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Thomas Meinecke, Jörn Schulz, Gregor Mothes, Christian Y. Schmidt, Heiko Werning, Klaus Walter, Markus Ströhlein, Sandra Korn, Magnus Klaue, Regina Stötzel und Rayk Wieland: Zum 80. Geburtstag von Helmut Kohl

Der Mann, der keine Vorspeise versäumte

Das deutsche Phänomen Helmut Kohl feiert am 3. April seinen 80. Geburtstag. Erinnerungen an die besten Jahre des pfälzischen Kolosses

von Thomas Meinecke, Jörn Schulz, Gregor Mothes, Christian Y. Schmidt, Heiko Werning, Klaus Walter, Markus Ströhlein, Sandra Korn, Magnus Klaue, Regina Stötzel und Rayk Wieland

Ein Kind für Helmut

Die Deutschen sterben aus
Die Deutschen sterben aus
Wie schade schade schade schade schade schade schade

Komm, wir machen Liebe
Komm, wir machen Liebe
und schenken dem Kanzler ein Kind
und schenken dem Kanzler ein Kind

Ein Kind
Ein Kind

Ein Kind für Helmut
Ein Kind für Helmut
Ein Kind für Helmut
Ein Kind für Helmut

Helmut Helmut Helmut Helmut
Helmut Helmut Helmut

schade schade schade schade schade schade schade

Thomas Meinecke

(zuerst veröffentlicht 1982 auf dem Album »Stürmer« der Band Freiwillige Selbstkontrolle)

Der Kanzler der Herzen

Es ist das Schicksal vieler bedeutender Männer, dass ihre Größe nicht anerkannt wird. Denn die Geschichtsschreibung ist ungerecht, sie fragt nach siegreichen Feldzügen und anderen vermeintlich großen Taten. Fehlt einem Herrscher der Drang, im Blut seiner Feinde zu waten, versäumt er es, aus seinen Untertanen alles herauszupressen, so nennt man ihn träge. Das widerfuhr auch Helmut Kohl, dem man vorwirft, er habe alle Probleme »aussitzen« wollen.

Es ist ja wahr, Helmut Kohl war gnädig im Umgang mit seinen Feinden. Allenfalls schickte er den einen oder anderen, wie Kurt Biedenkopf, in die Ostzone, damit sie fernab der Zivilisation in Ruhe über ihre Sünden nachdenken konnten. Und ja, es ist wahr, dass man als Sozialhilfeempfänger damals noch zusätzliches Geld etwa für ein Sakko kassieren und mit dem Geld dann in den Urlaub fahren konnte, ohne Hausdurchsuchungen fürchten zu müssen oder von Hass­predigern verfolgt zu werden. Doch sollen wir unseren Helmut dafür schelten? Kann irgendein Zweifel daran bestehen, dass unter seiner erleuchteten Regentschaft das Leben besser, die Bahn pünktlicher, die Landschaft blühender war?

Nein, gerade wir Linken, die wir ihn als »Birne« schmähten, sollten eingedenk unserer damaligen Verblendung voller Scham unsere Häupter senken, in stiller Reue innehalten und dann ausrufen: »Danke, Herr Dr. phil. Helmut Kohl! Danke für die vielen schönen Jahre, in denen Sie ein Bollwerk gegen die Künastisierung und Westerwellisierung waren.«

Wir hätten es besser wissen müssen. Denn bereits in seiner Doktorarbeit, an deren erfrischender Kürze und gedanklicher Klarheit sich heutige Studierende ein Vorbild nehmen sollten, bezeichnete er die Pfälzer als »einen fröhlichen und weltoffenen Menschenschlag, der viel Sinn für gesellschaftliches Zusammenleben und die Freuden der Zeit hat«. Er selbst folgte immer diesem hedonistischen Lebensweg. In einer Zeit, da Politiker entweder das diabolische Grinsen eines erfolgreichen Serienkillers oder die sauertöpfische Miene eines Mönchs mit Verdauungsstörungen zur Schau tragen, erinnern wir uns gern an die fröhliche Gelassenheit Helmut Kohls.

Nie versäumte er es, die Menschen in seiner Umgebung zu bewirten. Als er sich etwa von Albrecht Gehse porträtieren ließ, versäumte er es nicht, zu jeder Sitzung Wein mitzubringen. So erstrahlt in unserer puritanischen Epoche das gute Beispiel Helmut Kohls, des Bezwingers der Nüchternheit, gülden wie ein Riesling in der Mittagssonne. Standhaft widersetzte er sich dem asketischen Leistungswahn und vollbrachte es, sich zugleich als Bundeskanzler, Parteivorsitzender und Bundestagsabgeordneter bezahlen zu lassen, ohne jemals auch nur eine Vorspeise zu versäumen.

