Tapetenbeten
Extrem vorweihnachtliche Geschichten über Gott, seine perfiden Tricks und Kniffe, christliche Rituale und Stalin.
von Christian Bartel, Nils Heinrich und Franziska Wilhelm
Black Metal
Oder: Warum die Erde ein einsamer Ort ist, wie der Herrgott seine Midlife-Crisis endlich überwand und was uns der Black Metal darüber erzählen kann
Wenn sich der Herrgott mopst, dann schlüpft er in sein altes Odinskostüm und zündet ein paar Kirchen an, nur so aus Jux. Kirchen brennen sehr schön, und es ist ja auch nie jemand drin. Dann hüpft der Herrgott um die rauchenden Kirchen herum, scheißt sich ins Fell vor Lachen und fühlt sich jung wie lange nicht mehr.
Der Herrgott fühlt sich nämlich, alt und schuld daran sind die Kirchen, findet er. Ständig heißt es »weise« hier und »gütig« da. Und er soll auf einem Himmelsthron herumsitzen und huldvoll winken.
Er ist doch nicht schwul oder so. Aber natürlich ist er schwul, wie er überhaupt alles ist, und das ist auch nicht immer ganz einfach für ihn. Im Moment jedenfalls ist er ein heterosexueller Gott in der Midlife-Crisis. Männer in dem Alter würden sich ein Cabrio und eine Blondine kaufen, aber das ist dem Herrgott dann doch zu albern. Deswegen zündet er halt Kirchen an.
Zur selben Zeit sitzt Uwe Kempinski aus der 10b unter dem Fenster von Suzanne Sundermann, auf dass er einen Blick auf sie erhasche, wenn sie aus ihrem Fenster klettert, um auf dem Garagendach heimlich eine zu rauchen.
Seit drei Monaten hockt Uwe jeden Abend im Gebüsch. Ängstlich und verwirrt, aber so von reiner Liebe durchdrungen, so hell und gleißend lodernd, dass man ihn als Leuchtturm aufstellen könnte. Aber es sieht ja wieder niemand.
Der Herrgott hopst derweil vergnügt durch die St.Florian-Kirche, füllt Benzin ins Taufbecken, grölt: »Großer Gott, wir loben dich!«, und übergießt das geschnitzte Chorgestühl aus dem achtzehnten Jahrhundert. Jetzt muss er nur noch Feuer! rufen und woosch! geht alles in Flammen auf.
Da steigt ihm aber dieser Geruch in die Nase.
Dieses feine Fluidum reiner und bedingungsloser Liebe, wie es Engel absondern, wenn sie unter den Menschen wandeln.
»Scheiße«, sagt der Herrgott und beißt sich auf die Zunge, denn sein Wort ist Gesetz auf Erden. Es ist ihm sehr unangenehm, von seinen Mitarbeitern beim Kirchenanzünden erwischt zu werden, und deswegen nimmt er sich vor, den Engel fortzuschicken. Irgendeinen Propheten briefen oder sonst was.
»Heda!« donnert also der Herrgott auf Uwe herab.
»Ich bin der Herrgott und du bist kein Engel, mein Freund.«
»Nee«, sagt Uwe. »Ich heiße Uwe und bin verliebt. Ich traue mich aber nicht, sie anzusprechen, weil sie so schön ist.«
»Das bringt auch nix«, meint der Herrgott. »Die will nichts von dir.«
»Ach«, macht Uwe traurig.
»Ja. Ist aber so.«
Dem Uwe steigen die Tränen in die Augen.
»Deine Schöpfung ist super, aber du bist ein Arschloch, Herrgott.«
Der Herrgott kichert.
Der Junge gefällt ihm. Riechen wie ein Engel und dann auch noch Mumm in den Knochen.
»Hast du Lust, ’ne Kirche anzuzünden?« fragt der Herrgott gutmütig. »Das hilft gegen Liebeskummer.«
Eins muss man wissen: Es ist ein ungeheuer befreiendes Gefühl für einen unglücklichen Fünfzehnjährigen, der um zwölf zu Hause sein muss, wenn so eine riesige, uralte Kirche in Flammen steht, das Gebälk sich noch einmal aufbäumt und dann zischend in sich zusammensackt.
Und es hilft wirklich gegen Liebeskummer.
Uwe tanzte um das Feuer herum, brüllte blasphemischen Unsinn und fühlte sich erwachsen wie noch nie. Der Herrgott dagegen war peinlich berührt, weil er sich ertappt fühlte. So sah das also aus. Nach meinem Abbild hab ich diese Spinner erschaffen, dachte der Herrgott, aber aus dem Alter bin ich ja nun echt raus.
Rehe, zum Beispiel, Rehe, mochte der Herrgott viel lieber, die kümmerten sich um ihren eigenen Kram. Er konnte stundenlang durch den Wald gehen, ohne von einem einzigen Reh blöd angequatscht zu werden. Diese herrliche Ruhe.
Die Menschen dagegen: »Bitte, lieber Gott, mach dies, gib mir das, erschlage meine Feinde, mach meinen Pimmel größer, mein Mann soll nicht immer so dick sein, und das Klo soll richtig abziehen.«
Die gingen ihm auf den Sack, diese Geschöpfe.
