Géza Ottlik: Abdruck aus dem Roman »Die Schule an der Grenze«

Kalte Suppe in die Kehle

Eine Militärschule im Ungarn der zwanziger Jahre: Der zehnjährige Medve erhält hier seine ersten Lektionen in Gewalt, Anpassung und Unterordnung.

von Géza Ottlik

Im Tagesbefehl wurden laufend die verschiedensten Strafen verlesen, die der Bataillonschef bald über den einen, bald über den anderen verhängt hatte. Medve war noch nie bei dem Oberstleutnant gewesen, er hatte aber auch keine Angst vor ihm. Selbst als Major Ernst ihn eines Tages, gleich zu Beginn der Deutschstunde, zum Rapport befahl, bewahrte er seine Zuversicht.

Major Ernst war ein gutmütiger, ein wenig ta­periger alter Herr. Unfähig, Disziplin zu halten, wankte er alle fünf Minuten vom Ka­theder herunter, um die Klasse krächzend zur Ruhe zu ermahnen. Medve saß in der Mitte der ersten Rei­he. Gewöhnlich lehnte Major Ernst sich gegen seine Lehrmittelkiste, wenn er, mit seinem Blei­stift aufgeregt auf der grünen Tischplatte trommelnd, über Medves Kopf hinweg in die Klasse schrie: ›Ruhe! Indolente Esel! Das geht zu weit!‹

Bald deutsch, bald ungarisch beschimpfte er die Klasse, fuchtelte mit der mageren alten Faust, doch Medve war der Überzeugung, das alles gäl­te nicht ihm. Diese seine Überzeugung war auch nicht ganz aus der Luft gegriffen; doch entschei­dender als ihre wahre Begründung war der Anschein: der Major zeterte tatsächlich über ihn hinweg gegen die anderen.

Der einschläfernde Unterricht des Majors lang­weilte Medve. Er konnte beim besten Willen nicht aufpassen. Dennoch hielt er auf seinem Platz still und tuschelte nicht mit seinen Nachbarn, wie die anderen es taten. Es war nämlich so, dass weder der kleine Matej, sein Nachbar zur Linken, noch der zur Rechten, das ›Schauspielergesicht‹ Zsoldos, sich mit ihm abgaben. Zsol­dos ließ sich allenfalls zu ihm herab, wenn er – in Abwesenheit des Unteroffiziers – auf seinem in Seidenpapier gewickelten Kamm, wie auf einer Mundharmonika, einen Shimmy blies und kein besseres Publikum für seine Darbietung fand; dann wandte er sich für einen Augenblick Medve zu und prustete und raschelte ihm das Lied mit bedeutungsvoll gerunzelten Brauen ins Gesicht. Zu sagen hatte er ihm allerdings nichts.

Eines Tages, als das Getuschel wieder einmal gleich zu Beginn der Deutschstunde einsetzte und Major Ernst sich mühsam erhob, schwerfällig, aber beherzt, und, vorsichtig vor seine Füße blickend, vom Katheder stieg, um, auf Med­ves Lehrmittelkiste gestützt, ›Ruhe!‹ zu schreien, fand er sich mit seiner Hand unvermutet in einem großen, klebrigen, unappetitlich fettigen Schmutzfleck.

Augenblicklich verstummte er. Er hatte etwas Glitschiges gespürt und riss die Hand zurück, um sie verwundert zu betrachten. Er schrie Med­ve an: ›Sssakrament … ! Du … Du … Pennäler!‹ Er sprach tadellos Ungarisch, es war ja seine Mutter­sprache – uns schien sogar, als sei sein Wortschatz viel reicher als der der anderen Offiziere –, aber eine bestimmte Gruppe von Worten benützte er unabhängig von ihrer Bedeutung, nach seinem eigenen Gutdünken. Wenn jemand eine ungenügende Antwort gab, sagte er zum Beispiel: ›Sie sind wohl gar nicht vorhanden‹, blieb aber einer die Antwort ganz und gar schuldig, so mur­melte er verächtlich: ›Allerdings.‹ Auch die Namen verdrehte er oder sprach sie völlig willkürlich aus. ›Pennäler‹ galt als schwere Beleidigung.

