Voll krass porno, Alter!
Heikle Geschichten.
von Frank Schulz
Schorf
Der Vollmond hängt über den platten Dächern wie ’n Riesenarsch. Wie der Arsch von Gott, ’n Arsch mit Pocken. Eine Luft hier, seit Wochen, und stinkt wie … Auf’m Nebenbalkon, mitten in den Lobelien, leckt sich Nachbars Katze die Fotze. Lobelien heißen die, glaub’ ich.
Ich gaff’ durch die Gitterstäbe. Keiner zieht die Vorhänge zu, die Schweine die, Gekeife und Gerülpse bis in die Nacht. Tagsüber kann ich den Tauben aufs Kreuz gucken, wenn die sich von den Traufen runter in die Gosse stürzen. Das Pfeifen von den Flügeln hört man auch bei dem ganzen Krach von den Gören und Arschlöchern, bei dem Gegröle den ganzen Tag. Nachts ist es meistens ruhig, außer da schreit mal einer.
Gestern abend hab’ ich plötzlich ’n komisches Gefühl gekriegt, hier, auf dem Balkon. Ich hatte über alles mögliche gegrübelt. Manchmal grübel ich, bis mir schlecht wird. Und auf einmal hat mich ’ne komische Aufregung gepackt, und ich hab’ nicht mehr gewusst, wo der Unterschied ist, ob man nun über den Absatz der Balkontür oder übers Geländer steigt. Jedenfalls hab’ ich das Gefühl gehabt, als kannte ich den Unterschied plötzlich nicht mehr. Ich hab’ Herzklopfen gekriegt. Ich bin zum Imbiss gegangen und hab’ ’n paar Dosen gezecht. Svenni hat bloß gelacht.
Ich leg’ den vollgeölten Putzlappen beiseite. Ich find’ den trockenen nicht wieder in dem Gerümpel hier, und der Ärmel vom T-Shirt ist zu kurz. Schwitz’ ich eben weiter. Ich lutsch’ an ’ner Apfelsine. Ist gut, Vitamine. Der Geschmack erinnert mich an Blut. Ich pul’ am Schorfstreifen, der sich vom Nabel bis zu den Schamhaaren zieht. Kanaker der. Macht der nie wieder, der Kanaker der.
Eine Luft hier, stinkt wie … »Mach das Licht wieder aus«, sag’ ich nach drinnen. Wisch’ ich mir die klebrigen Finger eben mit dem Öllappen ab. Die Augenwinkel jucken vom Schweiß. Putz’ ich das Okular eben nicht. Okular heißt das, glaub’ ich.
»Was?«
»Du sollst das Licht ausmachen.«
»Warum? Lass ja die Tauben in Ruhe!«
»Nachts und Tauben«, sag’ ich, »los, Licht aus.« Ich leg’ das Fernrohr auf den Tisch, greif’ nach dem Zylinder und öl’ ihn ein. Der ist schwer, ist der.
Zum hundertsten Mal das Geplärr von dieser Schlagersängerin, mir fällt nicht ein, wie die noch mal heißt, irgendwas mit F oder V. Das Gelaber von den Fernsehern aus den offenen, erleuchteten Balkontüren, aus unserer auch. Die Schlampe von genau gegenüber, die immer den ganzen Tag die Titten in die Sonne hängt, guckt dasselbe wie meine nuttige Mutter, das seh’ ich an dem gleichzeitigen Flimmern.
»Was machst du da.«
»Nichts. Mach endlich das Licht aus, sonst … «
Sie macht das Licht aus. Ich schraub’ den Schalldämpfer vor den Lauf und schieb’ das Fernrohr drauf. Sie kann’s nicht ab, wenn ich Tauben schieß’. Vump!, und das Viech platzt in der Luft, ’ne Federnexplosion, Ende.
Reklamegelaber. Ich hör’ unsere Toilettenspülung. Die Schlampe von gegenüber kommt auf den Balkon und hängt Wäsche auf. Die Luft stinkt nach Fett und halben Hähnchen, ich schnupper’ am Waffenöl. Die Katze springt aus dem Blumenkasten in die Wohnung, und plötzlich leg’ ich an, den Kolben auf dem Geländer. Fast auf Anhieb hab’ ich die Schlampe von gegenüber im Visier. Ich seh’ die Wäscheklammer zwischen ihren Lippen und den Pickel am Hals. Ich merk’ die zwölf Stockwerke Luft unter mir, heiße, fettige Luft. Ich merk’, wie mir schwindlig wird, und vump!, knallt mir der Schaft gegens Schlüsselbein. Sie ist weg. Nur noch die helle Balkontür und der Fernseher, der genau so flimmert wie unserer. Mein Herz klopft ganz schön. Ich blute am Unterleib, irgendwie ist der Schorf abgerissen, fast ganz ab.
