Gerd Fuchs: Vorabdruck aus »Heimwege«

Das verschickte Kind

Vom Dasein als Hitlerjunge, dem Abenteuer der »Kinderlandverschickung« und dem Traum vom weiß bepuderten Kuchen auf dem Kaffeetisch erzählt Gerd Fuchs

von Gerd Fuchs

Schon mit der ersten Erwähnung des Wortes Stalingrad war die Erinnerung verbunden, dass ich meiner Mutter auf dem Schoß sitze. Im Ofen neben uns prasseln die Scheite, der Tisch ist festlich gedeckt, die Tür schmückt eine Girlande aus Tannenzweigen, und darüber hängt eine Tafel, darauf steht in bunten Buchstaben von meinem Vater schön gemalt: Herzlich willkommen, ein quälendes Fantasiebild, das mich heimsuchte in einem fremden Land.

Ich war lange fort gewesen, in der Kinderlandverschickung, wie es damals hieß, weit weg in einer kalten Wüste, in der nasser Schnee lag und eisig die Sonne glitzerte. In langen Kolonnen hatten wir marschieren müssen, wohin wussten wir nicht, jedenfalls immer der dicken Frau an der Spitze des Zuges hinterher zum Zweck der gesundheitlichen Stärkung unserer elfjährigen Körper, wie uns schreiend mitgeteilt worden war.

Von den mehr als hundert Kindern kannte ich nur zwei oder drei. Sie stammten zwar aus meinem Dorf, wohnten aber in jenem Ortsteil, der Berg genannt wurde, waren also verächtlich und Feinde. Und die Feindschaft erlosch auch unter diesen Bedingungen nicht. Insbesondere hatte ich mich vor einem Jungen zu hüten, an dem sich meine Wurfkunst und Treffsicherheit einmal geradezu triumphal erwiesen hatten. Es war an einem Nachmittag gewesen, und ich wollte zum Wald hinauf. Ich musste dazu durch feindliches Gebiet und konnte nur hoffen, unbemerkt zu bleiben. Vergeblich. Das letzte Haus war schon beinahe passiert, als mich ein Ruf aufblicken ließ. Auf der Böschung entlang der Straße hockte eine Horde äußerst bedrohlicher Figuren. Ich hatte keine Chance, und da griff ich in meine Hosentasche. Ich hatte sie prall mit Notmunition gefüllt, nämlich mit kleinen, grünen, steinharten Äpfeln, die die kümmerlichen, windgekrümmten Straßenbäume abgeworfen hatten. Ich hörte den Anführer der Horde auf mich herab höhnen, ich sah den grünen Rotz, der ihm wie immer aus der Nase bis zum Rand der Oberlippe gelaufen war, ich wusste, dass sie mich diesmal kriegen und dass es mir übel ergehen würde, und da holte ich aus und warf. Ich warf mit solch wutbefeuerter und verachtungsverdoppelter Kraft, dass mein Wurfgeschoss über mehr als zwanzig Meter hinweg in gerader Linie auf ihn zuschoss und auf seiner Stirn zerplatzte.

Wir standen mit offenen Mäulern, ich eingeschlossen. Es hatte uns die Sprache verschlagen. Und das nutzte ich aus und machte mich still und heimlich davon, das heißt, ich ging einfach weiter, erwartend, dass sie nach einer Schrecksekunde brüllend hinterherkommen und sich auf mich stürzen würden. Aber nichts geschah. Sie saßen vor Verblüffung gelähmt. Das Ziel meines Apfelwurfs aber, ein vierschrötiger bärenstarker Kerl, war in denselben Kinderlandver-schi­ckungstransport wie ich gesteckt worden. Bei der nächsten Gelegenheit würde er mir den Wurf heimzahlen. Sorgfältig musste ich ihn beobachten, um ihm ausweichen zu können.

Die meisten Kinder kamen aus dem Ruhrgebiet oder aus dem Kölner Raum und sprachen fremde Sprachen. Ich war zum ersten Mal von meinen Eltern getrennt und zum ersten Mal allein. Manchmal blickte ich auf einen Punkt am Horizont, von dem aus ich schon mein Dorf hätte sehen können, wenn ich denn dort gestanden hätte, glaubte ich. Ich war aber ein Hitlerjunge und so gut wie ein Soldat und im Einsatz und hatte Haltung zu bewahren. Das war nicht immer einfach, zum Beispiel morgens, wenn die Namen derer aufgerufen wurden, die Post bekommen hatten, und meiner war nicht dabei. Ein Brief wurde geküsst und berochen und unter dem Pullover und dem Hemd auf der nackten Haut dicht am Herzen aufbewahrt.