»Uwe«, sprach also der Herrgott. »Ich mach die Biege, will euer Gott nimmer sein. Das habe zum Zeichen: Ihr seid mir zu blöd. Ich erklär dir jetzt genau einmal die Schöpfung, merk es dir oder lass es sein, und dann siehst du mich nie wieder. Grüß die anderen.«
Und der Herrgott hockte sich hin und zeichnete den kompletten Schöpfungsplan in die erkaltende Asche. Von Alpha bis Omega erklärte er dem Uwe Kempinski, wie man so ein Universum baut und was man dabei beachten muss. Aber Uwe hörte nicht hin und sah nicht zu, weil er wieder nur an Suzanne dachte, und dann regnete es auch schon und der Weltenplan wurde weggespült.
Der Herrgott aber gab dem Satan die Schlüssel zur Welt und sagte: »Viel Spaß damit. Ich mach mir eine neue«, und überwand endlich seine Midlife-Crisis.
Seine neue Schöpfung ist wesentlich reifer und stilvoller. Das Werk eines erwachsenen Gottes auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Eine Welt wie aus einem Guss, aufs Wesentliche reduziert. Es gibt nur eine Tierart, nämlich Rehe, und einen hübschen Mischwald mit drei Sorten Bäumen. In der Mitte fließt ein langsamer, ruhiger Fluss, sonst gibt es nichts, nicht einmal Wetter.
Uwe aber erfand den Black Metal, um die Menschheit davon in Kenntnis zu setzen, dass sie soeben dem Satan anheim gefallen war und es keine Hoffnung mehr gibt. Suzanne Sundermann hat er natürlich immer noch nicht angesprochen.
Und wir, wir Menschen, wir sind seit diesem Tag mutterseelenallein in einem kalten Universum und haben auch noch den Black Metal am Hals.
Und erst wenn die Menschen werden wie die Rehe, so scheu und so still, erst dann schaut der Herrgott vielleicht noch mal rein.
Aber – offen gestanden – es lohnt die Mühe nicht.
Christian Bartel
Die blasphemische Bärbel
In der folgenden Geschichte gehen wir zurück in die Zeit, als ich fünfzehn Jahre alt war. Den Freitagabend in der Sangerhäuser Provinz verbrachte ich damals regelmäßig in der Jungen Gemeinde. Beten, Tee trinken, Tischtennis spielen. Zur Gitarre singen, im Kreis sitzen, sich gegenseitig aus der Bibel vorlesen. Und alle lächelten. So lieb, so heilig, so langweilig.
Nur nicht an jenem Abend, dem wir uns nun widmen wollen. Es muss der erste Freitag nach Ostern gewesen sein, als mitten durch die Gebetsgemeinschaft ein Tornado tobte und alles das platt machte, woran Minuten vorher noch tief geglaubt worden war. Und zunächst schien auch alles wie an jedem anderen langweiligen Freitag:
Jeder hält den Kopf gesenkt und betet. Manche haben dabei die Finger seemannsknotenartig ineinander verhakt, andere halten die geöffneten Handflächen nach oben, als seien sie bereit zum Ballspiel und wollten den Basketball fangen, den Gott jeden Augenblick runterwirft. Es ist ruhig im Raum. Alle schweigen und atmen flach, bis der erste was vorbetet. Das ist Justus, Sohn eines Parteisekretärs und einer Staatsbürgerkundelehrerin und komplett anders drauf als seine Eltern. Justus ist dreihundert Prozent frommer als zum Beispiel Wibke, die Pfarrerstochter mit den engen Jeans, von der man munkelt, das sie schon getan hat, was man selbst gerne schon mal getan hätte. Ist ja schließlich eine Pfarrerstochter. Oh, diese Pfarrerstöchter! Die sind ja ganz verdorben.
Von Wibke, die auch nie ein Blatt vor den Mund nahm, kam übrigens die Äußerung, dass Justus die Heiligkeit mit Löffeln gefressen habe. Mit Esslöffeln. Ach was, mit Suppenkellen hat er sie gefressen, hat Wibke gesagt! Wer so was sagt, hat doch garantiert schon mal … gefickt!
Justus sächselt jetzt laut sein Gebet in die Runde und alle hören zu: »Lieber heiliger Vater im Himmel, ich danke dir für den schönen Tag, den ich heute erleben durfte. Ich danke dir vielmals, dass ich nicht böse krank geworden bin, dass ich genug zu essen hatte, auch wenn es heute wieder keine Bananen gab. Ich danke dir, dass ich nicht vom Auto überfahren wurde. Ich danke dir, dass es nicht so viele Autos in der DDR gibt. Ich weiß genau, du hast mich gut behütet, ja, ich bin sehr gut bei dir, o Herr, aufgehoben. Du sorgst für mich, wie meine Mutter nie für mich gesorgt hat, und leitest mich wie ein Wegweiser. Ich danke dir für meine Eltern, auch wenn sie Arschlöcher sind. Ich weiß, o Herr, dass du das eines Tages einrenken wirst, wie nur du das kannst. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Danke, lieber Vater, dass du immer für mich da bist. Du bist echt supi! Amen.«
Und alle: »Amen.«
Dann Stille. Fünfundvierzig Sekunden lang Stille.