Im Imbiss, als ich die erste Dose Bier aufreiß’, fällt mir plötzlich der Name der Schlagersängerin ein. Das Bier schmeckt nicht.
Bier auf Apfelsine schmeckt nicht. Svenni lacht bloß. Von hier unten kann man den Mond nicht sehn. Seh’ ich ihn eben nicht.
Hopfen
Es war der dreiundzwanzigste Geburtstag ihres Mörders, als Hilde doch noch wieder eine Schmierblutung bekam.
»Hopfen und Malz verloren«, stöhnt sie.
»Irgendwo«, sagt Ilka Dombrowski, »hab’ ich mal gehört, daß Hopfenpflückerinnen ihre Tage immer gleichzeitig kriegen, weil das Zeug östrogenhaltig ist oder so.«
»Feierabend«, sagt Hilde und meldet sich ab. Am Kantinentisch beklagt sie sich über Ilka Dombrowskis Klugscheißerei. »Da hör ich gar nicht mehr hin«, sagt Nola und streckt dem Fensterspiegel die Zunge raus. »Scheiße, wird das immer früh dunkel jetzt.« Sie trinkt ihr Bier aus. »Ich muss los. Mein Spacken wartet bestimmt schon.«
»Schönes Wochenende«, sagt Hilde. Auf dem kalten Klo löst sie sofort den blauen Streifen aus der Cellophanhülle, trödelt aber, um Ilka Dombrowski nicht zu begegnen.
An der Bushaltestelle gegenüber vom Werkstor tritt Nola von einem Fuß auf den anderen. Neben ihr, auf dem Boden, ihr Deputat, ein Kasten Bier. »Willst du den etwa im Bus mitnehmen? Ist dein Spacken nicht gekommen?« fragt Hilde. »Scheiße, ist das kalt.«
»Muss ich«, sagt Nola, »sonst gibt’s Ärger.«
»Scheiße, meine Handschuhe«, sagt Hilde. »So ’n Schlappschwanz. Ich versteh dich nicht, du bist doch noch jung … «
»Jaja«, sagt Nola. Sie schlägt den linken Schuh dreimal gegen den rechten, verlagert das Gewicht und schlägt den rechten Schuh dreimal gegen den linken.
Beim Einsteigen schlägt ihnen warm die Fahne von Hildes Mörder entgegen. Sie drängen sich mit dem Kasten Bier an ihm vorbei. »Man kann ja auch mal Platz machen«, sagt Hilde.
Wo Nola rausmuss, steigt Hilde mit aus. »Brauchst du nicht«, sagt Nola.
»Jaja«, sagt Hilde. »Mach doch mal Platz, Mensch!« Sie drängen sich mit dem Kasten Bier an Hildes Mörder vorbei hinaus. Der Bus fährt davon.
»Gibst einen aus?« sagt Hildes Mörder, der ebenfalls ausgestiegen ist und neben ihnen herläuft, zu Nola. Der Kasten Bier schaukelt zwischen Hilde und Nola, die kleiner ist. »Ich hab’ heut Geburtstag.«
»Dann musst du ja wohl einen ausgeben«, sagt Nola.
»Kannst mal mit anfassen«, sagt Hilde, »du Schlappschwanz.«
»Wer ist ’n Schlappschwanz.«
»Kannst mal mit anfassen.«
»Wer ist ’n Schlappschwanz. Wer ist hier ’n Schlappschwanz.«
»Komm, lass«, sagt Nola.
