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Oliver M. Piecha: Zum 100. Jahrestag der Hinrichtung des antiklerikalen spanischen Pädagogen Francisco Ferrer

Die Erfindung des globalen Protests

Nach der Hinrichtung des antiklerikalen Pädagogen Francisco Ferrer in Barcelona kam es 1909 in vielen Ländern zu Protesten. Erstmals sorgten moderne Medien für eine schnelle Kommunikation.

von Oliver M. Piecha

Demonstrationen, auf denen es auch schon einmal zu Revolverschüsse kam, Streikaktionen, empörte Aufrufe, demolierte Kirchen, Soldaten, die Botschaften schützen mussten – in der zweiten Oktoberhälfte vor 100 Jahren waren die Zeitungsspalten voll von solchen Meldungen. Begonnen hatte es mit einem Justizmord. Als der spanische Pädagoge und Freidenker Francisco Ferrer am 13. Oktober in Barcelona vor das Erschießungskommando trat, soll er noch ausgerufen haben: »Zielt gut, meine Kinder! Ihr könnt nichts dafür! Ich bin unschuldig! Es lebe die Moderne Schule!« Ferrer, dessen Konzept der »Escuela Moderna« wichtig für die libertäre Pädagogik wurde, wurde nach seiner Hinrichtung über Nacht zu einer Symbolfigur des Kampfes für die säkulare Moderne und ihres emanzipatorischen Ethos.

Im Sommer 1909 war es in Barcelona nach Lohnstreiks und Reservisteneinberufungen für einen Kolonialfeldzug in Nordafrika zu einem spontanen Aufstand gekommen, der erst durch einen Militäreinsatz niedergeschlagen werden konnte. Ferrer, an den Ereignissen vermutlich wirklich unbeteiligt, war als angeblichem prominentem Rädelsführer vor einem Militärtribunal unter offensichtlicher Umgehung rechtsstaatlicher Normen der Prozess gemacht worden. Der Grund war seine dezidiert antiklerikale Propaganda, die er durch Flugschriften sehr publikumswirksam verbreitet und die ihn für das monarchistisch-kirchliche Establishment Spaniens zu einer regelrechten Hassfigur gemacht hatte.

Womit die spanische Regierung offensichtlich aber nicht gerechnet hatte, war das Ausmaß des internationalen Widerspruchs, den der schnell durchgezogene Prozess hervorrief. In Europa breitete sich nach Bekanntgabe der Hinrichtung umgehend ein wahrer Flächenbrand des Protestes aus, Militanz und Empörung wuchsen plötzlich ebenso in den Gassen italienischer Kleinstädte wie auf den Boulevards von Paris. In Parlamenten und Zeitungsspalten gab es erregte Debatten, während sich in Richtung der jeweiligen spanischen Vertretungen Demonstrationszüge formierten. Wenn man nicht zum nächsten spanischen Konsulat vordrang, waren katholische Kirchen die nächstliegenden Ziele.

Das Zentrum der Proteste war Paris, wo schließlich über 100 000 Menschen dem zentralen Demonstrationsaufruf folgten, auch in London auf dem Trafalgar Square versammelte sich eine ähnlich große Menschenmenge. In Italien brachen noch vor der Bekanntgabe des Urteils Streiks aus, in Rom musste nicht nur die spanische Botschaft, sondern auch der Vatikan militärisch geschützt werden.

Im österreichischen Triest, einem weiteren Brennpunkt der Unruhen, hagelte es von Dächern und aus Fenstern Steine auf das Militär, und in Toulon stürmten Hafenarbeiter zum Gesang der »Internationale« die Kathedrale. Auch außerhalb Europas kam es zu Unruhen, vor allem in Nord- und Südamerika, wo es viele süd­europäische Emigranten gab. Zeitungen in Buenos Aires forderten zum Boykott spanischer Waren und Dampfer auf, in Montevideo antwortete die Polizei mit Schüssen, als vor der spanischen Botschaft Steine flogen. Kundgebungen wurden aber auch aus Alexandria und Kairo gemeldet.

Die Haute École Francisco Ferrer in Brüssel veranstaltete anlässlich des 100. Todestags ihres Namensgebers eine Konferenz und zeigte eine Ausstellung. Ansonsten wurde des Jubiläums kaum gedacht, obwohl die Proteste wohl das erste Beispiel für linke internationale Aktionen waren. Durch die neuen Kommunikationsmedien Telegraf, Telefon und Massenpresse verbreitete sich die Nachricht nicht nur umgehend, die Bericht­erstattung über länder- und sogar kontinentübergreifende Proteste war zweifellos beflügelnd.

