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Catrin Dingler: Gespräch mit Michele Sarfatti über den Vatikan, den Faschismus und den italienischen Antisemitismus

»Die Geschichte der Shoah bedeutet diesem Papst sehr wenig«

Der 1952 in Florenz geborene Historiker Michele Sarfatti beschäftigt sich seit langem mit der Aufarbeitung der Geschichte Italiens, dem italienischen Faschismus und der Vernichtung der italienischen Juden. Seit 2002 ist er Leiter der Forschungsstätte Centro di Documentazione Ebraica Contemporanea (CDEC) in Mailand.

Interview: Catrin Dingler

Warum hat die italienische jüdische Gemeinde den päpstlichen Besuch in der Synagoge in Rom nicht abgesagt, nachdem Benedikt XVI. den ersten Schritt zur Seligsprechung von Pius XII. gemacht hatte?

Tatsächlich erschien einigen die Verleihung des »heroischen Tugendgrads« an Pius XII. als eine Provokation. Auch weil die ersten Pressemeldungen andeuteten, dass die Seligsprechung am 16. Oktober stattfinden sollte, zusammen mit der Seligsprechung Papst Johannes Pauls II. Pius XII. wäre somit am Jahrestag der Deportation der römischen Juden selig gesprochen worden. Das hat zu Irritationen geführt, die allerdings durch persönliche Kontakte und diplomatische Gespräche zwischen dem Vatikan und der römischen Gemeinde beseitigt wurden.

Ist ein katholisch-jüdischer Dialog in Anbetracht der ständigen Provokationen des Papstes überhaupt noch möglich?

Der Dialog mit diesem Papst ist nicht einfach, er ist hart, streng und respektlos gegenüber seinen Gesprächspartnern. Der Dialog mit seinem Vorgänger Johannes Paul II. war sicher einfacher. Der katholisch-jüdische Dialog hat Rückschritte gemacht.

Als die römischen Juden 1943 nach Auschwitz deportiert wurden, war Joseph Ratzinger Flakhelfer in München. Wie wirkt es auf Sie, diesen alten deutschen Mann in Rom in der Synagoge zu sehen?

Es geht nicht darum, dass er Deutscher ist. Mich interessiert nicht, was diese jungen Leute damals mit 17 Jahren getan haben, mich interessiert, was sie danach getan haben, mich interessiert, wie sie diese Vergangenheit beurteilen. Ratzinger hat nicht verstanden, dass er dazu klar und eindeutig Stellung beziehen muss. Entweder hat er es nicht verstanden oder er kann es nicht, oder er hat sich nie wirklich mit der Vergangenheit seines Landes auseinandergesetzt.

Kardinal Kasper, der im päpstlichen Rat für die Beziehung zum Judentum zuständig ist, bezeichnet die Kritik von jüdischer Seite als »emotionale Polemik«. Er meint, alles würde für eine Seligsprechung von Pius XII. sprechen. Worauf beruft er sich?

Ich gehöre nicht zur katholischen Kirche und möchte mich nicht zu den Kriterien äußern, nach denen sie sich richtet. Ich spreche auch nicht als Jude, sondern als Historiker. Pius XII. hat in der fraglichen Epoche nichts Nennenswertes für die Juden getan. Natürlich hat er sie nicht verfolgt. Es gibt in den USA Historiker, die ihn als »Hitlers Papst« bezeichnen. Das ist Blödsinn. Das Problem ist, dass er geschwiegen hat. Er hat keine Botschaft an die Welt gerichtet, er hätte laut aufschreien müssen. Soweit ich mit der katho­lischen Religion vertraut bin, hätte er damit die Botschaft des Evangeliums verkündet, und das ist schließlich seine Aufgabe.

Der Staatssekretär Eugenio Pacelli und spätere Papst Pius XII. hat jedoch nicht nur geschwiegen, er hat auch gehandelt. Welches Bild haben Sie sich als Historiker von ihm als Handelndem gemacht?

