Unzucht treiben mit Frau Holle
Weinende Clowns, die am offenen Grab Schmerz darstellen, und Spermakranke, die ihre Hosen mit der Kneifzange anziehen. Von der Lebens- und Liebeskirmes im Herbst
von Simon Borowiak
Wenn man eine Jahreszeit heiraten dürfte, nähme ich sofort den Herbst. Ab zum Standesamt, uns Liebende in das Grundbuch des Glücks eingetragen, und danach lägen wir beide brach in meinem Garten, zwischen der durchlöcherten Zinkwanne und der Haselnuss, starrten in den kaltblau schwingenden Himmel und streichelten uns gegenseitig an unseren erogenen Problemzonen, nämlich der Schwer- und der Sanftmut.
Der Herbst und ich hätten selbstverständlich flotte Dreier, Vierer – was sag ich: das ganze Dezimalsystem einmal flott durch! Denn außer der Haselnuss gibt es da ja auch noch die mich ganz närrisch machende Kirsche, die stoffelig-zurückhaltende Quitte, die grazil alternde Hortensie – wir Pflanzenfreunde haben Tausende Geliebte. Nur die grunddumme Konifere würde ich von der Beetkante stoßen. Ja, auf Koniferen reagiere ich fast so heftig und botanisch inkorrekt wie auf Rhododendron. Oder Posaunenchöre. Oder Jugendliche.
Allerdings wurde es in diesem Herbst nichts aus langen Sitzungen zwischen Sanft- und Schwermut, denn mein Doktor stellte meine Medikamente um. Ich weiß nicht genau, was er mir unter die Antidepressiva gemischt hat, aber mit der sich jahreszeitlich steigernden Dunkelheit wurde mir immer heller im Gemüt. Schon morgens ließ mich die Sehnsucht nach der Welt aus dem Bett schnellen. Rüstig – quasi wie ein normaler Mensch – radelte ich dann in die städtischen Kolonien, schloss den Geräteschuppen auf und lehnte mich erst mal in Kennermanier auf einen Spaten. Dann grüßte ich jovial die anderen Gartenfreunde, als hätten wir uns schon 1945 bei Obi um einen Parkplatz gestritten. Ich lachte sogar mehrmals grundlos.
Es ist doch erstaunlich, wie wacker sich die Psyche immer wieder neu organisieren kann, mit reger Motivation und frischem Fell. Man muss ihr nur genug Zeit lassen und chemisch eventuell ein wenig auf die Sprünge helfen, und sie bereitet ein überraschendes Comeback vor: Gehetzte Nervtöter werden zu ruhigen Aquarellmalern, verschlafene Heulbojen zu hellen Sportskanonen, und sogar ein dauernörgelnder Selbstmordkandidat wie ich verwandelt sich auf seine alten Tage noch in einen wahren Freund der täglichen Lebenskirmes.
Dieser Herbst wurde also der schönste seit langer Zeit. Jeden Tag wühlte ich mich wie ein Erdferkel durch 400 Quadratmeter Pflanzenbestand, durch die Hinterlassenschaft fremder Gartenjahre; ich schnüffelte haltlos an Rosen und Regentonnen, badete in pathetischem Naturalismus, und bald beschränkte sich meine sprießende Lebensfreude nicht mehr auf meine ulkigen grünen Mitbewohner, auch die Menschen wurden mir wieder interessant. In meinen gesunden Zeiten hatte ich schon immer mit größtem Vergnügen Menschen beobachtet und vorverurteilt, aber in diesem Herbst steigerte sich meine Neugierde in eine nachgerade wollüstige Dimension. Und knapp vier Wochen nach Umstellung meiner Medikamente war ich wieder auf jenen Vermutungszügen, die einst meine Jugend ausmachten.