Mein Selbstmitleid hielt sich also in Grenzen, wie es sich für einen Hitlerjungen gehört, zumal ich seit einiger Zeit unter den Augen eines mächtigen Zensors lebte. Ein Gott war nämlich eines Tages zu uns herabgestiegen, beziehungsweise einquartiert worden. Statt einer weiß wallenden Tunika trug er allerdings nur die mausgraue Uniform der Deutschen Wehrmacht, und die Rangabzeichen wiesen ihn als kleinen Feldwebel aus. Seine Göttlichkeit aber zeigte sich strahlend in seinem Gesang. Er gehörte der Liedertafel Memmingen an.

Es war selbstverständlich und gehörte sich, dass die Heimat den kämpfenden Helden einen möglichst angenehmen Lenz machte, und so herrschte der Feldwebel an unserem Abendbrottisch absolut und unumschränkt. Insbesondere wusste er die Gefahren der Front, die Härte des Kampfs und den Heroismus der Selbstaufopferung zu beschreiben, obwohl er, wie nach und nach durchsickerte, die bisherigen Kriegsjahre auf einer Schreibstube in Frankreich als Drückeberger verbracht hatte.

Warum nicht, sagte man. Um eine solche Stimme wäre es schade. Und sie hatten nicht Unrecht. Denn er hatte eine göttergleiche Stimme. Und mit ihr und Darbietungen seiner Gesangskunst versuchte er, sich für die Gastfreundschaft zu bedanken, die er bei uns und insbesondere vonseiten meiner Mutter erfuhr, die plötzlich eine Liebenswürdigkeit entwickelte, die neu war und die ich ihr nie zugetraut hätte. Immer wieder bat sie also nach dem Abendessen den Feldwebel, ein stattlicher Mann übrigens, um eine Probe seiner Gesangskunst. Der ließ sich nicht lange bitten, erhob und reckte sich, und nachdem er tief eingeatmet hatte, stand er stumm und öffnete den Mund. Gebannt starrten wir auf dieses sich langsam auftuende Loch in seinem Gesicht. Doch dann drang aus ihm ein dünner fistelhoher Gesangsfaden hervor. Dein, drang lang und weiß aus seinem Mund. Dein, drang fadendünn und immer länger und schneidender aus seinem Mundloch, um dann plötzlich umzukippen: Ist mein ga-an-zes Herz. Und jetzt hob sich tönend die Brust, auch seine Rechte erhob sich, und zwar, wie mir befremdet auffiel, gegen meine Mutter, wo du nicht bist, kann ich nicht sein.

Sein Oberkörper samt Kopf kam in Bewegung, begann, sich hin und her zu wiegen. So wie die Blume welkt, wenn sie nicht küsst der Sonnenschein. Unsere Wohnstube war, was die Deckenhöhe betrifft, recht bescheiden, der Ton wurde irgendwie gequetscht, aber auch wieder vergrößert, so dass er eine trompetende Qualität bekam, die in sonderbarem Gegensatz zu der Zartheit der Empfindung stand, die behauptet wurde.

Derweil betrachtete ich das Gesicht meiner Mutter. Was ging da vor? Nicht, dass sie an seinen Lippen gehangen hätte. Züchtig blickte sie vielmehr vor sich nieder, doch mit einem Lächeln, das mir allerdings wenig züchtig vorkam. Verlegen und gleichzeitig geschmeichelt lächelte sie verschämt auf den Tisch herab, und es sah aus, als verberge dieses Lächeln ein Geheimnis, das nur sie und der Feldwebel kannten.

Der Beifall war natürlich überwältigend und wollte kein Ende nehmen, bis der Feldwebel bescheiden abwehrend die Hände hob. Eigentlich klingt das ja doch erst richtig mit Klavierbegleitung, rief er. Das ließ sich meine Mutter nicht zweimal sagen. Als ich am nächsten Tag aus der Schule kam, stand ein Klavier im Wohnzimmer. Meine Mutter hatte es in der Musikalienhandlung Buhr gegenüber gemietet. Und nun ging es erst richtig los. Schau einer schönen Frau nicht zu tief in die Augen. Kauf dir einen bunten Luftballon. Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen. Mein einz’ger Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweinespeck.

Wild wogte der Oberkörper des Feldwebels über den Tasten hin und her, hingerissen warf er den Kopf in den Nacken, und schließlich wandte er sich um, rief: Und jetzt alle, und tatsächlich stimmten alle ein: Lebenszweck, Schweinespeck, Lebenszweck, Schweinespeck. Die Stube drohte zu platzen, so viele gebetene und ungebetene Besucher hatten sich nach und nach eingefunden, und plötzlich stand Wein auf dem Tisch, und die ersten begannen zu tanzen. Der Feldwebel tanzte mit allen Frauen, nur nicht mit meiner Mutter.