Er machte auf dem Absatz kehrt und ging mit hängendem Kopf, den Blick auf die Stufen der Estrade gerichtet, auf seinen Platz zurück. Dann suchte er in der Sitzordnung-Tabelle nach dem Namen des Schuldigen, was ziemlich viel Zeit in Anspruch nahm. Schließlich blickte er auf: ›Zögling Medvedj!‹

›Zbefehl!‹ antwortete Medve und schnellte von seinem Platz auf. Während er sich erhob, bückte er sich für einen Augenblick nach vorn, denn er hatte Bauchkrämpfe oder viel mehr: ihm war, als drehte sich der Magen in seinem Leibe.

Dem alten Major Ernst fiel dieses Abweichen von der Vorschrift nicht auf, er merkte nie etwas. Es war ein leichtes, ihn zu überlisten, und nicht minder leicht, ihn in Wut zu versetzen. Geriet er aber in Wut, so fingen seine Hände zu zittern, sein Kopf zu wackeln an, und er blickte mit geschwollenen Tränensäcken und verschwim­menden Augen um sich, hüstelte und schneuzte sich stundenlang in sein bettlakengroßes Taschentuch. Medve bangte eigentlich stets darum, die Klasse möge Ruhe geben und den guten Alten nicht immerfort aus der Fassung bringen. ›Es kostet ja keine so große Überwindung, sich mal ein bisschen still zu verhalten‹, dachte er großherzig, sozusagen im Namen aller, doch oh­ne zu bedenken, dass diese Großherzigkeit ihn kein besonderes Opfer kostete. Er stellte sich den ergrauten, pensionierten Major im Kreise seiner Familie vor, inmitten seiner erwachsenen Kin­der und Kindeskinder, die ihn alle mit zärtlicher Liebe und Nachsicht umgaben; stand doch hinter ihm ein langes Menschenleben. Und trotzdem war er die Güte und das Verständnis in Person.

Doch diesmal fuhr Major Ernst Medve unvermittelt und ziemlich grob an: ›Zum Rapport! Sie melden, dass Sie den Deckel Ihrer Lehrmittelkiste mit Fett beschmiert haben! Abtreten!‹

Auch der deutsch erteilte Befehl war nicht ganz am Platze. Hieß es ›Abtreten!‹, so musste man salutieren, kehrtmachen und, mit drei zackigen Stechschritten beginnend, irgendwohin abmarschieren. Dieses ›Abtreten!‹ aus dem Munde des Majors konnte man allenfalls als eine wut­ableitende Floskel auffassen, und auch Medve wusste ihn nicht anders als in übertragenem Sin­ne auszuführen. Er setzte sich. Etwas anderes blieb ihm auch gar nicht übrig, obwohl der Fett­fleck auf der Tischplatte nicht von ihm stammte.

Genau genommen hatte Medve auch weder über den Sinn des Befehls noch über Güte oder Ungerechtigkeit des Majors oder der Bestellung zum Rapport nachgedacht. Solch nebulose, zivile Begriffe und kindische Vorstellungen versuchten ihn immer seltener, ihnen war der Boden längst entglitten. Er glaubte nicht mehr daran, dass sein Jahrgangsleiter ihn in Schutz nehmen oder der Bataillonschef beim Rapport Gerechtigkeit üben würde, aber auch das Gegen­teil glaubte er nicht. Diese Apathie, in der jeder Gedanke erstarb, die Ohnmacht der mit jedem Tag neu erwachenden Verzweiflung und der ausweglosen Verwirrung, die ihm schwarz und rot glühende, sich weitende und wieder verengende Ringe vor den Augen tanzen ließ, hatte ihn an diesem Tag endgültig übermannt.

Da es regnete, war das ganze Bataillon während der Vormittagspause, auf die dann die Deutschstunde gefolgt war, in den Klassenzimmern geblieben. Nach Arztvisite und Jausenbrotverteilung ging Bognár in die Schreibstube hinüber, um den Rapport vorzubereiten. Medve, mit dem halben Gesäß auf seiner Lehrmittelkiste reitend, sein Schmalzbrot in der Hand, überließ sich den Gaumenfreuden. Er merkte nicht, dass der Bösgeschau Wachtel nach vorn geschlichen war und bereits Zsoldos bimste, indem er ihm kleine Kinnstüber versetzte. Med­ve saß mit dem Rücken zu den beiden, halb Matej zugewandt.