Solch ein Vermutungszug spielt sich folgendermaßen ab: Man steht rum wie Pik Sieben, guckt mit Pokerface in ein Menschengewühl, und während man von weitem aussieht wie ein Hartz-IV-Empfänger in der Mittagspause, notiert das Hirn alle vorüberschwankenden, vorbeihastenden Kleinigkeiten und baut sie hinter dem Pokerface eilig und ratternd zu kompletten Biografien zusammen. Aus den vorbeihuschenden Skizzen entstehen prächtige Bilder, bunte Szenarien, und wenig später weiß ich praktisch ALLES über die mir fremden Menschen; von ihrem Werdegang über ihre misslungene Partnerwahl bis zu ihrer aktuellen Wohnzimmereinrichtung bleibt mir nichts verborgen. Ein empfehlenswertes Hobby, auch und gerade für den Kleinverdiener, denn allein mit den Mitteln Lebenserfahrung und Voreingenommenheit lässt sich hier billig und bequem ein Unterhaltungsprogramm durchziehen, das einer Wasserrutsche oder einem Opernabend in nichts nachsteht. Zwar muss man sich darüber im Klaren sein, dass man den derart beobachteten und interpretierten Mitmenschen in 90 Prozent aller Fälle unrecht tut, aber immerhin kommt dabei niemand zu Schaden, und man selbst ist sinnvoll weg von der Straße. Und da einem vor lauter Elend der anderen auch kaum Zeit für die eigene Depression bleibt, entlastet dieses Treiben obendrein die Krankenkassen.
Meine Krankenkasse jedenfalls hörte im Herbst kaum noch von mir, so gesund und heilsam pendelte ich zwischen aufregenden Menschenmengen und beruhigendem Kleingarten, zwischen Spionage und Entspannung, zwischen Psychopathen und Rabatten; durch den Beobachtungswechsel zwischen Mensch und Pflanze schien mir der bisweilen so verschwommene Kosmos immer transparenter, und nicht selten konnte ich meine Erkenntnisse in wertvollen Sinnsprüchen auf den Punkt bringen: »Die Konifere«, sagte ich zu Cromwell, »ist die hässlichste und sinnloseste Pflanze der Welt.«
»Wenn wir diesen Maßstab anlegen«, sagte Cromwell, »dann sind Erwachsene die Koniferen unter den Säugetieren.«
Auch die Psyche meines alten Krisenkollegen Cromwell hatte nach zähen Jahren der Krankschreibung wieder feste Form angenommen. Nach einigem Hin und Her und Sein oder Nichtsein hatte er sich klugerweise zu dem Entschluss durchgerungen, nie wieder einen Gedanken an seine Vergangenheit zu verschwenden. Er verdrängte also wie ein Weltmeister, toupierte seinen brüchigen Lebenslauf hoch, bewarb sich an einem Abendgymnasium und bereitete nun reife und unreife Erwachsene auf ihre Reifeprüfung vor. Einerseits schätzte er im Unterricht den Wegfall altersbedingter Unruhen, bedauerte aber auch, es nun oft mit einer Spezies zu tun zu haben, »deren Desinteresse an Kultur aller Art und Interesse für Scheißdreck aller Art« ihn bisweilen verblüffe. Und so lautete sein neuer Standardspruch: »Bis zum Beweis des Gegenteils ist JEDER Erwachsene für mich a priori ein Arschloch.«
Mit dieser klugen Maxime hätte er eigentlich gut fahren können, lebensklug und gepflegt bis in die Rente, aber vor den Seelenfrieden haben die Götter die Liebeskirmes gesetzt, und Cromwell musste ja trotz meiner Warnungen erneut darauf reinfallen. Doch schön der Reihe nach.
Mein Freund Cromwell hat einen grauenhaften Geschmack, wenn es um Frauen geht. Er scheint nicht zu wissen, was gut für ihn ist. Aber wie könnte er es auch wissen, wenn noch nicht mal sein bester Freund Sherlock Holmes es weiß. Also bewegt sich Cromwell recht wahllos auf dem spiegelglatten Beziehungsparkett, und bei jeder Damenwahl haut es ihn zuverlässig hin. Eine typische Cromwell-Beziehung sieht im Schnelldurchlauf etwa so aus: Bei Minute 2.28 verliebt sich die Dame in Cromwell, bei Minute 2.29 beginnt sie eine Beziehung mit ihm, und bei Minute 3.11 wird es ihm zu eng und ihn überkommen Fluchtreflexe. Während das Wut- und Trauergeschrei der Frauen, die sich an diesem Durchlauferhitzer wider Willen die Finger verbrannt haben, noch lange nachgellt (Minimum bis Minute 4.59), wundert sich Cromwell, was er denn jetzt wieder falsch gemacht haben könnte, wo er doch eigentlich nichts gemacht hat – außer etwas Sex. Und ein bisschen Desertieren. Vor allem wundert er sich immer wieder neu, warum er nicht einfach komplikationslos aus dem Beziehungsvertrag entlassen wird, sondern nur unter Beschimpfungen, wo er sich doch freiwillig als den Hauptschuldigen geißelt und die Frauen wegen seiner eigenen Beziehungsunfähigkeit um Verzeihung bittet. Was erwarten sie denn noch von ihm? Soll er sich den Satz »Es-liegt-nicht-an-dir« auch noch in Bronze gießen lassen?