»Wer«, sagt Hildes Mörder und versetzt Hilde einen Stoß, »ist hier ’n Schlappschwanz.« Hilde stürzt und reißt den Bierkasten mit, der Nolas Eisknöcheln entgleitet. Er knallt seitlich auf den Gehweg, ein paar Flaschen Bier rutschen heraus und schlittern davon, eine zerplatzt am Kantstein mit einer Schaumexplosion. Hildes Mörder tritt mit der Stiefelferse zu, trifft gleich beim ersten Mal einen Augapfel, und noch bevor der Schmerz sie erreicht haben kann, ist Hildes Mörder ihr auf Kopf und Kehle gesprungen. Nola schreit, als würde ihr die Haut vom Gesicht gezogen. Hildes Mörder springt noch einmal auf Hildes Kopf, diesmal verrenkt er sich den Knöchel. Nola schreit, die Finger über die Ohren gewölbt. »Wer ist ’n Schlappschwanz!« Er tritt noch einmal seitlich gegen Hildes Kopf. Der linke Wangenknochen scheint zerbrochen, und durch die blutige Oberlippe schimmert etwas Elfenbeinweißes, ein Schneidezahn. Hildes Mörder kniet sich neben sie, etwas ungelenk, wohl wegen der Verrenkung, zurrt Hildes Schal fest und stampft die andere Faust mit athletischer Ausdauer senkrecht auf ihr Gesicht, bis ein Splitter in seinem Mittelhandkochen steckenbleibt. Dann nimmt er eine Flasche aus dem Kasten, öffnet sie mit den Kiefern, speit den Kronkorken mit einem Stück Backenzahn ins Gestrüpp. Auf dem Etikett stand feinhopfig.
Krebs
Eine Orkanbö preschte durch die Platanenkrone, und die hinterherfegenden Strudel peitschten das ockerfarbene Laub zu einem irrsinnigen Flugtanz auf. Die noch gesteigerte Wucht des nächsten Stoßes riss den größten Teil des Rests mit sich, hinterließ den Baum fast nackt, nackt bis auf die rauhen Holzknochen, die wulstigen Knöchel, bis in die entlegensten, hin und her gepeitschten dünnen Knöchelchen fast nackt. Zwei Schläge, nur zwei Schläge.
Dorling betrachtete den spröden grauen Flor in seinem Kamm. Von seinen Rückenhaaren ausgehend löste sich ein Schaudern. Er drückte die Milchglas-Klappe ins Schloss; nun jaulten die Wände, fauchte leise der Heizlüfter. Dorling richtete den Blick auf das Zifferblatt im Radio. Der Doppelpunkt zwischen der 6 und der 17 blinkte. Seinen Pulsschlag fühlte Dorling nicht. 6:18. Dorling hob den mit dunkelbraunem Frottee bezogenen Toilettendeckel, ließ das Gewölle ins Becken niederschweben, drückte den Spülknopf und schloss den Deckel wieder. Neben den Stützstrümpfen seiner Frau auf der Waschmaschine stand ein medizinisches Plastikgefäß. Eine Skala, heller als die Becherwand, deren Färbung der des Badfensters ähnelte, bezeichnete die mögliche Füllmenge.
Dorling setzte sich auf die Gummistrümpfe und zog seine welke Vorhaut über die trockene Eichel zurück. Er versuchte, sich an die schöne Hure im Schwesternkittel zu erinnern, die ihm den Puls gefühlt und auf ihn eingegurrt, während sich sein Blut gesammelt hatte. Das war im Badischen gewesen, damals hatte er gut verdient. Immer wenn ihn eine seiner Reisen ins Badische geführt hatte, war er zu der schönen Hure gegangen. Sie mochte so alt gewesen sein, wie seine Töchter heute waren.
Das Heulen der Wände übertönte phasenweise das Fauchen des Heizlüfters, der Dorlings Schenkelhärchen zauste. 6:20. Dorling erhob sich von der Waschmaschine und machte den einen Schritt zum WC-Becken, hob den frotteebezogenen Deckel und setzte sich. Zwei Tropfen Urin lösten sich ins stehende Wasser. Der aufreizende Druck überm Damm hielt unvermindert an. Dorling erhob sich, öffnete die Fensterklappe und blickte in die kahle Krone der Platane, durch die der Sturm raste. Ein Sog entstand, und Dorlings Rückenhärchen stellten sich auf, ein Schauer floss über den Rücken wie ein Schwall Eiswasser und zog eine Lawine von sich brechenden Schauern nach sich, dass die Knie nachgaben; Dorling fiepte, und dann kam ein Knurren, ein Grollen von tief unten, aus der Höhle seines Bauchs. Eiswellen überrollten seinen Rücken, und er drehte sich weg vom Fenster, würgte, sog quiekend Atem durch die enge Gurgel und taumelte ins Schlafzimmer, in den noch nachtkalten Raum, kniete sich aufs Bett, in die Sphäre der Ausdünstungen von erwärmten Drüsen, und riss an den ein wenig feuchten Haaren seiner schlafenden Frau. Sie gab ein Schreckstöhnen von sich, und Dorling hielt ihr seinen Penis hin. »Hier! Da!« Ihre Arme steckten wie in einer Zwangsjacke unter dem Federbett, auf dem Dorling kniete, sie wimmerte, schwach vom Schock, die Wangenhaut oberhalb vom Nachthemdkragen gespannt wie ein Trommelfell, der Blick glänzend vor Panik. »Um acht muss ich da sein! Vielleicht hab ich ja Krebs!« Dorling riss rhythmisch an seinem weichen Penis, während sich unterm Schraubzug seines linken Fauststocks ein Büschel grauen Haars aus dem Kopf seiner Frau löste, und nun stieß sie einen schrillen Tierschrei aus, der Dorling augenblicklich blendete.