Helmut Kohl war ein Ehrenmann. Keine Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz – das war für ihn keine leere Floskel. Als einige Unregelmäßigkeiten in der CDU-Buchführung ruchbar wurden, weigerte er sich, die Namen der Spender zu nennen, mochte man ihn noch so sehr bedrängen. Gewiss, er sagte nicht immer die Wahrheit. Doch die Wahrheit ist wie reiner Alkohol, geschmacklos und in hohen Dosierungen tödlich. Helmut Kohl wusste das, deshalb gelang es ihm, mit klugen Manövern die bereits damals im Hinterhalt lauernden Feinde des Frohsinns zu täuschen. Solange er regierte, mussten sie Frieden halten, und kaum hatten ihre finsteren Intrigen ihn vertrieben, feierten sie ihren Sieg mit einem Krieg.

Im Herzen war Helmut Kohl immer einer von uns, deshalb sollte er auch einen Platz in unseren Herzen haben. Öffnen wir also zu seinem Ehrentag eine Flasche Wein oder auch zwei, gönnen wir uns ein opulentes Mahl, und gedenken wir dieses großen Friedensfreundes, Müßiggängers und Hedonisten.

Jörn Schulz

Die letzte Instanz

Wie wehmütig muss sich manch aufrechter Linker heute an jene Zeit erinnern, in der die Regierung noch einen ernsthaften politischen Gegner darstellte; als die gar nicht so friedliche Konterrevolution von 1989 die DDR wegfegte und die Montagsumzüge in Leipzig schon bald von Springerstiefelträgern angeführt wurden, die sich mit dem Straßenpöbel in einem Meer aus Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot verbrüderten und gemeinsam die Innenstadt von Artfremden säuberten. Aus dem Wendejubel wurde ein großdeutscher Taumel, die Politik wurde auf der Straße gemacht, wo im Feuerschein brennender Asylantenheime die Sektkorken knallten. Helmut Kohl und seine Redenschreiber nutzten die Gunst der Stunde und sorgten mit Parolen wie »Freiheit statt Sozialismus« für den Soundtrack zu jener Zeit.

Ein jähes Ende fand diese Periode mit der Machtübernahme der Regierung Schröder und Fischer, die alsbald die »Berliner Republik« ausrief und dem aufrechten Linken gehörig das Hirn zu waschen begann. Dem verstaubten rechten Zeitgeist wurde der Garaus gemacht, Birkenstocksandalen ersetzten Springerstiefel und die Baseballschläger wurden sämtlich eingezogen. Der aufrechte Linke musste erkennen, dass Daimler und Dosenpfand, Ich-AG und Großmachtstreben, Antifaschismus und Angriffskrieg keine Widersprüche sein müssen. Nach beinahe acht Jahren rot-grüner Regierung war aus dem Deutschland mit der hässlichen Nazi­fratze eine mit Waffengewalt global verteidigte Bioladenkette geworden, die als Führungskraft der EU die Welt mit Windkraftanklagen, Hightechwaffen und Kulturnachhilfe versorgt. Am Wesen der unverkrampften deutschen Kreativquerköpfe durfte die Welt wieder genesen, und sie musste nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen dabei haben.

Nun endlich ist wieder eine schwarz-gelbe Koalition im Amt und ließ so manche Linke Morgenluft wittern. Doch statt als Feindbild zu taugen, stellt dieses neue Kabinett geradezu eine Exposition aller gesellschaftlich geschützten Randgruppen dar: Frauen, Ostler, Rollstuhlfahrer, Einwanderer, Homosexuelle – dagegen war die Regierung Schröder mit ihrem einsamen Straßenkämpfer im Außenministerium geradezu reaktionär. Noch dazu wollen sie Krippenplätze schaffen und das Schonvermögen für Hartz-IV-Bezieher erhöhen. Bleibt dem letzten aufrechten Linken also doch nur Helmut Kohl als letzte Instanz der alten Schule? Doch dieser Mann, der am Ende seiner Laufbahn noch durch Waffengeschäfte mit der Schwarzgeldmafia Schlagzeilen machte, wird in diesem Jahr 80, sitzt im Rollstuhl und ist gezeichnet von Krankheit und Zerfall. Möchte man so ein bemitleidenswertes Geschöpf in seinen Keller sperren, um es zu demütigen, Sklavenarbeiten verrichten zu lassen und mit Dartpfeilen zu bewerfen? Helmut Kohls Rollstuhl steht bereits mit einem Rad im Grab. Und mit ihm stirbt ein Stück Geschichte, nach der sich der letzte aufrechte Linke noch so manches Mal zurücksehnen wird.

