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Martin Büsser: Über »Pop. Geschichte eines Konzepts 1955–2009« von Thomas Ecken

Plop!

Die Blase ist geplatzt: Thomas Hecken zieht in seiner Rezeptionsgeschichte der Popmusik eine nüchterne Bilanz. Pop ist weniger sub­versiv, als die Poptheorie gerne behauptet hat.

von Martin Büsser

Thomas Hecken hat ein dickes Buch über Pop geschrieben. Mit 563 eng bedruckten Seiten vielleicht sogar das bislang umfangreichste Buch über Pop in deutscher Sprache. Genauer gesagt: Es ist ein Buch über die Rezeption von Pop. Ästhetische Phänomene und eine Stilgeschichte des Pop kommen hier nämlich nur am Rande vor, werden lediglich dann berücksichtigt, wenn sie ihren Niederschlag in der Poptheorie gefunden haben. Chronologisch wird dieses Buch wohl niemand lesen können und wollen, doch es eignet sich hervorragend als Nachschlagewerk. Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass Pop über Jahrzehnte hinweg für politische Diskurse instrumentalisiert wurde, ohne dass dieser politische Gehalt notwendig in der Musik angelegt war.

Es sind fast immer linke Diskurse, die sich des Pop theoretisch angenommen haben, wobei sich zwei diametral entgegengesetzte Positionen durch die gesamte Rezeptionsgeschichte ziehen.

Ein Teil der Linken lehnt Pop als affirmatives Werkzeug des Kapitalismus ab und sieht in der viel beschworenen Pop-Subversion nichts als die ständige Modernisierung des Kapitalismus, der andere Teil setzt gerade auf diese Subversion, grenzt sie als befreiendes Element gegen die kanonisierte Hochkultur ab oder macht daraus – wie die frühen Vertreter der Cultural Studies – eine Klassenfrage: Pop als authentisches Ausdrucksmittel der Arbeiterklasse.

Mit Blick auf Herbert Marcuse und dessen Vorstellung, dass die Freiheit der Kunst im Kapitalismus darauf beschränkt bleibt, Freiheit im System Kunst zu kanalisieren, statt sie im realen Leben einzufordern, haben Anhänger der Kritischen Theorie schon früh Popmusik als reine Verblendung angesehen. Hecken zitiert die deutsche Gruppe Subversive Aktion aus den Sechzigern: Je mehr die jugendlichen Fans von Elvis und den Beatles »davon träumten, im Sinne einer zugleich lässigen und intensiven Musik auf leichte, spielerische Weise durchs Leben zu gehen, desto stärker würde mit ihnen gespielt, desto sicherer würden ihre Erwartungen enttäuscht«. Ähnlich sahen das Guy Debord und der Kern der Situationistischen Internationale: »Pop-Art und Yeah-Yeah« seien nur »Ideologie des Konsumierbaren«. Hecken merkt an: »Dennoch brechen die radikalen Neoavantgardisten nie vollkommen den Stab über den auffälligen jugendlichen Musikfans, dafür sind sie doch immer wieder zu stark fasziniert von deren vor­übergehenden Versuchen, sich aus den alltäg­lichen Zwängen von Schule, Beruf und passiven Freizeitangeboten zu befreien.« Dieser Widerspruch ist für die Situationistische Internationale geradezu charakteristisch: Zum einen lehnten sie Pop Art und Popmusik als Bestandteil des »Spektakels« ab, zum anderen nutzten sie selbst die Pop-Ästhetik, illustrierten ihre Schriften mit auf Pop getrimmten Comics.

