Sebastian Blank: Prosa aus »Leben gefährdet die Gesundheit«

Einsame Menschen

Szenen aus der deutschen Lebenswelt

von Sebastian Blank

Alltag mit 84 Jahren

Der Wecker klingelt um 8.30 Uhr. Jeden Tag. Maria Fischer öffnet das Fenster in ihrem Schlafzimmer und stellt den Alarm auf 8.40 Uhr. Bis dahin wird der Raum durchgelüftet und die tägliche Morgengymnastik im Bett absolviert. Maria Fischer lebt seit über dreißig Jahren allein in einer Einzimmerwohnung am Rotkreuzplatz in München.

Die Wohnung war eine Notlösung. Ihr Mann war gestorben, und die Miete für das gemeinsame Haus in der Lerchenau konnte sie ohne ihn nicht mehr aufbringen. Ihr Sohn Peter lebte bereits außer Haus.

Wir treffen uns immer dienstags in ihrer Wohnung. Vor meiner Kamera hat sie Angst. Nur an einem einzigen Tag darf ich sie in ihrer Wohnung fotografieren.

Montags geht Maria bei Penny und Kaufhof einkaufen. Immer montags. Über die Jahre hat sich ihr Alltag zu einem klar strukturierten Gebilde von sich immer wiederholenden Ereignissen und Ritualen entwickelt, das als solches von ihr selbst gar nicht mehr wahrgenommen wird. Ich erinnere mich an eine soziologische Studie, in der die täglichen Aktivitäten von Arbeitslosen in einem Dorf namens Marienthal verglichen wurden. Dieser Untersuchung entsprechend erstelle ich für Maria eine Tabelle, auf der sie für alle Tageszeiten ihre Aktivitäten eintragen soll. Da sie selbst nur noch schwer schreiben kann, diktiert sie mir alles genau. Bald stellt sich heraus, welche Ereignisse routinemäßig jeden Tag durchgeführt werden:

Nach der Morgengymnastik legt sich Maria wieder ins Bett und bleibt dort noch bis ca. 9.00 Uhr liegen. Dann steht sie auf, um zu frühstücken. Sie dreht dazu das Radio auf, um die Nachrichten zu hören. Nach dem Mittagessen zwischen halb eins und eins legt sie sich wieder ins Bett und schläft eine halbe Stunde. Geht sie nachmittags außer Haus, wird vorher die Wohnung aufgeräumt. Immer räumt sie die Wohnung auf, bevor sie sie verlässt. Pro Woche trinkt Maria drei Flaschen Andechser Helles, eine halbe Flasche pro Tag, nur sonntags nicht. Vor dem Schlafengehen isst sie täglich einen Apfel, eine Banane und eine Orange und trinkt dazu ein Glas Milch, das sie auf der Heizung aufwärmt, bis es lauwarm ist.

Im Bett schließlich liest sie Fortsetzungsromane, meist Familiengeschichten, die in einer wöchentlich erscheinenden Kirchenzeitung abgedruckt sind.

Diese Ereignisse wiederholen sich jeden Tag und geben Marias Leben eine klare Struktur. Für sie ist es nicht von Bedeutung, ob ihr Alltag abwechslungsreich und spannend ist.

»Sie haben doch so viel Zeit«, sage ich, »da ist es doch egal, wann Sie aufstehen, oder?« Sie schüttelt den Kopf. »Einmal habe ich letztes Jahr verschlafen. Da hat nichts mehr gestimmt an dem Tag.« Die täglichen Rituale machen ihr Freude und »geben dem Ganzen einen Sinn«, sagt sie. Jeden Dienstag besucht Maria ein Seniorentreffen, das in einem Kindergarten um die Ecke stattfindet. Immer von 14.00 bis 17.00 Uhr. Kaffee und Tee kosten einen Euro, Kuchen und Gebäck bringen die Senioren selbst mit. Maria hat bei den Treffen eine spezielle Funktion: Neuankömmlinge, alte Männer und Frauen, die oft jahrelang kaum Kontakt zu anderen Menschen hatten, werden in der ersten Woche zur Integration an Marias Tisch gesetzt. Passend dazu ist Marias Reaktion, als ich ihr das Zitat von Genazinos »Abschaffel« vorlese: »Wer Langeweile hat, schließt sich nicht an die Menschen an. Man muss auf die Menschen zugehen.«

Die selbst gesetzten Aufgaben gliedern Marias Tag und bewahren sie davor, sich gehen zu lassen oder in Traurigkeit zu verfallen. Jeden Freitag, 11.13 Uhr, steigt sie an der Donnersbergerbrücke in die S-Bahn, um ihre beste Freundin Olga in Starnberg zu besuchen. Ich begleite sie. Maria bringt Kuchen mit und liest Olga aus der Zeitung vor. Olga kann nicht mehr allein aus dem Haus und verbringt fast den ganzen Tag vor dem Fernseher. Man merkt ihr an, wie sehr sie sich auf die wöchentlichen Treffen mit Maria freut. Neben den Betreuern vom Altenservice ist Maria für sie die einzige signifikante Person in ihrem Umfeld.