Gregor Mothes

Der Duftkanzler

In der wirklichen Welt habe ich ihn nur ein einziges Mal gesehen. Wenn ich mich recht erinnere, war es auf der Frankfurter Buchmesse 1990. Da rauschte Kohl mit großem Gefolge am Stand der Titanic vorbei. Wie ein kolossaler Leuchtturm ragte er aus seiner ganzen Entourage heraus. Ich sah ihn nur für wenige Sekunden. Im Nachhinein bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob ich ihn mir nicht doch nur eingebildet habe. So geht es mir bei den meisten Mediengestalten. Wenn sie sich plötzlich vor mir materialisieren, glaube ich im ersten Augenblick, dass ich eine Halluzination habe. Und später erinnere ich mich dann nur noch an dieses Schemen. Kohl war ja auch eine höchst unwirkliche Gestalt. Vielen schien es unmöglich, dass dieser Mann ein Land regierte. Trotzdem war es wahrscheinlich so.

Der Zeichner Rudi Hurzlmeier ist wohl von allen Menschen, die ich kenne, derjenige, der Helmut Kohl am nächsten kam. Als ich den Zeichner vor etlichen Jahren in München besuchte, stand er noch ganz unter Schock: »Du, ich habe gerade bei einem Empfang eine halbe Stunde neben ihm gestanden. Und ich muss dir sagen: Er riecht unwahrscheinlich gut.« Das leuchtete mir sofort ein. Wahrscheinlich wird Kohl nach einem teuren Rasierwasser gerochen haben, mit einem Schuss Moschus. Und die Transpiration der riesigen Hautoberfläche, die Kohl sein eigen nennt, verstärkte den Duft zu einer großen warmen Wolke. Wenn heute von Kohl die Rede ist, muss ich unwillkürlich an diese Duftwolke denken. Helmut Kohl – das ist ein Geruch.

Sonst ist nicht viel aus seiner Ära bei mir hängengeblieben. Sicher: Dunkel erinnert man die Spenden. Natürlich war Kohls Regime korrupt. Aber welche Regierung ist das nicht? Auch dass er für das Verbrechen der deutschen Einheit mitverantwortlich ist, habe ich schon fast wieder vergessen. Und sonst? Die einzige Formulierung, die er geprägt und die ich behalten habe, ist die von Deutschland als »kollektivem Freizeitpark«. Aus China kommend, erwische ich mich manchmal dabei, dass ich denke, das sei gar nicht so falsch. In meiner zweiten Heimat sieht Arbeit eben doch etwas dramatischer aus. Und dann fallen mir nur noch die ein, die 1998 jünger waren und in ihrem bewussten Leben keinen anderen Kanzler als Kohl kennen gelernt hatten. Sie erhofften sich von der neuen rot-grünen Koalition wahre Wunderdinge. Ich prophezeite ihnen, dass jetzt alles noch viel schlimmer werden würde, und berichtete von der Schreckenszeit unter dem heute als Wunderkanzler angebeteten Helmut Schmidt. Vielleicht war das der falsche Ansatz. Vielleicht hätte ich davon erzählen sollen, dass Kohl duftet, Gerhard Schröder aber ziemlich sicher nicht. Nun gut: Als ich zwei Jahre später schrieb, »Schröders Augen stinken nach Kotze«, fand ich dafür sehr viel Beifall. Aber das war im Nachhinein und zählt nicht.

Die »Duftende Konkubine« war eine uigurische Frau aus dem Harem des großen chinesischen Kaisers Qianlong. In China ist sie bis heute eine Legende, die jedes Schulkind kennt. Schön wäre es, wenn Helmut Kohl dereinst als Duftkanzler in die Geschichte einginge. So würden sich auch die Schulkinder im Jahr 2210 noch ganz leicht an ihn erinnern können. An Gerhard Schröder aber erinnern sie sich nicht.

Christian Y. Schmidt

Das Gesicht auf dem Bildschirm

Mein Freund Bernhard stammte aus einem stramm konservativen Haus, wie eigentlich alle Jugendlichen in Münster-Hiltrup. Als 1982 die sozialliberale Koalition zerbrach, standen wir am Anfang der Pubertät. Unser politisches Bewusstsein war noch äußerst begrenzt und beschränkte sich im Wesentlichen darauf, dass wir CDU waren, weil unsere Eltern auch CDU waren. Deshalb – und noch heute bin ich etwas fassungslos, bei so etwas mitgemacht zu haben – rief Bernhard anlässlich des konstruktiven Misstrauensvotums eine Party bei sich aus, denn es galt zu feiern, dass jetzt bald alles gut werde im Land. So sahen wir nachmittags im Fernsehen, wie Helmut Schmidt aufrechten Ganges auf Helmut Kohl zuging, ihm die Hand gab und zur Wahl zum Bundeskanzler gratulierte. Wir stießen mit unseren Fanta-Gläsern an, während Bernhards Mutter zur Feier des Tages ein Tablett mit Negerküssen – die hießen da noch so – ins Zimmer brachte. Ein rauschendes Fest also. So rauschend, das die Hemmschwellen allmählich fielen. In Wirklichkeit, das brachte das Alter mit sich, waren doch letztlich erheblich interessanter als die Helmuts im Fernsehen die Mädchen davor, die wir seit kurzem nicht mehr blöd fanden, sondern deren Gesellschaft plötzlich sehr cool war. Was soll ich lang reden: An jenem Nachmittag geschah es. Es fing unschuldig an, mit einem Negerkuss, der Zuckerschaum an den Lippen von Martina, ihr albernes Kichern, das vorsichtige Streichen mit dem Finger über ihre Lippen, das Ablecken, das scherzhafte »jetzt schmier’ ich dir auch den Mund ein«. Schließlich küssten wir uns. Mit Zunge. Zum ersten Mal. Mit Negerkussschaum auf den Geschmacksknospen und Helmut Kohl auf dem Bildschirm, der etwas von einer »geistig-moralischen Wende« faselte. Womit er in meinem Fall eindeutig Recht hatte: Fortan dachte ich häufig an Martina und Negerküsse, und mein winziges Glied richtete sich aufgeregt dazu auf und machte gute Gefühle.

