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Gaston Kirsche*: Der Mauerfall und die Geschichte vom deutschen Opfer

Die halbierte Marlene

Beim Mauerfall 1989 war seit der Durchsetzung der Parole »Wir sind ein Volk« klar: Vorfahrt für Deutsche. Das postnazistische Gemisch aus den privaten deutschen Opfergeschichten, welche die Opfer des Nationalsozialismus ausblenden, und der offi­ziösen Behauptung, Deutschland habe sich dank des Nationalsozialismus zum weltbesten Menschenrechtshüter geläutert, ist haltbarer, als die meisten deutschen Linken glauben.

von Gaston Kirsche*

Als radikale Linke kurz nach dem Mauerfall begannen, das nationale Coming Out von Staatsbürgern der DDR und der BRD zur Gemeinschaft »Deutschland einig Vaterland« anzugreifen, gab es seitens der deutschen Traditionslinken Abwehrreflexe gegen die Parole »Nie wieder Deutschland!« – etwa, nachdem Aktivisten der damaligen »Radikalen Linken« zu einer Demons­tration für den 12. Mai 1990 in Frankfurt unter diesem Motto aufgerufen hatten. Auf dem Plakat war damals Marlene Dietrich abgebildet, neben einem Zitat von ihr: »Deutschland? Nie wieder!«

Aber ansonsten ging es links und bewegt erkenntnisresistent durch die Jahre, und das bis heute. Im unglücklichen Zusammenspiel der Abgrenzung traditioneller aktionistischer Bewegungslinker einerseits und der Selbstinszenierung einiger Gruppen zu antideutschen Gralshütern andererseits ging die Deutschland-Kritik beinahe unter. Denn dabei ging es weniger darum, ob sich in Deutschland ein »Viertes Reich« entwickelt oder nicht, als um die Hoheit über linke Stamm­tische und Politikfelder. Die Ignoranz gegenüber der Deutschland-Kritik zeigte sich schon darin, dass die »Nie wieder Deutschland«-Kampagne im heutigen linksradikalen Aktivismus bestenfalls als Vor- und Frühgeschichte, öfter noch als auszubremsender Irrläufer abgehakt wird.

Für einige radikale Linke war 1989 aber eine Zäsur. Denn statt sich nur gegen »die da oben« zu stellen, galt es ab 1989 vielmehr auch gegen nationale Vergemeinschaftung und Relativierung des Nationalsozialismus vorzugehen. Neben der Glorifizierung der Nation geriet parallel die Einteilung von Menschen in Rassen ins Zentrum der Kritik. Denn die Schaffung eines gemeinsamen Volkes von Ost- und Westdeutschen hatte zur Voraussetzung, etwas Auszuschließendes zu finden. Erst in der Ausgrenzung und Abgrenzung vom vermeintlich Anderen kann die neue gemeinsame Nation erneut entstehen. Der Rassismus war und ist eine konstituierende Grundlage der verspäteten deutschen Nation, er ist ihr eingeschrieben.

Während dies – abgesehen von der nachholenden Rabiatheit – im Prinzip auf alle Nationen zutrifft, brachte 1989 auch etwas besonderes Deutsches ans Licht. Seit Deutschland nach der bisher letzten Kapitulation unter alliierte Aufsicht gestellt wurde, hatte sich in der BRD und in der DDR eine doppelte Geschichtsschreibung entwickelt, eine doppelte invention of tradition: Neben der offiziösen antifaschistisch-nominellsozialistischen Herrschaftssprache in der DDR und der antitotalitär-nominelldemokratischen Herrschaftssprache in der Alt-BRD gab es in den meisten Familien die Vorstellung, dass der Landser an sich ein tapferer, aber ideologisch verführter Mann war, der in den falschen Krieg gezwungen worden war. Und über Generationen wurde die Erzählungen vom barbarischen Iwan weitergereicht, von Flucht und Vertreibung aus dem Osten, vom alliierten Bombenterror, kurz: vom deutschen Opfer.

