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Lisa Thiele: Janet Afary im Interview über die Frauenbewegung im Iran

»Im Krieg trugen Frauen sogar Waffen«

Janet Afary ist Historikerin für neuere iranische Geschichte und Professorin für Religionswissenschaften und feministische Studien an der Universität Santa Barbara in Kalifornien. Die im Iran geborene Wissenschaftlerin hat mehrere Bücher zu politischen und gesellschaftlichen Themen veröffentlicht. Ihr neuestes Buch »Sexual Politics in Modern Iran« beschäftigt sich unter anderem mit der iranischen Frauenbewegung. Die Jungle World sprach mit ­Janet Afary über ihre Auffassung von Feminismus und die Rolle der Frauen in der Oppositionsbewegung im Iran.

Interview: Lisa Thiele

Sie beschäftigen sich mit der Geschichte der Frauenbewegung im Sie beschäftigen sich mit der Geschichte der Frauenbewegung im Iran. Ab wann kann man eigentlich von einer Bewegung sprechen?

Die Bewegung reicht bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurück, vor allem in die Zeit unmittelbar vor der iranischen Revolution 1979. Damals gab es drei maßgebliche Gruppen von Frauen innerhalb der Bewegung. Zum einen gab es linksorientierte Frauen, die Guerillaorganisationen gründeten. In diesen waren auch Männer organisiert. Sie kämpften für eine egalitäre sozialistische Gesellschaft im Iran. Dann gab es einige Frauen, die sich in islamistischen Gruppierungen organisierten. Viele dieser Frauen waren und sind der Meinung, dass der Islam eine egalitäre Religion ist, die Gleichberechtigung gewährt. Sie versuchten, ihre Ziele auf religiöser Ebene durchzusetzen. Außerdem gab es Frauen, die sich dafür entschieden, mit dem Regime Mohammad Reza Shah Pahlavis zusammenzuarbeiten, um von oben her Reformen durchzusetzen. Das versuchten sie über politische Partizipation zu erreichen. Sie wollten vor allem Neuerungen im Erziehungswesen, im Eherecht und in all den anderen recht­lichen Bereichen, in denen Frauen benachteiligt wurden.

Wie ging es dann nach der »islamischen Revolution« mit der Frauenbewegung weiter?

Während des iranisch-irakischen Kriegs 1980 bis 1988 gab es nochmal einen Ruck. Frauen hatten Macht auf den Straßen, sie waren mit Waffen ausgerüstet und sorgten für den Unterhalt der Familie. Das stellte natürlich das ursprüngliche Konstrukt des Vaters als Ernährer in Frage. Frauen wurden sogar für den Einsatz an vorderster Front ausgebildet. Sie zogen als Krankenschwestern an der Seite der Männer in den Krieg. Einige Frauen, die hinter der Front tätig waren, auch Frauen aus religiösen Familien, erhielten Waffen und wurden sogar für ihre Arbeit entlohnt. Sie durften allerdings nicht an der Front kämpfen. Sie waren aber eine wichtige Unterstützung für die Truppen.

In einem Krieg an der Front als Krankenschwester zu dienen und sich um verwundete Männer zu kümmern, dient der Gleichberechtigung? Ist das emanzipatorisch?

Ja, die Frauen waren aktiv, an und hinter der Front. Frauen wurden genauso einbezogen wie Männer. Jeder und jede hatte seinen Teil beizutragen und war somit in das Geschehen aktiv eingebunden.

Dass Frauen »einbezogen werden«, ist Ihrer Ansicht nach aktiver Feminismus?

Ich denke, dass feministisches Verhalten von Land zu Land anders definiert werden muss. Sich offensichtlich zu schminken, die Haare zu frisieren und sich freizügig zu kleiden, das ist im Iran heute schon ein feministischer Akt. Mousavi und seine Ehefrau Zahra Rahnaward haben beispielsweise in der Öffentlichkeit Händchen gehalten. Aber auch, sich überhaupt mit Männern zu treffen, also nicht geheim, würde ich als feministischen Lebensstil bezeichnen.