Wenn Maria an ihren ereignisreichen Tagen zur Ruhe kommt, wird sie nach einer Weile sehr still. Sie denkt an ihren Mann, erklärt sie. Man versteht jetzt viel besser, warum jeder Tag von ihr im Voraus genauestens durchgeplant wird. Sie mag lange Pausen nicht, will nicht in Nachdenklichkeit verfallen, die sie nur an die Vergangenheit, an ihren Mann zurückdenken lässt. Schnell findet sie dann wieder eine neue Beschäftigung, räumt oft stundenlang auf, liest, schaut fern, besucht Nachbarn oder telefoniert mit ihrem Sohn. Ihre Wohnung ist detailverliebt und sauber eingerichtet. Alles hat seinen festen Platz. Der Alltag, den sie sich selbst geschaffen hat, hält sie einerseits von den traurigen Erinnerungen ab, andererseits gibt er ihrem Leben Struktur.

Die meiste Zeit macht Maria Fischer Dinge, die sich jeden Tag wiederholen. Ihr selbst ist das nicht bewusst. Am stärksten hat sich mir ein Satz von ihr eingeprägt: »Ich tue und lasse, was ich will.«

Deutschquiz

Ich kam nach Deutschland, weil es in meiner Heimat langweilig wurde. An die Busfahrt kann ich mich nur vage erinnern. Neben mir saß ein Eisenwarenhändler, der in Deutschland das Geschäft seines Lebens vor sich hatte. Er hatte einem reichen Altnazi übers Internet eine fünfzig Zentimeter dicke Stahltür für dessen Notfallbunker verkauft. Er war sehr aufgeregt, und wir kamen völlig betrunken am Busbahnhof an. Dort verloren wir uns aus den Augen. Er fand kein Taxi, das eine 2×1 Meter große Stahlplatte und einen betrunkenen Russen mitnahm. Ich sah ihn nie wieder. Was jedoch viel schlimmer war: Man hatte mir mein Kleiderbündel und meine Brieftasche geklaut, als ich mir gerade von einem Punk den Weg zum Bahnhofsklo erklären ließ. Ich hatte nichts mehr. Ich saß traurig am Bahnsteig auf dem Boden, die Leute gingen zur Arbeit, und bestimmt hundert verschiedene Parfümdüfte streiften meine Nase. Es war abscheulich. Wenn die Bahn wegfuhr und die Menschen in sich verschlungen hatte, senkte sich der Duft zu mir herunter. Ich dachte an meine Kindheit, den Vater. Ich wollte sofort wieder abreisen, doch als ich nochmals tief einatmete, roch ich zwischen all diesen Gerüchen meine Kleidung und mein Geld. So konnte dieser Ausflug nicht zu Ende gehen. Ich wusste, dass meine Sachen längst irgendwo in dem Kreislauf dieser Stadt verschwunden waren. Ich wollte nur eine Runde in diesem Zirkel mitschwimmen und mir meinen Teil zurückholen. Wenn sie mich schon bestahlen und mich in den U-Bahnschächten ihren Gerüchen aussetzten, so wollte ich mich doch wenigstens mit Würde verabschieden. Ich wollte mich rächen! Jetzt lag ich verzweifelt vor ihnen in der U-Bahn. Sie sahen auf mich herab, sahen in mir einen durch die von Osten kommende Kanalisation gespülten Nichtsnutz, der irgendwie bei ihnen gestrandet war und nun völlig betrunken dalag. Sie vergaßen einen so schnell, wie sie sich ein Urteil bildeten. Ich wollte es allen zeigen! Den Anzugträgern, den Dieben, den diversen Düften. Sie alle sollten ein Lebenszeichen von mir zu spüren bekommen. Doch ich hatte keine Ahnung, wie mir das gelingen sollte, und schon bald dachte ich nicht mehr daran.

Ich landete im Ausländerheim. Da ich mich weder am Haschischhandel der Afrikaner beteiligte noch einen Platz bei den Vietnamesen bekam, die Zigaretten verkauften, entschloss ich mich, Dosenbier vor dem Heim zu verkaufen. Alle kauften mein Bier, und am besten lief es, wenn sie abends von der Arbeit zurückkamen. Die Russen tranken am meisten. Dann saßen sie oft bei mir herum, tranken, wurden redselig und sahen meinen kleinen Stand nicht als Konkurrenz zu ihrem Geschäft an, sondern als Treffpunkt nach einem langen Tag. Mir schwebte, während sie langsam Abend für Abend immer betrunkener wurden, etwas anderes vor. Mich interessierte, im Gegensatz zu allen anderen hier, warum die Deutschen so viel mehr besaßen als wir. Ich ging nachts in ein reiches Viertel und beobachtete die Deutschen. Ich lag in ihren Gärten auf ihren Liegestühlen und schaute ihnen tage- und nächtelang zu. Dann, nach einiger Zeit, ließ sich bei allen Haushalten ein immer wiederkehrendes Merkmal erkennen. Sie alle versammelten sich zum Fernsehen. Alle anderen Aktivitäten schienen dem Fernsehen untergeordnet zu sein. Fernsehen! Ich war mir sicher, das Geheimnis der Deutschen gelüftet zu haben. Ich erhöhte die Dosenpreise, bestach Erwin, den Bierverkäufer am Kiosk, mit den Zigaretten der Vietnamesen und war so in Sachen Bierverkauf im Umkreis von zwei Kilometern der Platzhirsch.