Natürlich wollte auch ich das Klavierspielen lernen, und wunderbarerweise ließ sich meine Mutter auch erweichen, wie sie überhaupt in einer nachgiebigen, fast träumerischen Stimmung war, und ließ mich bei Herrn Buhr, dem Küster und Inhaber der Musikalienhandlung gegenüber, Stunden nehmen. Ich soll unglaubliche Gelehrigkeit gezeigt haben, denn schon bald war ich imstande, die Anfangstakte des Liedes vom idealen Lebenszweck zusammenzustoppeln. Anfangs zum Vergnügen meiner Mutter, das allerdings abnahm, als ich auch den Text dazu zusammenzuklauben begann, wobei sich abenteuerliche Wortverkrüppelungen ergaben. Noch lachte meine Mutter darüber, doch zeigte sie Anzeichen von Nervosität, als ich mich Dein ist mein ganzes Herz zu nähern begann und zu chaotischen, aber gleichwohl mit Feuer vorgetragenen Akkordtrümmern vom Zustand meines Herzens krächzte.

Meine musikalischen Fortschritte interpretierte der gute alte Herr Buhr als Ausdruck einer außergewöhnlichen Begabung. Sie erregten bei meiner Mutter aber eher Misstrauen. Der Eifer, mit dem ich das Klavierspiel zu erlernen versuchte, war ihr verdächtig (ein gesundes Kind lernt nicht freiwillig), vollends widerwärtig waren ihr meine Versuche, mich des Texts ausgerechnet jener Lieder zu bemächtigen, die auch der Feldwebel gesungen hatte. Doch löste sich das Problem, wenn es denn eins gegeben hatte. Eines Tages kam ich aus der Schule und das Klavier war verschwunden. Die Einheit des Feldwebels war verlegt worden – an die Ostfront.

Ich beobachtete meine Mutter. Die Ränder ihrer Augen waren verdächtig rot. Drei Tage später stand ein schwarzes, sargähnliches Behältnis auf dem Wohnzimmertisch. Ich klappte den Deckel auf: Ich sollte Geige lernen, verkündete meine Mutter. Das käme billiger. Die Stunden bei Herrn Buhr habe sie schon einen Monat im Voraus bezahlt.

Das Problem war nur, dass der Herr Buhr, der mich das Geigespielen lehren sollte, selbst nicht Geige spielen konnte. Am Klavier sitzend gab er die Töne vor, die ich greifen sollte. Ich resignierte aber nicht. Jetzt wollte ich eben auf der Geige Dein ist mein ganzes Herz spielen. Und dazu auch noch den Text singen. Es muss schauerlich geklungen haben. Vielleicht, dass ich selbst die Kakophonie nicht hörte, die ich hartnäckig produzierte, sondern eine ideale Musik, wie sie der Feldwebel hervorgebracht hatte. Meine Mutter aber wertete meinen musikalischen Furor als Versuch, sie zu foltern, und meldete mich beim Jungvolk an.

Du musst sowieso mehr unter Menschen, rief sie, vor allem aber unter deinesgleichen. Dass ich nicht lache, rief ich. Diese Bauernknoten sollen meinesgleichen sein? Es half aber nichts, ich musste zweimal in der Woche zum Antreten, wie die Zusammenrottung der etwa achtzig Zehn- bis Zwölf­jährigen auf dem neuen Marktplatz genannt wurde. Hätte meine Mutter meinen sagenhaften Apfelschuss miterlebt, sie hätte meinen Widerstand gegen dieses abscheuliche Jungvolk besser verstanden. In dem Haufen, der sich zur geforderten Zeit vor dem Jugendheim versammelt hatte, musste sich auch der Knoten befinden, dem ich so bravourös eins mit einem allerliebsten Äpfelchen aufgebrannt hatte. Es galt also wachsam zu sein. Die Vorsicht war aber völlig umsonst, denn kurz nach dem zweiten Antreten verbot der Bürgermeister jede Ansammlung von mehr als drei Personen im Freien. Folgendes war nämlich geschehen:

Es war ein schöner Herbstnachmittag, und wir standen nach endlosen Versuchen schließlich auch leidlich ordentlich in Dreierreihen da, als die Motorengeräusche von Flugzeugen, die schon länger, wenn auch weit weg, zu hören gewesen waren, sich plötzlich zu einem krachenden Heranjaulen vergrößerten, das sich auf uns herabzustürzen schien, dann aber dicht über unseren Köpfen brüllend hinwegfegte. Ein englisches Jagdflugzeug, das vor einem deutschen floh, glaubten wir und johlten, als wir sahen, wie die Bordkanonen des deutschen Jägers unerbittlich dem Engländer zusetzten, und wir jubelten, als wir sahen, wie die englische Maschine sich vornüber neigte und, einen feinen Rauchstreifen hinter sich her ziehend, stürzte, während fern am Himmel sich ein kleiner weißer Punkt entfaltete, der Fallschirm des Piloten.

