenden

Ödipus mit Waffe

Amokläufer sind Jihadisten ohne Religion. Sie scheitern an den ödipalen Instanzen der bürgerlichen Gesellschaft.

von Georg Seesslen

Ich erinnere mich, es war zu Beginn der sechziger Jahre in einer rheinischen Kleinstadt, da hatte ich einen Schulfreund, der war begabt und phantasievoll, kam, wie man damals sagte, aus gutem Haus, hatte und machte keine Schwierigkeiten. Sein einziges Manko war vielleicht, dass er ein bisschen klein gewachsen war. Aber in unserer Clique hänselte ihn niemand, er hatte andere Vorzüge. Eines Tages hörte er auf, freundlich mit uns zu reden, reagierte gereizt und wollte auch nicht sagen, was ihm über die Leber gelaufen war. Wenig später erstach er seine Großmutter mit einem Brotmesser. Niemand von uns hat erfahren, warum. Die Zeitungen, die damals noch vergleichsweise zurückhaltend waren, spra­chen nur von einer ungeklärten Tragödie. Dann ging das Leben weiter.

In hochkomplexen Gesellschaften tritt das Böse auch in einer seltsamen Gestalt auf, die weder zum Täter noch zum Opfer eine mehr als vage Be­ziehung hat: Täter, die als Subjekte nicht wirklich zu fassen sind, Opfer, die nur eine flüchtige, symbolische oder gar keine Beziehung zu ihm haben. Dieses Böse ist nur noch Symptom und Me­tapher, hat aber keine Rolle, auch keine negative, in einer allgemeinen Vorstellung von Fortschritt und Geschichte.

Manchmal ist man es als Kritiker oder was auch immer einigermaßen leid, den sozialen Katastrophen sowie ihren medialen Schatten hinterherzuschreiben, als letzter in einer Verwertungskette, an deren Anfang man heulen und an deren Ende man kotzen will. Aber es gehört zur Aufgabe, auch noch der verkommensten Gesellschaft wenigstens Angebote zu machen, noch das Unerklärlichste in einen Diskurs zu bringen. Denn was nutzt es uns, die Trauerrituale der Trobriander zu verstehen und unserem eigenen medialen Trauertanz mit fremder Empörungslust zu begegnen? Andererseits hat die Verwertungskette der medialen Hysterie immer nur ein Ziel: dass nichts verstanden wird und alles bleibt, wie es ist. Dazu passt, dass der Amokläufer sich als Naturkatastrophe inszeniert, grotesk, irrational, unver­ständlich. Er »explodiert« inmitten seiner eigenen Kultur, inmitten seines eigenen Alltags, und wie bei einer Naturkatastrophe gibt es immer Anzeichen dafür, dass man es hätte kommen sehen können. Und es kommt doch immer überraschend und macht alle fassungslos.

Für die Konservativen sind der laxe Umgang mit der Popkultur und der fehlende Halt in der Familie schuld, für die Linken Entfremdung und die soziale Kälte. Wir sind zweifellos auf der Seite des empörten Bürgermeisters von Winnenden und hassen mit ihm den unmoralischen Reporter, der sich gierig an die erschütterten Gesichter heranmacht. Aber am nächsten Morgen können und wollen wir nicht anders und kaufen die Zeitung, auf der das Bild, das er geschossen hat, am größten abgedruckt ist. Unsere Moral ist gespalten: Wir wollen dieses Bild, und wir wollen den hassen, der es »geschossen« hat.

Nicht viel anders verhält es sich mit den meisten Erklärungsversuchen. Es sind zudringliche Reflexe, immer dasselbe Geschreibsel, immer die­selben Versuche, ein wenig Selbstdistanz und Verantwortungsgefühl zu zeigen. Dass die deutschen Fernsehsender wieder einmal versagt hätten, wie die Kritiker in der FAZ schrieben, die öffentlich-rechtlichen schlichte Ignoranz zeigten, die Reporterin von RTL in aufgeregter Kinderfunk-Sprache von einem »Chaos vom Feinsten« berichtete – geschenkt. Nur dass es immer genau so ist, wie man befürchtet, ist schrecklich.

Merkwürdig ist auch das Verhalten der Lehrer und der Schulleitungen im Umkreis von Winnenden. Während man sonst, wie eine Schülerin treffend bemerkte, bei jedem Schmarrn gemeinsam bete oder schweige, ignoriere man nun am nächsten Tag schon zehn Kilometer weiter geflissentlich die Tat. Hysterie und Ignoranz verbünden sich immer gegen die Trauer wie gegen den Diskurs. Aber wie man es macht – verdrängen oder hinausschreien –, falsch ist es allemal. Indes: Wenn die Medien und die pädagogischen Institutionen genauso unfähig sind, den richtigen Ton zu treffen angesichts einer Tragödie dieses Ausmaßes, dann darf man auch das als Symptom und als Teil des Problems ansehen.