Damit einher ging das Geraune vom »geldgierigen Juden«, vom »diebischen Zigeuner«, vom »faulen Südländer«. Diese privat gepflegte Sicht blieb solange verborgen, wie es die alliierte Aufsicht über Deutschland und ihre sichtbaren Symbole gab: die alliierten Truppen und die Teilung in Ost und West. Mit dem Ende der Aufsicht durch die Sowjetunion war auch die nur begrenzt erfolgreiche Erziehungsdiktatur in der DDR am Ende. Der Versuch, zwischen Rügen und dem Erzgebirge mit einem Drittel der besiegten deutschen Volksgemeinschaft einen antifaschistisch-sozialistischen Staat aufzubauen, hatte von Anfang an zur Voraussetzung, dass die sowjetische Rote Armee und ihre SMAD (Sowjetische Militäradministration für Deutschland) diesen absicherte.

Anschaulich erinnert Andreas Schreier (Jungle Word 43/09) an die staatskritische Linke in der DDR, überschätzt aber den Einfluss von Gruppen wie der Vereinigten Linken oder der Umweltbibliothek. Denn bei der breiten Mehrheit in der DDR gab es offenbar keine kritische Distanz zum Kapitalismus. Ein zentrales ideologisches Element wie der Arbeitsfetisch erfreute sich vielmehr eifriger Affirmation bis hin zu der verzweifelten Anbiederung, man könne doch auch deutsche Wertarbeit abliefern, und das noch billiger als der Westen. Hinter der Warenvielfalt und der Reisefreiheit wurden mehrheitlich nicht der Kapitalismus und seine gnadenlose Konkurrenz erkannt. Und der entsprechende Mangel in der DDR wurde eher als ein Versagen und als Folge des Machterhaltungswillens der herrschenden Nomenklatur angesehen. In der DDR wurde wie in allen sozialistischen Staaten Kapitalismus als staatsmonopolistischer Kapitalismus interpretiert und mit Imperialismus in eins gesetzt. Im Mittelpunkt der Kritik standen folglich die ökonomische Macht der Großkonzerne und die imperialistische Ausbeutung der »Dritten Welt«. Diese Interpretation von Kapitalismus ermöglicht eine weitestgehend widerspruchsfreie Akkzeptanz der Warenökonomie bei gleichzeitiger Kritik an den »Auswüchsen«, die für das Wesen gehalten werden.

Fehlanzeige auch beim antifaschistischen Bewusstsein der Mehrheit der DDR-Bevölkerung: Freiwillig schloss man sich der BRD, dem Rechtsnachfolger des Dritten Reichs an, der BRD, deren Wirtschaftswunder zumindest zu einem gewichtigen Teil auf dem Extraprofit aus der Ausbeutung von Zwangsarbeit und dem KZ-System basierte, der BRD, in der Angehörige der nationalsozialistischen Eliten nach 1945 nicht wie in der DDR links camoufliert Posten übernommen hatten, sondern wo die wirtschaftliche wie die staatliche Elite von vor 1945 ihre Karrieren nach einigen Jahren Auszeit wieder aufgenommen hatte. Und auch diese westdeutschen Eliten hatten es nie verwunden, dass ihr Staatsgebiet an der Elbe endete. 1989 wurden schon vor dem Mauerfall die Masterpläne für die amtliche und wirtschaft­liche Übernahme der DDR reaktiviert.

