Jens Hoffmann: Die Gegenwart der NS-Vergangenheit und den Umgang mit ihr

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Über die Gegenwart der nationalsozialistischen Vergangenheit und den Umgang mit ihr, die Dressur der Ermordeten, das rätselhafte Verschwinden der Täter und die Schwierigkeiten, Forschung zu betreiben.

von Jens Hoffmann

Hang in there
Be clever
Entertain your neighbor
Talk about the weather

Whatever …

DJ KOZE

Zur Erinnerung an Helen Levitt, 31. August 1913 – 29. März 2009.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen schrieb ich in den letzten Jahren Texte, die den Nationalsozialismus, die Nazideutschen und die Ereignisse in den Konzentrations- und Vernichtungs­lagern zum Gegenstand hatten. Meistens waren es kurze Buchrezensionen oder Filmkritiken. Ich erzählte darin historische Fakten nach und beschrieb, was mir aufgefallen war. In diesen Texten blieb ich auch deshalb unsichtbar im Hintergrund, weil ich es für sachlich geboten hielt. Ob dieses Gebot eine Geschichte hatte, fragte ich mich damals nicht.

Gleichzeitig betrachte ich diese geisterhafte Ich-Suspendierung auch als Anpassung an die unausgesprochenen Spielregeln der Redaktionen, für die ich Texte verfasste. Bei dem Ausdruck »von eigenen Erfahrungen erzählen« muss ich unwillkürlich an ungefragtes Offerieren garantiert selbstgemachter Garstigkeiten denken. Ich reagiere auch ziemlich allergisch auf jene »Privatgeschichten des Dritten Reiches«, die mir ehemalige Leiter kriegswichtiger Filzfabriken oder frühere Sekretärinnen aus dem Führerbunker erzählen wollen. Wahrscheinlich ist das Misstrauen, das in der Bundesrepublik Persönlichem entgegengebracht wird, durch den langjährigen Umgang mit nazierprobten, notorischen Lügnerinnen und Lügnern entstanden, die gute Gründe dafür hatten, nicht jedem zu erzählen, was beispielsweise ab Sommer 1941 ihre tägliche Arbeit in der Sowjetunion gewesen war. Verständlich auch, dass den zwischen mehr oder minder entnazifizierten Nazis Aufgewachsenen, die tagtäglich mit diesen lebenden Lügen und auf unheimliche Weise liebenden Gespenstern konfrontiert waren, Persönliches oft peinlich (wieder so ein Dunkelkammerwort) ist.

Um so größer ist dann mein Staunen, wenn ich in den Texten von Leuten, die ich als wachsame Kritiker jeglichen Ich-Getues zu kennen glaube, kurze Passagen finde, in denen sie von ihrer Schul­zeit in Nachkriegsdeutschland erzählen, während der das Wort »Auschwitz« nicht ausgesprochen wurde. Ein anderer erinnert sich neben der Nazi-Geschichten aus der Verwandtschaft auch an den Mann, der seinen schnuppernden Schäferhund mit den Worten »Pfui, vom Jud!« in den fünfziger Jahren auf einer Straße in München zur Ordnung rief. Ebenso stark und verbreitet wie das Misstrauen gegenüber Ich-Geschichten scheint das Bedürfnis zu sein, sie dann doch irgendwann zu erzählen. Und durch diese Mischung von Selbstmisstrauen und pulsierender Unruhe (manchmal seufzen die Landsleute über dem akkurat gelochten Wortformular »Mitteilungsbedürfnis« auf) entsteht schließlich der gehetzte, zuweilen tränendurchflossene und sentimentale Erinnerungston nichtjüdischer Nachkriegsdeutscher, der an Beichtstuhlgeflüster oder an nächtliches Beten in sorgfältig verdunkelten Kinderzimmern erinnert. Schwitzhändchen und Schniefnasen gibt es gratis dazu.

Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich zum ersten Mal versucht, mir über die fast unkenntlich gemachte Gegenwärtigkeit des Nationalsozialismus in einer ziemlich gewöhnlichen bundesdeutschen Kleinfamilie der siebziger und achtziger Jahre und über mein Bedürfnis, mich mit dieser Gegenwärtigkeit auseinanderzusetzen, klar zu werden. Da ich in dieser Familie mit ­Eltern der Jahrgänge 1933 (Dad) bzw. 1939 (Ma) und hakenkreuzförmiger Wohnzimmerlampe aus Dänemark aufgewachsen war, glaubte ich sie zu kennen. Ich schickte den Artikel an zwei Redaktionen, die sich nicht dafür interessierten. Das kommt vor.

Doch kaum, dass der Text fertig war, bemerkte ich auch schon meine Unzufriedenheit mit dem Geschriebenen. Die Form schien nicht die richtige zu sein, und meine Sätze waren vor ­allem ungenau. Ich hatte mir beispielsweise vorgenommen, mich mit den staatlich akzeptierten und szeneübergreifend praktizierten Formen von Erinnerungs- und Gedenkkultur auseinanderzusetzen. Dazu hatte ich einige Filmsequenzen und Sätze von Leuten im Kopf, die ich als meine Verbündeten in dieser Auseinandersetzung ansah. Die Anderen wollen eine »positive« Form von Kultur statt zersetzender, klärender Kritik – auf diese für mich enttäuschend einfache Formel schien dann aber der Text hinaus­zulaufen. »Kultur statt Kritik« – der lahme Titel gab bereits das Ende des Textes vor. Der Schlusspunkt ließ sich wie ein satter Spatz auf dem Bildschirm nieder. Wie öde!