Am nächsten Tag stellte sich aber heraus, dass es sich umgekehrt verhielt. Nicht ein Deutscher hatte einen Engländer abgeschossen, sondern ein Engländer einen Deutschen. Danach erachtete man es wohl als zu gefährlich, dass sich Menschenmengen ungeschützt im Freien versammelten. Zum Antreten sind wir danach nie mehr befohlen worden.

Das aber, weshalb ich mich überhaupt erst herbeigelassen hatte, mich mit diesem Jungvolk gemein zu machen, darum hatte man mich betrogen, nämlich um das herrliche Fahrtenmesser mit dem schwarzen geriffelten Kunststoffgriff, in den eine rote Raute mit einem kleinen schwarzen Hakenkreuz in der Mitte eingelassen war und das in einer breiten Lederscheide steckte und am Koppel zu tragen war. Es gehörte zur Uniform, und wurde, weil nicht kriegswichtig, nicht mehr hergestellt. Nur seinetwegen hatte ich das Theater aber doch mitgemacht.

Das Geigespielen hingegen begann mir zu gefallen. Ich hatte aufgehört, die Schmachtfetzen des Feldwebels nachzuäffen. Unermüdlich übte ich Tonleitern oder die harmlosen Stückchen, die zur Unterhaltung in der Geigenschule eingestreut waren. Doch kratzte ich sie geradezu wütend herunter, und es hatte etwas Aufsässiges, wie ich die nett gemeinten Liedchen misshandelte. Meine Mutter schwieg dazu, und ich spürte, welche Anstrengung es sie kostete, sich ihre Gereiztheit nicht anmerken zu lassen, war es doch zu begrüßen, wenn ein Kind freiwillig ein Instrument lernt. Außerdem hatte sie ein schlechtes Gewissen, unter anderem, weil sie das Klavier wieder zurückgegeben hatte.

Jahre später stieß ich auf zwei Fotos aus dieser Zeit. Auf dem einen hat mich mein Vater mit seiner unvermeidlichen Voigtländer erwischt, wie ich mit heruntergelassener Hose im Gras hocke, und noch heute kann ich das brüllende Gelächter hören, das es immer wieder hervorrief, und meine Scham darüber spüren. Auf dem andern Foto sitze ich vertrotzt auf dem Ast eines Baums und will, wie ich mich noch heute erinnere, keinen Schritt weitergehen. Man hat damals viel über mich gelacht. Ständig war ich beleidigt. Alle kränkten mich und achteten mich gering. Der Höhepunkt der Erniedrigung aber war erreicht, als alle sich eines Tages vor der Badezimmertür versammelten, klopften und mir kichernd eine große Schere hereinreichten. Sie begriffen nicht, dass das Bad für mich der einzige Ort war, wo ich mich vor ihnen noch sicher fühlen konnte.

Meinem Bedürfnis nach Absonderung konnte bald abgeholfen werden. Nicht lange, und ich saß in einem Bus und war auf dem Weg in ein Heim der Kinderlandverschickung. Die Kinderlandverschickung hatte den Zweck, Kindern aus ausgebombten oder sonstwie kriegsgeschädigten oder einfach nur mangelernährten Familien Erholung zu bieten, und das hieß essen und noch einmal essen und noch einmal. Ob es angeschlagen hatte, wurde auf einer Waage kon­trolliert, vor der wir in einer Reihe aufgestellt warten mussten. Das ständige Essen war eine Qual, und einmal übergab sich ein Mädchen in ihren Teller hinein, musste das Erbrochene aber wieder aufessen. Die Rote-Kreuz-Schwes­tern, die das Heim verwalteten, waren tonnenförmige Matronen mit den Stimmen von Ausbildern auf Kasernenhöfen, allerdings waren sie auch erschreckend gelenkig. Ohrfeigen verteilten sie mit virtuoser Routine und professioneller Unbeteiligtheit.