Jemand versucht, ganz leise seinen Rotz in der Nase hochzuziehen. Alle können es hören. Auch Gott. Ich blinzle nach oben: Bernhard ist das. Ich beschließe, ihm später nicht die Hand zu geben.
Jemand flüstert: »Brauchst du ein Taschentuch?«
»Ja.«
Es raschelt, dann bläst Bernhard leise alles, was er hat, da rein. Er hat viel. Es klingt, als würde ein ganz kleiner Elefant lange gurgeln. Alle hören zu. Dann ist wieder Stille, bis zu Bärbel: »Lieber Herrgott, ich bin dir echt dankbar, dass du mir den Tag heute relativ leicht gemacht hast. Ich mache gerade eine beschissene Phase durch, du weißt warum. Aber weißt du, heute habe ich mich im Spiegel betrachtet und habe gesehen, dass ich wieder lächeln kann. Glaube jedenfalls, dass das ein Lächeln war. Sollte es eins gewesen sein, war das eine extrem schöne Erfahrung. Dafür danke ich dir, lieber Herrgott. Amen.«
Und alle: »Amen.«
Schweigen. Alle kennen Bärbel. Alle wissen, warum Bärbel eine schwere Zeit hat. Bärbels Mann, der Jugendpfarrer Thomas, mit dem sie seit zehn Jahren verheiratet ist und zwei Kinder hat, ist letzten Monat ausgezogen. Thomas wohnt jetzt bei seinem Freund, der ihm gezeigt hat, was seine wahre Sexualität ist. Und in diesem Moment sitzen beide Bärbel genau gegenüber.
Hand in Hand.
Die ganze Stadt lacht über Bärbel. Nur hier lacht keiner, nicht laut jedenfalls.
Bärbel nochmal: »Weißt du, lieber Herrgott, bitte verzeih, dass ich zurzeit richtig schlechte Gedanken habe. Dass ich manchmal meine, ich komme mir verarscht vor. Und dass ich meine, dass verarscht genau das richtige Wort ist dafür. Lieber Herrgott, ich weiß, dass du unfehlbar bist. Aber manchmal denke ich, du hast echt den Arsch offen. Ja! Manchmal denke ich wirklich, du bist ein Arsch. Der größte Arsch der Welt, bist ja schließlich Gott.
Der andere Mist, den du verbockst, also Hunger und Krieg und so, das ist mir egal, ich habe keinen Hunger, und Krieg gibt’s hier auch nicht. Aber das, ich meine, wie kannst du mir so was antun? Nach zehn Jahren Ehe? Bin ich hässlicher als ’n Mann? Ist es das? Ist das deine Art, ›April, April!‹ zu sagen?«
Justus sagt leise und schnell: »Bärbel … Bärbel! Psscht … halt die Gusche!«
Doch Bärbel macht weiter. Sie hat nur kurz Luft geholt.
»Und hast du meiner Schwester eingeredet, dass sie mir sagen soll, dass das alles vielleicht an meiner Unterwäsche liegt? Kann der doch egal sein, was ich drunter trage! Hast du mir vielleicht dann auch meine Mutter auf den Hals gehetzt, die mir jetzt Kochen beibringen will, weil ich das ihrer Meinung nach nicht kann, weshalb mein lieber Herr Gemahl gleich schwul geworden ist? Wird man jetzt schon von Spaghetti mit Ketchup schwul? Das ist doch Scheiße, nein, es ist ja von dir, Gott, also ist es heilige Scheiße!
Warum soll ich noch an dich glauben, hä? Kriegst doch eh nichts auf die Reihe! Guck dir doch einfach mal deine so genannte Schöpfung an. Ey, was da für Arschlöcher rumlaufen. Ich sag dir was, Gott: Du bist ein Versager auf der ganzen Linie!«
Sie pausiert kurz, hat einen Einfall und tut ihn umgehend kund: »Nee, bist du nicht, weil, weil, dich gibt’s gar nicht! Wenn’s dich gäbe, hätte ich nicht mit einem Schwulen schlafen müssen, um schwanger zu werden. Du hättest es mir besorgt! Und zwar göttlich! Wahrscheinlich wäre ich dann auch mal gekommen! Hätte, wäre, sollte, ist aber nicht! Weil du nicht bist! Ja, genau, ihr Pappnasen, hört her, eure Bärbel erzählt euch jetzt mal die Wahrheit. Gott ist tot! Gott war nie da! Ihr betet hier jeden Freitag die Raufasertapete an, haha, ihr macht Tapetenbeten! Tapetengebetsgemeinschaft! Und ihr seid doch nur hier, weil’s zur Weihnachtsfeier im Gemeindehaus immer Duplo und Ferrero-Küsschen gibt, die euch eure Westverwandten nie mitbringen! Weil ihr keine habt! Weil dieser angebliche Gott euer einziger Westverwandter ist! So sieht’s doch aus!«
Angstgeweitete Augen blicken in Richtung der Zeternden, die soeben vom Glauben abgefallen ist. Uta, Dagmar, Birgit und Jacqueline halten sich die Ohren zu, Mario befühlt die Tapete, flüstert fassungslos: »Das ist nicht wahr!« Gunnar sitzt apathisch auf der Kante seines Stuhles, murmelt: »Ich habe es geahnt!« und steckt sich eine Zigarette an. Und Justus schießt aus dem Zimmer in den Flur, wo die Tische stehen mit den Teekannen, und er kommt zurück mit einer Tasse voller Tee und sagt leise, aber sehr deutlich: »Bärbel, nach all den vielen Worten hast du dir eine kleine Pause verdient. Der Tee hier ist für dich, der ist auch nicht mehr so heiß, den kannst du gleich so wegtrinken.«
Bärbels Verhängnis in diesem Augenblick ist, dass sie zwar nicht mehr an Gott, wohl aber an Justus glaubt. Sie nimmt einen großen Schluck Tee, der frisch aus einer Thermoskanne in die Tasse geschüttet worden ist, und man kann förmlich hören, wie es auf ihrer Zunge knistert, weil die kleinen Geschmacksknospen zu kochen anfangen. Bärbel kreischt auf. Die Teetasse fliegt im hohen Bogen davon und zerschellt auf dem Kruzifix an der Wand.