Das Interesse an Selbstreflexion, das zu Beginn der Arbeit noch präsent war, geht mir leicht verloren. Selbstreflexion hielt ich für wichtig, weil ich eine unangenehme Ähnlichkeit bemerkte zwischen dem feierlich-ernsten Ton meiner Texte, zwischen der Neigung, mich an Ziffern, Daten und Zitaten entlangzubewegen, und der Trauerflorrhetorik, die oft dann hörbar wird, wenn Leute mit ganz unterschiedlichen poli­tischen Vorlieben in der Bundesrepublik vom Nationalsozialismus, von den Ereignissen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern oder vom Antisemitismus der Deutschen sprechen. Der sich bei dieser Gelegenheit einstellende, offensichtlich in der Luft liegende Ton meines Schreibens überraschte mich auch insofern, als er nicht ständig in meinem Leben präsent ist.

Ich ärgere mich über das weihevolle Leuchten des Wortes »Ereignis«, das nicht zu Leuten passt, die ihre zusammengebundenen Schuhe auf den Boden von Entkleidungsbaracken stellten, mit Brot- und Marmeladenrationen in Viehwaggons kletterten, ihr Grab ausheben mussten oder einen Transportbefehl in einer gut geheizten Schreibstube mit zehn Fingern tippten, und schreibe es doch immer wieder hin.

Vertraut ist mir auch die dem Bedürfnis nach Distanzierung geschuldete Angewohnheit deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, bestimmte Wörter, mit denen sich die Nazideutschen über ihre Verbrechen verständigten, als Zitat auszuweisen. Ich hätte eben »Entkleidungsbaracken« und »Transportbefehl« schreiben können. Es scheint demnach im Deutschen verbrecherische Wörter zu geben und solche, die mit Verbrechen nichts zu tun haben. Die unschuldigen sollen von den blutigen getrennt werden. Die mit Gänsefüßchen versehenen sollen sichtbar dafür büßen, dass sie sich den Nazis so bereitwillig in den Mund legten. »Sonderbehandlung« und »Abspritzen« etwa sind blutig, »Arbeit« oder »Ziegelstein« hingegen gelten als unbedenkliche Begriffe. Die Gänsefüßchen sind Teil des ebenso putzigen wie bedauernswerten Versuches der Deutschen, davon loszukommen, dass sie auch zwischen 1933 und 1945 mehrheitlich Deutsch sprachen und schrieben, also die waren, die sie waren. So wie einige der auffälligeren Täterinnen und Täter nach Kriegsende nicht um einen Strafprozess herumkamen, wurden dann eben auch einige auffällige Wörter zu verschärftem Hausarrest verurteilt. Antifaschistisch jedoch wird niemand durch die Verwendung von Gänsefüßchen. Ich kann beispielsweise lernen, mich dazu zu verhalten, dass die außerhalb Nazideutschlands am häufigsten von den Landsleuten verwendete Grußformel nicht »Heil Hitler« war, sondern »Raus, raus!« Es geht also nicht so sehr darum, dass niemand mehr für den verfaulten Führer brüllt, sondern dass kein freundlich lächelnder Nachbar Soundso die Macht erhält, Menschen wie Vieh zusammenzutreiben und ihr Leben auszulöschen.

Da ich mich absetzen wollte vom Gedenkkitsch, tauchte in meinen Notizen die Mühe um einen anderen Ton auf, in dem ich schreiben könnte. Ich suchte die Nähe zu Arbeiten, in denen Leute präzise und ohne sorgfältig einstudierte Trauerpose erzählten. Aber damit verwandelte ich den noch immer schwer greifbaren Gegenstand des Schreibens einfach in eine Frage des richtigen Tons, des richtigen Stils, in eine Formfrage; so als ob es nur darum ginge, den richtigen Ton – oder eben, sportlich-deutsch: die richtige Haltung – zu finden und damit einen angemessenen Beitrag (wo kommen plötzlich Maß und Beitrag her?) zur Auf-, Ab- und Durcharbeitung des Nationalsozialismus zu leisten. Damit befände ich mich ja wieder in Gesellschaft jener Leute, mit denen ich doch nichts mehr zu tun haben wollte.