Auf das Mittagessen folgte die Mittagsruhe, wozu wir in Decken gewickelt, tatsächlich aber gefesselt wurden und auf flachen Liegen in einer langen Reihe auf einem zugigen Balkon in der eisigen Februarluft mehr als eine Stunde lang regungslos, ohne austreten zu dürfen und von der kalt gleißenden Sonne angeschienen, ausharren mussten. Quälender als die Fesselung und die Sonne aber war die immer gleiche Fantasie, die dann unweigerlich aufstieg: der Traum von der Heimkehr und dem Kuchen. In ihm hatte sich alles Glück materialisiert. Hoch und weiß bepudert stand er inmitten des zu meinem Willkommen festlich gedeckten Kaffeetischs. Den höchsten Grad der Verlockung erreichte er abends in der lautlosen Hölle des Schlafsaals oben unterm Dach in einem riesigen Saal, wo ich mit dreißig anderen Kindern auf den Schlaf wartete. Doch den Schlaf, in den wir uns sinken lassen wollten wie in ein großes, weiches Kissen, mussten wir fürchten. Vor wenigen Minuten noch waren wir auf der Toilette. Es war aber das letzte Mal an diesem Abend gewesen. Denn nach halb acht war die Benutzung der Toiletten verboten. Wir hatten mehr essen müssen, als wir wollten, und wir hatten mehr Tee getrunken, als wir brauchten. Und jetzt lagen wir in dem grünlichen Dämmerlicht der nackt von der Decke hängenden Glühbirnen und kämpften gegen den Schlaf, denn wir wussten: Erst würden die Albträume kommen, und sie würden immer schrecklicher werden, bis etwas geschah, das sich anfühlte, als würde lautlos ein Damm in sich zusammensinken und die Flut könnte sich frei verströmen. Das war ganz paradiesisch.

Irgendwann in der Nacht aber würden wir erwachen und merken, dass wieder einmal der Schlafanzug nass war und natürlich auch die Matratze und dass wir stanken. Es war kein Trost zu wissen, dass es vielen so ging, und meinem verletzten Stolz half es auch nicht auf.

Eines Abends, als schon alle schliefen, erhob sich Lärm. Schwestern stürzten in den Schlafsaal. Aufstehen, schrien sie, aufstehen. Es gibt etwas zu feiern. Schlafwirr drängten wir in Schlafanzügen und Nachthemden die Treppe hinunter in den Speisesaal, Tee bekamen wir ausgeschenkt, und Gebäck wurde aufgetischt. Denn ein großer Sieg der deutschen Truppen musste gefeiert werden. Stalingrad war gefallen, die Stadt endlich erobert.

In meinem stinkenden Bett in diesem Heim in der Eifel liegend und in die grünliche Todesdämmerung des Schlafsaals starrend, wurde die Zwangsvorstellung von dem Kuchen auf dem Kaffeetisch durch eine andere verdrängt. Ich konnte nicht aufhören, an das Fahrtenmesser zu denken, das mir zugestanden hätte, an seinen herrlichen Griff zu denken, seine Klinge, denn jetzt hätte ich es gut brauchen können. An der Eingangstür saß als Aufpasserin eine der dicken Rote-Kreuz-Schwestern, und an ihr kam niemand vorbei, gleich ob er in den Saal hinein oder aus ihm heraus wollte. Mit einem solchen Messer, so stellte ich es mir vor, wäre ich sehr wohl hinausgekommen. Die Dame hätte danach wohl etwas unordentlich ausgesehen. Ein Fahrtenmesser hatte nämlich eine Blutrinne.

So wenig, wie ich weiß, wie ich in dieses Heim hineingekommen bin, so wenig weiß ich, wie ich ihm entrann. Erst mit der Girlande aus Tannenzweigen über der Tür und dem gedeckten Tisch und dem Kuchen in seiner Mitte setzt Erinnerung wieder ein, doch wie im Traum. Ich muss wohl sehr fremd geblickt haben, denn meine Mutter zog mich schließlich an sich.

Nun erzähl mal, sagte sie, hob mich auf ihren Schoß und legte den Arm um mich. Es war, als hätte man eine Schleuse geöffnet. Nie mehr habe ich so inbrünstig und untröstlich geweint wie in diesem Augenblick an ihrer Schulter. Denn erst in diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit über nicht gewusst hatte, warum sie mich dorthin geschickt hatte. Ich war normal ernährt, hatte die für mein Alter erforderliche Größe und keine Beschwerden. Heute glaube ich, dass sie mich dorthin schickte, weil sie nicht mehr mit mir fertig wurde und mir einmal zeigen wollte, wo der Hammer hängt. So dass, als ich an ihrer Schulter schluchzte, ein kleines, zufriedenes Lächeln in ihren Mundwinkeln gestanden haben könnte.