8:13. Die Schultern schmerzten vom starrkrampfhaften Heben der Hände. Dorlings Puls schlug doppelt so schnell, wie der Doppelpunkt blinkte. Neben den leeren Stützstrümpfen der leere medizinische Plastikbecher. Mit erhobenen Händen stand Dorling am Badfenster. Der Sturm hatte nachgelassen. Dorlings Rücken juckte von Schweiß, doch die Hände sinken zu lassen war er nicht fähig. Wie der Lauf eines gehäuteten Hasen ragte sein Glied auf.
»Schwester«, flüsterte Dorling.
Wenn Beelzebub flennt
Vagina Mae, Mann. Du kenns’ Vagina Mae nich’, Mann? Das Chick von Nigger Beelzebub? Voll cool, die Bitch, Alter. Die is’ so cool, die Schlampe … ? Und wieder plusterte der Junge die dicken Backen noch auf, bis die Lippen auseinanderplatzten – mit einem tonlosen, doch vernehmlichen Porr.
Vernehmlich trotz des TV-Geplärrs. Ins Regal eingelassen war ein eddingbeschmiertes Schreibtischchen, von dem ein Kofferfernseher Werbung für Klingeltöne funkte. Für Alex C. feat. Y-Ass und »Du hast den schönsten Arsch der Welt« sende M9! Für Polarkreis 18 mit »Allein allein« sende M10! Für Sido mit »Herz« sende M11! Daneben ein PC, dessen Bildschirmschoner ein Ungeziefer zeigte, das den Betrachter mit roten Facettenaugen hypnotisierte und dank vieren seiner sechs Armbeine lautlos MG-Salven ins Nichts feuerte.
Beide Monitore im Nacken – die Kapuze am Sweatshirt war verdreht –, hockte der dicke Junge rittlings auf einem Klappstuhl. Eine bommellose schwarze Wollmütze fasste den Schädel ein, der unterhalb des Krempelrands gummiweich wirkte. Dem goldenen Damenbart nach zu urteilen, war der Junge vier- oder fünfzehn. Gestützt auf die Stuhllehne, hatte er in der Linken ein Handy, dessen Tasten Pieptöne entäußerten, während er es bediente – mit der Spitze eines ellenlangen Kampfmessers, das er zwischen Daumen und drei Fingern am gerillten Ledergriff lotrecht hielt. Unterhalb der Parierschelle die mächtige Klinge, dunkel beschichtet. Ihr Rücken war zur Hälfte sägegezahnt.
Obwohl die Tür offenstand und das Fenster gekippt war, roch die Kammer nach fettfleckigen Pizzakartons, die im Regal lagen, zwischen Comicstapeln und einem Haufen Aas von Plüschtieren, zwischen Plastikninjas und einem Wecker in Form eines Hahns – der permanent zu Boden zu stürzen drohte –; sie lagen auf dem abgewetzten Läufer neben dem Bettpfosten und auf der Fensterbank neben den Turnschuhen. Nach deren Fußbetten die Kammer ebenfalls roch, und sie roch nach dem Bett, auf dem der andere Junge hockte, dünn, dunkel; zehn, elf Jahre alt. Die Beine gestreckt, hielt er, dadurch irgendwie unbeugsam, den Kopf gesenkt. Den runden Rücken hatte er gegen die Wand gestützt.
Siiido! Bushiiido! höhnte der dicke Junge nach einem Blick auf die Tapete aus Postern hinter dem dünnen Jungen. Voll schwul, Mann; voll die Opfer, Mann. Hartz IV, Mann. Wer krass is, is Nigger Beelzebub, Alter. Voll krass porno, Alter. Alter, Beelzebub? Nigger Beelzebub is so krass gut, Alter … ?