Da ich Cromwells Psyche wie meine Westentasche kenne und er mir grundsätzlich alles erzählt – die unentbehrlichen anatomischen Details natürlich ausgenommen, denn wir sind schließlich Ehrenmänner –, wundert mich wiederum, warum er es überhaupt immer wieder aufs Neue versucht. Er sollte sich ein Beispiel an mir nehmen und das zufriedene, erfüllte Leben eines übellaunigen Hagestolzes führen. Spätestens seit seiner monströsen Scheidung von der traumatischen Mick sollte er die Finger völlig von der Weiberwelt lassen. Aber nein, kaum wird der saubere Herr von einer attraktiven Madame angebaggert, geht er willenlos mit, macht die Frau unglücklich und steht danach staunend vor den greinenden Trümmern, obwohl ich ihm den gesamten Verlauf schon während der Werbewochen minutiös hätte voraussagen können. Aber Cromwell hat nun mal seinen eigenen Kopf und hofft insgeheim wohl noch immer auf das große Los. Dabei hat er nicht immer das Glück, dass ihm seine Nieten so unter der Hand wegsterben wie seinerzeit Alexandra.
Ganz kurz ein Wort zu der armen Verstorbenen und meiner Ehrenrettung:
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Cromwells letzte Freundin Alexandra hatte einen tödlichen Unfall.
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Ich war dabei.
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Ich gehe nicht zur Beerdigung von Menschen, die mir etwas bedeuten. So gesehen hätte ich getrost zu Alexandras Beerdigung gehen können. Aber 4. verbietet mir ein anderer Grundsatz, zur Beerdigung von Menschen zu gehen, bei deren Tod ich irgendwie die Finger im Spiel hatte. Damit eines klar ist: Ich habe Alexandra nicht getötet. Ich habe sie nicht in die Schlucht gestoßen, und außerdem habe ich sie auch nicht zugekifft. Das hat sie alles eigenhändig gemacht. Am Tag ihrer Beerdigung hatte ich außerdem einen Termin beim Ohrenarzt, und das Wetter war auch lausig. Matsch flog durch die Luft, und der Himmel war so grau, als hätten ihn Alexandras Eltern für die Beerdigung bestellt, bei einem Partyservice für Trauerfeiern. Während ich im Wartezimmer saß, war ich immerhin in Gedanken bei ihnen auf dem Friedhof und malte mir aus, welche Geschmacklosigkeiten man theoretisch zu einer Beerdigung anstellen könnte, wenn es einen Partyservice dafür gäbe. Aus einer Torte springende Stripper wären selbstverständlich tabu, aber man könnte einen ähnlichen Peinlichkeitsgrad herstellen, indem man z. B. Clowns mietete, die am offenen Grab weinten. Und pantomimisch »Schmerz« darstellten. Ich jedenfalls wäre gekränkt, wenn zu meiner Todesfeier irgendein auf heulender Pierrot getrimmter Schmock Gesichter schneiden würde. Wahrscheinlich hätten die sogar Seifenblasen dabei und schwarzes Konfetti. Ich wünsche mir eine schnickschnackfreie Beerdigung im kleinen Kreis. Ein paar echte Freunde, die kein Wort miteinander wechseln, und schon gar nicht über mich. Ein paar Gedanken, nachgeschoben wie ein liebevoller Klaps. Dann sollen sie meine Asche in einen Laubwald werfen und feiern gehen. Und zwar möglichst in ein drittklassiges Café. Eines dieser Oma-Cafés, die so wundersame Namen tragen wie »Café Charmant« oder »Café Prinzess«. Wo man à la carte die Wahl hat zwischen einer dicken Buttercremetorte oder einer dicken »Ochsenschwanzsuppe Charmant, mit Brotscheibe«, und wo die Bedienung einen schwarzen Anzug trägt sowie ein schlecht sitzendes, extrem melancholisches Toupet. Kurz: Ich freue mich schon heute auf meine Beerdigung.