Ich sah sie erst ein halbes Jahr später wieder. Kohl hatte die Sache mit der uneigentlichen Vertrauensfrage durchgezogen, es standen Neuwahlen an. Erneut lud Bernhard zur Feier, diesmal am Abend, damit wir beim historischen Machtwechsel live dabei sein könnten. Aber Helmut Kohl interessierte mich einen Dreck. Martina war da, und es gab Negerküsse! Prickelnde Erotik lag also in der Luft, denn meine erste gemeinsame Nacht mit Martina stand bevor – ich würde erst um neun abgeholt werden. Schließlich zog sie mich unauffällig in den benachbarten Spielkeller. Wir verkrochen uns hinter einigen Kisten mit Playmobil, die schon lange niemand mehr ausgepackt hatte, und hier, ganz ungestört, knutschten wir weiter. Und weiter. Und weiter. Es kam zum Äußersten. Sie wühlte ein bisschen in meiner Hose herum, dann legte sie, sorgfältig wie ein Chirurg bei der Operation, meine kleine Erektion frei. Und sah mich überrascht an. Und lachte laut auf. »Da ist ja noch gar nichts!«, kicherte sie, »du hast ja noch nicht mal Haare!« Auf der Stelle verlagerte sich mein gesamtes Blut in den Kopf, für den Unterleib waren da leider keine Kapazitäten mehr frei. Das kleine Stängelchen schrumpelte in sich zusammen, da half auch nicht, dass ich protestierend darauf hinwies, dass da sehr wohl schon Haare seien: »Hier! Guck doch!«, und ich zog das T-Shirt ein bisschen höher, damit sie freie Sicht hatte auf den zarten, zu allem Überfluss auch noch hellblonden Flaum, auf den ich so stolz gewesen war, aber sie schüttelte nur mit dem Kopf und zog das gnädig verbergende Schlüpfergummi wieder nach oben. Dann gingen wir zurück zu den anderen. Um überhaupt irgendwo hinschauen zu können, guckte ich konzentriert und stier auf den Fernseher und sah direkt in das feiste Gesicht von Helmut Kohl, der sehr glücklich und zufrieden wirkte, ich konnte den Blick nicht davon lassen, bloß nicht zu den anderen schauen, bloß niemandem ins Gesicht gucken, erst recht nicht Martina, und so starrte ich auf Kohl und hing an jeder Bewegung in seinem Gesicht, und dieses Bild brannte sich für immer unauslöschlich in mein Gedächtnis, und der Anblick des Kanzlers sollte bei mir noch Jahre wie ein Schlag in die Magengrube wirken. Da war die weitere politische Sozialisation eigentlich kein Wunder mehr. Und noch heute habe ich ein gestörtes Verhältnis zu Negerküssen, weshalb ich ihre Umbenennung sehr begrüße.

Heiko Werning

Ein Mann wie ich und du

Sigmar Gabriel schlägt seine Frau? Angela Merkel schlägt ihren Mann? Guido Westerwelle schlägt seinen Mann? Nein, da wird kein Song draus. Zu abwegig.

Hannelores Tag ist grau,
denn Helmut Kohl schlägt seine Frau

Als Die Ärzte Mitte der Achtziger diesen Song veröffentlichen, sind wir noch in der alten Bonner Republik. Helmut Kohl ist seit ein paar Jahren Regierungschef. Niemand kann sich vorstellen, dass er das bis 1998 bleiben und als Kanzler des wiedervereinigten Deutschland in die Geschichte eingehen wird.

Helmut Kohl schlägt seine Frau
Es macht die Runde in der Koalition
Selbst Rita Süßmuth weiß es schon

Von der jungen Hannelore Kohl ist der Satz überliefert, sie habe vom Hund gelernt, wie man sich freut. Wie man sich auch nach vielen Stunden des Wartens noch freut, wenn Herrchen nach Hause kommt. Hannelore Kohl hat die Wirkung dieser Aussage wohl unterschätzt, der Satz ist ihr um die Ohren geflogen. Danach hat sie öffentlich nie mehr so unkontrolliert gesprochen.

