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Martin Reeh: Tom Schimmeck im Gespräch über die Krise des Journalismus

»Bei Journalisten ist die Lust gewachsen, dazu zu gehören«

Von wegen Pluralität: Der Verlust politischer Bezugssysteme, meint Tom Schimmeck, hat der deutschen Publizistik geschadet.

von Martin Reeh

Tom Schimmeck ist Mitbegründer der Taz, Redakteur und Reporter bei Tempo und Spiegel und arbeitet heute als freier Journalist vor allem für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Vor der Bundestagswahl 2005 veröffentlichte er die Reportage »Arsch­loch­alarm« über das sogenannte Alphajournalistenmilieu der Hauptstadtpublizistik, das die Agenda 2010 unterstützte und die »Merkel-Republik« herbeischreibe. Im März erschien sein neues Buch »Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache«.

Wie etabliert muss man als freier Journalist sein, um sich einen Artikel wie »Arschloch­alarm« leisten zu können?

Das hatte ich wirklich aus einem Drang heraus geschrieben. Ich war konsterniert vom Herdentrieb in Mitte. Irgendwann stand ich am Berliner Ostbahnhof, nahm mein Handy, rief bei der Taz an und sagte: Ich brauche zwei Seiten und weiß die Überschrift.

Prügel habe ich dafür kaum bekommen, im Gegenteil. Gleichwohl hat das meinen Abstieg als Printjournalist wohl beschleunigt. Einige Blätter halten seither Funkstille. Das kann auch an der Marktlage liegen. Aber es war schön zu erleben, wie viele Journalisten und Medien-User gesagt haben: Genau so ist es. Ich bekomme heute noch manchmal eine Mail zu dem Text.

Der Artikel hat einen Nerv getroffen …

… ja. Und das macht auch ein bisschen stolz. Aber ökonomisch kann man es sich nicht so richtig erlauben.

Sie haben zwei Ansatzpunkte, um die Krise des Journalismus zu erklären. Das eine sind die Sparmaßnahmen der Verlage, das andere ist die zunehmende Eitelkeit der Journalisten.

Das ist nicht nur Eitelkeit. Mit dem Verlust von politischen Bezugssystemen, der auch im Journalismus spürbar ist, und der zunehmenden Konzentration auf Personen, Events und Tagesereignisse ist bei vielen die Lust gewachsen, dazuzugehören und mitzumischen. 2005 war das ganz deutlich. Gabor Steingart, der damalige Spiegel-Büroleiter in Berlin, sagte mir: Wir sind Mitspieler. Der fand das richtig cool, man sah die Äuglein blitzen.

Sie loben in Ihrem Buch »Am besten nichts Neues« die siebziger und achtziger Jahre als ein goldenes Zeitalter des deutschen Journalismus, weil damals Themen noch heftiger ausgefochten worden seien. Hat man sich damals nicht viel zu sehr aus den parteipolitischen Schützengräben bekämpft, vom roten »Monitor« und dem Spiegel zum schwarzen »ZDF-Magazin« und der FAZ, als dass man als einzelner Journalist eine Meinung äußern konnte, die irgendwo dazwischen lag?

Es gab exzellent befestigte Schützengräben, aber es war auch spannungsreich. Es gab unterschiedliche Vorstellungen über alles und jedes. Und es gab auch innerhalb der Lager Reibungen. Die Sozialdemokratie hat sich unter dem zackigen Helmut Schmidt, der heute ja eher als Kuschel­daddy herumgereicht wird, fast atomisiert.

Es gab das Ringen darum, wer Recht hat – sicher auch darum, wer am weitesten pinkelt, das ist immer mit dabei. Aber das war durchaus produktiv und willensbildend.

Ich hätte eher vermutet, dass Sie die neunziger Jahre als bessere Zeit für den Journalismus bewerten würden. Die Redaktionen wurden ausgebaut, die Schützengräben verlassen und die Neoliberalen waren noch nicht hegemonial …

Ja, aber die Neunziger waren die Zeit, in der der Hedonismus über uns hereinbrach.

Und Hedonismus halten Sie für ein Problem? Immerhin waren Sie selbst beim Zeitgeistmagazin Tempo.