Eines Tages warteten die durstigen Kehlen vergeblich vor dem Heim und klatschten Beifall, als ich mit einem großen Karton an ihnen vorbei in meine Kammer ging. Ein geschickter Grieche verhalf mir zu über siebzig Sendern, die ich nun zu studieren begann. Wo das Geld herkam, wollte ich wissen, denn ich hatte auch viele Deutsche auf meiner Nobelvillensafari beobachtet, die den ganzen Tag zu Hause verbrachten und trotzdem im Geld zu schwimmen schienen. Bald sah ich, wo der Hund begraben lag. Das Geld wurde in Ratespielen gewonnen. Das war das moderne, freie Europa! Ich beantworte ein paar Fragen und werde nur aufgrund meiner Allgemeinbildung, die anzueignen mich keinen Heller kostet, zu einem reichen und angesehenen Mann. Es gab diese Ratespiele in verschiedenen Versionen, doch im Grunde waren sie alle gleich und beruhten auf dem Allgemeinwissen des Befragten. Die Studios dieser Sendungen waren, wie die Gärten und Wohnzimmer der reichen Deutschen, mit viel Sorgfalt ausgestattet, doch interessant war auch hier nur der Bildschirm mit den Fragen, vor dem sich die Teilnehmer versammelten und auf den die Zuschauer blickten. Ich war fest entschlossen, in einem dieser Studios ein neuer Mensch zu werden. Doch dazu musste ich erst den Wissensvorsprung aufholen, den diejenigen Quizteilnehmer hatten, die mehr als ein paar hundert Mark gewannen. Ich überlegte lange, wie ich das anstellen könnte, ohne nächtelang in den Bibliotheken, die es irgendwo geben musste, Bücher zu wälzen. Wieder halfen mir die Deutschen, ohne es zu wissen, und verrieten ihre besten Tricks, so ein Quiz zu gewinnen: Sie saßen überall – am Bahnhof, beim Friseur, in der Kneipe – und lösten Kreuzworträtsel! Ich machte mich also auf die Suche. In den Mülleimern der Nobelviertel wurde ich nicht fündig. Dann bekam ich von einem Zivi, der regelmäßig bei den Afrikanern Gras kaufte, einen heißen Tipp. Ich fuhr mit ihm in ein Altenheim. Die Altpapiersammlung dort war das Mekka der Kreuzworträtsel. Sie gab es hier so zahlreich und in so vielen Variationen, dass ich Mühe hatte, alles in meinem kleinen Zimmer unterzubringen. Als ich nach zwei Wochen sämtliche Kaiser Europas und alle deutschen Flüsse auswendig aufsagen konnte (der Grieche fragte mich abends ab), tat ich den nächsten Schritt und meldete mich bei allen bekannten Ratespielen an. Eine Woche später, ich saß beim Griechen, der ein Telefon hatte, kam der Anruf. Eine junge Frau erklärte mir alles. Ich müsse drei Fragen richtig beantworten, um in einer Woche den nächsten Anruf zu bekommen. Danach würde ich in die Endausscheidung vor Ort, das heißt ins Studio, kommen. Ich war bereit. Die erste Frage brachte mich zum Lachen. »Was trinken die Russen am liebsten?« »In Deutschland?« fragte ich. »Ja, ja«, sagte sie beiläufig.

Für einen kurzen Moment wurde ich melancholisch und dachte an die vielen Abende zurück, an denen all meine russischen Freunde das deutsche Bier in den Himmel lobten und sich um meinen kleinen Stand tummelten. »Hallo?«, sagte die Frau. »Ja, ja, natürlich, die Antwort ist Bier!« Ich bereitete mich auf die nächste Frage vor. Geschichte, Erdkunde? Ich hoffte auf Literatur, da ich in diesem Gebiet das meiste Grundwissen hatte. Jedoch nur in russischer Literatur. Wusste ich genug über die deutsche ­Literatur? Aber dies war schließlich die erste Runde. Sie würden noch keine richtig schweren Fragen stellen. Ich sollte mich entspannen. »Hey!« Der Grieche. Was wollte er jetzt? »Wie lief’s?« Er nahm mir den Hörer aus der Hand, lauschte, schaute mich verwundert an und legte auf.

Zwei Wochen später hatte ich den Fernseher auf dem Flohmarkt verkauft. Ich kam mit einem Kühlschrank nach Hause und stieg im Gegensatz zu den anderen Russen von Dosenbier wieder auf Wodka um.

Seit zwei Wochen verkauft Erwin die ersten Exemplare von »Kreuzworträtsel für Ausländer«. Mein Werk! Nachdem ich mich vergebens über fünfzig Mal bei den Quizshows unter verschiedenen Namen und Telefonnummern beworben hatte, hatte ich genug Material für die erste Ausgabe. Mein Deutsch wurde besser. Ich lernte mehr Deutsche kennen, und so fielen mir immer mehr Fragen ein. Die anderen Ausländer, vor ­allem die Afrikaner lobten mich, sie verstünden die Deutschen jetzt besser, und verteilten die Hefte überall.