Das knusprige, mit Butter oder Schmalz bestrichene Frühstücksbrot war für ihn das höchs­te der Gefühle. Knorpeliges Fleisch schob er immer noch an den Tellerrand, die verhassten Grießnudeln aber aß er in seinem Kohldampf neuerdings schon auf. Nicht einmal die Knackwürste, die es sonntags zum Abendessen gab, ließ er mehr stehen, obwohl die so schlecht wa­ren, dass die meisten sie, anstatt sie zu essen, in den Schlafsaal hinaufschmuggelten, um sich damit eine Knackwurstschlacht zu liefern. Das Schmalzbrot stand allgemein sehr hoch im Kurs. Der kleine Matej war gerade dabei, die dicke Schnitte mit seinem Taschenmesser in zwei dün­ne Scheiben zu zerschneiden. Die mit Schmalz bestrichene obere Hälfte aß er dann gleich auf, die andere, trockene Scheibe bestrich er mit Gänseschmalz. Er hütete nämlich ein Einmachglas voll herrlichem goldgelbem Gänseschmalz im hinteren Schubfach seiner Lehrmittelkiste.

Dieses Gänseschmalz hielt Medves ganze Aufmerksamkeit gefangen. Er konnte sich bei größ­ter Selbstbeherrschung nicht daran hindern, mit gierigen Augen auf Matejs Gänseschmalz zu starren. Der schmächtige, sommersprossige Bub spendierte davon alle Jubeljahre eine Messerspitze voll seinem Freund, da er an ihm hing, den anderen gab er selbstverständlich nichts, so schamlos und ausdauernd sie ihn zuweilen auch anbettelten. Das Glas hielt er vorsorglich unter dem linken Arm, um es jederzeit, beim ersten Anzeichen von Gefahr in das hintere Schubfach rammen und den Deckel darüber zuklappen zu können. Merényi freilich hätte es ihm wegnehmen können, wenn er gewollt hätte, doch Matej war mit Mufi befreundet, und das brachte ihm eine gewisse Immunität ein. Drágh hätte er von seinem Schatz auch freiwillig abgegeben, wenn der ihn darum gebeten hätte, aber Drágh stellte weder an ihn noch sonst jemanden jemals irgendwelche Bitten.

Medve musste einsehen, dass ihn eine ganz und gar unüberbrückbare Kluft vom Gänseschmalz trennte, und so sagte er nie ein Wort, ob­wohl ihm das Wasser oft so gierig im Munde zusammenlief, dass er nahe daran war, jedes Be­denken über Bord zu werfen und Matej um einen dünnen Aufstrich für sein Brot anzugehen. Doch selbst die Gier konnte ihn nicht so weit blenden, dass er unfähig gewesen wäre zu erken­nen, in welch hoffnungslos lächerliche und erniedrigende Situation eine solche Bitte ihn hätte bringen müssen.

Er ließ sich von seiner Tischplatte gleiten und wandte sich, unter Aufbietung seiner ganzen Selbstdisziplin, von Matej ab. Er fand sich dem hohläugigen Wachtel gegenüber. Der tippte ihm mit dem Zeigefinger auf den obersten Knopf seiner Bluse.

»Nanu? Was hast du denn da?«

Die Geste war überzeugend, und Medve blickte zerstreut auf seinen Knopf hinab. Dabei war der Trick ihm nicht unbekannt. Obendrein hatte der Wachtel ihn gerade bei Zsoldos durch­exerziert; aber auch bei den anderen war dieser Spaß sehr beliebt. Als Medve den Kopf senkte, stieß der Wachtel ihm mit einer blitzschnellen Bewegung das Kinn zurück. Medves Zähne klappten laut aufeinander, und er biss sich auf die Zunge.

In der rechten Hand hielt er sein Schmalzbrot. Er versuchte, sich so zu benehmen, wie er es bei Zsoldos gesehen hatte. Vor diesem wi­derlichen, kleinen, pockennarbigen Wachtel hat­te er Angst. Er stieß also ein ›Au!‹ hervor, verzog ein wenig die Miene und befühlte sein Kinn, versuchte aber, ein anerkennendes Lächeln vorzutäuschen, da er hoffte, den Wachtel auf diese Weise am schnellsten loszu­werden.