Cromwell hatte sich als offizieller Witwer nicht vor Alexandras Beerdigung drücken können und tauchte am Abend bei mir zur »Nachbereitung« auf. Während er versuchte, Alexandra mit Erdnussflips, Kartoffelchips und Weizenkorn von der Tankstelle endgültig zu vergessen, krümelte er mir mit seinen gesundheitsgefährdenden Cerealien die Wohnung voll und hielt einen Vortrag über Beziehungen aller Art, warum sie zum Scheitern verurteilt seien und dass er nie wieder in Kontakt zu anderen Menschen treten werde. Nach diesem Meineid legte er sich auf mein Bett, wollte mit mir Blutsbrüderschaft trinken, schlief aber gottseidank ein über dem Versuch, sich hierfür die Schlagader zu öffnen. So verlief damals Alexandras Beerdigung, und Cromwell und ich hätten theoretisch auch einen rauschenden ersten Todestag feiern können, aber aus besagter Unvernunft musste er sich an diesem Tag ja schon mit der nächsten Frauensperson herumschlagen.
Sigmund Freud meinte, der gesunde Mensch werde hauptsächlich stabilisiert durch seine Fähigkeit zu a) Liebe und b) Arbeit. Mit anderen Worten: Hat der Mensch ein sinnvolles Gefühl und eine sinnvolle Tätigkeit, ist er aus dem Gröbsten raus. Während ich in diesem Herbst stabil meiner Liebe zu Gartenarbeit und Spionage nachkam, musste Cromwell die freudschen Maximen durcheinandergebracht haben, denn er begann eine sinnlose Affäre an seinem neuen Arbeitsplatz. Als Cromwell mir gegenüber andeutete, dass er anscheinend mit einer Kollegin liiert sei, erklärte ich ihm – in aller gebotenen Häme –, wie Freud das damals eigentlich mit Liebe und Arbeit gemeint hätte, nämlich eher ein jedes für sich und nicht unbedingt beides auf einen Happs. Er habe da wohl etwas missverstanden. Und wie denn der Name der Neuen laute.
»Die Christian« sprach laut Cromwell von sich selbst als »die Christian«, was eigentlich ihr Nachname war. Ich weiß nicht, warum die Christian so von sich selbst sprach, aber vielleicht fand sie es cool oder selbstironisch oder hatte sonst wie einen an der Waffel.
Jedenfalls hatte die Christian ein Auge auf Cromwell geworfen, und Cromwell war mitgegangen.
Und ich konnte ihm aus Lebenserfahrung, aus der Lameng und ohne sie auch nur einmal gesehen zu haben, die Christian und das weitere Geschehen schon mal vorab analysieren:
»Die Christian hat eine herbe Enttäuschung hinter sich und fürchtet jetzt, erneut von einem Mann verletzt zu werden. Daher verliebt sie sich nie Hals über Kopf, und wenn schon Hals über Kopf, dann nur unter Vorbehalt. Sie hat es zum Glück auch nicht nötig, sich alle naslang zu verlieben, denn gottlob hat sie keine Probleme damit, alleine zu sein. Wenn sie sich mal solo fühlt, kauft sie sich ein paar schöne Blumen und erzählt das dann auch ihren Freundinnen: Dass ihr Wochenende schön war, am Samstag auf dem Markt hat sie sich Blumen gekauft, es war so richtig geruhsam, und am Sonntag war sie so richtig schön nur für sich. Da sie sich – wie eingangs angedeutet – eigentlich nicht Hals über Kopf verliebt, ist das mit dir eine Ausnahme, denn so etwas wie mit dir hat sie noch nie erlebt, und so kennt sie sich gar nicht. Und damit wäre dann auch so etwa der Zeitpunkt gekommen, ab dem das Lehrerzimmer zu klein für euch beide ist. Die Christian schwärmt von gemeinsamen Arbeitstagen und gemeinsamer Freizeitgestaltung, vom gemeinsamen Einkaufen, gemeinsamen Kochen und gemeinsamen Verdauen. Während für dich, mein lieber Freund, schon gemeinsame Pausen ein Scheidungsgrund wären. Aber nein, du reißt