Ich selbst kann nun stolz auf über zweihundert verkaufte Exemplare, Stück zwei Euro, zurückblicken. Als ich neulich mal wieder in der ­U-Bahn saß, taten mir die parfümierten Anzugträger fast leid, als sie verzweifelt versuchten, folgende Frage aus meinem herumliegenden Heft zu beantworten: Was trinken die Russen in Deutschland am liebsten? Ich nahm einen Schluck Klaren aus meiner Flasche und nickte ihnen lächelnd zu.

Vorbestellung Grab

Leo lebt einsam. Er sammelt Aufkleber von Duschgels und klebt sie in ein Sammelheft ein. Jeden Tag um die gleiche Zeit ruft seine Mutter ihn in seinem Arbeitszimmer an. Hier hat sich Leo ein paar Knöpfe und Geräusche eingebaut, die nach Arbeit an einem Schreibtisch klingen. Er liest das Buch »Moby Dick« zum x-ten Male vom Anfang bis zum Ende. Die Angewohnheiten seiner Mitbewohner kennt er auswendig. Er weiß, wann sie duschen, wann die Duschgels leer werden. Dann geht er gleich zum Müll runter und holt sie sich für seine Sammlung. Leos leere Tuben werden wiederum von Lena eingesammelt, die sich die leeren Plastikteile an die Wand und in der Wohnung verteilt aufhängt. Auch sie kennt die Gewohnheiten von Leo genau.

Leo öffnet seine Haustür, legt ab. Er nimmt eine Duschgeltube aus der Einkaufstüte und setzt sich damit vor seinen Schreibtisch. Vorsichtig löst er die Etiketten von der Tube ab. Dann öffnet er ein großes Buch, blättert eine leere Seite auf und klebt die beiden Etiketten ein. Er blättert ein paar Seiten zurück, schaut sich andere Etiketten an. Dann legt er das Buch weg und blickt auf die Uhr. 12.59 Uhr. Das Telefon klingelt.

Leo geht in einen anderen, kleinen Raum und setzt sich schnell vors Telefon. Auf dem Tisch vor ihm steht eine alte Computertastatur, ein Kassettenrekorder. Daneben liegt eine alte Zeitung. Leo schaltet den Kassettenrekorder ein und nimmt die Zeitung. Aus dem Rekorder kommt ein Stimmenwirrwarr. Leo nimmt die Zeitung in die eine Hand und hält die andere bereit über der Tastatur. Er selbst nimmt zum ersten Mal Haltung an und hebt ab. Die Stimmengeräusche aus dem Rekorder sind so laut, dass Leo schreien muss.

Leo: »Hallo? … Ah, Mama. Ja. Es ist die Hölle los hier oben … Ja, wie jeden Mittwoch … Was? Ja, ich weiß … nein, Mama, sie kocht wunderbar, vorzüglich … einen Moment … «

Leo lehnt sich kurz zurück und hält den Hörer gegen den Kassettenrekorder. Plötzlich endet das Stimmendurcheinander, und bayerische Marschmusik ertönt. Leo erschrickt, hält die Sprechmuschel des Telefons zu und spult schnell die Kassette zurück.

Leo: »Hallo … Ja … das war … was? Was ist los? Geht’s dir nicht gut? Mama, ich muss jetzt Schluss machen, ich verlier sonst hier die Kon­trolle, (heroisch) ich liebe dich.«

Lena geht die Treppe runter. Sie ist ein kleines, schüchtern wirkendes hübsches Mädchen. An einem Fenster bleibt sie stehen und schaut auf die Uhr. 14.24 Uhr. Als der Sekundenzeiger auf die 30 fällt, öffnet sich im Innenhof eine Tür. Leo kommt heraus mit zwei Tüten in der Hand. Lena lächelt.

Leo öffnet die Mülltonne, neben ihm liegen die Tüten.

Lena grinst.

Leo will gerade die erste Tüte in die Tonne werfen, als ihn Joers, der muffige Hausmeister, von hinten antippt. Leo dreht sich erschrocken um.

Lena schaut aufmerksam zu, rückt ein Stück näher zum Fenster.

Joers: »Herr … «

Leo: »Leo.«

Joers: »Herr Leo, wenn Sie noch einmal versuchen, (betonter) v e r s u c h e n, Ihre perversen Plastikspielzeuge in dem normalen Hausmüll zu entsorgen, sind sie Ihre Wohnung los.«

Lena muss grinsen.

Leo blickt den anderen kurz an, dann nimmt er die Tüten und geht weg. Der Hausmeister steht allein da. Er hebt eine Plastiktube vom Boden auf, blickt sich um und wirft sie in den »normalen« Müll.

Lena beobachtet ihn dabei. Dann dreht sie sich um, als sie von der Treppe her Schritte hört. Leo kommt herauf, den Kopf gesenkt.

Lena: »Hallo, ich bin … «

Leo reagiert nicht. Sie geht auf ihn zu, und greift nach den Tüten.