Herbert Marcuse wiederum war keineswegs der radikale Pop-Gegner, den einige in ihm sehen wollten. In Boston hielt er 1968 einen Vortrag, in dem er Soul und Jazz in höchsten Tönen lobte: »Die Bewegung bleibt auf der Stelle, verweigert sich der Fort-Bewegung, ist freudige Rebellion, Ausgelassenheit ob der abgeschüttelten Hemmungen bei gleichzeitigem Bewusstsein von Unterdrückung und Erniedrigung, unmittelbare Explosion ohne die Zügel traditioneller Formen von Schönheit und Ordnung.«

Was nun – stellt Pop nur eine Scheinfreiheit dar, die ihre Fans noch stärker ans gesellschaftliche System bindet, oder hat Pop sogar – wie Marcuse mutmaßt – aufklärerische Wirkung, da sich die Hörer bei der entsublimierten Hingabe des eigenen gesellschaftlichen Unterdrücktseins vergewissern können? – Fest steht, dass die Debatte um die Pop-Subversion ihrerseits historisch geworden ist. Die »andere Seite« des Pop – Pop als Freiheitsversprechen oder als bewusste Abgrenzung von der Hochkultur oder dem »Establishment« – gibt es nicht mehr, seit Pop selbst zum Bestandteil von Hochkultur avanciert ist. Heckens Schlussbemerkung fällt entsprechend nüchtern aus: Pop ist überall in der Gesellschaft angekommen, im Schulunterricht, an den Hochschulen, in den Museen, in den Feuilletons, in der Medien- und Werbeindustrie. Dort überall hat er für eine »deutlich nach außen gekehrte Zwanglosigkeit« gesorgt. Polemisch könnte man also in Anlehnung an Ulf Poschardt argumentieren, dass Pop inzwischen tatsächlich näher an FDP und Neoliberalismus dran ist als an einem wo auch immer lokalisierbaren Ort der Subversion, von dem aus die Grundwerte dieser Gesellschaft in Frage gestellt werden.

Vielleicht ist diese Entwicklung auch der Grund, weshalb Diedrich Diederichsen in einem SZ-Artikel Anfang August das »Ende der Popmusik« verkündet hat, wobei natürlich nicht die Popmusik verschwunden ist, sondern sich lediglich linke Ansprüche und Erwartungen an Pop als haltlos erwiesen haben. Natürlich gibt es weiterhin großartige Musik, doch selbst die musikalisch radikalen Ränder, beispielsweise der Noise-Rock von Lightning Bolt, taugen nicht mehr für Subversionstheorien. Was soll von Gruppen wie Lightning Bolt unterwandert werden, wenn sich auf ihren Konzerten Graphik­designer, Kunststudenten und die Großstadt-Boheme ihrer eigenen Nonkonformität vergewissern? »Pop-Underground«, wie Hecken dies nennt, wird es weiterhin geben, verschlissen hat sich lediglich der Diskurs, der darin noch etwas Umstürzlerisches ausmachen mag. Mit der zunehmenden Kanonisierung von »Underground-Pop« in Kunstkreisen erweist sich dieser als mit den historischen Kunst-Avantgarden vergleichbar: Trotz antikünstlerischem Habitus bleibt »Underground-Pop« ebenso wie beispielsweise die Fluxus-Bewegung ein voraussetzungsreiches, intellektuelles Spiel mit Grenzüberschreitungen, die stets nur im Rahmen der Kunst vollzogen werden können. Aus diesem Grund wiederholen die von Thomas Hecken referierten Debatten lediglich Fragen, die auch schon im Kontext der historischen Avantgarden gestellt wurden.

Am Ende bleibt ein schaler Beigeschmack, was man allerdings nicht dem Autor vorwerfen kann, da dieser vor allem als fleißiger Sammler von Quellen gearbeitet hat. Deutlich aber wird, mit welch gigantischem Theorie-Aufwand über mehr als drei Jahrzehnte hinweg eine politische Dissidenz in den Pop hineingedeutet wurde, die von den Musikern gar nicht eingelöst werden konnte. Das bedeutet natürlich nicht, dass Pop keine Wirkung hätte. Pop kann minoritäre Interessen erfolgreich verbreiten – man denke nur an die Bedeutung von Frankie Goes To Hollywood oder den Pet Shop Boys für eine Akzeptanz queerer Ästhetik. Aber der Glaube, die Musik sei »permanente Aufforderung zum Aufruhr« (Uwe Nettelbeck), hat sich als ebenso überhöht wie naiv erwiesen.

Thomas Hecken: Pop. Geschichte eines Konzepts 1955–2009. Transkript-Verlag, Bielefeld 2009, 568 Seiten, 35,80 Euro

RM16

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