Justus fragt, ob noch jemand Tee will. Alle schütteln heftig den Kopf, woraufhin er die Gebetsgemeinschaft beendet mit den Worten: »Wer Gott lästert, verbrennt sich die Gusche!«
Ich besuchte nach diesem Vorfall immer seltener die Junge Gemeinde, bis ich irgendwann ganz wegblieb. Was aus Bärbel und den anderen geworden ist, weiß ich nicht.
Jedoch trinke ich hin und wieder ganz gern ein Tässchen Tee und habe es trotz Bärbels Worten immer noch nicht geschafft, aus der Kirche auszutreten.
Nils Heinrich
Der Schwarzmeer-Freidenkerbund
Es ist nicht so, dass Cems Vater keinen Glauben hätte.
Im Gegenteil, er glaubt felsenfest an die Überlegenheit des Sozialismus, und daran, dass Zonguldakspor irgendwann türkischer Fußballmeister wird. Er ist also einigen Kummer gewöhnt. Außerdem glaubt er, dass seine Frau nicht merkt, dass er heimlich ins Fitnessstudio geht. »Du wirst zu dick«, hat sie neulich gesagt, als ihr Mann zum dritten Mal den Teller hingehalten hat. Cems Vater ist aufgesprungen und hat gebrüllt: »Ein türkischer Mann ist nie zu dick«, aber man hat gesehen, dass er dabei verstohlen auf seine Silhouette im Spiegel geschielt hat. Dann ist er aus dem Haus gestürmt und hat den Abend im Schwarzmeer-Freidenkerbund verbracht.
Früher hat sich der Schwarzmeer-Freidenkerbund im Heim der Arbeiterwohlfahrt getroffen, aber weil man dort weder rauchen noch Bilder von Stalin aufhängen durfte, treffen sie sich jetzt bei Kostas, der eigentlich Wassil heißt.
Das Stalinbild hängt mittlerweile neben dem Akropolis-Relief aus Gips, und wenn normale Gäste danach fragen, sagt Kostas: »Das ist mein Großvater«, und bis jetzt hat es noch jeder geglaubt.
Zu den selbstgestellten Aufgaben des Schwarzmeer-Freidenkerbundes gehört neben Rauchen, sich über die Ehefrauen zu beschweren und Batak zu spielen auch die politische Agitation, und für die ist Hartmut, der Busfahrer, zuständig.
Hartmut wollte als Student die Werktätigen der Verkehrsbetriebe für die Weltrevolution gewinnen, ist dabei aber irgendwie in eine Festanstellung gerutscht und deswegen seit über dreißig Jahren Busfahrer.
Cems Vater hatte vor zwei Jahren einen Bandscheibenvorfall und ist seitdem Rentner, aber Hartmut wiegt einfach zu wenig, um auch einen zu kriegen, obwohl ihm Cems Vater mit Rat und Tat zur Seite steht.
Jedenfalls hat Hartmut Cems Vater überredet, an einem Bürgergespräch teilzunehmen, bei dem es um eine geplante Moschee gehen soll, gegenüber der einige Mitbürger ohne Migrationshintergrund Zweifel hegen. Cems Vater hat überhaupt keine Zweifel in dieser Angelegenheit, im Gegenteil, er würde sofort alle Religionen verbieten lassen, wenn ihn jemand fragte, und endlich fragt ihn mal jemand.
Cems Mutter hat gesagt, er soll die Leute lieber machen lassen, er müsse ja nicht in die Moschee gehen, aber sein Vater hat gemeint, sie habe nur Angst, dass die Leute sie beim Einkaufen schnitten, aber das seien doch ohnehin rückständige Ziegenhirten. Dann solle er in Zukunft gefälligst selbst einkaufen gehen, hat sie gerufen und ihm sofort einen Einkaufszettel geschrieben.
»Das geht nicht. Ich habe einen Bandscheibenvorfall«, hat Cems Vater beleidigt gesagt und auch diesen Abend im Schwarzmeer-Freidenkerbund verbracht.