Warum ich mir in den letzten Jahren immer wieder Arbeiten ausgesucht habe, die den Nationalsozialismus in unterschiedlicher Weise berühren, kann ich nicht genau sagen. Mit dem Versuch eines LKW-Fahrers, mich im Frühjahr 1987 während einer Tramptour auf einem Autobahnparkplatz bei Hannover zu vergewaltigen, und dem goldfarbenen Blechknopf einer Wehrmachtsuniform, den ich als Kind zusammen mit Streichhölzern, Baumwollschnüren und einem Minikompass für einige Zeit in einer »Überlebenskiste« aufbewahrte, ist sicher einiges zu erklären. Später habe ich gelesen, dass der Bürgermeister des niedersächsischen Dorfes Imbshausen, in dem die Übergabe des Uniformknopfes im Sommer 1976 ganz ohne Donnergrollen, Bodennebel oder hochgeschlagenen Mantelkragen stattfand, die Grabsteine des örtlichen jüdischen Friedhofes im Herbst 1951 für das Fundament und die Eingangstreppe seines Wohnhauses verwendet hatte. So wie der Bürgermeister konform zur allgemein herrschenden Stimmung in der bundesrepublikanischen Provinz handelte, als er die Grabsteine gegenüber einem Journalisten kurzum als frei verfügbares Eigentum der Dorfgemeinschaft bezeichnete, so unanstößig war in meiner Umgebung die Tatsache, dass ein achtjähriger Knirps den Knopf mit Hakenkreuz und Reichsadler in die Tasche steckte und mit nach Hause nahm.

Meinst du das im Ernst? Eine versuchte Vergewaltigung ist eine versuchte Vergewaltigung. Und ein eingesteckter Naziknopf ist ein eingesteckter Naziknopf. Der LKW-Fahrer hat versucht, dich zu überwältigen, er hat es aber nicht geschafft. Sicher, du hast Panik und Ohnmacht gefühlt, du hättest ihm gern einen schönen kantigen Stein in die Scheibe geworfen (leider sind an den aufgeräumten Rändern deutscher Autobahnen nur selten Steine zu finden), du hast dich nicht so heldenhaft gewehrt, wie du es rückblickend gern getan hättest. Sich panisch, allein und ohne Ahnung, was jetzt zu machen sei, auf einem Autobahnparkplatz in Socken stehen zu sehen, ist kein dem Selbstbewusstsein schmeichelndes Bild – aber da war kein Nazi, der dich ermorden wollte. Und als du den Knopf eingesteckt hast, warst du kein Dorfbürgermeister, der sich aus jüdischen Grabsteinen sein kleines völkisches Paradies zusammengemauert hat. Warum musst du das vergleichen? – Weil ich bei der Arbeit immer wieder an diese Szenen gedacht habe. – Aber hättest du die Arbeit nicht auch ohne diese Erinnerungen gemacht? Was bringt es dir, dich in die Nähe eines Naziopfers und eines Nazitäters zu stellen? – Ich stelle mich da hin und sehe dann die Unterschiede deutlicher. Ich bin weder das eine noch das andere. Ich versuche, meine Geschichte nicht mit der Geschichte von Nazis und der ihrer Opfer und Gegner zu verwechseln.

Einwände?

Wahrscheinlich habe ich meine Arbeit, obwohl ich mir durch die Veröffentlichung der Texte Geld für Zigaretten und Kartoffelchips verdiene, in den letzten Jahren für eine nicht näher zu befragende Selbstverständlichkeit gehalten. Ich könnte ja zur Abwechslung auch fragen, warum diese Arbeit nicht von mehr Leuten als selbstverständlich begriffen wird. Die Ereignisse gehen mich an, berühren mein Leben. Wenn ich die Arbeit nicht täte, fehlte mir etwas. Schon bin ich wieder bei diesem Ton angelangt: Ein achtarmiges Streichquartett, ein frisch gekämmter Kinderchor des humanistischen Gymnasiums, schwarze Kondolenzstreifen mit Goldschrift an immergrünen Kränzen, leises Hüsteln in gut gefüllten Sälen. Die auffällige Vermeidung der Wörter »Todesangst«, »Blut«, »Ausgekotztes«. Fahnen auf Halbmast. In Unglück und demonstrative Traurigkeit eingelegte Mundwinkel.

Wie geordnet es auf diesen Erinnerungsveranstaltungen zugeht! Wie übersichtlich die historischen Fakten an den Gedenkorten präsentiert werden! Sogar für die Gefühle des Publikums sind Plätze reserviert worden! Wie einig sich die Trauernden zu sein scheinen! Wie gut es tut, die Schatten der Toten über Wände huschen zu sehen und selbst am Leben zu sein! Wie wohlig der Gedanke stimmt, sich genau an diesem Ort in den Tod fallen zu lassen und dann später vor dem Einschlafen im Hotelzimmer die Gedenkstättenbroschüre auf den Nachttisch zu legen! Was hier nicht alles zu berühren ist! Sehen Sie, die Kratzspuren da oben im Beton! Wie klar und deutlich die Sätze geraten sind! Wie ruhig und mild die Reden klingen! Keine durchgestrichene Zeile wird hörbar! Nicht der Hauch eines Stotterns, nicht die Spur eines Stammelns! Sie können das Band jederzeit anhalten oder neu starten. Was hätten Sie getan? Das ist der Eingang, das ist der Ausgang. Durch uns sprechen die Ermordeten. Wenn ich erwachsen bin, will ich eine Deutsche sein, dann werde ich nie mehr hungern oder frieren. Die Mülleimer wurden vor einigen Monaten aus Sicherheitsgründen entfernt. Die Deutschen haben die Welt in ein einziges Übel verwandelt. Wer geht nachher mit den Zeitzeugen zum Empfang ins Rathaus? Ich weiß jetzt nichts zu sagen. Aktion 1005, Aktion Sühnezeichen, Antifaschistische Aktion. Wie aufgeräumt alles aussieht! Wie sorgfältig dieser Weg geharkt wurde! No, I’m not from Germany, I’m from Denmark. Die Brandspuren sind vom letzten Jahr. Gerade wir als Deutsche haben die Pflicht, Ähnliches zu verhindern. Das Hakenkreuz da an der Wand ist nicht richtig gemalt. Ob es damals auch so kalt war? Sagt man eigentlich »ehemaliges Lagergelände«? Und wodurch wird ein ehemaliges Lagergelände zu einer »Gedenkstätte«? Der Verteidigungsminister, die Offiziere und Wehrpflichtigen der Bundeswehr sehen bedrückt aus. Wir sind jetzt schon zum vierten Mal in Auschwitz. Deutsche müssen sterben, damit wir leben können. Wie heißt es noch bei Celan? Gummistiefel hätte man mitnehmen sollen.