Zwar behielt der dicke Junge den Luxus bei, Urteile im Frageton zu verkünden. Diesmal aber sparte er sich das Punktum des Respekts, das Porr.
Der andere Junge sagte nichts.
So krass gut … ? wiederholte der dicke Junge. Als er sich das Porr wiederum schenkte, wirkte das Nichtmehrvorhandensein bereits normal – als vermisste eh kein Mensch mehr je ein Amen in der Kirche. Kurz darauf hob er den Blick vom Handy, wohl um herauszufinden, weshalb sein Gegenüber so stumm blieb. Seine Pupillen glänzten vor Neugier. Die hellen Wimperstoppeln wieder abwärtsgestellt, sagte er: Heul doch, Mann, und stocherte weiter auf das Handy ein.
Mein Alter schlägt mich tot, sagte der dünne Junge.
Wieso das deeenn, sagte der dicke Junge und spielte mit Messer und Handy. Has’ grad Beef mit dem? Hör auf, Mann; was will der denn mit dem Ding. Nich’ mal Clips drauf, Mann. Kenns’ den, wo so ’ne Schlampe sich von ’nem Pferd ficken lässt? Krass, Mann. So krass, Mann … ?
Der schlägt mich tot.
Ja Alter, sagte der dicke Junge, die Achseln hebend; sind wir Homies, Alter? Du kanns’ nich’ irgend ’n Typ zum Shooten mit nach Hause nehmen, Mann, irgend so ’n, so ’n Schimmelnigger wie mich, Mann.
Einen Moment war nur das befehlshafte Flehen aus dem Fernsehapparat zu hören, und das Piepsen der Handytastatur schien lauter als das Raunen und Rauschen der Straße elf Stock tief unter dem Fenster. Und dann, beginnend mit einem mechanischen Aufheulen, ein Brummen unweit der Kammerwand. Der dicke Junge schielte auf seinen linken Reebok, als könne er auf diese Weise besser hören; seine anschließende Frage verriet, dass er das Geräusch als den Betrieb des jahrzehntealten Fahrstuhls identifiziert hatte. Der Ruck des Stops kam aber von weiter unten.
Wo sind ’n deine Schwestern.
Achselzucken.
Und deine Junkiemutter?
Ist sie nicht. Arbeiten. Hat bald Feierabend.
Da krieg’ ich aber Schiss, Mann. Vor Schlampen hab’ ich Schiss, Mann. Vor Junkiefotzen hab’ ich so krass Schiss, Alter … ? Doch er warf durch die offene Kammertür einen Blick nach der geschlossenen Wohnungstür, und dann noch einen, einen längeren; ja ließ den Blick schweifen durch den Korridor zwischen plunderüberwucherter Garderobe, niederem Schnapsflaschenwald und einer Industrielandschaft aus gelben Bierkisten.
Dann seufzte er selbstironisch, um die Beleidigung der Mutter als Kavaliersdelikt einordnen zu helfen – als Temperamentsentgleisung –, und senkte den Blick wieder aufs Handy. Null Spiele drauf, Mann. Was will er denn damit. Telefonieren? Er kicherte heiser.
Der schlägt mich tot.
Alki? fragte der dicke Junge, blitzschnell, als habe er nur auf einen Ton gewartet.
Der dünne Junge reckte das Kinn nach der Szenerie im Korridor und feixte.
Meiner auch, sagte der dicke Junge. Mein Alter … ? Mann, der is’ so fertig, Alter? Mein Alter, der hat sich das Suchtzentrum weggesoffen, Mann. Der hat sich das Suchtzentrum im Gehirn weggesoffen, weggesoffen, Alter, das Suchtzentrum weggesoffen; und jetz’ brauch’ meine Alte ihm bloß noch Leitungswasser einschenken, und denn wird der da hacke von. Echt. Fack. Echt, Alter.
Ach Quatsch.
Fack, doch, Mann! Der dicke Junge strahlte den dünnen Jungen an; anstatt zu lächeln, rülpste der allerdings, und daraufhin begann unversehens das Handy einen Blechmarsch zu spielen.
Diesmal lachten beide Jungen los, laut wie im Kino; und schließlich sagte der dicke Junge: Was’n das für’n Klingelton, Alter. Voll arm, Alter.
Der is’ eben bekloppt, kicherte der dünne Junge.