›Au weh!‹ stöhnte er.

Er hatte sich zwar auf die Zunge gebissen, aber es tat nicht weh, er mimte den Schmerz nur. Was ihn in Wirklichkeit schmerzte, war Matejs Gänseschmalz. Genauer ausgedrückt: das Gänse­schmalz schmerzte ihn nicht, es verwirrte ihn nur. Diese Verwirrung aber war unerträglich.

Hätte Matej ihm von seinem Gänsefett etwas abgegeben, aber – sagen wir – nur an zweiter oder dritter Stelle hinter seinen besten Freunden, ja selbst wenn er ihn vor allen anderen, aber außer ihm auch noch andere berücksichtigt hät­te, wäre er nicht weniger verwirrt gewesen. Dass er in Wirklichkeit auch unter jenen, die nicht die geringste Chance hatten, von Matejs Gänseschmalz jemals eine Kostprobe zu bekommen, der allerletzte war, spielte praktisch keine Rolle mehr. Das Gänseschmalz an sich war es, das ihn in diese grenzenlose, peinvolle Verwirrung ver­setz­te, in die gleiche Verlegenheit, die ihn überkam, wenn man ihn schlug, ohrfeigte oder mit Füßen trat.

Am liebsten hätte er der ganzen Angelegenheit seine Aufmerksamkeit versagt, sie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, aber das war nicht möglich. Wurden doch Gänseschmalz und Bratenfett zu Hause immer für ihn aufgehoben, da er sie für sein Leben gerne aß. Nicht ein­mal seine Mutter hätte je davon genommen. Auch das Fett, in dem die Leber der Gans ausgebraten wurde, gehörte ihm allein. Zur Zehnuhrjause aß er es, auf frisches Roggenbrot gestrichen, oder nachmittags, wenn er bäuchlings auf dem Sofa lag und las. Das war stets ein wahres Festessen, und Medve fand diese Ordnung der Dinge völlig selbstverständlich und auch durchaus richtig. Dass aber Matej das Gän­seschmalz, das seine Mutter wohl mit der gleichen Liebe für ihn aufgehoben hatte, so ei­fer­süch­tig hütete, dünkte Medve jämmerlich und schäbig. Alles, selbst die Mutterliebe, erschien ihm mit einem Male armselig. Er schämte sich, und das brachte ihn in diese peinliche Verlegenheit. Er hätte sich zwar gerne von seinen eigenen Empfindungen abgekehrt, doch dazu war er nicht imstande.

Um ihn herum wankte die ganze Welt, vor seinen Augen tanzten glühende, sich weitende und wieder verengende Kreise. Er bemühte sich zwar, klaren Kopf zu behalten, doch auf sein Be­nehmen zu achten und sich auf den Wachtel und die Abwendung des Angriffs zu konzentrieren, überstieg seine Kräfte.

›Au!‹ stöhnte er. Er befühlte seine Backe und ver­suchte zu lächeln. Allein das Lächeln, das fröhliche Anerkennung und einmütige Gelassenheit hätte spiegeln sollen, misslang. Das unbeholfene Feixen, zu dem seine Züge sich ver­zerrten, war nicht imstande, den Ausdruck des un­be­zwing­baren, krampfhaften Ekels fortzuwischen, im Gegenteil, es machte ihn nur noch augenfälliger. Durch diese feige Haltung hatte Medve sich eigentlich den anderen anpassen wollen; dass sie ihm bei einem solchen Gesichts­aus­druck nichts helfen konnte, wusste er noch nicht. Er wusste auch nicht, dass hier – ob man das geschlossene System von innen oder von außen her betrachtete – er, Medve, und keineswegs der Wachtel der Angreifer war.

Er wusste nur, dass auch die Feigheit, die hier von einem erwartet wurde, ihr genaues Maß hatte; überschritt man es, so konnte auch dies als Herausforderung aufgefasst werden. Der Wachtel fixierte ihn denn auch mit regloser Mie­ne und starrem Blick, er rührte sich weder, noch verlor er ein Wort. Er hätte schon längst weitergehen können, doch er stand immer noch da und stierte Medve aus frechem, hartem Gesicht wie ein Schlangenbändiger an.