Er ist ein Mann wie ich und du,
und Helmut Kohl schlägt wieder zu

Am 5. Juli 2001 nimmt Hannelore Kohl eine Überdosis Tabletten. Die Frau des Vereinigungskanzlers bringt sich um. Es wird bekannt, dass sie unter einer Lichtallergie litt. Tagsüber geschlossene Rollläden, ins Freie nur nach Sonnenuntergang. Nach Angaben ihres Mannes litt sie an unerträglichen Schmerzen. Eine Behandlungsmöglichkeit gab es nicht, so Helmut Kohl. Die Möglichkeit, dass die Krankheit psychische Ursachen hat, die Möglichkeit, dass die Krankheit damit zu tun haben könnte, dass Hannelore Kohl das Warten und Sich-Freuen vom Hund gelernt hat? Undenkbar. Er ist ein Mann wie ich und du, der kurz vor dem Untergang noch als Luftwaffenhelfer eingezogen wird, da ist er fünfzehn. Der ältere Bruder ist im Krieg gefallen. Er ist ein Mann wie ich und du. Eine Allergie ist keine Krankheit, höchstens eine Frauenkrankheit. Migräne, Menstruation. Privatsache. Tabu. Wie Tabus politisch (re)installiert werden, das zeigen die Reaktionen auf eine Äußerung von Wolfgang Thierse im Herbst 2007. Dessen Parteifreund Franz Müntefering war gerade von seinen Ämtern zurückgetreten, um seine krebskranke Frau zu unterstützen. Thierse vergleicht: »Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal.« Das öffentliche Echo ist eindeutig. Skandalöse Einmischung in die Privatsphäre! Dass Frau Kohls Selbstmord mit dem Gefühl der Vernachlässigung durch den abwesenden Gatten zu tun haben könnte, diesen Gedanken durfte man noch denken. Aber nicht mehr aussprechen. An den alten Ärzte-Song hat auch niemand erinnert. »Helmut Kohl schlägt seine Frau.« Hätte der Song so funktioniert, wenn Kohl nicht einen Typ Mann repräsentierte, dem man so etwas zutraut? Er ist ein Mann wie ich und du.

Klaus Walter

Helmut – Ja!

Im Jahr 1983 veröffentlichte die Band Inferno eine Platte namens »Tod und Wahnsinn«. Wie es im Genre Hardcore-Punk üblich ist, rumpelt und scheppert es auf dem Album ganz gehörig. Einer der polternden Songs auf der Platte heißt – entlehnt von einer Titelzeile und Karikatur der Zeitschrift Titanic – »Birne muss Kanzler bleiben«. Aus heutiger Sicht kann man sagen: Diese Forderung hat Helmut Kohl eindeutig erfüllt.

Der Song »Birne muss Kanzler bleiben« dauert eine Minute und 37 Sekunden. Das entspricht 0,00001922406139015728 Prozent der Amtszeit des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Wer sich einen Eindruck von den Möglichkeiten des Aufbegehrens in den Jahren von 1982 bis 1998 machen will, sollte sich einfach diese Prozentzahl vergegenwärtigen. Oder besser noch: sie ganz laut vorlesen. Wer die Zeit erlebt hat, kann sich schaudernd erinnern: Der Aushilfskanzler Helmut Kohl wurde zum Dauerkanzler und entfaltete eine unerschütterliche, nicht enden wollende Herrschaft des Schreckens, die ihren Höhepunkt in einer der größten Widerlichkeiten der jüngsten Geschichte fand: der sogenannten Wiedervereinigung. Wer während Kohls Amtszeit Entsetzen und Abscheu empfand, konnte den ungeheuerlichen Vorgängen dennoch nur zusehen. Widerstand? Zwecklos. Rebellion? Aussichtslos. Unausweichlich folgte Legislaturperiode auf Legislaturperiode. Die Wiederkehr des Immergleichen war Kohls Terrorinstrument, das er einsetzte wie kein Zweiter. Was Dissidenten blieb, waren: Pessimismus, Zynismus, Alkohol.

Die Musiker von Inferno müssen schon 1983 eine gewisse Vorahnung gehabt haben, welche Ausmaße Kohls Regentschaft annehmen würde, denn sie verbreiteten in dem Lied »Birne muss Kanzler bleiben« keine große, politische Botschaft, sondern legten einen durch und ­durch zynischen Treueeid ab: »Ein neuer Kanzler seit kurzer Zeit. Wir sind für ihn bereit. Birne muss Kanzler bleiben, damit wir sterben können.« In das in dem Stück laut vorgetragene »Helmut – Ja!« kann man nun anlässlich des Geburtstags von Helmut Kohl wieder einmal einstimmen – und das wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. Wenn Kohl es mit der Lebens- wie mit der Amtszeit hält, wird er weitere Jubiläen begehen können. Mögen manche ehemalige Regierungsoberhäupter den Titel des »Altkanzlers« führen – Helmut Kohl ist der ewige Kanzler. Da wird es womöglich selbst der Tod schwer haben.

