Jörn Schulz: Was kümmert mich der Dax

Einen Happen nach dem anderen

Was kümmert mich der Dax von Jörn Schulz

»Eine Revolution ist kein Gastmahl«, sagte Mao Zedong. War diese puritanische Ansicht der Grund für Berthold Huber, sich vom Maoismus abzuwenden? Nach Angaben des MLPD-Vorsitzenden Stefan Engel wurde Huber im Jahr 1979 »wegen liquidatorischer Auffassungen« aus dem Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands, der Vorläuferorganisation der MLPD, ausgeschlossen (Jungle World 24/06). Nun ist Huber Vorsitzender der IG Metall, und anlässlich seines 60. Geburtstags wird er von Angela Merkel zu einem Gastmahl ins Kanzleramt eingeladen. Ihm wird somit die gleiche Ehre wie Josef Ackermann zuteil.

Merkel, die wohl bereits vor dem Abweichler Mao gewarnt wurde, als sie noch FDJ-Sekretärin war, folgt eher dem Rat des Konfuzius: »Der Herrscher soll wie der Polarstern sein. Er bleibt an einem Ort, während sich alle Sterne um ihn drehen.« Was unwissende Kritiker als Behäbigkeit oder Führungsschwäche missverstehen, ist in Wahrheit die in Jahrtausenden gereifte Kunst, die kleinen Lichter in der richtigen Umlaufbahn zu halten. Den kleinbürgerlichen Anarchismus eines ungestümen Emporkömmlings wie Guido Westerwelle bedenkt die Regentin daher allenfalls mit mildem Tadel, so erstrahlt ihre eigene Weisheit umso heller. Vor allem aber versteht sie es, zur rechten Zeit jenen Huld zu schenken, die sich verdient gemacht haben, ob nun als Bankier oder als Gewerkschafter.

Es gibt noch immer Ignoranten, die sich über die linke Vergangenheit von Politikern und anderen Würdenträgern ereifern. Doch nur jene, die im Marxismus-Leninismus geschult wurden, im reiferen Alter aber erkannt haben, dass ein Gastmahl gut und nicht schlecht und darum richtig und nicht falsch ist, sind fähig, mit Weitblick zu handeln. Sie sind nicht so naiv zu glauben, dass es im kapitalistischen Geschäft um rationale Entscheidungen geht. Denn die Produktionsweisen kommen und gehen, die Eitelkeit der Mächtigen aber bleibt bestehen. Wer zum Gastmahl ins Kanzleramt eingeladen wird, fühlt sich geschmeichelt. Huber hat nun Zugang gefunden zum engsten Kreis der Regentin. Irgendwann, möglicherweise aber auch nie, wird Merkel ihn um eine kleine Gefälligkeit bitten. Wenn Huber mit stolzgeschwellter Brust das Kanzleramt verlässt, weiß er, wie sehr ihn die Betriebsratsfürsten und andere Gewerkschaftsführer um die Einladung beneiden. Sein eigener Hof erstrahlt in einem helleren Glanz, von Huber zu einem Gastmahl eingeladen zu werden, ist nun eine größere Ehre als zuvor. Wer ihrer teilhaftig wird, den kann Huber irgendwann einmal um eine kleine Gefälligkeit bitten. »Strategisch gesehen, ist die Einnahme einer Mahlzeit kein Problem«, schrieb bereits Mao. »Aber konkret gesehen, schlucken wir einen Happen nach dem anderen.«

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