Ich kann die Angst von Cems Mutter verstehen. Als wir in der Grundschule waren, ist Cems Vater schon einmal als Redner aufgetreten, weil Antonios Vater krank gewesen ist und wir keine anderen Ausländer in der Klasse hatten. Er sollte während der Projektwoche »Eine Welt« aus seiner Heimat erzählen, damit wir dazu Bilder malen könnten. Cems Vater hat also seinen besten Anzug angezogen und wie immer seine drei Lieblingsgeschichten zum Besten gegeben:
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Wie ein Esel seinem Bruder Veli den linken Hoden abgebissen hat.
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Wie er einmal den Hodscha im Puff getroffen hat und es danach überall herumerzählt hat.
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Wie er einmal ganz alleine eine Straßenschlacht gegen die Faschisten gewonnen hat.
Unsere Bilder sind sehr aussagekräftig geraten, durften aber trotzdem nicht auf dem Schulfest gezeigt werden, außerdem zweifelt Cem mittlerweile am Wahrheitsgehalt der Geschichten. Bei der ersten Geschichte steht Aussage gegen Aussage, Cems Onkel Veli behauptet nämlich, sein Hoden sei damals nur gequetscht gewesen, die zweite Geschichte scheint zu stimmen, obwohl die Frage offen bleibt, was Cems Vater als Heranwachsender im Puff verloren hatte, zumal er damals nach eigener Aussage Tag und Nacht geschuftet hat, und die dritte Geschichte ist zwar theoretisch glaubwürdig, weil es in den Siebzigern ständig solche Auseinandersetzungen in der Türkei gegeben hat, aber Onkel Bülent sagt, Cems Mutter hätte seinen Vater nie und nimmer auf die Straße gelassen, und das klingt plausibel, besonders, wenn man sie kennt.
Nach seinen Erzählungen hat Cems Vater ein revolutionäres Kampflied angestimmt und ist mit uns über den Schulhof marschiert, bis die Direktorin eingegriffen hat. Seit diesem Tag findet sein Vater das deutsche Bildungssystem reaktionär und ich bin mit Cem befreundet.
Meine Mutter war sehr glücklich, dass ich einen türkischen Spielkameraden gefunden hatte, und hat Cem überall herumgezeigt – Türken waren damals noch relativ selten bei uns in der Siedlung. Ich war ebenfalls glücklich und habe damit angegeben, dass mein Freund Stalinist ist, bis Cems Mutter dahintergekommen ist. Ich sollte am besten gar nichts sagen, hat sie gemeint, oder lieber »Sosyalist«, aber schon damit konnte man im Rheinland der frühen achtziger Jahre gut Leute erschrecken.
Auch heute hat Cems Vater seinen besten Anzug an, es ist sogar in der Tat derselbe wie damals, aber ich bin ja auch wieder dabei. Diesmal soll ich allerdings kein Bild malen, sondern einen Artikel für das Lokalblatt schreiben. Der gesamte Schwarzmeer-Freidenkerbund ist angetreten, und sogar Cem ist mitgeschickt worden. Falls etwas passiert, hat seine Mutter gemeint. Aber es passiert nichts.
Die Moscheegemeinde hat einen smarten, jungen Mann geschickt, der einen Powerpoint-Vortrag über die geplante Moschee hält. Er könnte aber genauso gut Finanzprodukte verkaufen oder für den Vorsitz bei der Jungen Union kandidieren, ohne dass jemand den Unterschied merken würde, weil er genau dasselbe Gestaltungs- und Verantwortungs-Vokabular benutzt. Daneben sitzen ein deutscher Gewerkschafter und ein Pfarrer, beide nicken mildtätig auf den Redner ein. Cems Vater sitzt am Rand des Podiums und schwitzt.
Im Publikum hocken ein paar deutsche Rentner und starren grimmig Türken an, von denen aber nicht sonderlich viele gekommen sind, und die sind es gewohnt, misstrauisch von Rentnern beäugt zu werden. Außerdem sind einige Anwohner verschiedenster Nationen da, die sich Sorgen um ihre kostenlosen Parkplätze machen, auf denen soll die Moschee nämlich gebaut werden.
Der Mann von der Moscheegemeinde ist mit seinem Vortrag fertig und sagt, dass er jetzt Fragen beantwortet.
Eine deutsche Frau steht auf und will, dass er etwas zur Todesstrafe in Saudi-Arabien und zur Burka sagt. Der Mann sagt, dass er für beides nichts kann, distanziert sich dann aber routiniert.
Die Rentner murren unwillig, aber die Frau nickt zufrieden und setzt sich wieder.
Dann wollen die Anwohner wissen, wo sie in Zukunft parken sollen. Diese Frage könne er nicht beantworten, sagt der junge Funktionär, dafür sei der Bezirksbürgermeister zuständig.
Ein großes Murren hebt an und Cems Vater sieht seine Stunde gekommen. Von den Schwingen des Volkszorns getragen, hebt er zu einer großen aufklärerischen Rede wider die Religion im Allgemeinen und den Islam im Besonderen an. Dazu hat er einige Passagen von Marx und Feuerbach auf Deutsch und Türkisch einstudiert, die jedoch wenig Anklang finden. Außer bei Hartmut, der etwas unpassend »No pasarán!« in den Saal ruft.