dich zusammen, und ihr gestaltet sogar gemeinsam eure Ferien: Die Christian möchte eine gemeinsame Wanderung durch die Eifel, denn die Christian stammt ganz bestimmt aus der Eifel. Aber wahrlich, ich sage dir: Die Eifel ist ein heikles Pflaster, mit zwar schöner Pflanzenwelt, aber schlimmen Menschen; es wimmelt dort von Spermakranken, die ihre Hosen mit der Kneifzange anziehen, und kommuniziert wird über einen windelweich singenden Tonfall von Minimum 130 Dezibel Stärke, was dieser Sprache neben einer würdelosen Larmoyanz obendrein etwas von Gewalttätigkeit und Reitermiliz verleiht, die einem Neurastheniker wie dir, mein lieber Cromo, innert fünf Minuten einen Hirnschlag verursachen kann, gerade in Verbindung mit der Christian – kurz: Du fährst trotzdem mit, und bereits in der Eifelperle Monschau, einem Ort von finsterstem Tourismus, hauptsächlich bekannt für seinen Senf und seinen finsteren Tourismus, kracht es zum ersten Mal in der unheilvollen Beziehung, die dann auch fürs Erste platzt, so dass du, verfolgt von Flüchen in windelweichem Singsang und 150 Dezibel, am Aachener Bahnhof in den nächsten Interregio springst und wieder zurück nach Hamburg fährst, wo das Lehrerzimmer allerdings nach wie vor zu klein für euch beide ist, so dass du dich um der lieben Ruhe willen zu einer weiteren Beziehungswoche überreden lässt, wofür du dich bereits eine Stunde später vor einen Interregio werfen könntest und stattdessen bei mir ausjammerst. Dann erscheint die Christian ein Vierteljahr lang mit roten Augen zur Arbeit, was sie offiziell auf einen winterlichen Heuschnupfen schieben wird, während sie inoffiziell von dir fordert, dich endlich in eine Therapie respektive zur Hölle zu begeben. Noch Fragen?«
Cromwell schloss brütend die Augen, klappte sie nach zähen Minuten wieder auf und sagte: »So wird’s bestimmt nicht kommen, denn die Christian will nach Südfrankreich.« Und etwas später: »Nur weil du schlechte Erfahrungen in der Eifel gemacht hast, ist nicht automatisch ein ganzer Landstrich verflucht.«
»Doch«, sagte ich, »und zwar so verflucht wie die Eifel.«
Ich liebe Logik. Und weil ich nicht nur ein Freund der wissenschaftlichen Analyse, sondern auch des hanebüchenen Okkultismus bin, zwang ich Cromwell, ein Überraschungsei zu kaufen und den Inhalt als Augur für sein restliches Leben zu akzeptieren. Und siehe: Er hatte ein knubbelnasiges Etwas mit Lockenwicklern und tiefem Dekolleté gezogen, in der einen Hand einen Föhn, in der anderen ein Handy, wobei ich mich frage, wer bei der Firma Ferrero den Wunsch hat, kleine Kinder mit derart verantwortungslosen Klischees auf das Leben vorzubereiten.
Ohne die Christian hätten Cromwell und ich in diesem Herbst viel öfter unserem gemeinsamen Hobby frönen können: dem nächtlichen Zug durch die Gemeinde. Nicht, dass wir in Kneipen oder Bars einkehren würden. Weit gefehlt. Es geht bei unseren Zügen eher darum, alles zu betrachten, was die Nacht unter ihrem Himmel anbietet. Eine Fensterfront ist so spannend wie ein vorübergehender Mensch oder ein hingeworfener Satz oder eine sahnige Wolkenformation. Man muss die Augen nur aufmachen, und schon gehen sie einem über. Und es gibt wirklich eine Menge zu sehen, wenn das Auge mitmacht. Nicht nur, dass diese Wanderungen alles befriedigen, was sich an Neugier, Unwissen, schwarzer und weißer Seele in unserem Inneren tummelt, es dient Cromwell zur Entspannung und zum Auslüften nach der Arbeit, und mir trainiert es die kleinen grauen Vermutungs-Zellen.