Jedes Land besaß dabei sein eigenes Protestprofil, das galt auch für Deutschland. Hier war der Protest vor allem ein geistiger. Es kam zwar zu Demonstrationen in Berlin mit kleineren Ausschreitungen, und die Märkische Volkszeitung berichtete empört: »Der Berliner Mob, halbwüch­sige Burschen und Rowdies aller Art fehlten nicht bei diesen ›Demonstrationszügen‹. (…) Es kam zu Zusammenstößen mit der Schutzmannschaft. Die Menge schrie: ›Nieder mit den Pfaffen!‹, sang die Marseillaise, sozialdemokratische Lieder und skandierte aus Leibeskräften.« Aber meist blieb es bei von Sozialdemokraten und Freidenkervereinen organisierten Veranstaltungen in überfüllten Sälen und von Schriftstellern inszenierten Feuilletonmanifesten.

In Deutschland wie auch anderswo entluden sich dabei in dem Maße, in dem man die Empörung über die Hinrichtung Ferrers auf die eigenen Verhältnisse übertrug, jeweils auch innenpolitische Spannungen. In Berlin hieß so die Losung der SPD: »Gegen die Pfaffen und die mit ihnen verbündeten Junker!« War in Deutschland vor allem der Nachklang des Kulturkampfs gegen den Katholizismus zu spüren, knüpfte der Protest gegen die Hinrichtung Ferrers in Frankreich an die immer noch angeheizte Stimmung wegen der Dreyfus-Affäre und der strikten Säkularisierung des Schulsystems an, so wie in Italien die Frontstellung des noch recht jungen Nationalstaats gegenüber dem Vatikan eine wichtige Rolle spielte. Als Republikaner, Atheist und Aufklärer wurde Ferrer dabei von Liberalen und Freidenkern verstanden, als Revolutionär mit einer wachsenden Nähe zum Anarchismus von der Linken. Gemeinsam war man sich – noch – einig in der Verteidigung des Säkularismus und des Fortschritts.

Die katholische Presse griff derweil die Liberalen an, die es, so der katholische Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger, der später in der Weimarer Republik selbst als vorgeblicher »Erfüllungsgehilfe« der Versailler Verträge von Rechtsextremisten ermordet wurde, wagten, Ferrer, »diesen Mordbuben, Juden, Anarchisten und Freimaurer«, zu verteidigen, der ordnungsgemäß verurteilt worden sei. Von antiklerikaler Seite wurden dagegen immer wieder die Jesuiten und ihre dunklen Machenschaften ins Spiel gebracht. Antisemitismus und Verschwörungstheorien, auch hierbei war die Ferrer-Debatte stilbildend, sollten nun nicht mehr aus dem Repertoire politischer Auseinandersetzungen in der Moderne wegzudenken sein.

Die Frage, ob es unhintergehbare Normen eines »zivilisierten« Europa gibt oder das Prinzip der Nichteinmischung zu beachten sei, war in den Debatten vor 100 Jahren ein weiterer Streitpunkt, der bis heute virulent geblieben ist. Wobei sich das bürgerlich-liberale Lager damals gerade auch in Deutschland mit vehementen Anklagen gegen den Mord an Ferrer noch uneingeschränkt offensiv gab. In Leitartikeln des Berliner Tageblattes oder der Frankfurter Zeitung, der Vorgängerin der FAZ, konnte man lesen, Ferrer sei wegen seiner freien Meinungsäußerung hingerichtet worden, eine Schmach, die dem 20. Jahrhundert leider nicht erspart worden sei. Über Spanien hieß es: »Aber für einen solchen Staat ist kein Platz mehr in der Reihe menschlich-gesitteter Gemeinschaften.«

Jenseits des direkt angegriffenen katholischen Lagers – ein offenerer, dann sogar mitunter linkskatholischer Zug kam hier erst in den zwanziger Jahren zum Tragen – blieb es allein den extrem Konservativen oder ausgesprochen Reaktionären überlassen, auf Nichteinmischung zu pochen oder gar die Vorgänge in Spanien zu rechtfertigen. Der Linken wiederum wäre es damals noch nicht eingefallen, Kultur, staatliche Souveränität oder gar Religion entschuldigend ins Feld zu führen.

RM16

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