Wie jede Naturkatastrophe, so ist auch der als solche inszenierte Amoklauf entweder als Metapher oder als Symptom zu lesen. Er ist die große Gleichgültigkeit Gottes oder der gesellschaftlichen Ordnung, an ihm versagen der Glaube wie die Aufklärung. Eine soziales Trugbild, die Krise eines Denksystems und eine allgemeine Erregung bilden eine Einheit. In den Amokläufen kommt für einen Moment die ganze Verzweiflung des Menschen zu sich, der weder sich noch das System ver­steht, in dem er lebt.

Der Amokläufer im Allgemeinen und der Amoklauf des bewaffneten Schülers, das school shooting, im Besonderen sind mittlerweile zum festen Rollenrepertoire geworden. Was man als »Ursachen« erkannt hat, gehört eher zu den Vorbereitungen: das Training der Einsamkeit, die aggressiven Medien, die Farbe Schwarz, eine Ankündigung, der Kult der Waffe, die Unauffälligkeit. Der Amoklauf ist ein Jihad ohne Religion, ein Selbstmordattentat auf »seinesgleichen«. Auch die »richtigen« Selbst­mordattentäter scheinen es ja häufig weniger auf die Fremden als auf Leute abgesehen zu haben, die ihnen ähnlich sind und nur in wenigen, aber als entscheidend empfundenen Dingen abweichen. Die Abweichung der anderen, in deren Mitte es zu explodieren gilt, besteht in ihrer Immanenz, sie sind das System, von dem sich der Amokläufer ausgestoßen fühlt.

Niemand kann eine solche Explosion dezidiert voraussagen. Die Wissenschaft steckt noch in sammelnden und selbstreflexiven Vorbereitungen. Sie weiß noch nicht einmal selbst, ob sie absurd oder sinnvoll ist, und verordnet sich daher Beschei­denheit. Sie spricht nicht vom Amoklauf, sondern vom »erweiterten Selbstmord« – ein Euphemismus, denn nicht der Selbstmord ist der Kern der Tat, sondern der Mord.

Man weiß dennoch um einige Dispositionen: weiße Mittelschicht, männlich, schulisch und sozial überfordert, unauffällig, isoliert. Man weiß um einige der Vorbereitungen: brutal-abstrakte Computerspiele, Waffenfetischismus, Internalisie­rung von Kränkung. Und man weiß von der Phänomenologie der Tat selbst: z.B. von der Beschaffung der Waffe – zu offensichtlich handelt es sich im Fall des Amoklaufs von Winnenden um die Waffe eines besonderen Vater-Typs, um ihre Verwendung nur zu deuten im Sinne von: »Gelegenheit macht Diebe«. Die Achtlosigkeit und Provokation des waffenfetischistischen Vaters einerseits, die gezielte Verwendung dieser väterlichen Waffe – daraus ergibt sich möglicherweise eine ödipale oder post-ödipale Erzählung.

Schließlich kennt man den Tatort: die Schule. Seit es sie gibt, war sie eine grausame Instanz, trotz zeitweiser Humanisierungsversuche. Grausam ist einerseits das System selbst, das blind Anforderungen stellt, grausam ist die Praxis der Anstalt, in der kaum mit Faszination, stattdessen hauptsächlich mit Disziplinierung, mit Angst und mit Drohung gearbeitet wird. Die Drohung freilich ist nun vor allem externalisiert: Wer versagt, wird nicht mehr geschlagen, nicht mehr eingesperrt, nicht mehr gedemütigt. Wer versagt, wird vielmehr in ein Leben entlassen, in dem er wegen seines Versagens bis ans Ende geschlagen, eingesperrt und gedemütigt wird. Daher kann man nun die Schule nicht mehr, wie man es vielleicht früher getan hat, »überstehen«, auch wenn man sie hasst. Das Scheitern in der Schu­le, das im übrigen am allerdeutlichsten nicht durch die Bosheit, sondern die Gleichgültig­keit der Lehrer ausgedrückt wird, ist dagegen nun das vorweggenommene Scheitern im Leben. Kein Wunder also, dass school shooters so oft aus diesem verfehlten Leben zurückkehren an den Ort ihrer Verdammung.