Mir fehlt das Talent dazu, das KZ-System der Deutschen mit Schlagwörtern wie »Grauen«, »Hölle«, »das Unsagbare«, »Holocaust«, »Shoah« oder »das Unvorstellbare« abzuhaken und mich damit zufrieden zu geben. Ich mag die Ereignisse in den Konzentrations- und Vernichtungslagern nicht von der übrigen historischen Wirklichkeit isolieren und bin gleichzeitig misstrauisch gegenüber Vergleichen – besonders wenn diese Vergleiche von forschen Deutschen präsentiert werden. Ich begreife die kuriose Hilflosigkeit von Leuten, die den Inhalt von Mülleimern in KZ-Gedenkstätten protokollieren und das Ergebnis als Zeitungsartikel veröffentlichen. Ein Skandal wird herausgeschrien: Erfrischungstücher, Mandarinenschalen und leere Fruchtsafttütchen in Bergen-Belsen! Ich verstehe auch die Hilflosigkeit der Leute, die Vorträge über »Schreiben nach Auschwitz« halten, »Leben nach Auschwitz« meinen und die Parole »Essen nach Auschwitz« wahrscheinlich geschmacklos finden werden, obwohl sie aus verständlichen Gründen täglich schreiben, lesen und essen. Die Angewohnheit nichtjüdischer Deutscher, sich in Konfrontation mit ermordeten Juden selbst tot zu stellen, entbehrt nicht der Frivolität.

Aber offensichtlich brauchen die Landsleute die strikte Ordnung des Gedenkens. An festgelegten Tagen und genau begrenzten Orten, abgetrennt von ihrem sonstigen Leben, dieses ­somit umsichtig verteidigend, beschwören sie die Ermordeten und trauern um sich selbst. Sie werden stumm, sie werden starr und bleich. Schließlich geht es ihnen um ein gutes Verhältnis zu den Toten. Man sollte ihnen tagsüber schmeicheln, um in den Nächten vor ihnen sicher zu sein. Man muss die Ermordeten dressieren. Sie sollen sich gefälligst an die Spielregeln halten. Ihnen muss beigebracht werden, wann sie willkommen sind und wo sie nichts zu suchen haben. Jede Generation hat das neu zu lernen. Lockrufe und Bannsprüche, alle Arten von Tricks sind zu erfinden und auszuprobieren, damit die Trennung von »Damals« und »Heute«, »Hier« und »Dort« erhalten und unsere sittlichen Koordinatensysteme intakt bleiben. Wir wollen klare, scharfe Bilder, genaue Worte und übersichtliche Wege. Schließlich gehören die Toten uns. Und wir wollen auch weiterhin über sie verfügen. Nein, wir geben sie nicht wieder her.

Die Nachkommen der Nazitäter, Mitläufer und duldenden Zuschauer haben, auch wenn sie nie vor Führerporträts schnurrten oder die Organisation Todt hochleben ließen, gute Gründe dafür, die Nähe der Vergangenheit als unangenehm zu empfinden. Denn die Bilder, Töne, Gesten, Wörter, Gerüche und Geschmäcker des nationalsozialistischen Deutschland verweisen nicht nur auf die von Deutschen begangenen Verbrechen, sie konfrontieren die Nachgeborenen auch damit, dass sie in einer von mehr oder minder ehemaligen Nazis eingerichteten Umgebung leben, dass die Lebens- und Liebensweisen, die ihnen nahegelegt werden, als Teil einer Geschichte von Massenverbrechen entstanden sind. Am bequemsten für die Nachgeborenen ist es, die SS- und BDM-Uniformen sowie die hastig begrünten Massengräber von jenen vertrauten Gesichtern abzutrennen, die lächelnd in den Kinderwagen glotzten und Winkewinke machten. Reichsfahnen geschwenkt und Juden deportiert – Kinder, Frauen und Männer, die vorher noch einfach Nachbarn waren – haben die anderen, nicht diese Leute, die man Mama, Papa, Oma und Opa ruft und die man mit Schluck­auf oder beim Dösen in der Sonne gesehen hat. Die sprechen ja selber manchmal von »den Nazis«, also waren das ja wohl irgendwelche anderen Leute.