Die Rentner gucken irritiert und der Funktionär blättert gelangweilt in seinen Unterlagen. Cems Vater schließt mit einem unfreundlichen Zitat von Atatürk über den Islam und bringt damit wenigstens den Mann von der Moscheegemeinde gegen sich auf.
»Das hat Atatürk nie gesagt«, behauptet der junge Funktionär, aber Cems Vater beharrt darauf – so geht das eine Viertelstunde lang. Die Anwohner werden ungeduldig und wollen wissen, was jetzt mit den Parkplätzen ist. »Verpisst euch, hier geht es um Wichtigeres«, ruft Cems Vater, und der Mann von der Moscheegemeinde nickt. Er wirkt jetzt nicht mehr wie ein Funktionär, sondern ganz normal, wie ein Türke eben, der sich aufregt.
Die beiden sind aufgesprungen und beschuldigen sich gegenseitig, Name und Erbe Atatürks in den Schmutz zu ziehen, so viel verstehe ich, obwohl die beiden ins Türkische verfallen sind.
Der Abend kommt langsam in Schwung, aber die Rentner sind trotzdem unzufrieden, weil sie nichts verstehen.
»Wir sind in Deutschland, da spricht man Deutsch«, sagen sie, aber niemand beachtet sie, und so packen sie noch die kostenlosen Schafskäsehäppchen der Moscheegemeinde in ihre Tupperdosen und gehen nach Hause.
Der deutsche Gewerkschafter will schlichten und schlägt vor, sich doch auf die Diskussion praktischer Probleme zu beschränken, zum Beispiel auf die fehlenden Parkplätze, aber der Mann von der Moscheegemeinde sagt, dass ihm diese verfickten Parkplätze jetzt mal scheißegal sind. Das ist sein letzter Satz auf Deutsch an diesem Abend. Cems Vater sagt auf Deutsch »jawoll« und erzählt dann auf Türkisch die Geschichte, wie er den Hodscha seiner Moschee damals im Puff von Zonguldak getroffen hat und darüber Atheist geworden ist. »Solche Heuchler sind das nämlich«, sagt er triumphierend, und Cem übersetzt es mir kopfschüttelnd.
Das Publikum zeigt erstmals reges Interesse und diskutiert den Fall.
Außer Hartmut und mir sind bald nur noch Türken da, und Cem kommt nicht mehr beim Übersetzen mit, weil alle durcheinander reden. Hartmut ist das egal, er klatscht einfach jedes Mal, wenn Cems Vater etwas sagt.
Der Abend endete dann unentschieden, erzählt Cem später. Die meisten Zuhörer fanden, dass der junge Mann von der Moscheegemeinde zwar prinzipiell Recht gehabt hat, dass es aber ungehörig von ihm gewesen sei, so mit einem älteren Mann zu reden, selbst wenn der dreimal Kommunist ist.
Den größten Eindruck freilich hat die Geschichte von Onkel Velis fehlendem Hoden gemacht, die Cems Vater als Zugabe erzählt hat. Darauf wird seine Mutter noch heute beim Einkaufen angesprochen, aber mir hat sie verboten, darüber je in der Zeitung zu schreiben.
Christian Bartel
Weihnachten in Stotternheim
Prolog
Es gibt Dörfer, die waren einmal schön. Dann gibt es wiederum Dörfer, die sind irgendwann einmal verschönert worden. Auf Stotternheim trifft weder das eine noch das andere zu. Ein optimistischer Heimatdichter würde Stotternheim vielleicht als ein thüringisches Kleinod unverwüstlicher Charmelosigkeit beschreiben, aber es hat noch nie einen Dichter in Stotternheim gegeben. Die einzigen künstlerischen und spirituellen Prominenzen, deren Schicksale mit dem Dorf in Verbindung gebracht werden, sind eine ostdeutsche Punkband namens Schleimkeim und Martin Luther.
Schon Luther hat Stotternheim so kennengelernt, wie es nun einmal ist: hässlich. Der Himmel war schwarz, es goss, es blitzte, es donnerte. Luther flehte in seiner Not die Heilige Anna an, schwor, ins Kloster zu gehen, und überlebte. Dort, wo er einst übers Feld zog, setzten ihm die Stotternheimer ein Denkmal, und direkt daneben ist eine Müllkippe mit angegliederter Biokompostanlage. Zur Beruhigung der anwesenden Protestanten muss man sagen, dass es sich um eine sehr schöne, gepflegte Müllkippe handelt. Sie bringt etwas toskanische Hügellandschaft in das triste Stotternheimer Flachland. Leider sorgt die Biokompost-Anlage bei ungünstigen Windbedingungen dafür, dass sich auch die gläubigsten Christen von Luther abkehren. Erst versuchen sie meist noch, den Gestank zu ignorieren, später pressen sie Schals und Tücher vor Mund und Nase, dann fangen sie an zu taumeln. Letzten Endes dauert es nur vier, fünf Minuten, bis sie den heiligen Ort fluchtartig verlassen.