Eines Abends, als ich auf dem Nachhauseweg an einem am Straßenrand abgestellten Stapel Backsteine vorbeikam, sah ich plötzlich wie in einem Schock die winzigen Spielzeugbacksteine aus dem Baukasten vor mir, den mir mein Vater vor nun sechzig Jahren geschenkt hatte, ja ich roch das graue Pulver sogar, das ihnen in einer kleinen Tüte beigegeben war und das mit Wasser verrührt den Mörtel ergeben hätte, mit dem man die Steinchen wohl hätte aufmauern können, und für immer wusste ich: So riecht die Langeweile. Sogar die kleine Kelle sah ich vor mir, womit man den Mörtel hätte anrühren können, was ich übrigens nie tat, denn ich war viel zu klein für diesen Baukasten – daher der Geruch der Langeweile –, zu klein auch für einen anderen, den mir mein Vater geschenkt hatte. Der hatte Rollen von Metallband enthalten und eine Schere und eine Lochzange, mit der man Stücke davon hätte abschneiden, lochen und zusammenschrauben können zu völlig unverständlichen und sinnlosen Gebilden von übrigens starrender Hässlichkeit. Des Weiteren hatte er mir einen Filmvorführapparat geschenkt, dem allerdings nur eine einzige Filmrolle beigegeben war, auf der eine kleine schwärzliche Figur die Skisprungschanze von Garmisch-Partenkirchen hinunterrutscht, einen kleinen Sprung tut und verschwunden ist. Vom pädagogischen Standpunkt aus – schließlich war mein Vater Lehrer gewesen – zeugten diese Geschenke von einem unglaublichen Mangel an Einfühlungsvermögen. Andererseits scheint er dem Knirps von Sohn übernatürliche Geisteskräfte zugetraut zu haben, jedenfalls muss er eine sehr hohe Meinung von ihm gehabt haben, wenn er dem Fünfjährigen Dinge schenkte, die gerade einmal für einen Zwölfjährigen getaugt hätten.

Nahezu gleichzeitig mit dem Geruch dieser Spielzeugbacksteine stand mir plötzlich auch ein Bild vor Augen. In einem Fenster eine weite, leicht ansteigende schneebedeckte Fläche, auf die bleigraue Dämmerung herabsinkt. Wo der Schnee die schweren Winterwolken zu berühren scheint, wird er von einer schwarzen Linie begrenzt, dem Wald. Von dort oben zieht sich auch die Straße herunter, auf der der Vater in seinem Auto nach Hause kommen wird. Zwei Lichter würden dort oben am Wald erscheinen, und auf diese Lichter warte ich zusammen mit der Mutter. Sie hat mich auf den Arm genommen und singt. Leicht wiegt sie mich hin und her, während wir hinaus in die Dämmerung blicken und auf den Vater warten. Ich erinnere mich, dass ich zusammen mit der Mutter geweint habe. Eine furchtbare Traurigkeit hatte uns ergriffen, und ich habe geweint wie später nie mehr.

An jenem Abend warteten wir noch auf den schönen Vater, denn ich hatte zwei Väter. Der schöne legte sich ein halbes Jahr später, nämlich Ostern des Jahres 1938, mit Fieber ins Bett und stand sieben Wochen später auf und hatte die Sprache bis auf wenige Reste verloren. Auch konnte er nicht mehr rechnen und lesen und fast gar nicht mehr schreiben. Außerdem war er gelähmt und musste am Stock gehen – was er aber bald nicht mehr brauchte. Um nun angesichts dieses völlig veränderten, jetzt fremden Mannes an den früheren schönen, klugen und heldenmäßigen Vater nicht ständig erinnert zu werden und den Schmerz des Vergleichs, also auch das Bewusstsein von dem Ausmaß des Verlusts aushalten zu müssen, sind im Hirn des damals Fünfjährigen, so erkläre ich mir die geradezu unglaubliche Tatsache, dass ich mich an den schönen Vater nicht mehr erinnern kann, offenbar alle Bilder, die ihn zeigten, in einer weißen Stichflamme gelöscht worden.

Nur Reste und Bruchstücke hatten sich noch erhalten. Beteiligt an diesem Auslöschungsakt könnte später (und auf diesen Gedanken komme ich jetzt erst) auch die Mutter gewesen sein. Denn erst jetzt, also nach Jahrzehnten, fiel mir plötzlich auf, dass in den Fotoalben, die ich doch immer wieder durchblätterte und in denen je-des Detail der Geschichte meiner Familie festge-halten war, rätselhafterweise nicht ein einziges Foto zu finden war, das den Vater vor seiner Krankheit zeigte, also eins, auf dem er auch in seiner Parteiuniform zu sehen war. Und es muss viele davon gegeben haben, denn er war ein begeisterter Nazi und mit seiner Voigtländer Spiegelreflexkamera ein unermüdlicher Fotograf, der darauf bestand, immer auch selbst mit auf dem Foto zu sein, was, war der Apparat aufgebaut und eingestellt, mit Hilfe der Technik des Selbstauslösers durchaus möglich war, vorausgesetzt, er hetzte schnell genug hinter der aufgebauten Kamera hervor und drängte sich in die Reihe der Aufzunehmenden, die schon angestrengt ihre Fotografiergesichter aufgesetzt hatten.