Es ist ziemlich leicht, den Nationalsozialismus als etwas darzustellen, das zwar scharf verurteilt werden muss, das aber an den Wohnungstüren der eigenen Verwandten abprallte und mit ihren Körpern, deren Nähe manchmal zu spüren war, nichts zu tun hatte. »Mein Schatz« haben sie gesagt. Oder, lass es dir auf der Zunge zergehen – »ganz der Opa«.

Irgendwann, etwa beim Anschauen von Familienfotos, konnten die Nachkommen der Nazideutschen entdecken, dass sie nicht die ersten waren, die sich um die saubere Trennung von offizieller und inoffizieller Lebensgeschichte bemüht hatten. Ganz unten in den Pappkartons und zierlichen Holzkistchen lagen Bilder, an denen etwas nicht stimmte. Da hatte etwa jemand nachträglich den Bildausschnitt mit Hilfe einer Schere verändert. Oder an den Jackettkragen älterer Herren mit gänzlich unverfänglichen Bärten waren ausgekratzte Flecken zu sehen. Von den Schnipseln und Fetzen, die irgendwer irgendwann als Makel empfunden zu haben schien, fehlte allerdings jede Spur. Geblieben waren jene grob frisierten Fotos, die an vergangenes Glück, an Liebe oder an ein gutes Leben erinnern sollten. Doch was mochte das für ein Glück gewesen sein, das nur dann gültig blieb, wenn Deutschadler, Parteiabzeichen und das Stück Wohnzimmerwand entfernt wurden, wo der Führer in selbstverständlichem Einklang mit den Gesetzen der Schwerkraft sowie des neuen Reiches hing? Die Besitzer der Fotos gaben sich wortkarg. Sie machten nicht den Eindruck von Leuten, die noch etwas über sich oder über ihr Leben wissen wollten. Da war offensichtlich etwas von ihnen, was es gegeben und gleichzeitig nicht gegeben haben sollte. Schließlich hätten sie die Fotos ja auch wegschmeißen können. Es ist wahrscheinlich gar nicht so leicht, mit etwas zu leben, was es gegeben und nicht gegeben hat. Immer auf der Hut zu sein und aufzupassen, macht nicht gerade locker. Gemütlichkeit ist ein solider Gefrierschrank, Made in Germany. Angst und Hass aller Geschmacksrichtungen bleiben darin lange frisch.

Wer Lust dazu hatte, konnte die mit der Fliegenklatsche noch erstaunlich geschickt umgehenden, ihren hässlichen Tapeten immer ähnlicher werdenden Damen- und Herrenmenschen bedauern und sich um sie kümmern. Das belegte Brot beispielsweise ging nur noch häppchenweise ohne Kanten in sie hinein. Und auch betagte Nazimänner mit Fronterfahrung verliefen sich beim Ausspionieren des eigenen Vorgartens zuweilen in der Gardine. Sollten diese alten Männer mit dem unruhigen Schlaf, die, nach der Größe von Gaskammern und Vergasungswagen gefragt, immer mit dem Satz »Na, so wie das Zimmer hier« antworteten (zu sehen etwa in Claude Lanzmanns Film »Shoah«), einfach in ihren Sesseln sitzen bleiben und nicht merken, was sie da gerade gesagt hatten?

Mit diesen Leuten zusammenzuleben, war manchmal fast so, wie einen altmodischen Thriller anzuschauen, dessen Anfang man verpasst hat. Es ist nicht leicht, das Verhalten der Protagonisten zu verstehen, weil der Mord schon geschehen ist. Doch das Thriller-Bild hilft nicht weiter. Hier hatten Leute wirkliche Verbrechen begangen, gefördert oder geduldet. Und es gab nur wenige, die später öffentlich aussprachen, dass sie ihr Leben durch falsches oder unterlassenes Handeln verpfuscht hatten. Allerdings wurde dieser Gedanke nicht von den mittlerweile zu mehrheitlich unauffälligen Bürgern der Bundesrepublik oder DDR gewordenen Nazideutschen geäußert, sondern von einigen ehemaligen Häftlingen der Lager, die als Angehörige von Sonderkommandos oder als Funktionshäftlinge unter tödlichen Bedingungen überlebt hatten. »Die Schuldvorwürfe sind richtig – sie werden nur von denen gegen sich selbst erhoben, die am wenigsten Grund dazu hätten.«