Korken ruft an, las der dicke Junge vom Display ab; wer’s das denn.
Seine Stammkneipe, sagte der dünne Junge.
Die da unten, Alter? Gleich da unten die?
Der dünne Junge nickte.
Der dicke Junge starrte auf das Handy in seiner Linken, in seiner Rechten ließ er das Kampfmesser pendeln. Die Melodie tönte gegen die aus dem Fernseher an – hast mein Leben auf den Kopf gestellt/Du hast den schönsten Arsch der Welt … Lautlos ballerte das Insekt mit den roten Augen ins Nichts. Der dicke Junge zielte mit der Messerspitze auf eine bestimmte Taste. Dann auf eine zweite. Die Melodie brach ab, und es drang – da er offensichtlich auf Lautsprecher gestellt hatte – ein Geräuschbrei von kehligem Bramarbasieren und Schlagermusik aus dem Handy. Trotzdem führte er das Gerät ans linke Ohr. Mann, wer nervt ’n jetz’, sprach der dicke Junge hinein; ich krieg’ grad ein’ geblasen, Mann. Dann starrte er, dickzüngig, lautlos lachend, den dünnen Jungen an und blinzelte ihm mit einem Auge zu.
Der dünne Junge starrte zurück, hingerissen, panisch.
Im Gegensatz zu den Hintergrundgeräuschen dicht an der Membrane, machte eine schmale Stimme: Hä?, und sprach dann, etwas rauher, verkrustet, schwerfällig: Scheiße, wer bis’ du ’enn.
Fack! zischte der dünne Junge. Das’ mein Alter! wisperte er. Das’ mein Alter selber, der sucht sein Handy! Fack, der is’ besoff’n, der hat blaugemacht! Er flog aus dem Bett, wie von einer Feder katapultiert, und war mit einem Satz am Fenster, riss es auf, beugte sich über Fensterbank und rostige Außenbrüstung und peilte seitlich in die Tiefe.
Das pendelnde Messer in der Rechten, das Handy in der Linken, hockte der dicke Junge da mit offenem Mund und dicker Zunge. Dann stieg er breitbeinig von dem Klappstuhl ab. Dabei stieß er mit dem Hintern an den Schreibtisch, so dass der Wecker aus dem Regal stürzte und beim Aufprall mit atemlosen Kikeriki-Refrains begann, klangtechnisch deprimierend. Erschrocken drehte der dünne Junge sich wieder ins Zimmer.
Scheiße, gurgelte es aus dem Handylautsprecher; du bis’as?! knurrte es. Bis’ du’as, du Spacken?
Nach einem brausenden Moment Geräuschkulisse – Korken da, hier Plastikgekräh und M9-, M10-, M11-Geschrei – brach die Verbindung ab.
Fack, zischte der dünne Junge, fack, winselte er und beugte sich erneut aus dem Fenster, um Ausschau zu halten. Kurz darauf zuckte er zurück. Käsig, gekrümmt kroch er aufs Bett, seine Miene nur mehr leer, während der Hahn krähte, geisterhaft hohl, wie geköpft.
Der dicke Junge sah, dass der dünne Junge den eingenässten Schritt anhand des Kopfkissens zu verbergen suchte, und als der dicke Junge handelte, spielte sich auch auf seinem Gesicht nicht viel ab. Zunächst legte er Messer und Handy zwischen Fernseher und PC-Monitor und trat auf den Hahn. Abrupt verstummte das Kleingetöse. Dann stellte er sich vor dem dünnen Jungen in Positur und, in den Knien federnd, mit Zeige- und kleinen Fingern gestikulierend, begann zu rappen, unvermittelt, aber locker. Pass bloß auuuuf, ich mach keine Kompromisse/denn wenn Beelzebub flennnnnt unk unk tscha/denn wenn Beelzebub flennnnnt unk unk tscha/denn wenn BEELzebub flennt Alter unk unk tscha/hat er Salzsäure in der Pisse unk unk tschaaaaa …
Ein paar tänzelnde Auslaufschritte, um wieder Tritt zu fassen; er horchte, ob der Fahrstuhl zu brummen anfing – was im selben Moment der Fall war –, und nahm das Handy an sich. Doch schon während er das tat, war es, als täte er es nur, um der nächsten Geste Gewicht zu verleihen: Er legte es wieder zurück. Und sah dem dünnen Jungen mitten ins Gesicht. Prompt soff dessen Iris ab, soff schier ab.