Sein Verschwinden aus den Fotoalben ist indessen relativ leicht zu erklären. Im Frühjahr 1945, als amerikanische Truppen sich dem Dorf näherten, beschloss die Mutter, nicht nur die Kleiderschränke von seinen Naziuniformen und den Bücherschrank von kompromittierender Literatur, sondern wohl auch die Fotoalben von peinlichen Beweisstücken zu säubern. Sie muss in einer panischen, besinnungslosen Angst und Aufregung gewesen sein, und so könnte es durchaus möglich sein, dass sich ihre Angst mir mitteilte, derart, dass, so wie sie die Fotos in den Alben ich die Bilder von ihm in meinem Gedächtnis auslöschte. Bei einem Zwölfjährigen allerdings wenig wahrscheinlich. Die Auslöschung der Erinnerung an ihn muss früher stattgefunden haben, als ich nämlich fünf war, als sich da ein völlig fremder Mann aus dem Bett erhob und behauptete, mein Vater zu sein.

Erinnerungsbruchstücke haben sich aber trotzdem erhalten. Zu diesen Erinnerungsbruchstücken an ihn gehört vor allem meine erste und seitdem unvergessliche Erfahrung von Wollust. Es war wahrscheinlich an einem Sonntagmorgen, und ich lag bei dem Vater im Bett. Der trug ein Nachthemd, doch war es ein wenig hochgerutscht, jedenfalls so weit, dass mein Fuß sein nacktes Bein berührte. Als hätte mich das auf eine Idee gebracht, begann mein Fuß, an seinem Bein hochzuwandern, wobei es sich gleichzeitig daran rieb, genauer, mit der Innenseite daran rieb. An das Gefühl, das ich dabei hatte, erinnere ich mich bis heute. Es ist eigentlich nicht in meinem Fuß zu lokalisieren gewesen. Vielleicht ist es mit dem Wort Verschmelzungsempfindung ungefähr beschrieben, denn weder hatte ich meinen Fuß noch den Schenkel meines Vaters getrennt gespürt, sondern meinen Fuß auf seinem warmen Fleisch und das warme Fleisch an meinem Fuß gleichzeitig und in eins, und darin bestand eigentlich die Wollust.

Mein Vater hatte diesen kleinen Fuß wahrscheinlich kaum oder nur nebenbei bemerkt, jedenfalls hielt er still. Dies ausnutzend, ließ ich meinen Fuß immer höher wandern, dorthin, wo es immer wärmer und weicher und auf eine unbestimmte Weise immer aufregender wurde. Und dann plötzlich durchfloss mich ein Entzücken. Mein Fuß hatte den Oberschenkel des Vaters erreicht, und zwar die Innenseite. Das Entzücken floss durch meine Fußsohle, die wie elektrisiert war, in mich hinauf. Durch zartes Auf-und-ab-Streichen konnte ich es immer wieder erneuern. Immer wieder wollte ich diese Weichheit und warme Glätte, diese Fülle an meinem Fuß spüren, damals wie später, wenn ich es an der nackten Haut von Frauen wiederzufinden versuchte.

Damit war es aber plötzlich zu Ende. Der Vater stand auf, und da lernte ich eine zweite Empfindung kennen. Plötzlich stand das Fenster sperrangelweit offen, eiskalte Luft strömte ins Zimmer, und mir bot sich ein Anblick, der mich mit einem ganz neuen Gefühl erfüllte, dem durchdringenden Gefühl von Peinlichkeit. Meine Eltern betrieben Frühsport.

Nun war die Region, in der ich groß wurde, von Menschen bewohnt, die in ihrer überwiegenden Zahl körperlich hart arbeiten mussten, für die also Sport eine zusätzliche und völlig überflüssige Anstrengung bedeutet hätte. Was meine Eltern da betrieben, erschien schon dem Knirps, der ich damals war, ganz exotisch und überdies lächerlich. Bei offenem Fenster und mit angewinkelten Armen übten sie nämlich Dauerlauf, und zwar im Schlafzimmer.

Mehr als drei oder vier Meter Bewegungsfreiheit hatten sie nicht, praktisch traten sie auf der Stelle. Das war etwas, das sie vorher nie getan hatten, und offensichtlich hatte der Vater es mitgebracht von seiner Schulung als Propagandaredner der NSDAP auf der so genannten Ordensburg Sonthofen. Der Deutsche habe morgens bei offenem Fenster Knie- und Rumpfbeugen zu machen und sich durch Laufen zu stählen für die kommenden Aufgaben, war ihm wohl eingebläut worden, und er hatte es geradezu jubelnd beherzigt, und so trabte er fünf Schritte vor und fünf Schritte zurück im Schlafzimmer hin und her und um die Betten herum. Meine Mutter im Büstenhalter und im Wollschlüpfer immer brav hinter ihm.

