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Tanja Röckemann: Die Künstlergruppe Rosa Perutz im Gespräch über Kunst und Nationalismus

»Die neue deutsche Freundlichkeit ist kein Trick«

Rosa Perutz ist ein bundesweiter Zusam­men­schluss von Künstlern und Kulturschaffenden, die sich in Theorie und Praxis dem deutschen Nationalismus entgegenstellen wollen. Neben dem Anliegen der antinationalen Selbstorganisierung richtet sich die Aufmerksamkeit der Gruppe dabei auf Kulturveranstaltungen, die Kunst in neuer Weise instrumentalisieren: Stichwort »Kritischer Nationalismus«. Die Jungle World sprach mit drei Perutzkisten über Hochkultur, Staatsfixierung und die Möglichkeit von künstlerischer Kritik an nationaler Selbstvergewisserung.

Interview: Tanja Röckemann

Ihr sagt, dass sich das Verhältnis von Staat, Kunstproduktion und Nationalismus in der letzten Zeit verändert habe. Inwiefern?

J. Perutz: Unsere Ausgangsthese ist, dass sich die künstlerischen Produktionsverhältnisse verändert haben, besonders in dem, was wir »kritisches Kunstfeld« nennen. In diesem Feld wird der Wert einer künstlerischen Arbeit vor allem auch daran gemessen, dass sie eine Kritik an den Verhältnissen formulieren kann. Diese Form der Kulturproduktion hat sich mittlerweile in großen Themenausstellungen wie Biennalen oder der Documenta durchgesetzt, ist also nicht mehr marginalisiert, sondern Teil der Hochkultur geworden. Diese »kritische« Kunst wird auch staatlich gefördert, zum Beispiel mithilfe der Bundeskulturstiftung, der ersten nationalen Kulturförderung.

Wir setzen dort an, weil diese Veränderungen in den letzten Jahren nicht mehr wirklich von Künstlern und Kulturproduzenten in den Blick ge­nommen wurden. Im Gegenteil, sie haben sich direkt in staatliche Strukturen hineinbegeben und betreiben nun so etwas wie eine staatlich geförderte Kritik. Das haben wir versucht mit einem ver­änderten Verhältnis der deutschen Nation zu sich selbst in Beziehung zu setzen: Mit einem neu­en nationalen Selbstbewusstsein, das sich gerade darin gefällt, dass es sich als kritisch gegenüber traditionellem Nationalismus und Herrschaft begreift – beispielsweise mit Bezügen auf die Menschenrechte oder auf das Diktum, dass sich Auschwitz nicht wiederholen darf, also einem Staats­antifaschismus.

Wie erklärt ihr euch diese Entwicklungen? Lassen sich die Kunst- und Kulturschaffenden vom Staat so einfach vereinnahmen?

O. Perutz: Es gibt große linke Strömungen, die et­wa sagen, diese neue Freundlichkeit von Deutschland sei so etwas wie ein Trick. Von dieser Position grenzen wir uns ab, weil wir das nicht für einen Trick halten, sondern für einen Ausdruck der gegenwärtigen Strukturen der Herrschaft, die so gut funktioniert und sich deshalb durchgesetzt hat. Es geht mit einem freundlichen Deutschland in der globalen Konkurrenz ganz gut. Gerade das macht den deutschen Standortfaktor aus.

C. Perutz: Aber dass gerade kritische deutsche Kunst gefördert wird, hat auch mit einem deutschen Selbstbewusstsein beispielsweise gegenüber den Vereinigten Staaten oder gegenüber Osteuropa zu tun. Das ist auch geopolitisch mit bestimmten Institutionen verbunden, wo etwa über das Goethe-Institut mit der deutschen Kultur knallharte Außenpolitik gemacht wird. Kultur ist nicht das Gebiet reiner Autonomie, sondern ist im­mer schon mit nationalen Zwecksetzungen verwoben. Außerdem sitzen in diesen Kulturinstitutionen zum Teil die Linken von gestern. In der Geschichte und der Nachwirkung der so genannten Achtundsechziger stößt man in Deutschland auf das Problem einer »kulturalisierten Kritik«, ei­ner Kritik, die mit dem Medium Kultur Revolution machen möchte und die sich aus der politischen Kritik an den Verhältnissen in eine kulturelle Bewegung flüchtet oder die eine durch die andere ersetzt. Das ist gute bürgerliche Tradition: der ver­antwortungsvolle Kulturschaffende, der über allen Widersprüchen thront.