Markus Ströhlein

Schnapszungenkussflaschendrehen

An dem Tag, als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde, war ich das erste Mal zu einem Geburtstag eingeladen, nämlich dem von Andi L., wo weder Schokoladen-Wettessen veranstaltet noch Wer-bin-ich gespielt wurde, wo es keine Waffeln und keinen Kartoffelsalat gab. Stattdessen gab es: Cola, Weinbrand der Sorte Maria­cron und Hachenburger Flaschenbier, im regionalen Vokabular »Habu-Flabi« genannt. Und: Es war meine individuelle Coming-of-age-Geburtstagsparty, obwohl ich mit meiner Mutter – obgleich ich ihr einen Suizid androhte – nur ein Bleiben bis 22 Uhr aushandeln konnte. »Ich hol’ dich um zehn Uhr ab, und dann kannst du dich in deinem Zimmer aufhängen, wenn dir danach ist«, beendete sie erbarmungslos die Verhandlungen, während sie mich zu der Party fuhr (ich musste meine Jugend auf einem Dorf verbringen, wo man ohne Führerschein nicht mal einen Strick besorgen konnte, um sich aufzuhängen) und bevor wieder das eisige Schweigen einsetzte, das unsere Beziehung in dieser Zeit über weite Strecken prägte.

Grußlos stieg ich also aus dem Auto, knallte die Tür zu und lief die Auffahrt zum Hof von Andis Eltern hoch. Ich tröstete mich mit der Feststellung, dass es ja schon ziemlich verwegen sei, wenn ein Geburtstag um 18 Uhr anfängt und nicht endet. Während die Party in der umgebauten Scheune der Familie L. begann, wurden im Fernsehen die ersten Hochrechnungen übertragen. Meine Meinung zum drohenden Wahlsieg von Helmut Kohl stand bereits felsenfest, ich hatte sie von meinem Cousin aus Köln übernommen, meinem größten Idol. Er war ein Jahr älter als ich und viel cooler als meine klei­nen Schwestern, die noch mit Stützrädern Fahrrad fuhren und sich morgens von meiner Mutter im Gesicht eincremen ließen, bis sie speckig glänzten. »Charly«, der Vater meines Cousins, war Betriebsrat bei Ford und hatte meinem Cousin einen Aufkleber mitgebracht, der seither an dessen Zimmertür prangte und auf dem Franz Josef Strauß abgebildet war, der aus einer Mülltonne schaute und mit einem roten Balken durchgestrichen war, so wie auf einem Parkverbotsschild. Meine Mutter fand das unmöglich, denn sie kommt aus Bayern, und damals hing noch in den Schlafzimmern über den Betten ein Foto vom Papst neben einem von F.J. Strauß. Mein Cousin hatte mich jedenfalls darüber aufgeklärt, dass die CDU und die CSU der gleiche »rechte Müll« seien, was ich umgehend auch fand, allein schon deshalb, weil meine Mutter sich dann darüber aufregte.

Um es kurz zu machen: Während im Wohnzimmer der Familie L. die Hochrechnungen liefen, hörten wir in der Scheune »Highway to hell« von AC/DC und spielten »Schnapszungenkussflaschendrehen«, eine spezielle Variante des Kindergeburtstagsflaschendrehens. Dabei saß man im Kreis und drehte eine auf dem Boden liegende leere Flasche, und der, auf den sie am Ende zeigte, wenn sie sich nicht mehr bewegte, durfte einen Mariacron nehmen und sich jemanden für einen Zungenkuss aussuchen. Mit anderen Worten: An dem Tag, als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde, machte ich zwei, wie ich fand, lebenswichtige Basiserfahrungen auf einmal: den Vollrausch und den Zungenkuss. Das Erste fand ich wiederholenswert, das Zweite wird definitiv überschätzt. Aber das mochte auch an Alf L., dem Bruder von Andi L., gelegen haben. Insgesamt war ich jedoch sehr zufrieden mit mir, ungefähr so wie an dem Tag, als ich meine Stützräder vom Fahrrad abschraubte.