So wie man an der Institution Schule scheitert, scheitert man auch an den Mitschülern weniger in der Opposition als in der Gleichgültigkeit. Schülergeschichten – verbrämte oder offene Hor­ror­geschichten fast allesamt – gingen bis in die siebziger Jahre von einer ödipalen Struktur aus. Sie schildern eine Kette der Demütigungen, die früher oder später aber durchlaufen ist, so dass der Gedemütigte auf die eine oder andere Weise selbst zu den Mächtigen gehört. Aber auch die Op­position ist vollkommen zerfallen; die tribes produzieren nur noch den anderen unter anderen und den Verlierer unter Verlierern. Die Subkulturen ähneln immer häufiger dem System und adaptieren den Leistungsfetisch.

In dieser Instanz zur Erzeugung von Gleichgültigkeit kann man keine Person werden. Der Angehörige der weißen Mittelschicht, der keine Ersatzwelt gefunden hat (den Sport, die Droge, die Musik), muss irgendwann bemerken, dass er den Zeitpunkt verpasst hat, eine Person zu werden. Er kann sich nun nicht einfach einer »Todes­sehnsucht« hingeben und sich selbst töten, denn paradoxerweise wäre das nur als Person möglich. Der Selbstmörder ist als Person an den Verhältnissen, etwa in Form anderer Personen, gescheitert. Der Amokläufer aber ist schon daran gescheitert, eine Person zu werden. Wo das Es war und das Über-Ich Terror ausübte, da konnte das Ich nicht werden, weil das eine unförmig wucherte – in den Netzen, den Spielen, den Moden, den Jargons, den Drogen, am allermeisten aber in einem ewigen Alltag des Nichts – und das andere nur eine allzu triviale Gestalt hatte: Erwachsene, zum Beispiel, die es sich nicht einmal mehr zu hassen lohnt.

Der Kapitalismus in seiner derzeitigen Phase bie­tet einem Jugendlichen in Suburbia nicht wirklich die Möglichkeit, ein »anständiger Bürger« zu werden. Entweder er ist anständig, dann schafft er es nicht mehr ins Bürgertum. Oder er ist Bürger, dann muss er sich vom Anstand und anderen Werten befreien. (Wer es nicht glaubt, muss nur fernsehen.) Am väterlichen Unternehmen scheitert man entweder schon in der Schule, oder man wird es verlieren. Diese Struktur des moralischen Verlustes ist einerseits eine durchaus reale Erfahrung, aber weil sie dort chaotisch und individuell durchaus variiert, versorgen uns die Medien mit einem endlosen Fluss von Krimis, Soap Operas und Comedy Shows, die von nichts anderem erzählen als vom gleichzeitigen Zusammenbruch und der »Alternativlosigkeit« der ödipalen Struktur der ökonomischen und ne­benbei sexuellen Ordnung. In diesen Vaterspielen ist vorgeformt, dass es nicht nur keinen Weg zum »anständigen Bürger«, sondern auch keinen zum Subjekt, zur Person geben wird. Hämisch, so scheint es, haben sich Es und Über-Ich verbunden, damit Ich nicht werde. Daher ist es nicht die Lust, die gewinnt, sondern der Todestrieb, der sich durchsetzt. Die einzige Art zu werden, ist, so oder so zu sterben.

Ödipal ist die Struktur der Todeszirkel – egal ob es sich um die der jugendlichen Amokläufer, Totschläger, Komasäufer oder Neonazis handelt – im übrigen auch insofern, als dass diese mehr oder weniger alle die Fetischangebote aus der Welt der Erwachsenen annehmen und sich ihre virtuellen »Väter« wählen (oder ihre »Godfathers«). Das entleerte Subjekt bringt einen Bruch in der ödipalen Kette nicht zustande, wie auch? An seine Stelle aber setzt es seine mediale Spur. Egal welcher Todeskult – stets geht es am Ende darum, das eigene Bild in die Netze zu bringen. Denn genau das ist der »Sinn« des Todestriebs: nicht zu erlöschen und zu verschwinden, sondern sich in einen Untoten zu verwandeln, in ein unsterbliches Bild. Die Videos der Todesboten bleiben im Netz, allen mehr oder weniger ernstgemeinten Versuchen des Löschens zum Trotz.

Der Amoklauf beinhaltet drei Vorgänge in einem: eine Tat, mit der der Amokläufer auf einem Schlag zur Person werden will, eine blutig nachgeholte Initiation, mit der sich das Ich durch ein Niedermähen, ein Entleiben und Entpersonalisieren der anderen bilden soll. Zum Zweiten: ein Ende des eigenen, unmöglichen Lebens. Und zum Dritten die gewaltsame Aufforderung an ei­ne andere, womöglich ihrerseits reichlich »ödipale« Institution, das Opfer zu vollziehen. Vielleicht müsste man deshalb auch einmal über die ikonografische und mythische Verwandtschaft zwischen dem schwarz gekleideten school shooter und den Polizisten der Sondereinsatzkommandos nachdenken, die diesen am Ende jagen oder erschießen sollen.