Weil mir lange Zeit nicht klar werden wollte, wie plausible Verbindungen zwischen eigenen Erfahrungen und den Berichten von Lagerüberlebenden gelingen könnten, ließ ich mir eines Nachts vom Zufall helfen. Im Wohnzimmer meiner bereits schlafenden Eltern sah ich – die Hakenkreuzlampe hockte ausgeknipst und schmollend an der Decke – einige Sequenzen aus Rosa von Praunheims »Das Todesmagazin« von 1979 im Fernsehen. Der Regisseur hatte darin die Leiche eines alten, sehr mageren Mannes gefilmt, die nackt im gekachelten Raum eines Leichenschauhauses aufgebahrt lag. Sehr langsam umkreiste die Kamera den Toten. Soweit ich mich erinnere, waren die Bilder nicht mit Musik unterlegt. Obwohl es in der kurzen Sequenz keinen Hinweis darauf gab, wer der Tote war, wie er gelebt hatte oder woran er gestorben war, dachte ich sofort an die Bilder der Ermordeten, die Kameraleute der Alliierten nach der Befreiung in Konzentrationslagern aufgenommen hatten. Ich weiß nicht, was die Intention des Regisseurs gewesen ist, aber ich saß im Zimmer meiner Eltern und sah in den Aufnahmen den Versuch, sich auf liebevolle Weise von den Toten zu verabschieden. Weder diesen Blick noch diese Geste hatte ich je zuvor in meiner Umgebung bemerkt. Die Ermordeten waren für die Deutschen so weit weg – Ungeziefer, Scheißdreck, Figuren gemäß des Lagerjargons der Täter –, dass niemand auf die Idee gekommen ist, sich zu verabschieden. Von Ungeziefer verabschiedet man sich nicht. Scheißdreck wird nicht beerdigt, sondern verscharrt oder weggespült. Und die Nichtjuden scheinen ihre jüdischen Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde und Geliebten auch nie vermisst zu haben. Als von Praunheim nach dem Ende der Sequenz ergänzte, dass der Film in der Bundesrepublik verboten worden sei, hat mich das nicht besonders verwundert.

Warum sollte es nicht möglich sein, sich die Ereignisse an den Tatorten der deutschen Exekutionskommandos und in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zu vergegenwärtigen und mit dieser Vergegenwärtigung zu leben – ohne Trauerkranzpuffer vor der Brust, ohne den Sicherheitsabstand der Rednertribünen und Mahnmale, ohne den Scheintod der Schweigeminuten, ohne die Greifvogelperspektive der um keine Antwort verlegenen Faschismustheorien, ohne die einschüchternde, jeden Gedanken sanft erdrosselnde Kanonisierung von Büchern und Filmen, die man angeblich zum Thema gelesen oder gesehen haben muss, um mitreden zu können? Ich denke, dass es von Praunheim gelungen ist, einen liebevollen Abschied zu inszenieren, gerade weil er die Gegenwärtigkeit der Toten nicht geleugnet, sich vor der Vergegenwärtigung des Lebens und Sterbens in den Lagern und Ghettos, vor der Rückkehr der Toten und der Unmöglichkeit dieser Rückkehr nicht gefürchtet hat.

Einige Jahre nach der Führung durch die sich damals noch in der DDR befindende Gedenkstätte von Buchenwald, während der ich mich über den märchenhaften Tonfall der Erläuterungen geärgert, aber trotzdem kein Wort gesagt hatte, stellte ich mir in einer Art Wachtraum einen Spaziergang durch die Welt des Nationalsozialismus und die Konzentrations- und Vernichtungslager vor. Da ich keine Lust verspürte, mich bei den Schatten der Angorakaninchen, Wächter, Häftlinge, Kollaborateure, Stacheldrahtrollen, Bluthunde, Gleichgültigen, Widerständischen oder Ermordeten einzureihen, blieb ich einfach auf meiner Seite. Ich wünschte mir Stimmen, die ausführlich und genau berichteten, was an diesem oder jenem Ort geschehen war. Die Stimmen sollten nach Möglichkeit in einem sarkastischen oder lakonischen Tonfall erzählen, etwa so wie Rudolf Vrba in Lanzmanns »Shoah« oder wie Eugen Kogon: »Als sich 1941 nach Ansicht der SS genügend warme Unterkleidung in den Lagern befand, wurde der Aufruf Adolf Hitlers zur Wollsammlung für das deutsche Ostheer gütigerweise auch auf die aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossenen Insassen der KL ausgedehnt.«

Obwohl ich manchmal wünschte, dass die Ereignisse lückenlos von den Erzählenden dargestellt würden – ich schien seltsamerweise alle Zeit der Welt zu haben –, war mir bald klar, dass ein unauflösbarer Rest bleiben würde. Wenn aus diesem Rest Ratlosigkeit entstehen sollte, dann war das eben so. Mit Ratlosigkeit zu leben, muss nicht schwer sein. Die möglicherweise widersprüchlichen Berichte würden sich auf diesem Spaziergang vielleicht zu Wissen über die Geschichte des Nationalsozialismus verbinden lassen; zu einem Wissen jedoch, das die Stimmen einzelner Überlebender nicht achselzuckend ignorierte, weil sie angeblich nicht den Ansprüchen irgendeiner lachhaft systematischen Wissenschaft genügten. Die aus diesem Wissen möglicherweise abzuleitenden Folgerungen wollte ich mir von keinem Staat, keiner Partei, Gruppe oder Weltbeglückungscombo vorschreiben lassen. Besonders der deutsche Staat würde in dieser Angelegenheit einen großen Bogen um mich machen müssen.