Sandra Korn

Der Aussitzer

Wer den Transformationen deutscher Ideologie nachspüren möchte, ist gut beraten, sich mit einer bislang selten gewürdigten Massenerscheinung der achtziger Jahre zu beschäftigen: dem Hass auf Helmut Kohl. Der Mann, der unter Berufslinken bis heute als reinste Verkörperung deutschen Spießertums gilt, war in der Zeit seiner Regentschaft nicht nur der ebenso machtbewusste wie tumbe Patriarch, in dessen Gestik sich die »Unbeweglichkeit« der alten Bundes­republik zu kristallisieren schien, sondern vor allem ein Hanswurst der Nation und Auslöser einer Kabarettistenplage, deren Nachfolger heute in diversen Comedyshows umso fröhlicher regredieren, je schmerzlicher sie ihren einstigen Popanz entbehren. Gemessen an der Dummheit, die ihn auslachte, war seine eigene Dummheit kaum der Rede wert. Heute vollends treten an Helmut Kohl jene Züge ins Bewusstsein, in denen auf verquere Weise Elemente einer Humanität aufbewahrt blieben, die in der Ära Schröder als anachronistisch und sentimental im völkischen Orkus entsorgt worden ist. Von Beginn an zielte die Lachoffensive, die vom »Scheibenwischer« und anderen populistischen Durchblick-Agenturen gegen Kohl entfesselt wurde, nicht auf Erkenntnis, sondern auf Verhöhnung dieser Humanität. Mit dem Scharfblick der Skrupellosen haben Hildebrandt & Co. in Kohl früh das geeignete Hassobjekt zwecks Modernisierung deutschen Ressentiments ausgemacht: den Vertreter einer trägen, an materieller Übersättigung leidenden Nation, deren Alltag in einem Handstreich umgekrempelt werden müsse, wenn sie »fit für die Zukunft« werden wolle. Diesen Job hat Gerhard Schröder, der Sportsmann und »Autokanzler«, vorbildlich erledigt. Vorgearbeitet aber haben ihm die Chargen der Kulturindustrie, die Richlings, Roglers, Jonases und ihre unappetitlichen Anverwandten, die während Schröders Regierungszeit merklich ratlos waren und erst seit Merkels Machtantritt wieder aufatmen, weil sie über nichts anderes lachen können als über Männer mit Bauch und Frauen mit Diplom. Deshalb kriegen sie sich kaum ein angesichts eines Kanzlers, dem man sein Vergnügen an guter Küche schon von weitem ansieht. Deshalb machen sie den »Aussitzer« verächtlich, der Probleme im Namen des eigenen Wohlergehens beiseite schiebt, statt sie im Hürdenlauf zu bewältigen. Deswegen entgeht ihrem reduzierten Sprachverständnis kein einziger Lapsus und keine Peinlichkeit des Mannes, der noch als Staatsmann immer Pfälzer geblieben ist. Nicht gegen diesen Provinzialismus richtete sich der Spott der Kohl-Imitatoren, sondern gegen Kohls Unfähigkeit, die wie auch immer verhunzten Reste biographischer Individualität, wie sie sich im Idiom niederschlagen, zugunsten jenes eloquenten Sprechautomatentums zu tilgen, das längst zur Norm geworden ist. Darum wirken all die Kohl-Witze und Kohl-Karikaturen heute so viel abstoßender als das Objekt, dem sie galten, während die Haltung, die an ihm verachtet wurde, fast schon erstrebenswert erscheint. »Aussitzen statt anpacken« wäre jedenfalls nicht die schlechteste Maxime im Kampf gegen die »aktivierten Staatsbürger« der Berliner Republik.

Magnus Klaue

Bääähh!

Ein Historiker mit dem Forschungsprojekt »Die ›geistig-moralische Wende‹ im Spiegel der bundesrepublikanischen Jugend« wäre angesichts der Quellenlage begeistert. Die Fülle an Dokumenten in meinem Privatarchiv ist beeindruckend und die Authentizität der Schriftstücke gesichert. Exakt zum Jahr 1982 beginnen die umfangreichen Aufzeichnungen, die sich in meiner Schublade befinden. Es dürfte also ein Leichtes sein nachzuweisen, dass die Ära Kohl irreparable Schäden in meinem Leben hinterlassen hat, wie bei jedem jungen Menschen dieser unglücklichen Generation.

Die Suche nach Reaktionen auf die einschneidenden Ereignisse jener Zeit ergibt Folgendes: Zur Zeit des konstruktiven Misstrauensvotums (1. Oktober 1982), mit dem Helmut Kohl zum Bundeskanzler gewählt wird, ist die Verfasserin offenbar verliebt, wie sich aus früheren und späteren Einträgen schließen lässt, aber schreibfaul. Das Stellen der Vertrauensfrage am 17. Dezember kollidiert thematisch mit einer ereignisreichen Mittelstufenparty inklusive eines Klassenwettbewerbs, bei dem die Verfasserin nicht nur den Sieg beim Stadt-Land-Fluss-Spiel davonträgt, sondern gleichzeitig den ihrer Klasse in der Gesamtwertung sichert. Da müssen die politischen Begebenheiten zurückstehen.