Lena: »Kann ich die haben?«

Leo: »Was?«

Lena: »Die Tüten?«

Leo: » … «

Lena nimmt sie an sich. Sie überlegt kurz, was sie sagen soll.

Lena: »Ich sammel die.«

Leo blickt sie verwundert an. Sie schauen sich kurz in die Augen, dann geht er die Treppe hoch.

Lena sitzt in ihrer Wohnung an ihrem Schreibtisch. Sie bastelt an den Plastiktuben herum, bemalt sie, hängt sie an die Wand.

Leo steht entschlossen vor dem großen Sammelbuch. Dann nimmt er eine Tube aus der Hose, macht die Etiketten ab und klebt sie ein. Er schließt langsam das Buch, streicht nochmal darüber und stellt es in ein Regal, in dem schon mehrere Bücher der gleichen Sorte stehen.

Leo sitzt am Tisch vor einem Buch. Er schlägt die erste Seite auf. Dort ist eine Strichliste mit über fünfzig Strichen zu sehen. Er macht einen neuen Strich dazu und beginnt von vorn zu lesen.

Lena steht am Fenster und schaut in den leeren Innenhof.

Leo liest. Dann blickt er wieder zum Bücherregal. Er legt das Buch weg, geht zum Regal, streicht über die Gesammelten Werke. Er seufzt und legt die Hände vors Gesicht.

NACHT

Leo steht vor seinem Schreibtisch und atmet tief und schnell.

Lena schläft im Bett.

Leo schluckt etwas widerwillig hinunter, dann setzt er das leere Glas neben eine halbgeleerte Flasche Whisky.

Lena tastet im Schlaf das Bett suchend mit den Händen ab. Schließlich spürt sie die Duschgeltube an ihrer Hand, legt Hand und Tube neben ihr Gesicht und schläft genüsslich weiter.

Leo fegt die Bücher aus dem Regal.

Leo verwüstet sein »Büro«, die Tastatur, den Rekorder, das Telefon.

Leo sitzt am Schreibtisch und schreibt sein Testament: »Wenn ich eines Tages in Frieden unter der Erde ruhe, sollen folgende Gegenstände an meine Mutter vermacht werden: … «

TAG

Leo öffnet seine Wohnungstür. Er sieht Lena, die auf der unteren Treppe steht und telefoniert. Er weicht einen Schritt zurück und lauscht.

Lena (off): »Jetzt kann ich noch nicht … Nein, ich hab sogar meinen Arzttermin abgesagt. Zum Friedhof … ja … nein, niemand. Ich will mir ein Grab reservieren, weil sie heute Morgen im Radio gesagt haben, dass in München die Gräber ausgehen.«

Leo verschlägt es den Atem.

Er schaut zu Lena. Sie ist weg.

Leo folgt Lena bis zum Friedhof.

Leo besucht den Friedhofswärter.

Leo: »Ich würde gerne ein Grab vorbestellen.«

Fr. W.: »Ja, was ist denn heute los?«

Der Friedhofswärter verschwindet kurz und kommt dann mit einem großen Lageplan des Friedhofs zurück.

Fr. W.: »Kommen Sie mit!«

Neben dem Grab, das der Friedhofswärter Leo zeigt, steht Lena und begutachtet ebenfalls ein Grab.

Der Friedhofswärter schaut Leo erwartungsvoll an.

Leo: »Ich überleg es mir … in Ruhe.«

Der Friedhofsgärtner geht kopfschüttelnd.

Leo spricht Lena an.

Leo: »Ist das Ihrs?«

Lena: »Na ja, hier so direkt am Wegrand. Hm.«

Leo: »Das hier, das ist meins.«

Lena (begutachtend): »Hm, ja, wenigstens nicht so an der Ecke. Ich glaub, ich schau mich noch mal woanders um.«

Leo: »Moment!« (Es folgt ein Zitat aus »Moby Dick«.)

Lena ist weg.

Leo steht in der Eingangshalle des Friedhofs.

Der Friedhofswärter an der Kasse.

Leo: »Wie viele haben Sie denn noch?«

Fr. W.: »Also wenn Sie ganz sicher gehen wollen, sollten Sie reservieren. Sonst liegen Sie am Ende auf der Straße.«

Leo: »O.k., dann nehme ich es.«

Fr. W.: »Die Zehnerkarten für die Grabpflege sind gerade im Angebot.«

Leo: »Ja. Danke.«

Lena träumt.

Wir sehen das Grab, vor dem die beiden am Nachmittag standen, und hören ihre Stimmen.

Leo: »Rutsch mal. … Danke, Mensch, schon komisch, dass man das alles erst versteht, wenn man hier unten liegt.«

Lena: »Dabei ist es so offensichtlich. Wirklich, also dass wirklich noch nie jemand darauf gekommen ist. Es ist wie ein Zaubertrick, den man einmal gesehen hat, und dessen Lösung man nie herausfindet.«

Leo: »Es wäre alles so einfach gewesen.«

Lena: »Immerhin wissen wir jetzt Bescheid.«

Leo: »Ja.« (Gähnt.)

Sie kuscheln sich aneinander und geben wohlige Geräusche ab.