Die Berliner Gruppe TOP befürchtet, dass seinen Frieden mit dem stummen, alltäglichen Zwang der kapitalistischen Ökonomie macht, wer nur das Besondere des deutschen Nationalismus sieht (Jungle World 40/09). Stattdessen betonen sie etwas immer Richtiges, den allgemeinen Zusammenhang von Nation und Kapitalismus, um das spezifisch Deutsche dann nur noch rudimentär wahrzunehmen. Die Analyse des deutschen Nationalismus bei TOP ist eindimensional. »Wer den gegenwärtigen Kultur- und Gedenknationalismus analysiert, kann sehen, wie Deutschland die Geschichte des Nationalsozialismus zur Quelle eines gehobenen Selbstbildes gemacht hat«, heißt es da, in seltsamer Ignoranz gegenüber der Gleichzeitigkeit von offiziellem Gedenksprech und Privatsprech, das von postnazistischem Antisemitismus und Rassismus durchwirkt ist, dem Antisemitismus, der im Westen besonders verbreitet ist, dem offenen Rassismus, wie er in der Jugend im Osten hegemonial geworden ist. Im Westen ist der gewalttätige Rassismus erst im Kommen, noch ist er subtiler, aber nicht weniger verbreitet. In Umfragen zur Gesinnung der Deutschen äußert ein Drittel aller Bundesbürger Zustimmung gegenüber bagatellisierenden Aussagen zum Nationalsozialismus. Antiziganismus gehört derart zum Mainstream, dass nach ihm in solchen Umfragen kaum gefragt wird.

Aber TOP hält die »allgemein-systematische Bestimmung des Nationalismus« hoch. Das ist die Absage an die deutschlandkritische Debatte der neunziger Jahre. Klarer noch als in ihrem Disko-Beitrag verweigern sich TOP in ihrem Aufruf für eine »antinationale Demonstration« am 7. November einer spezifischen Deutschland-Kritik. Ohne eine konkrete Verortung des Antinationa­lismus in der Kritik der deutschen Zustände, ohne eine Analyse der spezifisch deutschen Form postnazistischer kapitalistischer Vergesellschaftung wird die Kritik der Parole »Nie wieder Deutschland« auf einen unspezifischen Antina­tionalismus reduziert.

Wenn TOP schreibt:»Denn für eine politische Intervention scheint es wenig zielführend, ausschließlich auf den Inhalt nationaler Begründungsmuster zu verweisen oder ausschließlich auf ihre soziale Form«, dann stimmt dies nur auf den ersten Blick. Beim Abgleich mit ihren Aufrufen zur »antinationalen Parade« vom 23. Mai und zur Demonstration am 7. November wird deutlich, das TOP auf eine Kritik der Inhalte des deutschen Nationalismus einfach verzichtet. Nur so können sie zu der Behauptung kommen, »gerade bei den Wendefeierlichkeiten« werde »deutlich, wie flexibel und veränderbar die Inhalte des deutschen Nationalismus sind«. Denn durch eines zeichnet sich der deutsche Nationalismus aus: durch seine doppelte Kontinuität seit 1945, die eben in offiziöser Gedenkpolitik, in alltäglicher ressentimentgeladener Deutschtümelei und in der Anbetung deutscher Wertarbeit besteht. Und auch die Politiker verlieren hier gelegentlich die Balance, wie jüngst etwa Thilo Sarrazin, als er dann doch etwas zu viel Stammtisch-Rassismus in ein Interview mit der Zeitschrift Lettre einfließen ließ.

Wenn Mario Müller (Jungle World 44/09) zunächst eine richtige Kritik an TOP formuliert, verliert er sich dann doch im pseudoantideutschem Ressentiment. Analog zu einigen sich antideutsch verstehenden Gruppierungen, die die Ablehnung des Antirassismus kultivieren, vermisste Müller bei dem unterstützenswerten Aufruf zur Leipziger Demo gegen die Einheitsfeiern eine Kritik des Antirassismus – ausgerechnet in Deutschland. Müllers irreführende Verortung, »dass sich die Zen­tren der Exekutoren deutscher Ideologie längst außerhalb Deutschlands befinden«, und die implizite Behauptung, dass sich demnach antideutsche Politik gar nicht vorrangig gegen Deutschland zu richten habe, sind eine Kari­katur der antideutschen Kritik aus den Zeiten der Wiedervereinigung.


*Gaston Kirsche engagiert sich in der Hamburger Gruppe »Bricolage«.

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