Wenn wir uns einen ganz besonderen Kick gönnen wollen, gehen wir in die Notaufnahme unserer Lieblingsklinik. Um sofort jeden falschen Gedanken zu unterbinden: Bei diesen Besuchen geht es uns ausnahmsweise nicht um Voyeurismus. Im Gegenteil sind wir sehr diskrete Besucher, und unsere gesenkten Blicke wenden sich hauptsächlich nach innen; es geht uns hier um den atmosphärischen Thrill; eine Reminiszenz an die entsetzlichen Zeiten, als es uns beiden schlecht ging, als wir die Blüte unserer Jahre der Psychiatrie schenken mussten und nicht klar war, ob jeder von uns seine Hölle überleben würde. Cromwell und ich in der Notaufnahme sind keine Spanner, sondern zwei demütige Glaubensbrüder bei der Anbetung des angenehm-schmerzhaft glitzernden Götzen namens »Davongekommen«. Sicher, man erfährt in einer Notaufnahme auch das eine oder andere über fremde Menschen und ihre Leiden, zumal der Begriff Datenschutz an einem lärmendüberlasteten Empfangstresen nicht großgeschrieben wird. Es gibt eigentlich kaum einen besseren Platz auf der Welt, um seine detektivischen Vermutungskünste auszutesten (außer vielleicht ein internistisch-urologisches Polizeirevier), weil fast alle Rätsel hier sofort aufgelöst werden. Solche detektivischen Basics wie Alter, Adresse, Familienstand, Beruf erfährt man frei Haus; den Rest der Anamnese hat man dann als erfahrener Knatterton rasch selbst zusammengeschustert. Bisweilen erlebt man auch Highlights der eigenen Menschenkenntnis. Neulich zum Beispiel – wir waren gerade beim »Kasse-oder-Privat?«-Raten – kam ein Fall rein, den wir – wie sich später erwies – schon von Weitem goldrichtig eingeordnet hatten. Wir wussten ganz einfach sofort, dass diese Graumelierte, die da ein wenig herrisch an den Tresen trat, eine Privatpatientin war (typische Stimme, typischer Gang), die nicht hierher, sondern eigentlich rüber in die Neurologie gehörte (typischer Gang, typische Kopfhaltung), und ich tippte noch auf »Lehrerin« (typische Kopfhaltung, typische Gestik), als sie auch schon auf die Concierge einposaunte, dass sie »hier in der Nähe im Schuldienst tätig« sei. »Was dir aufgeblasener Kuh aber nicht bei deinem Nervenschaden weiterhelfen wird!« dachte ich noch friedlich vor mich hin, als sie an uns vorüberzog, ein Handy zückte, einer »Rita« anvertraute, dass sie in der Notaufnahme sei, es hier (jetzt wispernd und mit schnellem Blick in unsere Richtung) »vor komischen Typen« wimmle und sie ein Haus weiter geschickt worden sei. Um ihr ein paar tatsächlich »komische Typen« zu bieten, erwogen wir, über eine Abkürzung in die Neurologie zu hasten, uns im dortigen Eingangsbereich erneut breitzumachen, als wäre nichts geschehen, und später, als Höhepunkt dieses paranoiden Hase-und-Igel-Spiels, würden wir in affenartiger Geschwindigkeit zu ihrer am Empfangstresen genannten Heimatadresse düsen, so dass sie bei ihrer Rückkehr auf zwei betont gelangweilte, aber inzwischen auch schon merkwürdig vertraute Personen stoßen würde und ihre Rita erneut anrufen müsste.