Montagesequenz:

Lena schaut auf die Uhr. Lena schaut aus dem Fenster, sucht Leo. Lena leert Duschgeltuben in ihr Klo, wirft sie in den Müll. Wartet. Schaut am Friedhof, ob das Grab leer ist.

Leo will seine Grabreservierung rückgängig machen. Er läuft entschlossen an dem Friedhofswärter vorbei.

Dann findet er einen Zettel, der in die Erde auf seinem Grabhügel vergraben ist. Darauf steht: »Ich warte hier auf dich. Lena.« Leo ist bestürzt. Er rennt zurück, an dem verdutzt schauenden Friedhofwärter vorbei.

Der Zettel aus Leos Grab fliegt davon und landet auf dem Friedhofsweg. Wir lesen: »Ich warte hier auf dich. Lena. Dienstag, 17 Uhr. Bis dann.«

Lena wartet am Grab. Sie hält aufgeregt einen Zettel, liest: »Ich werde kommen. Leo.«

Lena kann es kaum erwarten. Sie sieht auf die Uhr und schließt die Augen. Sie atmet tief durch. Als der Zeiger auf fünf Uhr landet, röchelt sie kurz. Schwarzbild.

Leo und Lena reden, jetzt in zwei gemachten Gräbern.

Lena: »Ganz schön eng hier.«

Leo: »Du wolltest doch unbedingt neben mir liegen.«

Lena: »Warte … «

Sie tritt ein Stück vom Sarg auseinander. Holz zerbricht. Wohlige Laute.

Lachen, Ende.

Grußlos

Langsam verschließt er seine Wohnungstür, geht den Gang entlang und verlässt das Haus. Er nimmt sich viel Zeit, um die Haustür vorsichtig hinter sich abzusperren. Er atmet laut und tief durch. Dann tritt er die Stufen hinab, dreht sich nach links und geht geradeaus auf der linken Seite die Straße entlang. Nach fünf Schritten, er tritt gerade wieder mit dem rechten Fuß auf, beginnt er zu pfeifen: »Frère Jacques, frère Jacques«. Kommt ihm zu dieser frühen Stunde ein Passant entgegen, hebt er den Arm und winkt mit der rechten geöffneten Hand, genau ein Mal, von links nach rechts. Anfangs hatte er von rechts nach links ein Mal gewunken, doch da sich die Entgegenkommenden rechts vor bzw. neben ihm befanden, hatte er sich entschlossen, den Gruß mit einer Bewegung nach rechts, also in Richtung der Passanten zu beenden, da ihm dies als natürlicher erschien. Inzwischen erkennen ihn viele und heben schon in einiger Entfernung die Hand, um seinen Gruß mit einem Schmunzeln zu erwidern. Zehn Schritte vor der Bäckerei verlangsamt er das Schritttempo und kommt vor der Eingangstür zum Stehen. Er hört auf zu pfeifen. Die braune Fußmatte ist bereits deutlich von seinen Schuhabdrücken eingedrückt. Er setzt den linken Fuß auf die Matte und geht mit dem rechten leicht in die Knie. Dann zieht er sein Stofftaschentuch aus der Manteltasche, presst es vorsichtig gegen die Scheibe und stützt darauf seine linke Handfläche. Wie jeden Morgen bemerkt ihn nun die Bäckerin, nickt kurz und verschwindet dann hinter der Theke, um das Päckchen für ihn vorzubereiten. Inzwischen hat er die Hand gewechselt, hält nun die Rechte offen auf Tuch und Scheibe gepresst und schrubbt den rechten Schuh ab. Den sauberen linken hält er angewinkelt über der Erde, um ihn vor dem Eintreten nicht wieder zu beschmutzen. Als er auch den rechten Fuß genau fünfundzwanzig Mal über die Fußmatte gerieben hat, nimmt er das Taschentuch, wischt den Türknauf ab, steckt das Tuch in die Manteltasche und öffnet mit der Linken. Mit einem Schwung drückt er die Tür nach innen. Dann hält er die rechte Hand nach oben und grüßt mit der geöffneten Handfläche von hinten nach vorn. Dies schien ihm anfangs als unschön, doch er entschied sich schließlich dazu, um der Bäckerin ein ähnliches Entgegenkommen zu signalisieren wie den Passanten. Sie macht auf ihn einen etwas verängstigten Eindruck. Sie legt das Päckchen auf den Tresen und nennt den Preis, ohne je ein Wort mehr zu sprechen. Ihre Stimme fühlt sich für ihn an, als ob ihre Zunge mit einem großen Klumpen Mehl zu kämpfen hätte. Langsam nimmt er das Päckchen mit der Rechten und dreht sich vorsichtig um. Dann holt er das Tuch heraus, wischt den Türknauf ab, öffnet mit der Linken und geht hinaus. Kurz wartet er ab, ob Autos oder Fahrräder sich nähern, dann dreht er sich nach rechts und geht geradeaus. Nach fünf Schritten, er tritt gerade mit dem linken Fuß auf, beginnt er zu pfeifen. »Frère Jacques, frère Jacques«. Er lächelt. Zwei Passanten mit Koffern und Taschen kommen ihm auf der anderen Straßenseite entgegen. Er hebt die Linke zum Gruß, dreht die Handfläche von innen nach außen zu ihnen hin. Sie murmeln etwas. Als er die Stufen vor seiner Haustür erreicht, dreht er sich langsam nach rechts, bis er gerade vor der kleinen Eingangstreppe steht. Er nimmt das Päckchen in die Linke, greift in seine rechte Hosentasche und zieht den Schlüsselbund heraus. Ein Fahrrad nähert sich. Er hebt die Linke zum Gruß, hält die Tüte nach oben. Das Fahrrad kommt näher. Eine kalte Hand greift nach der Tüte, reißt sie ihm aus der Hand. Die Fahrradklingel macht ein grelles Geräusch. Drinnen hört er seinen Hund bellen. Zitternd versucht er, mit beiden Händen das Türschloss zu ertasten.

