Karl Rössel: Über internationale Solidarität

Zensierte Kontinuität

Bereits in den Achtziger Jahren war klar, dass sich internationale Solidarität nicht an der eigenen Politromantik orientieren darf. Nur die Palästina-Solidarität entzieht sich bis heute dieser Selbstkritik.

Kommentar von Karl Rössel

Mitte der achtziger Jahre gab es in der bundesdeutschen Internationalismusszene eine breite Debatte über die »Konjunkturanfälligkeit der Solidaritätsarbeit«. Schließlich hatten die Objekte der Solidarität bis dahin gewechselt wie Moden. Von der Unterstützung des algerischen Befreiungskampfs über die Proteste gegen den Vietnam-Krieg bis zur Mittelamerika-Solidarität hatte es internationalistische Bewegungen gegeben, von denen wenige Jahre später nur noch Restbestände auszumachen waren.

Dieses Auf und Ab der Solidarität diskutierte der Bundeskongress der Internationalismusbewegung 1986 in Bremen unter dem Titel »Kein Che ist nicht in unserer Mitte«. Als ein wesentlicher Grund für diese Konjunkturen wurde benannt, dass kritische Informationen über Befreiungsprozesse hierzulande nicht selten unterschlagen wurden, um die eigenen romantisierenden Vorstellungen von revolutionären Umwälzungen anderswo nicht in Frage stellen zu müssen.

Eine Folge dieser beschränkten Wahrnehmung war, dass etwa die Algerien-Solidarität erschreckt zusammenbrach, als nach der Unabhängigkeit des Landes eine Fraktion des algerischen Front de Libération National (FNL) eine andere Fraktion per Militärputsch verdrängte. Die Indochina-Solidarität zerfiel, weil der dortige Sozialismus zwischen 26 Millionen Bombenkratern nicht den romantischen Vorstellungen in deutschen WGs entsprach und die »Bruderländer« Vietnam, China und Kambodscha schließlich Krieg gegeneinander führten, hatten doch manche K-Gruppen selbst die Massenmorde des Pol-Pot-Regimes noch als »revolutionäre Notwendigkeiten« entschuldigt. Die Debatte über Solidarität dieser Art führte zu der bis heute aktuellen Schlussfolgerung, dass die Internationalismusbewegung ihre Wunschvorstellungen gegenüber Bewegungen anderswo aufgeben und mit den überall vorhandenen Widersprüchen bewusst umgehen muss. Allein die Palästina-Solidarität entzog sich damals weitgehend jeder Selbstkritik, weshalb politische Prozesse im Nahen Osten bis heute auf hiesige Wunschvorstellungen zurechtgestutzt und störende Fakten relativiert, geleugnet und zensiert werden, wie es die Berliner Werkstatt der Kulturen unlängst mit den Informationstafeln über arabische Nazikollaborateure in der Ausstellung »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« versuchte. Zwar vermochte niemand die darin präsentierten Fakten zu widerlegen. Um so heftiger wurde den Ausstellern jedoch das Recht bestritten, diese »in diesem Zusammenhang« zur Diskussion zu stellen. (Wetten, dass es so bald keinen »anderen Zusammenhang« geben wird, in dem arabische Nazikollaborateure in der Werkstatt der Kulturen thematisiert werden?)

Der Grund für die Abwehrhaltung ist, dass manche aus den historischen Fakten Schlussfolgerungen für aktuelle Nahost-Debatten ziehen könnten. Schließlich führt die Kenntnis der Geschichte die in arabischen Ländern gängige und von hiesigen Apologeten übernommene Argumentation ad absurdum, dass es dort »bis zur Gründung Israels keinen Antisemitismus gegeben« habe und dass mit der Gründung des jüdischen Staates »ein europäisches Problem auf Kosten der Palästinenser gelöst« worden sei. Dass »kein Araber etwas mit den Verbrechen an den Juden unter den europäischen Nazis zu tun« habe, wie es der ägyptische Schriftsteller Gamal al-Gutani und andere bis heute verbreiten, entpuppt sich als Lüge, wenn man weiß, dass Dutzende Araber für den Propaganda-Apparat der Nazis in Berlin gearbeitet haben und dass der oberste Repräsentant der arabischen Bevölkerung Palästinas, Hadj Amin el-Husseini, als SS-Gruppenführer persönlich dafür sorgte, dass Tausenden Juden die Flucht verwehrt und sie in die Vernichtungslager in Polen deportiert wurden.

Argumentierte Husseini schon in den dreißiger Jahren mit der antisemitischen Hetzschrift »Die Protokolle der Weisen von Zion«, so bezieht sich die Hamas in ihrer Charta noch heute darauf. Es sind Kontinuitäten wie diese, die jene nicht sehen wollen, die den palästinensischen »Widerstand« noch immer idealisieren. Dabei hat der Antizionismus von Organisationen wie Hamas und Hizbollah heute dasselbe Ziel wie der Antisemitismus der Nazikollaborateure von damals: die Vertreibung und Vernichtung der Juden.

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