Meine Eltern taten mir in diesem Augenblick leid, und zwar deshalb, weil sie nicht wussten, wie lächerlich sie waren, wobei das Gefühl von Peinlichkeit auch dadurch entsteht, dass man an der Lächerlichkeit selber beteiligt ist. Sie waren ja meine Eltern und ich war sozusagen Teil von ihnen. Immerhin scheine ich schon damals gewusst zu haben, was lächerlich ist und was nicht. Im Übrigen findet man nicht selten, dass sich Kinder für ihre Eltern schämen.

Wenig später stehe ich auf dem Kopfkissen des Vaters und rede in Zungen. Ich spreche zu einer riesigen Menschen­menge, aber was ich sage, verstehe ich nicht. Ich rede in einer Sprache, die mir selber fremd ist, und die ich im Akt des Redens erfinde. Bis vor kurzem hatte ich diese Erinnerungsszene belächelt als Zeugnis einer frühen Aufgewecktheit und meines sprachlichen Erfindergeistes. Dann aber kam mir der ernüchternde Gedanke, dass der Kleine nichts anderes tat, als seinen Vater zu imitieren. Das heißt, dass ich ihn wohl einmal als Agitator und Parteiredner erlebt hatte, vielleicht in einem Wirtshaus oder bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz, woran ich allerdings keine Erinnerung mehr habe.

Mein Vater muss ein feuriger Redner gewesen sein, dem Kleinen nach zu schließen, so wie er da auf dem Kissen stand und gestikulierte und die ungewöhnlichsten Lautkombinationen atemlos hervorstieß, dramatische Pausen machte, dann wieder mit voller Lautstärke hervorbrach, die Stimme senkte, und dann plötzlich schrie, schließlich mit einem lang anhaltenden drohenden Tremolo endete. Oder imitierte der Kleine gar nicht seinen Vater, sondern einen andern, einen, dessen Reden die Erwachsenen am Radio atemlos lauschten, der ganze Stunden lang von einem Leutnant sprach, schrie, bellte, von einem heiligen Leutnant, einem großen Leutnant, von einem ewigen Leutnant. Schließlich verstand ich aber, dass mit dem Leutnant Deutschland gemeint war.

Später hasste ich diesen rhetorischen Furor an meinem Vater, der sich ja nicht verloren hatte, auch wenn ihm durch die Krankheit die Sprache dafür abhanden gekommen war. Dieses Temperament, diese hohle Begeisterung, diese stammelnde Beredsamkeit, dieser Schwung – ich habe mich gekrümmt dabei und ihm jedes Mal so schnell wie möglich das Wort abgeschnitten. Jetzt aber ertappe ich mich immer öfter dabei, wie ich selbst in diese Hitze gerate, laut werde, in Schwung komme, und manchmal scheint es mir, als ob ich immer noch auf diesem Kissen stünde, immer noch in einer unbekannten Sprache rede und schreie, in dem Versuch, etwas zu sagen, was sich offenbar nicht sagen lässt.

Nun hatte die Krankheit den Vater nicht nur der Fähigkeit zu sprechen, zu schreiben und zu lesen beraubt, sie hatte auch seine Persönlichkeit verändert. Sie hatte ihn zu einem anderen gemacht, und ich bin gar nicht so sicher, ob ich den anderen, den schönen Vater sehr sympathisch gefunden hätte, ob ich nicht sogar Grund gehabt hätte, ihn zu fürchten. Welche Rolle hätte er gespielt, als man die Juden des Orts deportierte und ihre Synagoge anzündete, was hätte er im Krieg getan? Hätte er ihn überhaupt überlebt?

Je mehr ich nachdenke, desto klarer wird mir aber, dass nicht nur der schöne Vater, sondern auch der andere, der bemitleidenswerte, lästige, ja fast verachtete, gewöhnliche, mir Geschenke gemacht hatte, Geschenke, die geblieben sind, Lebensgeschenke gleichsam. So beispielsweise die Erinnerung an seine großen, muskulösen, trockenen und stets warmen Hände, an seine Reinlichkeit. An seinen immer guten Geruch. An seine Freude, gut und mit einer gewissen Eleganz angezogen zu sein. An die riesigen Kürbisse, die er zog und mit denen meine Mutter, die das Kind einer Tagelöhnerfamilie war, nichts anzufangen wusste und die er damit zur Verzweiflung trieb, die er ihr aber nichtsdestoweniger strahlend unter jedem Arm einen immer wieder anschleppte. Denn kurz nachdem er die Sprache verloren hatte und in Pension geschickt werden musste, hatte seine Frau ihm ein Stück Land gekauft, das er nach jahrelanger Fronarbeit schließlich in einen Garten verwandelt hatte, in dem er dann den Rest seines Lebens verbrachte.

Vorabdruck mit freundlicher ­Genehmigung des Verlags aus: Gerd Fuchs: Heimwege. Edition Nautilus, Hamburg 2010. 256 Seiten, 19,90 Euro. Das Buch erscheint nächste Woche.

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