Die Christian war also schuld, dass ich nun öfter alleine zum Gottesdienst in die Notaufnahme musste. Im Garten blieb mir vor lauter Winter auch nichts anderes zu tun, als meinen verstummten Geliebten beim Winterschlaf zuzuschauen. Als Anfang Dezember ein schmieriger Nebel à la London aufkam, beschloss ich, endlich hauptberuflich auf Privatdetektiv umzusatteln. Überhaupt wollte ich Hamburg zur Hauptstadt und Pilgerstätte aller Krimifreunde machen. Mal ehrlich: Ist es einem normalen Kadaver nicht egal, ob er in die Themse oder in die Elbe geworfen wird? Und was hatte seinerzeit Soho, was St. Pauli nicht schon lang gehabt hätte? Und klingt »Baker Street« nicht verblüffend wie »Bahrenfeld«? Außerdem würde ich einen vortrefflichen Sherlock abgeben: So geradezu unappetitlich arrogant wie Holmes kann ich auch werden, das Opiumrauchen würde sich schon organisieren lassen, und Cromwell würde mir als Dr. Watson zur Hand gehen. Er wies mich auf Unstimmigkeiten hin: Sicher stehe es zwischen uns – was das Intellektuelle angehe – sozusagen pari. Aber er, Cromwell, sei von schlanker Statur und daher besser geeignet, einen hageren Holmes zu geben, während ich mich mit meinem Schokoladenkonsum schon eher in die Liga eines leicht adipösen Dr. Watson hochgekämpft hätte. Zur Entschuldigung dafür, und weil er dieses Jahr meinen Geburtstag mit der Christian verbringen musste, schenkte mir Cromwell ein Stethoskop, und ich verbrachte Stunden damit, meinen Magen oder meine Nachbarn abzuhören. Neben den Vermutungszügen kann ich als weiteren kostengünstigen Zeitvertreib das Abhorchen der eigenen Peristaltik nur empfehlen. Es gibt zum Beispiel Unterschiede, ob man nun einen Apfel isst oder eine Bockwurst: Die Magensäfte stimmen ein immer neues Konzert an; mal leicht und beschwingt, also eher in Operettenmanier, mal dumpf und zäh – so verhält sich die Verdauung einer Scheibe Kiwi zu der Zerlegung einer Portion Kartoffelsalat mit Mayonnaise etwa wie Franz von Suppé zu Bruckner. Während benachbarte Mietparteien eigentlich immer gleich klingen: Stumm von der Arbeit kommen und die Musik anwerfen, so dass es kein Stethoskop mehr braucht, sie zu belauschen. Und man froh ist, wenn sie endlich wieder eines dieser langweiligen Telefonate mit ihrer Mutter führen.
In der Woche vor Weihnachten sah ich Cromwell gar nicht, er teilte mir nur mit leidender Stimme am Telefon mit, dass die Christian zwei Flüge nach Nizza und einen Mietwagen gebucht habe, und er freue sich schon auf die Reise, und dass wir uns wahrscheinlich erst im neuen Jahr wiedersehen würden, es sei denn, es käme etwas dazwischen, was man ja nie wissen könne. Ich tröstete ihn und versicherte ihm, dass ich ihn in guter Erinnerung behalten würde, es sei denn, es käme etwas dazwischen. Ich hörte ihn beim Auflegen fluchen und dann etwas im Hintergrund, was eindeutig nach Eifeler Singsang klang. Kurz vor Weihnachten rief Cromwell erneut an; ich solle meine Sachen packen, die Christian habe ihn unter Tränen zum Teufel gewünscht und ihm die Tickets vor die Füße geworfen, und so käme ich in den Genuss einer kostenlose Reise in den Süden und müsse dafür auch nur seinen persönlichen Pausenclown spielen und es hätte sich was mit weißer Weihnacht.
Wenn man neben der angetrauten Jahreszeit Herbst eine Konkubine haben dürfte, triebe ich Unzucht mit Frau Holle. Aber nur mit ihrer oberen Hälfte (November bis Weihnachten). Die untere Hälfte (Januar bis Frühling) mag nehmen, wer will.
Denn obwohl es heutzutage opportun ist, auf Weihnachten zu schimpfen, gestehe ich: Weihnachten ist MEIN Fest! Nicht aus religiösen Gründen – im Gegenteil: Alle Jahre wieder auf der Geburt eines Messias zu beharren, das kann sich nur eine sehr windige Religion erlauben, die ihren zahlenden Mitgliedern die objektive Abwesenheit eines Erlösers zu verkaufen versteht. Nein, mir persönlich ist bisher kein Heiland geboren, ich warte noch. Ich halte es da ganz mit dem klugen, plausiblen Judentum. Damit ich – so mit meiner Weisheit am Ende – Trost und Rat finde, habe ich sogar immer das Alte Testament dabei, im Miniaturformat, quasi mein Gesinnungs-Necessaire, oder wie die modernen Fuzzis sagen würden: ein Glaubens-Kit.