Das war in der Tat ein Abenteuer, es währte exakt ein Jahr. Bei Tempo durfte ich durch die Welt reisen, selten konnte ich so sehr nach dem Bauch Geschichten schreiben. Damals war ich blutjung. Wie die meisten Kollegen. Doch die waren mir fremd, schienen völlig anders drauf. Die wollten sich genießen, was ja schön ist – ich finde Genuss toll – , aber sie wollten wohl nur das. Es war oft so ein selbstverliebtes und weltabgewandtes Suhlen, das hat kritischen Journalismus nicht gerade befördert. Und es klaut einem ja auch Platz. Die »Popper« übernahmen später richtig viele Flächen, auf denen zuvor ernsthafter Journalismus betrieben worden war. Das Magazin der Süddeutschen zum Beispiel. Einen längeren politischen Text werden Sie heute wohl nur noch beim Zeit-Dossier los.

Sie geben sich am Ende Ihres Buches trotz Journalismuskrise recht optimistisch: »Wir Journalisten werden gebraucht. Mehr denn je.« Ist das mehr als Pfeifen im Walde?

Sicher ist da auch der Wunsch Papa des Gedankens. Aber wir erleben in Europa doch von Norwegen bis Italien, von Ungarn bis in die Niederlande das Anwachsen eines anti-aufklärerischen Populismus. Dagegen hilft nur eine funktionierende Öffentlichkeit.

Helmut Thoma, der frühere RTL-Chef, hat vor wenigen Tagen verkündet, dass er den öffentlich-rechtlichen Rundfunk genauso absterben sieht wie die Zeitungen.

Das möchte Herr Thoma gerne. Ich bin mir ganz sicher, dass das nicht passieren wird. Ja, auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat etwa im Vorfeld der Finanzkrise versagt. Aber er ist auf vielen Feldern der wichtigste Garant dafür, dass ein halbwegs anständiger und auch halbwegs anständig bezahlter Journalismus überlebt. Im Kontrast etwa zum Totalausfall des Privat-TV. Das findet journalistisch ja gar nicht mehr statt.

Die Sparmaßnahmen der Zeitungen und Rundfunkanstalten treffen vor allem den Reportage- und Recherchejournalismus, der viel Geld kostet. Andere Medien können die Lücke nicht recht füllen. Der linke Journalismus im weitesten Sinne begnügt sich gerne mit Meinungsjournalismus, bewertet also die von anderen recherchierten Fakten.

Das stimmt für die Taz zum Beispiel nicht.

Aber für den Freitag, der seit Jakob Augsteins Antritt seine Schwäche als Stärke zu verkaufen versucht und sich jetzt als »das Meinungsmedium« bewirbt.

Was ja ähnlich auch der Internetjournalismus macht. Ich bin ein großer Fan des Internets und auch kein Bloggerhasser. Aber dort ist fast alles Recycling. Wenn Sie sich anschauen, was im Internet genuin Neues produziert wird, dann ist das bescheiden. Sicher, das Internet kommuniziert eine wunderbare Vielfalt von Infos. Leute organisieren online eine Demo in Teheran. Aber es kostet einfach richtig Geld, sich irgendwohin zu begeben und genauer hinzuschauen, mit vielen Leuten zu reden und Zusammenhänge zu begreifen. Und das wird immer so bleiben.

Heißt das: Journalisten sind letztlich darauf angewiesen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk und einige große Zeitungen das Geld für Recherchen bereitstellen – und wenn dort die Controller übernehmen, gibt es ein Problem?

Das ist ja überall sichtbar. Ich zaubere seit Jahren, um Reisen bezahlen zu können. Eine Recherchefahrt in die USA habe ich aus sechs Quellen finanziert. Dann schreibt man hier noch was, macht da eine Sendung. Es geht immer irgendwie, aber man muss richtig basteln. Doch wenn ich sagen würde: Okay, ich bin Journalist, aber leider kann ich mir die Bahnfahrkarte nicht mehr leisten, also bleibe ich zu Hause, surfe und gebe meinen Senf dazu, dann würde ich mich ein bisschen armselig fühlen.

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