Hat sich der Status der Frauen in der iranischen Gesellschaft verändert?

Zum Valentinstag beispielsweise haben viele Männer ihren Partnerinnen Geschenke und Karten gekauft. Das heißt, sie wollten ihren Frauen eine kleine Freude bereiten. Alle waren ganz aufgeregt wegen dieses Tages. Dass Pärchen glücklich zusammen sind und sich das auch gegenseitig zeigen, war in früheren Generationen eher selten der Fall.

Wie entwickelt sich zur Zeit die feministische Bewegung im Iran?

Im Vergleich zu früher haben sich die Forderungen verändert. Das bringt die Geschichte so mit sich. Die ältere Generation ist sehr religiös. Auch wenn sich die Einstellung der älteren Generation ein wenig verändert hat, weil inzwischen sogar einige Töchter finanziell die Familie unterstützen, sind viele junge Frauen sehr unzufrieden. Sie wünschen sich mehr Rechte innerhalb der Ehe. Sie wollen, dass das Procedere der Scheidung für Frauen erleichtert wird. Viele Ehefrauen gehen einem Beruf nach. Die ältere Generation sieht das gar nicht gerne, weil sich damit alte Gewohnheiten und patriarchale Strukturen verschieben.

Wie würden Sie die Rolle der Frauen in der aktuellen Oppositionsbewegung beschreiben?

Schon während des Präsidentschaftswahlkampfs zwischen Mahmoud Ahmadinejad und Mir Hussein Mousavi war zu sehen, dass die Rechte der Frauen ein großes Thema waren. Auch war es wichtig, dass nicht nur Mousavi von Frauenrechten redet, sondern auch eine Frau, und zwar Zahra Rahnaward, seine Ehefrau. Sie spielt eine große Rolle in der Oppositionsbewegung, der »Grünen Bewegung«. Ich bewundere sie sehr, sie ist Mutter von drei sehr gebildeten Töchtern. Sie ist eine mutige Frau. Früher habe ich, wie meinen Veröffentlichungen zu entnehmen ist, noch anders über sie gedacht.

Gibt es denn Forschritte für die Frauen im Iran? Was hat etwa die Kampagne »Eine Million Unterschriften für Frauenrechte« im Iran bewirken können?

Diese Kampagne wurde sowohl von Frauen als auch von Männern ins Leben berufen. Das Ziel war es, eine Million Unterschriften für die Verbesserung der Rechte der Frauen im Iran zu sammeln. Aber vor allem war das Ziel, gerade in abgelegenen Orten auf die Unterdrückung und die Ungerechtigkeiten, die Frauen täglich widerfahren, aufmerksam zu machen. Eine ähnliche Kampagne gab es übrigens vor zehn Jahren in Marokko.

Wie damals wurden auch jetzt im Iran sehr viele Gespräche geführt. Die Helferinnen und Helfer gingen von Haustür zu Haustür und sprachen mit den Menschen. Auch Friseure blieben vor den aufklärenden Gesprächen nicht verschont. Das Thema war die rechtliche Ungleichbehandlung von Frauen in sämtlichen Lebens­bereichen. Es ist Frauen bis heute untersagt, ein höheres politisches Amt als das einer Stadträtin oder einer Parlamentarierin zu bekleiden. Und im Zivil- und Strafrecht werden kriminelle Handlungen gegen Männer weitaus härter geahndet als solche gegen Frauen. Vor Gericht ist die Aussage einer Frau nur halb so viel Wert wie die eines Mannes. Im Eherecht ist es nicht besser. Es ist für Frauen überaus schwierig, die Scheidung einzureichen. Männer können dies nahezu problemlos tun.

Ein positives Ergebnis der Kampagne war natürlich, dass sie viele Menschen in bäuerlichen Regionen erreicht hat. Auch konnten wir neue Mitstreiter und Mitstreiterinnen gewinnen. Die internationale Berichterstattung ist natürlich auch ein gutes Druckmittel.

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