Plötzlich wandte sich Matej, als wäre ihm unverhofft ein Licht aufgegangen, betont eifrig, den halben Bissen noch im Mund, zu Medve: ›Naa? Du Madiger! Passt dir was nicht?‹

Der Wachtel schielte zu Zsoldos, ohne den Kopf zu wenden. Eine Pause entstand. Da kei­ner etwas sagte, fuhr Matej, der inzwischen den Bissen hinuntergeschluckt hatte, drohend und gedehnt fort: ›Du madiges Dreckschwein, du Jauche­grube! Wenn dir was fehlt, kannst du’s bei mir kriegen!‹ Er überschüttete Medve mit Schmähun­gen. Der Wachtel stand immer noch schweigend da. Auch Zsoldos schwieg, er kicherte nur und zuckte reserviert mit den Achseln zum Zeichen seiner Beistimmung. Aber er sagte nichts. Er brauchte sich nicht weiter zu bemühen: er war keine Persönlichkeit vom Range eines Matej, der auf Grund seiner Freundschaft mit Mufi immerhin zu dem erweiterten Kreis um Merényi gehörte und durch diese seine Würde zur aktiven Stellungnahme verpflichtet war.

Rein theoretisch freilich hätten sie sich alle beide auch gegen den Wachtel stellen und ihn so­gar so verdreschen können, dass er seinen Kürbis am anderen Saalende hätte suchen müs­sen. Rangunterschiede gab es ja nicht, alle waren gleich, die Neulinge mit einbegriffen. Es gab kein Reglement, weder geschriebenes noch ungeschriebenes, das Merényi oder den Wachtel mit irgendeiner wie immer gearteten Macht ausgestattet hätte. Aber gerade das machte die Sache so verteufelt. Denn so gefährlich das auch war, dieser theoretischen Gleichberechtigung gaben alle, bis auf Béla Zámencsik, von Zeit zu Zeit mit einer Geste, einem Gelächter oder einer Replik Ausdruck, und Medve hatte das Gefühl, nun sei die Reihe an ihm: die Situation fordere, dass er diese seine Unabhängigkeit demonstriere.

In der rechten Hand hielt er sein Schmalzbrot, also hob er den linken Arm, die geballte Faust vor die Brust, den Ellenbogen auf den Wachtel gerichtet, so, als wolle er ihn zurückstoßen. Er murmelte bescheiden: ›Ach geh … Hau ab …‹

Der Wachtel rührte sich nicht. Medve stand an­griffsbereit da, schlug aber nicht zu. Um die unglückselige, viel zu zaghafte Gebärde irgendwie zu Ende zu führen, gab er dem Wachtel schließlich einen sanften Schubser.

Der Pockennarbige kniff die Augen zusammen und setzte sich endlich in Bewegung. Als erstes schlug er Medve das Schmalzbrot aus der Hand, dann fuhr er ihm mit dem Knie, blitzschnell und mit voller Wucht, in den Bauch. Das Brot fiel auf Medves Pult, mit der Schmalzseite nach unten.

Merényi, der nur selten lachte, stieß ein wieherndes Gelächter aus. Er schwang sich auf den Tisch, mit dem Hintern auf das Brot und walz­te es zu einem Fladen, dann sprang er hinunter, spießte das plattgedrückte Brot auf die Spitze seines Taschenmessers und winkte Mufi herbei.

›Mufihund, komm her!‹

Er hob die verunglückte Schnitte auf der Messerspitze hoch und hieß Mufi betteln.

›Männchen machen, Mufihund! Schön Männ­chen machen!‹

Mufi schüttelte die vor die Brust gehobenen Hände, hüpfte und knurrte, schnappte mit dem Mund nach dem Brot, und als Merényi es ihm schließlich zuwarf, würgte er es gierig hinunter. Nur wenigen gelang es, ihm zuzu­schauen, oh­ne laut herauszuprusten. So vollendet ahmte er die Bewegungen eines bettelnden Hundes nach.