Der stille Freund

Sie hatten ihm wieder die Haare gefärbt. Zwei Wochen lang war er blond gewesen und hatte einen maßgeschneiderten Anzug getragen. Alle seine Klamotten waren maßgeschneidert. Das war in seiner Familie Tradition, er kannte es nicht anders. Den Tag über hatte er mit den neuen Bekannten auf einer Wiese herumgelegen. Er sah den Kindern beim Ballspielen zu. Die Eltern hatten es sich auf einer großen, gelben Decke bequem gemacht und tranken Rotwein zum Baguette. Ihm war nicht nach Essen. Er sah dem Ganzen mit seinen großen blauen Augen zu, hatte weder Hunger noch Lust zu spielen. Am Abend nahm er ein Bad und schlief nackt auf dem Schreibtisch des kleinen Mädchens. Anfangs hatte sie ihn noch zu sich ins Bett gelassen, hatte ihm nach dem Baden einen Schlafanzug angezogen und sich so lange an ihn gekuschelt, bis sie einschlief. Er konnte nicht schlafen, betrachtete die Sterne, fühlte jedoch nichts dabei. Der Mond schien ihm einfach eine große, weiße Kugel zu sein, die wie er nackt und alleingelassen vor sich hinstarrte. Nach einer Weile klappten seine Augenbrauen nach unten und er sah nichts mehr. Am nächsten Morgen herrschte im gesamten Haus große Aufregung. Die Eltern des Mädchens liefen ständig im Gang vor dem Zimmer auf und ab und trugen schwere Taschen und Rucksäcke hin und her. Auch das Mädchen packte eilig seine Taschen. Irgendwann ging sie und schloss die Tür. Die Mutter kam noch einmal herein. Sie ging auf den Schreibtisch, auf ihn zu. Mit beiden Händen wischte sie alles darauf weg auf den Boden. Dann kniete sie sich über den Haufen und wühlte darin herum. Sie berührte ihn und gab ihm aus Versehen einen Stoß. Jetzt lag er auf dem Rücken, die Beine nach oben ausgestreckt und starrte an die Decke. Im Augenwinkel sah er, wie die Mutter einen Autoschlüssel aus dem Haufen nahm und schnell nach draußen verschwand. Danach war es still. Die Wand war weiß. Es bildeten sich keinerlei Bilder oder Muster in der Tapete ab, zumindest sah er sie nicht. Sie war weiß, und er lag unter ihr. Der Anzug war ein wenig verrutscht. Jemand würde ihm einen neuen kaufen. Oder etwas anderes. Eine kurze Hose und ein ärmelloses T-Shirt. Darin sah er sich am liebsten und hatte das auch ganz am Anfang angehabt. Damals war er braunhaarig ­gewesen und das erste, was er gesehen hatte, waren die kleinen blauen Augen eines Mädchens gewesen, das ihn freudig in die Arme schloss. Das Mädchen jetzt war das ins­gesamt zwölfte, und es hatte wie alle anderen irgendwann keine Lust mehr gehabt, sich um ihn zu kümmern, ließ ihn, wie an diesem Morgen, achtlos liegen, weil es wusste, dass er sie immer noch mögen würde, wenn sie es so wollte. Das Einzige, was er wollte, war ein Spiegel. Er wünschte sich nichts mehr, als sich im Spiegel zu betrachten, am besten mit einem der Mädchen neben sich. Dann konnte er sehen, wie makellos er gegenüber ihnen war. Er schaute ihnen zu, wie sie sich ihre kleinen Unreinheiten im Gesicht überpuderten. Er dagegen hatte glatte, straffe Haut, war sonnengebräunt, und manchmal erkannte er einen Anflug von Neid in den Gesichtern der Mädchen. Eine hatte ihn dafür gehasst. Sie war am Anfang wie die anderen noch mit ihm ins Bett gegangen. Dann hatte sie irgendwann angefangen zu weinen, weinte tagelang. Danach war ihre Haut dreckig und rot gewesen. Sie sah ihn eine Weile verheult an. Dann wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht, steckte ihn mit dem Kopf voraus in die Toilettenspülung und drückte den Abzug. Er schwamm über ein Jahr in den dunklen Abwässern, ohne eines der Mädchen, geschweige denn einen Spiegel zu sehen. Den Gestank konnte er nicht riechen. Die Mutter des jetzigen Mädchens fand ihn schließlich bei einem ihrer Picknicke, als er ans Flussufer geschwommen kam. Sie brachte ihn ihrer Tochter mit, und die begann, sich um ihn zu kümmern. Als Erstes brachte sie ihn ins Bad. Er blickte in den Spiegel und erkannte sich nicht wieder. Von oben bis unten war er verschmutzt, sein Anzug war zerfetzt und seine Haare voller Dreck. Das Mädchen wusch ihn und ging mit ihm einen neuen Anzug kaufen.