Ihr kritisiert an der Ausstellung »Kunst und Kalter Krieg – Deutsche Positionen«, die derzeit im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist, dass es hier um nationale Identitätsstiftung gehe.

J. Perutz: Sie ist für uns ein Beispiel in einer Reihe von Ausstellungen, bei denen etwas aufscheint, was wir als kritischen Nationalismus fassen würden. Dabei geht es eben nicht einfach um das Abfeiern von deutschen Helden, sondern es wird eine Bildpolitik gefahren, die illustriert, dass das nationale Wesen der deutschen Künstler »Intellektualität« und »Systemkritik« ist. Von dort aus werden die Künstler als Rollenmodelle der Deutschen an sich gesetzt, und es wird so getan, als hätten die Deutschen von 1945 bis 1989 nichts anderes getan, als Kritik an Herrschaft zu üben und über ihre Geschichte zu sinnieren. Die Ausstellung »Kunst und Kalter Krieg« hat es geschafft, sich in Abgrenzung zu der platt nationalistischen Ausstellung »60 Jahre – 60 Werke« ein linkes Ima­ge zu verschaffen, obwohl sie ausgerechnet am 3. Oktober im Deutschen Historischen Museum eröffnet wurde.

C. Perutz: Bei einer Ausstellung mit dem Titel »Kunst und Kalter Krieg« erwartet man, etwas über den Kalten Krieg zu erfahren, und damit über ein System, das ein Gegenentwurf zum Kapitalismus war und sich Sozialismus nannte. Das leistet die Ausstellung nicht. Stattdessen wird die System­alternative, die für Linke die entscheidende Frage sein muss, auf deutsch-deutsche Befindlichkeit re­duziert. Es wird hier durch eine sehr kuriose Auswahl gezeigt, dass die Künstler immer schon deutsche Künstler waren und schon jenseits der politischen und ökonomischen Realität Gemeinsamkeiten in der »Kultur« hatten, die dann als das spezifisch Nationale ausgemacht werden. Es ist ganz bezeichnend, dass die politische Frage der Systemkonkurrenz in einem Museum wie dem Deutschen Historischen Museum vollkommen unter der nationalen Thematik beerdigt wird.

C. Perutz: Die Ausstellung hat sich vorgenommen, die Kunst und ihr Verhältnis zur Ideologie offenzulegen. Ideologie bezieht sich in dieser Ausstellung einmal auf die künstlerische Doktrin des Realismus und auf die der Abstraktion – also Ost versus West. Beide Konzepte werden in der Ausstellung desavouiert und zur Ideologie erklärt, indem fast ausnahmslos Kunstwerke ausgewählt werden, die als widersprüchlich dargestellt werden. Die sollen stattdessen eine nationale Ähnlichkeit jenseits territorialer und politischer Gren­zen in der Kunst zum Ausdruck bringen. Der Künstler als Genius der Nation … Was hierin nicht länger als Ideologie erscheint, ist die Nation.

J. Perutz: So wird der Realismus als ehemals gegen den Westen gerichteter Kampfbegriff »heim ins Reich« geholt. Dafür wird ein Kunsthistoriker bemüht, der dem »Sozialistischen Realismus« mit dem Begriff des »Kritischen Realismus« eine Erweiterung beibringen wollte. Dieser Begriff wird dann absolut gesetzt und alle ausgestellten Künstlerinnen und Künstler werden zu Systemkritikern, die sich mit den Mitteln ihrer Kunst gegen die formale Hegemonie ihrer Zeit aufgelehnt hätten. Hiergegen gilt es zu kämpfen, denn man kann den Realismus immer noch als Begriff ins Feld führen, aber gegen die Nation und gegen kapitalistische Kulturproduktion. Man müsste einen Realismusbegriff verteidigen und ihn nicht national einholen lassen.