Medve lachte nicht. Der Schwinger in die Magengegend, den der Wachtel ihm verpasst hatte, hatte ihn der Übelkeit nahe gebracht. Das Klas­senzimmer drehte sich um ihn. Nur der Brechreiz ließ allmählich nach, der Schmerz hinter dem Nabel aber wollte nicht weichen. Medve war wie betäubt von dem Ekel, der ihn erfüllte. Mit gekrümmtem Rücken, die Schultern nach vorn gesunken, saß er unbeweglich auf seinem Stuhl.

Er sah und hörte alles, was um ihn her geschah, aber alles war ihm gleichgültig. Er war­tete nur, dass diese unerträgliche innere Schwä­che von ihm weichen möge, ohne sich um etwas anderes zu kümmern. Er sah, dass es draußen trostlos regnete. Er sah, wie einige Gestalten vor dem Katheder agierten: Merényi tänzelte im Zweitakt, zwei Schritte schräg auf die Wand zu, zwei Schritte zurück, auf ihn, Medve, zu; Mufi schüttelte die Hände vor der Brust, Gereben grölte, und um diese Dreiergruppe herum bewegten sich noch einige wei­tere graue Hausblusen, lautlos wie im Stummfilm. Zunächst sah er nur eine stumme Bilderfolge, die Stimmen drangen ihm erst verspätet ins Bewusstsein, von fern her und verschwommener als das Bild, dem sie, von ihm abgesplittert, um eine Phasenlänge nachhinkten.

Er vernahm auch das Gelächter. Er hörte Mufis drolliges Gekläff. Er sah, wie Mufi nach dem Brot schnappte und wie er es verschlang. Dann hörte er ihn bellen. Oder war das gar kein Gebell, sondern ein Tanz? Aber auch das war ihm gleichgültig. Diese ganze bizarre Pantomime und das ferne Stimmengewirr waren ohne jede Bedeutung für ihn. Selbst die Tatsache, dass es dabei um sein Schmalzbrot ging, änderte daran nichts. Obschon er auch die platt gedrückte Schnitte mit der ein wenig abgelösten Rinde ganz deutlich sah. Allein sie war ein neutrales Etwas, und für ihn ebenso ohne Bedeutung wie die ris­sigen Bretter der Estrade oder der Tafelschwamm und der aus dem Schwammbehälter hervorlugende Zipfel des kreideverschmierten Lappens, der, wie er sich hinter dem Schwamm bauschte, ihn an ein schmollendes weißes Kätzchen er­innerte.

Merényi hüpfte mit einem Bein auf das Kat­he­der, drehte sich um die eigene Achse und sprang wieder hinunter vor die Schülerpulte.

Gereben hatte die Klappe seiner rechten Brust­tasche in das Tascheninnere gestopft. Drágh ging zum Ofen und schien verbergen zu wollen, wie köstlich er sich amüsierte. Die feuchte Fläche der frisch abgewischten Tafel durchzogen trockene, schmale Milchstraßen. Medve nahm das alles scharf und deutlich wahr, obwohl er, ohne den Blick zu heben, gerade vor sich hin auf die rechte obere Ecke seiner Lehrmittelkiste starrte. Irgendwann einmal war Major Ernst hereingekommen. Man stand auf und setzte sich wieder, danach war nur mehr die Stille zu hören; später vernahm er das ›Habt acht!‹ und eine Weile danach wiederum die Stimme des Majors. Draußen regnete es immer noch. Ihn erfüll­te ein dumpfes Gewoge körperlicher Übelkeit und seelischen Unbehagens. Doch seit es ihn be­täubte, schmerzte dieses fast dinghafte Wogen ihn nicht mehr.