Der gebürtige Stotternheimer, der gerade noch eine Ladung Pferdemist wegbringen will, bevor die Anlage zumacht, sitzt derweil gemütlich auf seinem Traktor und atmet tief durch. Auf dem Rückweg pisst er in die Bahnhofsunterführung, damit auch die zugreisenden Luther-Liebhaber gleich wissen, dass hier nur die Härtesten durchkommen.
Es gibt nur eine Zeit im Jahr, in der so etwas wie Milde in die Stotternheimerinnen und Stotternheimer einkehrt: die Weihnachtszeit. Denn dann wird in der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Stotternheim das Krippenspiel aufgeführt. Ein Krippenspiel, bei dem nur die Härtesten mitmachen dürfen. Und das will in Stotternheim schon etwas heißen.
Das Krippenspiel
Irgendetwas zwischen Regen und Schnee fiel im gelben Licht der Straßenlaternen zu Boden. Die Bänke im Hauptschiff waren alle besetzt. Die letzten Besucher drängten sich über die Außentreppe auf die Empore. Unten marschierte schon die Blaskapelle ein. Das Besondere an der Blaskapelle war, dass sie gleich wieder los musste. Sie war die einzige Instrumentalgruppe im Umkreis und musste am Weihnachtsabend noch sechzehn weitere Gemeinden bespielen. Um die größtmögliche Songeffizienz zu erreichen, hatte sie sich über die Jahre ein ganz eigenes Spieltempo zugelegt. »Stille Nacht, Heilige Nacht« wurde zum schnittigen Midtempo-Stück. »Es ist ein Ros entsprungen« klang autoscooter-tauglich. Und an der Version von »O du fröhliche« hatte bereits ein örtlicher Drum’n’Bass-DJ sein Interesse angemeldet. Nach den Bläsern kam das, worauf alle warteten und wovor der Pfarrer sich von Jahr zu Jahr mehr fürchtete: das Krippenspiel. Die Darsteller waren die auffällig gewordenen Jugendlichen des Dorfes, die ihre Sozialstunden im Gemeindehaus ableisteten. Drei Schäfer trotteten ein und setzten sich um ein selbstgebasteltes Lagerfeuer, das nicht flackerte, aber kräftig dampfte. Die möglichst beeindruckende Darstellung des Lagerfeuers war seit Jahren eine wichtige Angelegenheit, in die ein Großteil der Sozialstunden investiert wurde. Im letzen Jahr hatten die Hirten um einen 1,50 Meter hohen, lodernden Vulkan gesessen, der ihnen sehr viel Anerkennung im Dorf eingebracht hatte. Leider war es im Laufe der Aufführung zu einem nicht unwesentlichen Kurzschluss mit darauf folgendem Schwelbrand gekommen. Der Pfarrer hatte deshalb bestimmt, dass das Feuer in diesem Jahr klein bleiben musste. Nur ein bisschen Dampf hatte er zugestanden. Der Drum’n’Bass-DJ hatte daraufhin eine Nebelmaschine besorgt. Es war eine gute Nebelmaschine. Aber Nebel war eben kein Feuer.
Betrübt saßen die Hirten um ihr dampfendes Lagerfeuer und taten missmutig so, als ob sie sich daran wärmten. Da trat jemand ans Mikrofon. Er schlug ein großes Buch auf und las laut daraus vor: »Maria war ein goddesfürschtisches Määädschn.« Unter seinem weißen Umhang zeichnete sich die Form seiner Bomberjacke ab. Er las den Satz noch einmal: »Maria war ein goddesfürschtisches Määädschn.« Dann klappte er das Buch zu.
»Isch will eusch die Geschichte in meinen eigenen Worden erzählen«, las er von einem anderen Zettel ab. Das mit den eigenen Worten war wichtig. Das hatten der Pfarrer, die Kantorin, Frau Bangelhoff-Schneidt, und die verschiedenen Bewährungshelfer schon vor langer Zeit so festgelegt. Dabei hatten sie aber nicht damit gerechnet, dass durch die eigenen Worte die Heiligen Drei Könige zu Caesar, Melchior und Balthasar werden würden, dass sie plötzlich nach Betleheim reisten und auf dem Weg Kamille, Minze, Myrrhe und Salbei rauchten. Deshalb wurden die eigenen Worte jetzt immer vorher aufgeschrieben. »Maria war ein goddesfürschtisches Määädschn«, sagte der Erzähler zum dritten Mal. Jetzt noch eindringlicher. »Ich bin doch schon da!« schrie Maria und kam aus dem Dunst der Nebelmaschine hervor. Die lange blonde Pony-Strähne ihrer Renee-Frisur lugte unter ihrem schwarzen Kopftuch hervor. Maria hieß eigentlich Susann Rollke, und man hatte sie für die Rolle ausgewählt, weil sie passenderweise gerade im achten Monat schwanger war. Hinter ihr lief Josef. Josef hieß eigentlich Steffen und war tatsächlich ihr Freund und tatsächlich nicht der Vater des Kindes. »Die Bibel ist ein Buch, das einfach nicht an Gültigkeit verliert«, hatte der Pfarrer einmal gesagt, und Susann Rollke hatte wissend genickt. Susann und Steffen machten sich also auf die Suche nach einer Unterkunft.