Aber hier: Obwohl sich die Verfasserin einen Tag zuvor bei einer Turnhallendisco außerordentlich verliebt hat, findet sich am 6. März 1983 am oberen Rand der Aufzeichnungen der Kommentar: »Wahl – bääähh!!!«, darunter heißt es: »CDU hat gewonnen«, ein Pfeil zeigt auf das Wort »bääähh«. Die nahezu identische Äußerung »bääh!!!« findet sich übrigens an anderer Stelle in Kombination mit »Franzearbeit«. Da ist der deutliche Beweis, was Kohl angerichtet hat! Doch halt: »’82 und ’83 waren echt Superjahre«, steht im Vorwort zum Jahr 1984. Sollte es trotz aller Widrigkeiten möglich gewesen sein, in jener Zeit unbeschwert die Jugend genossen zu haben? Die Wiederwahl 1987 fällt in eine schöpferische Pause der schon beinahe volljährigen Verfasserin, ebenso die Wiedervereinigung und die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl 1990. Ich gebe es auf. Das Forschungsprojekt, das eine detailliertere, sozialpsychologische Auswertung der Quellen und auch das Lesen zwischen den Zeilen beinhalten muss, ist noch zu beantragen.

War womöglich doch alles gar nicht so schlecht? Genau genommen habe ich Kohl sogar etwas zu verdanken. Am 16. Januar 1991, am Abend vor dem absehbaren Beginn der Luft­angriffe auf den Irak, machte der Bundeskanzler in einer Großsporthalle in einem Vorort von Marburg Wahlkampf für die hessische CDU, die wenige Tage später zur Landtagswahl antrat. Ich war empört, ja, geradezu außer mir. Ich gehörte zum studentischen »Pöbel« (O-Ton Kohl) auf der Tribüne, der die geladenen Gäste im Innenraum verhöhnte und die Rede des Kanzlers zu übertönen versuchte. Am Anfang gelang es mir nicht, trotz genauester Anweisungen, dann aber doch, sogar immer besser und schließlich ganz laut: das Pfeifen auf vier Fingern. Und das kann ich bis heute. Wirklich sehr laut.

Regina Stötzel

Bei allen bleibenden Verdiensten

Helmut Kohl ist kein Sternbild. Er ist kein Unterwäsche-Model. Und er ist auch sonst nichts im Sinne eines Joghurtbechers. Dachpfannen heißen anders. Die komplette Elektrizität der gesamten Weltbevölkerung funktioniert ohne sein Zutun. In Streichquartetten sucht man Noten, die von ihm stammen könnten, vergebens. Sein Name bedeutet nichts hinsichtlich eines neuen Seewegs. Ebensowenig ist er ein Begriff aus der Begriffswelt. Geschmack, Farbe, Geruch – da ist nichts. Bei Shakespeare wird er nicht erwähnt. Schüler bestimmen sicher Baum­arten ohne seine Hilfe. Er hat niemals die Tour de France gewonnen (wenn die Statistik zutrifft). Liebestechniken gehen nicht auf ihn zurück. Kein Patent wurde von ihm angemeldet – auf ihn übrigens auch nicht. Er steht nach allem, was man weiß, nicht für Airbrushing, was übersetzt Luftpinsel heißt. Seine Schuhspitzen ragen nicht unter Vorhängen in Edgar-Wallace-Filmen hervor. Kein Tierschutzheim trägt seinen Namen. Zur bulgarischen Gewerkschaftsfrage hat er sich nicht geäußert. Es gibt kein Foto, das ihn in Lederklamotten mit wehenden Fransen unterm Ellenbogen auf einer Harley Davidson zeigt. Auch auf allen Wandteppichen, welche die Stasi für ihr Traditionskabinett in der Magdalenenstraße sammelte, fehlt sein Konterfei. In der Gleitsichtbrillenszene spielt er keine Rolle. Wesentliche Funde aus der Eisenzeit lassen keine Rückschlüsse auf ihn zu. Korbstühle, auf denen er saß, reißt man sich nicht aus den Händen. Er ist kein nennenswerter Faktor bei der jährlichen Zeitumstellung. Die ganze Bandbreite des Internets fehlt in seinem Zusammenhang. Er hat kein eigenes Spezialgebiet. Fußnoten in neueren Arbeiten beispielsweise zum Tinnitus aurium zitieren ihn nicht. Er ist kein Lyriker. Er wird nicht eingewechselt. Das schöne Porzellan, etwa der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ist nicht nach seinen Entwürfen gestaltet. Nicht einmal die Autobahn hat er gebaut. Keine Rosen gezüchtet. Nicht nachhaltig geraucht. Chinesische Wanderarbeiter buchstabieren nicht seinen ­Namen. Die Nachfrage nach Schlüsselsätzen, die ihm zugeschrieben werden, geht gegen Null. Und wenn etwas über ihn gesagt wird, was immer seltener geschieht, wird nichts gesagt.

Rayk Wieland

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