Immer noch starrte er an die Wand. Weiß. Dann ging die Tür auf. Das Mädchen war wieder da und kam weinend ins Zimmer. Sie bückte sich, nahm ihn und lief mit ihm zum Auto. Die ganze Fahrt über hatte er perfekte Sicht. Er lehnte am Fenster und sah die Landschaften an sich vorbeiziehen. Aus dem Augenwinkel konnte er sich dabei sogar im Rückspiegel betrachten. Als es Nacht wurde, starrte er wieder auf den Mond. Zwei Wochen verbrachte er hauptsächlich damit, am Pool zu liegen und in seinen neuen Sommerklamotten zu schwimmen, wenn das Mädchen ihn ins Wasser mitnahm. Sogar in den teuren Restaurants am Hafen saß er in einem neuen Anzug mit am Tisch und sah den anderen beim Essen zu. Wenn das Mädchen ihm etwas davon an den Mund hielt, schaute er sie mit seinen weit geöffneten Augen an. Den Mund ließ er geschlossen. Am Abend vor der Abreise lag er schon unter der Decke, als sie zu ihm ins Bett kam. Sie trug ein Nachthemd, strich ihm kurz über den Kopf und schlief ein. Unter der Decke war es dunkel. Er war noch vollkommen nass vom Schwimmen. Ihre Hand schob sich im Schlaf unter ihn. Er tropfte, sogar aus dem Hals und aus den Armen lief ihm das Wasser. Alles auf die Hand des Mädchens. Als er aufwachte, war die Decke verschwunden. Das Mädchen musste sie während des Schlafs weggeschoben haben. Er lag da und schaute um sich. Das Nachthemd hatte sich verändert. Es war gelb, dort wo er lag. Das Mädchen wachte auf. Sie tastete an sich herunter, fühlte die nasse Stelle und erschrak. Mit weit geöffnetem Mund nahm sie ihn und drückte ihn so fest, dass die letzten Tropfen aus ihm herausliefen. Das Mädchen zog sich aus und warf das Nachthemd in den Eimer neben der Tür. Dann wechselte sie das Bettlaken aus. Sie packte ihn fest in ihre kleinen Hände. Erst versuchte sie ihm ein Bein abzureißen, dann einen Arm, doch es gelang ihr nicht. Schließlich lief sie in den Garten hinaus, grub ein kleines Loch in die Erde, direkt neben einen Zaun. Sie vergrub ihn darin, einzig und allein den Kopf durfte er über der Erde halten. Er schaute direkt auf einen grünen Zaunpfahl aus Eisen. Dann lief sie weg.

Zwanzig Jahre vergingen. Er schaute auf den Zaunpfahl. Der Anzug war unter ihm weggefault, ein Bein war von Würmern zerfressen und irgendwann abgefallen. Dann kam der Bauer und mähte mit einer großen Maschine den Garten. Die Familie würde bald ankommen. Mit der Maschine schnitt er ihm seinen Kopf ab. Der Kopf kullerte durch den Maschendraht des Zauns, fiel über eine Mauer und landete in einem Brunnen. Der Bauer zog nach der Arbeit einen Eimer Wasser aus dem Brunnen, fand seinen Kopf und legte ihn vor die Haustür.

Als sie ankommen, liegt er vor der Tür. Sie kommen auf ihn zu. Das Mädchen ist wieder da, er erkennt sie wieder. Sie trägt ein kleines Kind auf dem Arm, ist größer und sehr dick. Als sie seinen Kopf sieht, lacht sie wiehernd los und zeigt ihn dem Mann, der sie begleitet. Der nimmt ihn und betrachtet ihn eine Weile durch seine Sonnenbrille. Sein Kopf spiegelt sich in dem geschliffenen Glas. Die Augen stehen weit offen, die Haare sind zerzaust. Am Abend sitzt der Mann vor dem Kamin. Er findet ihn in seiner Hosentasche wieder und wirft ihn ins Feuer. Das schmelzende Plastik verbreitet einen unangenehmen Geruch im Zimmer. Der Mann steht auf und legt Holz nach.

Der 1978 geborene Sebastian Blank schrieb Prosaskizzen, Sketche und Filmszenen und hat zwei Dokumentarfilme gedreht. Er starb mit 29 Jahren am 28. April 2008 nach einem Fußballunfall an Hirnblutungen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: ­Sebastian Blank: Leben gefährdet die Gesundheit. Prosa, Szenen und Sketche auf einer Audio-CD mit einem Vorwort von Gerhard Polt. Alexander Verlag, Berlin 2010. 160 Seiten, 14,90 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.

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