Der dicke Junge zog das linke Bein der Jogginghose hoch und schob sein Kampfmesser in das Holster, das um seinen Unterschenkel geschnallt war, der bleich war, aber dick wie ein Rugbyball; dann schoss er dem dünnen Jungen einen weiteren Blick in die nassen Augen, schoss so lautlos wie das rotäugige Insekt auf dem Monitor. Los, wir machen ’ne Fliege, Alter.
Der dünne Junge bewegte den Kopf.
Fack, wieso nich’, Mann.
Der dünne Junge schwieg, und seine reglosen Augen troffen unentwegt.
Für seine Masse beinahe elegant, verschwand der dicke Junge durch den Korridor. Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Einen Moment lauschte der dünne Junge dem Quietschen der Reeboks im Treppenhaus nach. Als ihm das Brummen des Fahrstuhls wieder zu Bewusstsein kam, sprang er wimmernd auf, stolperte zum Fenster, fegte Turnschuhe und Pizzakartons zu Boden, hockte sich aufs Fensterbrett, einen Fuß auf dem Teppich, das andere Knie angezogen, und lehnte sich übers Fenstergeländer. Dann blickte er zur Wohnungstür, gaffte geradezu mit plötzlich dörren Augen. Als der Schlüssel im Schloss dengelte wie Sturmgeläut, starrte er unwillkürlich in die Tiefe, wo der dicke Junge in seinen Blickwinkel eintrat und, sodann rückwärts schreitend, heraufspähte. Von hier oben, in der perspektivischen Verkürzung, sah er zuverlässiger aus, der dicke Junge, und der dünne Junge wartete, bis sein neuer Freund da unten die Arme ausbreitete.
Seele mit Käse
Seit Wochen schon holte Brinkmann seine Brötchen nicht länger von Jensen, sondern aus der BackBord-Filiale. Die lag auf dem direkten Weg zur U-Bahn, buk die Schrippen knuspriger und preiswerter und bot mehr Auswahl. Doch nichts davon gefährdete Brinkmanns jahrzehntelange Treue zu Jensen, sondern »Fr. Lammers«.
Das Namensschildchen trug sie am Träger ihrer signalroten Schürze mit dem BB-Emblem. Schwarzer Samt bändigte ihr falbes Haar, und auf ihren niedergeschlagenen Lidern lag unfehlbar ein Engelshauch von grünem Schatten. Sie trug keinen Ehering. Trotzdem, sie war bestimmt nicht mehr Ende Dreißig, wiewohl sie mitunter wirkte wie Anfang Dreißig. Anfangs unmerklich, begann Brinkmann, über ihre dauernde Traurigkeit zu grübeln.
Den ganzen Oktober lang fast jeden Morgen das Rauschen des Regenwassers auf dem Asphalt, das der beleuchtete Autoverkehr aufpeitscht; die fuchtelnden, kohlschwarzen Zweige der Linden; die darüber hinfliegenden, dreckigen Riesenschwämme der Wolken … Doch sobald Brinkmann gegen sechs Uhr zehn um die Ecke des Blocks bog, erstrahlte schräg gegenüber in Gelb- und Rottönen die Fensterfront der BackBord-Filiale, und von der ewigen Frage, ob Fr. Lammers Dienst hatte, leierten seine Knie aus – zumindest fühlte es sich so an. Wochenlang war Brinkmann so vernarrt in Fr. Lammers, dass er, als sie einmal ganz allein hinterm Verkaufstresen stand, am offenen Eingang vorbeistakste – nur um sich selbst zu beweisen, dass er so vernarrt noch gar nicht war. Seit seiner Scheidung hatte ihn keine Frau mehr verwirrt. Wenn nicht besessen, so doch beseelt war er von dem Gedanken, sie lächeln zu sehen. Wochenlang schlief er nicht eher ein, bis dass er einen Dialog entworfen hatte, der witzig genug für sie wäre.
Dann jener Morgen Anfang November. Er hatte gut geschlafen und unter der Dusche beschlossen, es heute zu wagen. Schließlich war er kein Jungspund mehr. Einem Plakat an der Tür zufolge lief die »Aktion Schwabentage«. Eine Schlange hatte sich gebildet. Es duftete nach Kaffee. Brinkmann öffnete seinen Parka. Seine Brille war beschlagen, so dass er sie abnehmen musste und beim Warten in die Zeitung schaute, die er aus dem Ständer gezogen hatte; irgendwas über Hartz IV. Doch er nahm gar nicht wahr, was er las. Er rekapitulierte stumm den Spruch, den er aufsagen wollte. Er litt: Sie bediente allein, die Schlange verlängerte die Frist, sie betrachten zu können – und ausgerechnet dann beschlug seine Brille, ohne dass er ein geeignetes Putztuch dabeigehabt hätte! Schemenhaft schwebte Fr. Lammers zwischen den großen Körben mit den Brötchensorten und der gläsernen Theke voller Zuckerguss und Nougat hin und her. Er sättigte sich an ihrer Stimme.