O. Perutz: Das Politische in Deutschland ist dann nicht etwa, dass es verschiedene politische Systeme gab, sondern das Politische ist der Einheitswille. Das sagt aber nicht nur die Ausstellung, son­dern die ganze deutsche Einheitsgeschichte beruft sich genau darauf: Dieser große Akt 1989, dieses »Wir haben die Mauer umgestürzt«. Zunächst waren das die Ostdeutschen – die das ja auch nicht alleine gemacht haben, sondern haupt­sächlich, weil der Ostblock gekippt ist –, und inzwischen ist 1989 von einer Revolution der Ostdeutschen zu einer gesamtdeutsche Revolution geworden. Das ist im Moment der Mainstream, und da passt diese Ausstellung einfach vollkommen hinein.

Wenn nun ausgerechnet kritische Positionen Bestandteil nationaler Selbstvergewisserung werden, was kann dann eigentlich emanzipatorische Kritik noch sein?

C. Perutz: Natürlich ist gerade im kulturellen Bereich jede inhaltlich noch so emanzipatorische Kritik als ein Zeichen der Individualität von Autoren integrierbar. Deshalb steht für uns die Frage der Organisierung im Vordergrund, die Frage, wie Kritik sich anders, eben nicht bloß als persön­licher Duktus äußern kann. Erst von hier aus kann auch die Frage nach Emanzipation gestellt werden.

Ist es also möglich, sich als Künstler oder Kritiker der nationalistischen Vereinnahmung zu entziehen?

C. Perutz: Ich würde an kritischer Intervention fest­halten, wenn wir etwa in einem bestimmten Moment eine gute Diskussion entfachen und unsere Inhalte so stark machen können, ohne dass dabei entscheidende inhaltliche Punkte verwässert werden – aber das geht eben nicht allein als einzelne Kulturproduzenten. Unsere Erfahrungen mit dem Format der kuratierten Themenausstellung über Deutschland, das in den letzten Jahren verstärkt genutzt wird, ist, dass es keinen Sinn hat, etwa den Goldenen Zitronen zu sagen, macht doch bei dem und dem Event mit, damit es da wenigstens eine kritische Position gibt. Genau die »kritische Position« ist mehr und mehr gefragt in der Bestimmung des Nationalen. Man hat dann nicht nur den Narrenkünstler im Sinne von: »Und hier haben wir dann noch die Goldenen Zitronen, die so ein bisschen radikaler sind.« Man hat auch noch den Ausweis der deutschen Fähigkeit zur Selbstkritik. Gegen diese Stillstellung von Kritik – sei sie noch so radikal oder antinational – kann man nur kollektiv auftreten, und das womöglich so, dass man dabei die Grenzen der Kunst verlässt.

Zum Stichwort »Grenzen der Kunst verlassen«: Ist es nicht auch notwendig, Verbindungen zu anderen gesellschaftlichen Bereichen und politischen Kämpfen herzustellen?

O. Perutz: Natürlich finden wir das wichtig. Und trotzdem glauben wir nicht, dass man immer nur allgemein über Kapital und Nation sprechen sollte, denn in den spezifischen Bereichen, in denen man selbst unterwegs ist, kann man viel konkreter Kritik üben und Leute organisieren. Deswegen sehe ich Engagement im Kunst- und Kulturbereich nicht als Rückzug an. Vielmehr ist dieses Engagement ein wesentlicher Bereich innerhalb einer linken Bewegung.

C. Perutz: Wir verstehen Politik und Kunst ohnehin nicht als getrennte Welten, sondern die Frage ist doch, was es heißen kann, politisch im Feld der Kunst zu handeln. Es gibt häufig die umgedreh­te Verbindung, dass Künstler eingeladen werden, ein Transparent für eine Demonstration zu gestal­ten, um Politik aufzupeppen – man redet dann immer von symbolischer Politik. Das ist nicht un­ser Ziel. Wir versuchen, unsere politische Bedeutungslosigkeit als vereinzelte kritische Künstler im Feld der Kultur organisiert anzugreifen.

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