Es war die Idee der Kantorin gewesen, nur zwei echte Türen zu verwenden und ansonsten Spiegelfolien-Wände aufzustellen. Die vielen gespiegelten Türen sollten die Dramatik der Situation verdeutlichen. Nachdem Susann Rollke zum zweiten Mal vor eine Spiegelwand gelaufen war, ließ die Kantorin die Nebelmaschine ausschalten und den Erzähler in seinen eigenen Worten erzählen, dass Josef und Maria einen Stall gefunden hätten, in dem Maria jetzt ihr Kind bekommen konnte.
Dann kamen die Schafe. Die Schafe waren der Kinderchor. Der Kinderchor bestand aus den Kindern des örtlichen Kindergartens, die zwar nicht singen konnten, aber dafür niedlich aussahen. Sie ließen sich im Kreis um die Hirten nieder, die an ihrem nun nicht mehr dampfenden Feuer saßen. Die Stimmung der Hirten war im Keller. Die Schafe spürten das und sangen noch ein bisschen schiefer als sonst. Das Lied handelte von einem Licht am Himmel. Das war wohl das Stichwort.
»Schau mal, ein verschissener Engel«, sagte der eine Hirte in seinen ganz eigenen Worten, ganz ohne Zettel. Der verschissene Engel war Jacqueline Schmidt.
»Bei dir hackt’s wohl?!« schrie sie dem Hirten zu. Dann erinnerte sich Jacqueline Schmidt an ihren Text.
»Hallo Hirten, ich bin gekommen, um euch frohe Kunde zu verbreiten«, verkündete sie und zuppelte an ihrem weißen Pannesamt-Kleid, »euch ist ein Heiland geboren.«
»Prima«, sagte der zweite Hirte.
»Ganz großes Kino«, sagte der dritte. Dann erschienen die Heiligen Drei Könige. Leider waren zwei von ihnen überraschend krank geworden, so dass Ronny Remmler alle drei Rollen gleichzeitig übernehmen musste. Damit das Publikum nicht dachte, er sei schizo oder so, hatte er sich ein Schild umgehängt, auf dem stand: »Wir wären eigentlich zu dritt.«
Die Hirten, der Engel Jacqueline Schmidt und die Heiligen Drei Könige in Person von Ronny Remmler versammelten sich im Stall von Josef und Maria. Der Kinderchor sang dazu ein Lied von Rolf Zuckowski. Dann setzte der Erzähler wieder an:
»Liebe Gemeinde«, sagte er überraschend hochdeutsch, »ich möchte mich heute, am Weihnachtsabend, noch mal beim Autohaus Borowski für die Schaufensterscheibe entschuldigen, die ich damals eingetreten habe. Ich hätte auch einfach das Türschloss knacken können.« Im Stall wurde es unruhig. Jacqueline Schmidt kratzte sich verdutzt an ihrem Pannesamt-Kleid. Ronny Remmler drehte sich so abrupt herum, dass er dabei sein Schild herunterriss. Anscheinend kannten die Darsteller diesen Text auch noch nicht. Der Erzähler sprach ruhig weiter.
»Schlösser aufbrechen ist für mich wirklich kein Problem. Aber ich wollte ja, dass es auffällt. Ich wollte ja Sozialstunden bekommen, um beim Krippenspiel mitmachen zu dürfen.« Der Erzähler wischte sich mit dem Ärmel eine Träne von der Wange. »Ich meine, wir haben hier das hässlichste Dorf im Umkreis, wir sind mies im Fußball, und wenn der Wind schlecht steht, riecht es überall nach Müllkippe. Aber wenn wir eins können, dann ist das so richtig geil Weihnachten feiern. Und da sind wir echt die einzigen weit und breit.«
»Genau«, brüllten die Männer von der Blaskapelle, die ihre sechzehn anderen Gemeinden in neuer Rekordzeit bespielt hatten, nur um schneller wieder zurück zu sein. Ganz entspannt setzten sie nun ihre Blasinstrumente an die Münder. Die Leute fassten sich an den Händen, standen von ihren Bänken auf, umarmten sich, wünschten einander frohe Weihnachten, und als die Kapelle erst zum »Schneewalzer« und dann – auf Anregung des örtlichen DJs – zu »Praise You« von Fatboy Slim ansetzte, begannen sie zu tanzen. Von Stotternheim ging an diesem Abend ein Strahlen und Glänzen aus. Stotternheim leuchtete hell und anmutig ins Universum, und das Universum leuchtete für einen winzigen, aber wunderbaren Augenblick zurück.
franziska wilhelm
Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Christian Bartel/Anselm Neft (Hrsg.): Götter, Gurus und Gestörte. Satyr-Verlag, Berlin 2009, 180 Seiten, 11,90 Euro.
Am 15. Dezember findet in der Theaterkapelle, Boxhagener Straße 99, 10245 Berlin, um 20 Uhr abends die Präsentation des Buches statt. Die Herausgeber Christian Bartel und Anselm Neft sowie die Autoren Ahne, Florian Kalff, Jochen Reinecke, Lea Streisand und Volker Surmann werden daraus lesen.




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