Das Bedeutungsvollste von allem schien noch jene Ecke des grünen Pultdeckels zu sein. Sie war ihm seit langem vertraut, doch jetzt sah er sie mit ganz anderen Augen; mehr war eigentlich auch nicht geschehen. Strenggenommen, schenkte er nicht einmal dieser Ecke besondere Aufmerksamkeit, denn so wichtig war sie wiederum auch nicht. Sie war nur die ganze Zeit über vor seinen Augen. Der Anstrich war un­eben. Jenes Eck, das er anstarrte, zeigte in seiner glatteren Hälfte ein angenehmes Grasgrün, das aber nach unten zu immer dunkler wurde. Am Rand staute sich die Farbe. Den dunkelgrünen Fleck, dessen Form an nichts erinnerte, durch­zogen, der Maserung des Holzes folgend, drei parallel laufende Einkerbungen, die Medves Vorgänger wohl mit Bleistift oder mit der Spit­ze eines Zirkels in den Farbüberzug geritzt hatten. Medve dachte weder an die Entstehung noch an den Sinn dieser Einkerbungen. Er besah nur die handtellergroße grüne Fläche mit flutartig ansteigender und gleich wieder verebbender Aufmerksamkeit.

Gegen Ende der Deutschstunde ließ die wohltuende Betäubung allmählich nach, und die Welt mit ihrem eisigen Entsetzen fing an, langsam in sein Bewusstsein einzusickern: Medve war es, als gieße man ihm eine schlecht­ge­wor­dene, kalte Suppe in die Kehle. Nach und nach fiel ihm alles wieder ein, auch dass er zum Rapport befohlen worden war.

Abends hielt Schulze eine Generalprobe ab und ließ auch Medve mehrmals wiederholen, was und wie er beim Rapport dem Oberstleutnant zu melden hätte. Nach dem Zapfen­streich, in seinem Bett, legte Medve in aller Ausführlichkeit sich die Antwort zurecht, die er auf die Frage geben würde, wie das Fett auf sein Pult gekommen sei und warum er es nicht abgewischt habe. Sofern der Oberstleutnant sich danach erkundigen sollte. Er dachte sich alles ganz genau aus. Doch alles sollte anders kommen.

Am anderen Tag mussten sie, gleich zu Beginn der großen Vormittagspause, in den Schlafsaal hinaufrennen, um Schuhe und Hosen sauberzubürsten. Das Wesentliche am Rapport war im Grunde dieses fieberhafte, nicht enden wollen­de Bürsten und Klopfen. Der kahlköpfige Oberst­leutnant ließ lange auf sich warten. Schließlich aber kam er; und indem er – und mit ihm seine Suite –, die Linie entlangschassierend, von Zögling zu Zögling schritt, salutierte und wieder weiterschas­sierte, blieb er endlich vor Medve stehen. Der leierte benommen den eingelernten Text her, er sei auf Befehl des Herrn Majors Ernst zum Rapport erschienen und melde gehor­samst, dass der Deckel seiner Lehrmittelkiste mit Fett beschmutzt gewesen sei.

›Was beschmutzt? Der Deckel?‹

Medve sah dümmlich und sanftmütig in das unverständige Gesicht des Oberstleutnants.

›Antworten Sie!‹

›Jawohl!‹

Es stellte sich jedoch heraus, dass das Stirnrun­zeln und die unverständige Miene des Oberst­­leutnants etwas anderes als Unverständnis aus­gedrückt haben mussten: Bestürzung vielleicht, oder Empörung. Er hatte nämlich schon beim ersten Mal alles sehr wohl verstanden und auch sein Urteil gefällt.

›Mit Fett?‹

›Jawohl!‹

›Der Deckel?‹

Der Oberstleutnant nickte.

›Das Klassenzimmer ist kein Schweinestall. Lernen Sie das. Sie melden das eine Woche lang beim Rapport.‹

Den letzten Satz sprach er bereits halb zurück­gewandt, über die Schulter hinweg zum Schreiber und schassierte salutierend weiter. Auch Med­ve und sein Nachbar zur Linken salutierten: alle drei gleichzeitig. Und alle drei spürten, dass das so rechtens war. Medve hatte sich zwar alles ganz anders vorgestellt, nun aber empfand er es, wie es geschehen war, geradezu als wohltuend. Anders hätte es gar nicht kommen können; erkannte man darin das mustergültige Schema, ließ sich aus dieser Erkenntnis sogar ein wenig Mut schöpfen.«

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Géza Ottlik: Die Schule an der Grenze. Aus dem Ungarischen von Charlotte Ujlaky. Eichborn Verlag, Die Andere Bibliothek, Frankfurt am Main 2009. 528 Seiten, 32 Euro. Der Roman ist soeben erschienen.

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