In meiner historischen Arbeit begegnet mir Pacelli zum ersten Mal Anfang 1939: Er blockiert die gegen den Antisemitismus gerichtete Enzy­klika von Pius XI., dem es bereits sehr schlecht geht und der bald darauf stirbt. Wir kennen nur das Manuskript dieser so genannten unterschlagenen Enzyklika, mit der die katholische Kirche zum ersten Mal den Antisemitismus öffentlich verurteilt hätte. Das wäre für die Geschichte der katholischen Kirche revolutionär gewesen. Pacelli trägt die Verantwortung dafür, dass die Enzyklika in der Versenkung verschwand. Ihn selig zu sprechen, bedeutet, diesen Teil der Geschichte komplett zu ignorieren. Und das bedeutet, dass man sich mit dem, was passierte, einverstanden erklärt.

Gab es im italienischen Faschismus eine besondere Verbindung zwischen dem traditionellen religiösen Antijudaismus und dem modernen biologistischen Antisemitismus?

Italien ist das einzige Land in Europa, das seine nationale Einheit gegen die Interessen der Mehrheitsreligion durchgesetzt hat. 99 Prozent der Italiener waren katholisch, aber die italienische Einheitsbewegung endete 1870 mit der Eroberung Roms, mit der Abschaffung des Kirchenstaats. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Italien von einer laizistischen, oft explizit antiklerikalen Politikerklasse regiert. Den Juden wurde in dieser Zeit volle Rechtsgleichheit garantiert, sie hatten oft sogar mehr Rechte als in vielen anderen europäischen Ländern. Während es in Frankreich die Dreyfus-Affäre gab und in Wien der Antisemit Karl Lueger regierte, hatte Rom, die Stadt des Papstes, mit Ernesto Nathan einen jüdischen Bürgermeister. Italien war eine andere Welt. Mit dem Ersten Weltkrieg, vor allem aber mit dem Faschismus, änderte sich alles, eine neue politische Klasse übernahm die Macht, sie war provinziell und undemokratisch und eng mit der katholischen Kirche verbunden.

Der moderne staatliche Antisemitismus beginnt in Italien also schon in den zwanziger Jahren, lange vor Hitlers Machtergreifung?

Nach Hitlers Machtübernahme 1933 suchte Mussolini den Kontakt zu ihm. Mussolini hat Hitler von öffentlichen und gewaltsamen antisemitischen Aktionen abgeraten und ihm seine Art des Antisemitismus empfohlen: eine schleichende, lautlose Entfernung der Juden aus allen wichtigen Positionen. Doch Hitler hatte offensichtlich seine eigenen Pläne.

Worin liegen die wesentlichen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem italienischen Antisemitismus?

Der Antisemitismus des italienischen Faschismus war nicht sehr gewaltsam. Es gab in Italien keine Pogromnacht. Juden waren weniger Demütigungen ausgesetzt, zum Beispiel funktionierte die »Arisierung« der Geschäfte nicht, das wurde von der Bevölkerung nicht akzeptiert. ­Italien hat auch nie den gelben Stern eingeführt. Was die antijüdische Gesetzgebung angeht, gab es große Ähnlichkeiten, vor allem hinsichtlich der biologistischen Definition der »Rasse«, aber auch hinsichtlich des Entzugs der Arbeitserlaubnis. Es gab Momente, in denen die italienische Gesetzgebung der deutschen sogar voraus war, das zeigt, dass sie kein Plagiat war, keine einfache Nachahmung der deutschen Nürnberger Gesetze.

Ich spreche von der Zeit bis 1941, also bevor die Vernichtung der europäischen Juden beschlossen wurde. Da trennten sich Hitlers und Musso­linis Wege zunächst. Doch 1943 lieferte Musso­lini als Diktator der faschistischen Republik von Salò die italienischen Juden an die Gestapo aus, obwohl er wusste, dass man sie in Auschwitz ermorden würde. Wenn man die Entwicklungsli­nien des deutschen und italienischen Antisemitismus vergleicht, stellt man fest, dass es wenige Unterschiede und sehr viele Berührungspunkte gibt.