Der Amoklauf verbindet also die drei Katastrophen der Biografie: Mord, Selbstmord und Opfer. Daher sind sowohl Ort und Zeit des Amoklaufes verständlich: Es ist wie im Fall von Winnenden die Zeit nach der Pubertät, der Amokläufer hat versagt, eine Person im Blick des Vaters zu werden. Andere Amokläufer wählen die Zeit gegen Ende des Berufs- und Karrierelebens, vor dem Erreichen der ödipalen Ziellinie sozusagen: Sie haben versagt, der Vater im Blick der Söhne zu werden und zu bleiben. So wie der Schüler seine Mitschüler als Opfer wählt, tötet auch der alte Amokläufer seinesgleichen: Leute, die genau wie er im Rattenlauf um die alltäglichen Dinge drauf und dran sind, die Richtung zu verlieren. Die unheiligen Jihadisten des untergehenden Bürgertums können weder weitermachen noch einfach verschwinden.

Gefährdet sind offenbar weniger die großen Zen­tren, auch nicht die Schulen an »sozialen Brennpunkten«, sondern gerade Kleinstadt- und Provinzidyllen, die »Speckgürtel« der Städte wie der um Stuttgart. Zunächst könnte man meinen, dass dort der familiäre und nachbarschaftliche Druck am größten und die Möglichkeit zur Flucht am kleinsten sei. Es sind allerdings auch die Orte, an denen sich eine bestimme Fraktion der Mittelschicht in der letzten Generation ein Refugium zu errichten glaubte, Orte, die der Elterngeneration die Erfüllung und somit auch das Ende aller Träume bescherten, den Kindern aber zum Alptraum wurden.

So wird der Junge zum Amokläufer, der nicht hineinwachsen und auch nicht fliehen kann, oder es wird der Vater zum Amokläufer, der nichts zurücklassen, aber auch nichts erhalten kann. Daher ist die Alternative kein Erproben anderer Zei­chen und Gesten, sondern ein fundamentales Weg-Sein, das Nicht-Leben.

Wenn man also den Amoklauf im einzelnen zwar als irrationales und unvorhersehbares Ereignis, die Amokläufe als Metaphern dagegen als strukturierte Ex- und Implosionen an bestim­mten sozialen und biografischen Orten versteht, dann kann man wohl von einem Kult des Todestriebs in den Teilen der Jugend sprechen, die keine eigene Kultur mehr ausbilden und nicht einmal eigene Drogen und Dresscodes haben. Auch die Komasäufer sind Jihadisten ohne Glauben. »Kampftrinken« und »Komasaufen« sind Ausdrücke, die einen solchen Zustand andeuten, nur ist der Kampfplatz der eigene Körper. Dieser soll zerstört werden, denn scheinbar hat ihn die Gesellschaft dem Kampftrinker nur geliehen, damit dieser arbeite, konsumiere, abbilde.

Der junge Neonazi scheint insofern fein heraus, als er seinem Kult des Todestriebs einen politischen »Sinn« unterstellt, er möchte ein richtiger Jihadist werden. Daher lässt er sich in gewisser Weise disziplinieren: Eine Explosion wird ihm für später versprochen, anders als der Amok­läufer darf der Neonazi aber seine Gefährlichkeit schon lange vorher in der Öffentlichkeit zeigen.

Wann wird die Inszenierung des Todestriebs zu einer »normalen« Katastrophe? Die Amokläufe sind Teil des öffentlichen Lebens geworden. Einen Tag nach den Ereignissen in Winnenden verschickten allein in Baden-Württemberg sechs »Trittbrettfahrer« Drohbriefe. Alle Polizisten sind mittlerweile zu einem regelmäßigen Training für »Amoklagen« verpflichtet. Allein in Münster gab es im Jahr 2008 neun »ernst zu nehmende Amokankündigungen«. Auch die weibliche Beset­zung ist schon vorhanden. In Erfurt haben vor kurzem zwei junge Frauen, 19 und 20 Jahre alt – also keine pubertierenden Mädchen mehr –, mit Droh-Mails an eine Schule auf sich aufmerksam gemacht, in denen zu lesen war: »Jetzt ist es so weit. Nun werdet ihr alle sterben.«

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