In gleichbleibender Trübsal rupfte sie der Schlange die nachwachsenden Köpfe ab. Schließlich wurden Brinkmanns Brillengläser wieder durchsichtig; wegen der bleibenden Nebelränder fühlte er sich dennoch tölpelhaft. Doch es kam ohnehin anders.
Der letzte vor ihm war ein Recke in einem grünen Overall, mit schwarzgrauen Schafslocken und klafterbreiten Schultern. Um die Taille trug er einen Gurt mit leeren Karabinerhaken.
»Bitte«, sagte Fr. Lammers.
»Ich hätt’ gern ’n Kaffe to go, schwarz, und –«, er deutete auf einen langen Laib Weißbrot aus Dinkel, »– so ’ne ›Seele mit Käse‹. Und ’n Lächeln.«
Brinkmann verschlug es fast den Atem von der Salve der widersprüchlichen Impulse: Frustration, schlichter Ärger, jungenhafter Wettbewerbsstress, aber auch geschlechtssolidarische Einfühlung, ja ein Hauch Anerkennung … Ohne Stocken, ohne die tiefe Stimme zu erheben, hatte der Kerl das vorgebracht. Von ihm zu sehen bekam Brinkmann nur perückenartigen Hinterkopf und breites Kreuz. Frontal jedoch erlebte er mit, wie Fr. Lammers aufblühte.
Ja, aufblühte. Aufblühte wie eine Rosenblüte in extremem Zeitraffer. Noch verschlossen, hatte sie gestutzt, aber nicht länger als Brinkmann gebraucht, um zu verstehen, was da passierte, und nach anderthalb Wimpernschlägen platzte ihre anmutige Schwermut auf, und mit einem verlegen übertriebenen Ha! entfaltete sie ein Antlitz mit Grübchen, strahlenden kleinen Zähnen und Brauenspiel. Trug sie heute Rouge? Während sie die Kanne aus der Kaffeemaschine nahm und einschenkte, sagte sie mit aufgehellter Stimme: »Stehen Sie hier mal den ganzen Tag, da würde Ihnen das Lachen auch vergehen!«
»Wir können ja tauschen«, sagte der Kerl, freundlich, sportlich.
»Was haben Sie denn zu bieten?«
»Gebäudereinigung.«
»Ach du Schande, nee!« schmetterte Fr. Lammers, glücklich entsetzt, mit der Unverschämtheit ihrer unverhofften Schönheit. »Das machen Sie man selber, da hab’ ich keine Lust zu!« Sie reichte ihm eine Tüte, in der die Seele mit Käse steckte, und strahlte an ihm vorbei, durch den Nebel direkt in Brinkmanns Pupillen.
»Seh’n Sie?« sagte der Kerl und fügte, da sie nichts erwiderte, so schwach wie das Echo eines Echos hinzu: »Seh’n Sie.«
»Vierfuffzig«, sagte Fr. Lammers.
Brinkmanns Bestellung kam fast wie ein Raunzen heraus, doch Fr. Lammers’ Lächeln hielt mit nahezu unverminderter Energie; als sie ihm das Wechselgeld reichte, strahlte sie bereits seinen Nachfolger an. Noch als er von draußen durch die Scheibe hineinblickte in die rot-gelbe Sphäre, bevor er seinen Weg zur U-Bahn fortsetzte, war ihr Lächeln unverändert. Ein paar Schritte hielt er Ausschau nach dem Kerl im grünen Overall, vergeblich. Er hätte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter geklopft oder so.
Das Gefühl der Demütigung und Erleichterung hielt den ganzen Arbeitstag an. Aber es war ihm ja nicht fremd, und was konnte man schon tun? Die Brötchen wieder bei Jensen holen.
Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Frank Schulz: Mehr Liebe. Heikle Geschichten. Galiani-Verlag, Berlin 2010. 292 Seiten, 19,95 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.




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