Was dann ja auch prompt geschah.

Als ich im Mai 2004 mit der Arbeit über die »Aktion 1005« begann, hatte ich keine Ahnung, wie ich ein Buch dazu schreiben sollte. Rückblickend betrachtet habe ich einige Umwege gemacht, die jedoch nicht alle komplette Zeitverschwendung waren. Die Finanzierung der Arbeit durch Stiftungen, Vereine, Privatpersonen oder einen Verlag ist mir nicht gelungen, obwohl ich mich nicht ganz dumm angestellt habe. Ich konnte die Arbeit jedoch trotzdem beginnen, weil meine monatlichen Ausgaben für Miete, Lebensmittel und Reisekosten kalkulierbar schienen. Ich habe in der Folgezeit immer an meinen Ausgaben gespart, habe mich also konform zu den Regeln des kleinbürgerlichen Wissenschaftsbetriebes verhalten, in dem Erkenntnis mit Verzicht erkauft wird. Champagner gibt es bestenfalls hinterher. Und die Flaschen sind dann meistens sowieso abgezählt. Dass die Arbeit ein paar Jahre dauern würde, war mir klar und machte mich neugierig. Ich war frei, mit Penner-Etat zu forschen.

Nach der Recherche in den Archiven hatte ich eine Menge Material, aber noch immer keine Idee, wie das Buch aussehen sollte. Den Plan, die ordentliche, wissenschaftliche Darstellung der »Aktion 1005« durch fiktionale Kapitel zu stören und damit die scheinbar selbstverständlichen Formen der akademischen Darstellung nazideutscher Massenverbrechen in Frage zu stellen, gab ich schnell auf. Ich war schlicht enttäuscht von der Qualität dieser Passagen, die alle mit »Falsche Wörter« betitelt waren. Ich hatte etwa zu beschreiben versucht, wie ein Wachtposten eines 1005-Kommandos während eines Fluchtversuchs von Häftlingen getötet wird und wie einer der nicht zur Rechenschaft gezogenen deutschen Täter nach Ende des Krieges als braver Polizist mit seinen Verbrechen lebt. Beides durch Quellen der »Aktion 1005« belegte, jedoch nur in Umrissen beschriebene Ereignisse. Um Dinge zu verstehen und darzustellen, die nur lückenhaft dokumentiert sind, können Mischformen aus Wissenschaft und Poesie hilfreich sein. Sie auszuschließen, nur weil sie den üblichen, anerkannten Arbeitsweisen widersprechen, erscheint mir fahrlässig und lachhaft. Aber auch dazu habe ich schon wieder eine Einschränkung parat: Ich lese etwa »Heldenfriedhof« von Thomas Harlan, sehe die Wege und Umwege, die er schreibend wählt, sehe seine verbissene Mühe um Erzählen auf höchstem Niveau, sehe die Spuren, die sich in sein Gesicht gegraben haben, und denke, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, wenn er seinen Vater einfach umgebracht hätte. Na ja, ist verboten sowas. Sollen Mann und Frau nicht machen. Gibt Ärger. Dann lieber weniger Ärger mit hoher Kunst, Kultur und Magenfalten?

Die Arbeit an dem Buch zur »Aktion 1005« bekam irgendwann – ohne dass ich mich bewusst dafür entschieden hätte – einen Rhythmus, der wahrscheinlich allen vertraut ist, die regelmäßig zum Arbeiten gehen: Aufstehen, Kaffee zusammenschrauben, Verlegenheitstätigkeiten, Belohnungen, und am Ende der täglichen Arbeit Entspannung – oder zumindest der Versuch, sich zu entspannen. Grässlicher Antikommunismus also. Ich hatte keine Vorgesetzten, keinen Vertrag, der einzuhalten gewesen wäre. Keine Chefin, kein Kollege ist mir auf den Keks gegangen. Aber frei war meine Arbeit deswegen noch nicht. Irgendwann sagten mir Leute, die mitbekamen, wie lange ich schon an dem Buch arbeitete, dass ich ja sehr ausdauernd und diszipliniert sein müsse. Seit ich mit Leistungssport aufgehört habe, hasse ich Disziplin und Ausdauer. Aber blöderweise hatten die Leute Recht, ich war tatsächlich ausdauernd und diszipliniert. So viel zu »Freiheit«. Liebgewonnene Selbstbilder davonflattern zu sehen, kann ziemlich unangenehm und gleichzeitig sehr hilfreich sein.