(Falls mich jemand nach der dritten großen Richtung fragen sollte: Den Islam werde ich erst in die engere Wahl ziehen, wenn mir ein Mullah glaubwürdig erklärt hat, wie sich das mit einem eventuellen Märtyrertod meinerseits verhalten würde: Wäre bei den 72 Jungfrauen auch gleich eine Lösung meines Potenzproblems dabei? Sozusagen ein ganzes Erlösungs-Paket? Und dann hätte ich da noch eine Frage: Was passiert eigentlich, wenn eine Jungfrau den Märtyrertod stirbt? Was bekommt die dann im Himmel? 72 Tanzstunden? Denn 72 notgeile Knaben kann man so einer Jungfrau ja wohl kaum als »Paradies« verkaufen, oder?)
Genug vom Glauben, zurück zur Weihnacht: diese Lichterpracht. Diese Nougat-Baumstämme. Strohsterne. Adventskalender. Ich könnte in die Weihnachtszeit hinein-KRIECHEN wie in einen verdammten Muff! Wenn ich mal sterbe, dann bitte bei der Bescherung. Oder ich will von einem riesigen Weihnachtsbaum gefällt werden. Selbst in meinen schlimmsten Zeiten, als ich weder Freude noch Freunde noch Geld hatte und nichts außer psychischen Problemen, wollte ich Weihnachten feiern und klaute in einer Fußgängerzone den Baum einer großen Parfümerie-Kette, schleppte ihn nach Hause und ließ ihn meine kalte Dachkammer vollduften; oh, dieser Duft von Tannenzweigen und ausgelaufenen Parfüm-Pröbchen! Und dann die Krippe! Welchen Schabernack man mit Krippen treiben kann: zum Beispiel den Josef in die Krippe legen und ihn von einem Ochsen anbeten lassen oder dergleichen Schelmerei. Außerdem denke ich bei Weihnachten sofort an die Feiern mit meinen Eltern; welch eine Wonne an Geborgenheit, Lebkuchen und Klavierspiel. Allein bei dem Gedanken daran wird mir so wohlig, dass ich unverzüglich, vor Freude erschöpft, einschlummern könnte, mit schokoladenverschmiertem Mäulchen, wie ein Kind und sonder Harm. SO soll es sein; daher liebe ich den Winter, und daher war ich nicht sonderlich beglückt, als Cromwell mich zu seinem Reisebegleiter in den Süden machte. Gerade in diesem Winter war es vielleicht noch ein letztes Mal trotz Klimakatastrophe angenehm bitterkalt geworden. Wenn man durch die verschneite Gartenkolonie schritt, knackte der Boden, als würde man über ein riesiges weißes Insekt laufen. Die Bäume neigten ihre Spitzen einander zu und modelten den langweiligsten Weg um zum weißen Laubengang. Wo Schnee lag, war Sprechverbot. Und sogar Elbe und Alster machten sich ans Zufrieren, was meine Heimatgefühle zu einem beinahe unerträglich süßen Schmerz steigerte. Es können natürlich auch die neuen Medikamente gewesen sein, aber ich denke, es war Patriotismus, was mir da den Busen beulte. Und was könnte den Menschen froher stimmen als leise rieselnder Schnee in seiner Lieblingsstadt? Die schwere Schneekugel habe ich schließlich nicht aus Übermut auf meinem Schreibtisch stehen!
Cromwell tat sein Bestes, mir den Süden schmackhaft zu machen: »Palmen.«
Ich: »Aber weit und breit keine Tanne.«
»Das Meer.«
Ich geriet ins Wanken. Das Meer ist mir fast ebenso lieb wie Weihnachten.
»Nächtliche Spaziergänge am Meer.«
Ich strauchelte.
»Du darfst mir bei meiner Flugangst zusehen.«
Ich knickte ein.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Simon Borowiak: Schade um den schönen Sex. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 213 Seiten, 16,95 Euro. Der Roman ist soeben erschienen.




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