Wie verhielt sich der Vatikan angesichts der faschistischen antijüdischen Gesetzgebung?

Das Verhalten von Pius XI. war ambivalent, er verteidigte vehement die katholischen Juden, also die Konvertierten, die aufgrund des biologistischen Rassismus verfolgt wurden. Er verteidigte dagegen kaum die Rechte der Juden. Pius XII. machte es genauso. Allerdings erstaunt es mich nicht, dass das Oberhaupt einer Religion, die das Judentum jahrtausendelang verdammte, die Juden nicht verteidigte, das erscheint mir normal.

Aber es erscheint Ihnen nicht normal, dass Pius XII. für diese Haltung selig gesprochen werden soll?

Dass die Nachkommen dieser Religion ihr ehemaliges Oberhaupt selig sprechen wollen, ist ihr Problem. Es ist allerdings nicht in Ordnung, dass die katholische Welt von der jüdischen verlangt, diese Seligsprechung zu akzeptieren oder gar gutzuheißen. Ich wehre mich dagegen, dass Katho­liken, die sich als Historiker ausgeben, historische Tatsachen verdrehen, nur um die Seligsprechung zu rechtfertigen. Es gibt keine Anweisung des Papstes, die Klöster für die verfolgten Juden zu öffnen. Dass Juden in Klöstern gerettet wurden, ist dem Mut einzelner Konventsvorsteher zuzuschreiben, die die christliche Nächsten­liebe praktiziert haben, es ist nicht das Verdienst des Papstes.

Überrascht es Sie, dass so wenige Katholiken und Laizisten öffentlich gegen die geplante Seligsprechung protestieren?

Die Situation ist seltsam, irgendwie schizophren, denn in Italien wird jedes Jahr am 27. Januar der Befreiung von Auschwitz gedacht. Es gibt Tausende von Initiativen im ganzen Land, die von Katholiken und Laizisten organisiert werden und die die Judenverfolgungen verurteilen. Wenn sie dann aber aufgefordert werden, die Entscheidungen des Papstes mitzutragen, dann fügen sich viele Katholiken dieser Aufforderung, denn die Hierarchie innerhalb der katholischen Kirche ist fast noch stärker als diejenige, die im Stalinismus herrschte.

Der Papst erteilt eine Art Absolution: Wenn Pius XII. selig gesprochen wird, müssen sich die Katholiken nicht mehr mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen.

Ich kann den Katholiken nicht vorschreiben, wie sie sich verhalten sollen, das ist nicht meine Welt, ich gehöre nicht zu dieser Gesellschaft …

Aber Sie leben in Italien. Würden Sie sagen, dass die italienische Gesellschaft ihre faschistische Vergangenheit aufgearbeitet hat?

Italien fällt es schwer, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, das geschieht nur sehr langsam in Bezug auf die Judenverfolgungen, von einer Aufarbeitung der Kolonialkriege in Af­rika ist das Land dagegen noch sehr weit entfernt.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der antijüdischen und der antiafrikanischen Gesetzgebung zur Zeit des Faschismus?

Es gibt eine chronologische Verbindung und einen wechselseitige Beeinflussung, gewissermaßen handelt es sich um zwei verschiedene Waggons ein und desselben Zuges. Der Rassismus gegen Schwarze entwickelt sich parallel zum Rassismus gegen Juden, allerdings ist er von italie­nischer Seite her unvergleichlich gewaltsamer. In Äthiopien setzte Italien Giftgas ein, um den Widerstand der gegnerischen Armee zu brechen. Diese Vergangenheit wird in Italien überhaupt nicht reflektiert.

Steht der Seligsprechungsprozess in Zusammenhang mit einer allgemeinen Tendenz zum historischen Revisionismus?

Die Entscheidung für das Seligsprechungsverfahren steht in einem Zusammenhang mit der schlechtesten Tradition der katholischen Kirchengeschichte. Dem Wort Shoah wird viel Bedeutung zugesprochen, nicht aber dem Wissen über die Geschichte der Shoah. Die Geschichte der Shoah bedeutet diesem Papst sehr wenig.

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