Mit der regelmäßigen Arbeit kamen dann auch andere Macken. Ich ging nicht mehr auf Parties. Tanzen ist ja prima; aber wenn mich irgendwer beim öden Rumstehen fragte, was ich denn so mache, und ich kurz antwortete, was ich so mache, dann setzte der oder die ein peinlich berührtes Gesicht auf und musste plötzlich ganz schnell an die Bar, zur Post oder zum Pilzesammeln nach Litauen. Ich nahm es den Leu­ten nicht übel, aber unterhaltsame Scherze über meine Arbeit zu machen, fiel mir doch nicht so leicht. »Siehst du den Freak da, der die Fransen der Stehlampe anpustet? Der schreibt ein Buch über die Verbrennung von Leichen aus Massengräbern während des Zweiten Weltkrieges.« – »Issnichwahr.«

Manchmal laden mich Leute zu Lesungen ein, dann sitze ich hinter einem Tisch, werde irgendwann vorgestellt, trinke währenddessen aus Verlegenheit eine Menge Mineralwasser und fange schließlich an zu sprechen. Nicht selten bekomme ich Geld für so eine Veranstaltung. Das ist nicht verkehrt, denn gut bezahlt wurde ich bislang nicht für die Arbeit, die ich gemacht habe. Ich denke, die Leute, die sich über »Shoah-Business« oder eine »Holocaust-Industrie« die Mäuler zerreißen, wollen in Wirklichkeit nur, dass endlich Ruhe in Deutschland ist. Und die ­irgendwie linkspolitisch engagierten Knauserigen wollen Aufklärung und Emanzipation, die aber bitteschön nichts kosten darf. Ich habe mir bei solchen Veranstaltungen angewöhnt, in einem nüchternen, sachlichen Tonfall zu sprechen. Dass ich in diesem Ton über schockierende Dinge spreche, hat mehrere Gründe. Zum einen käme ich mir mit dramatischen Betonungen, Pausen und Gesten lächerlich vor. Und im Unterschied zum Publikum, das zu diesen Veranstaltungen kommt und aller Erfahrung nach zum ersten Mal mit den Ereignissen der »Aktion 1005« konfrontiert wird, hatte ich ja im Verlauf der Arbeit an dem Buch Gelegenheit, mich von ihrem Schrecken zu distanzieren.

Als ich zur Vorbereitung die ersten Quellen las, war ich ebenfalls schockiert, zumindest irritiert von dem Beschriebenen; von der Organisation der Arbeit durch die deutschen Täter, vom Leben der Häftlinge, von den Abläufen an den Tatorten der »Aktion 1005«. Dieser Schock trat dann aber im Verlauf meiner Arbeit mehr und mehr in den Hintergrund. Im Schockzustand lässt sich nur schwer arbeiten. Die Quellen wurden zu Material, das zu montieren, bearbeiten, kommentieren und auszuwählen war, um einen erzählerischen Zusammenhang herzustellen. Wichtiger als der Inhalt der verschiedenen Quellen wurden Fragen der Form und Darstellung. Als Autor, der über die Reihenfolge und Konstruktion der einzelnen Kapitel nachdachte, verhär­tete ich mich gewissermaßen gegenüber den Ereignissen der »Aktion 1005«. Aus dem Blickwinkel des mit handwerklichen Schwierigkeiten konfrontierten Autors bestand kein Unterschied zwischen einer Passage über die Lebensverhältnisse der jüdischen Arbeitshäftlinge, der Funktion einer Kugelmühle oder der Biographie eines Täters. Sie waren während des Arbeitsprozesses gleich-gültiges Material, von dem ich Gebrauch machte. Wenn ich jedoch ›vergessen‹ hätte, dass tatsächlich große Unterschiede ­bestehen zwischen den verschiedenen Teilen des scheinbar gleich-gültigen Materials – etwa den Lebensverhältnissen der Häftlinge und ­denen der deutschen Kommandoangehörigen während der »Aktion 1005« –, wäre meine Arbeit nichts als fahrlässiges und wertloses ­Schreiben gewesen.

Das Verschwinden dieser offensichtlich notwendigen Verhärtung gegenüber dem Gegenstand wurde mir dann deutlich, als ich einige Monate nach Abschluss der Arbeit längere Passagen aus dem fertigen Buch am Stück las. Obwohl mir die Passagen durch die jahrelange Arbeit vertraut zu sein schienen, war ich zum ersten Mal wieder schockiert. In diesem Moment ging es mir wahrscheinlich so ähnlich wie dem Publikum, das mich nüchtern sprechen hört oder selbst in dem Buch liest. Mir liegt einiges an diesem Tonfall. Er fördert klares, geduldiges Urteilen und damit die Möglichkeit, den Kampf gegen alle, die Geschichte, deutsche Geschichte, entsorgen oder bereinigen wollen, ganz unspektakulär zu gewinnen.

Als Einleitung des zweiten Teils der »Minima Moralia« zitiert Adorno einen Satz von F.H. Bradley: »Where everything is bad it must be good to know the worst.« Aber nicht alles ist schlecht im Januar 2010. Und ich bin sicher, dass auch nicht alles schlecht war für Adorno, als er sich irgendwann 1944 oder 1945 das Zitat für sein Manuskript notierte. Schon bin ich wieder unzufrieden mit dem Ende, obwohl ich diesmal keine Bilanz gezogen, keinen Kreis erzählerisch geschlossen habe. Es sollte besser kein Ende geben.

Jens Hoffmann verfasste das Buch » ›Das kann man nicht erzählen‹. Aktion 1005 – Wie die Nazis die Spuren ihrer Massenmorde in Osteuropa beseitigten«, das 2008 im Konkret-Verlag erschienen ist.

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