Schlüppis
Carl Melchers: Gerald Hörhan erklärt im Gespräch, was Investmentbanking und Punk gemeinsam haben

»Handeln Sie antizyklisch!«

Der 35jährige Österreicher Gerald Hörhan ist Eigentümer eines in Wien ansässigen Corporate-Finance-Unternehmens und hat mit seinem Buch »Investment Punk. Wa­rum ihr schuftet und wir reich werden« große mediale Aufmerksamkeit erregt.

Interview: Carl Melchers

Was ist denn bitteschön am Investmentbanking Punkrock?

Ich bin Investmentbanker und privat Punkrocker. Mein Buch hat etwas mit Punkrock zu tun und auch meine Philosophie hat damit zu tun, aber erst einmal bin ich beides separat. Ich bin ein Investmentbanker, der auf Punkrockfestivals geht.

Wenn man Ihr Buch »Investment Punk« ließt, hat man den Eindruck, Sie teilten mit Punk vor allem die Verachtung für die Häuslebauer. Aber Investmentbanking, bei dem man langfristig denken muss, ist auch nicht gerade vereinbar mit »No Future«.

Deswegen heißt mein Buch ja auch »Investment Punk« und nicht »Straßenpunk«. Ein Investment-Punk, wie ich ihn beschreibe, der rebelliert und stellt das System in Frage, aber durch Kreativität, unternehmerisches Denken und geschicktes unternehmerisches Agieren. Ein Straßenpunk, der rebelliert von unten, indem er sich hinstellt und sagt: »Ich will überhaupt nicht arbeiten.«

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Mittelschicht könne nicht zu Wohlstand kommen, weil sie keinen ökonomischen Sachverstand habe. Was wäre aber, wenn sich die ganze Mittelschicht aufs Investment verlegen würde?

Ich zeige zunächst ja nur einen Weg auf, wie man selbst ein anderes Leben führen kann – mit mehr Lebensqualität, mehr Spaß und mehr wirtschaftlichem Erfolg. Wenn das tatsächlich alle so machen würden, dann wären die Folgen erstmal unvorhersehbar. Das ist richtig.

Sie schreiben, das globale ökonomische System sei niemals für eine große Mittelschicht angelegt gewesen, und auch in Europa werde es bald wieder wenige Menschen geben, die viel haben, und viele, die nichts haben. Ist das Marx’sche Verelendungstheorie aus dem Munde eines Investmentbankers?

Das ist einfach nur eine nüchterne Beurteilung der Fakten. Es ist schlicht eine Tatsache, dass sich auch in Europa die Wohlstandsschere auseinander bewegt. Das, was die Mittelschicht ausgemacht hat, ein gesicherter Job auf Lebenszeit, eine gute Altersvorsorge, ein für alle bezahlbares, umfassendes Gesundheitssystem und kostenlose gute Bildung, all das entspricht immer weniger der Realität. Vor allem an der Bildung wird immer mehr gespart. Nur die Leute, die viel Geld haben, können ihren Kindern eine gute Ausbildung bezahlen.

Wieviel Kapital brauchte man, um an der Börse etwas rauszuholen? Reichen 1 000 Euro?

Realistisch gesehen können Sie im Jahr zehn oder 15 Prozent Ertrag erzielen. Wenn Sie gut sind, geht das dauerhaft. Bei einem Investment von 1 000 Euro können Sie aber nicht so gut streuen, und Sie haben auch zu hohe Transaktionsspesen. Und ein Gewinn bei diesem Betrag macht das Kraut nicht fett. Aber wenn Sie mit 10 000 oder 20 000 Euro anfangen, kann schon etwas daraus werden. Man kann ja erstmal mit 1 000 Euro üben, zum erfolgreichen Investieren gehören vor allem Erfahrung und Übung.

Seit der Finanzkrise tun alle so, als müsste sich jeder mit Finanzen auskennen. Ist das nicht eine Zumutung, dass wir das müssen, nur um am Schluss eine kleine Rente zu haben?

Nein, also wenn Sie Auto fahren wollen, dann sind Sie sogar gesetzlich gezwungen, in die Fahrschule zu gehen. Wenn Sie eine neue Sprache lernen wollen, gehen Sie in eine Sprachschule. Wenn es um Ihre Altersversorgung, Ihre Gesundheitsversorgung oder die Ausbildung Ihrer Kinder geht, dann sagen die Leute plötzlich: »Das interessiert mich nicht.« Es gibt leider keine vernünftige Ausbildung in Sachen Geld. Dabei betrifft das eigentlich viel fundamentalere Fragen als etwa das Autofahren.

Was sollte man Ihrer Meinung nach tun, um sich dieses Wissen anzueignen? Eine Einführung in die Volkswirtschaftslehre lesen oder am Börsenspiel teilnehmen? Wo lernt man Zocken?

Wer zocken will, soll ins Casino gehen. Wer an den Märkten etwas erreichen will, muss lernen zu investieren. Und investieren heißt, langfristig Vermögen zu vermehren, Risiken zu managen und zu minimieren. Erstens müssen Sie gewisse Grundkenntnisse in Sachen Wirtschaft haben – wie man zum Beispiel eine Bilanz liest. Man muss gewisse Grundlagen der Börse verstehen. Zweitens müssen Sie sich ein Thema aussuchen, das Ihnen gefällt, und da sollten Sie schauen, dass Sie sich sehr gut auskennen. Investieren bedeutet ja nicht unbedingt, an der Börse zu spekulieren, Sie können genauso in Immobilien investieren, in Kebabstände, in Kunst, Oldtimer oder Wein. Und es rentiert sich, wenn man in einem Bereich investiert, in dem man sich besser auskennt als andere. Vor allem muss man sich ein System aufbauen, das emotionslos bedienbar ist und das Sie immer wieder repetieren können. Egal, ob Sie nun Grundstücke kaufen nach bestimmten Parametern wie etwa Grundstückspreis und Abstand zum Stadtzentrum, oder Aktien nach Kriterien wie KGV, Dividendenrendite und technischer Analyse.

Macht Investieren Spaß? Heute wettern ja viele gegen das »Casino« und die »Zocker«. Ist Investment eine spielerische Angelegenheit?

Investmentbanking wird in den Medien völlig falsch dargestellt. Das Gerede von bösen Spekulanten oder Zockern ist Unfug. Das Hauptgeschäft einer Investment-Bank besteht darin, Unternehmungen, Staaten und Institutionen mit Kapital zu versorgen und Unternehmen darin zu beraten, andere Unternehmen zu kaufen oder zu verkaufen und für die Finanzprodukte die entsprechende Liquidität zu schaffen. Unternehmen Kapital zu verschaffen ist ein zentrales Element, sonst könnten keine Arbeitsplätze entstehen.

Haben Sie mit Ihrem Wissen die Krise voraussehen können?

Es gab Anzeichen weit vor dem Herbst 2008 dafür, dass Dinge schief laufen. Es gibt so etwas wie ein wirtschaftliches Grundgesetz: Dass es Boomphasen gibt, die in Blasen enden – irgendwann platzt die dann, und es geht steil hinunter. Es ist ja nicht so, dass das, was jetzt passiert, einzigartig wäre. Neu ist, dass Europa stärker betroffen ist als wir das bisher gewohnt waren. Krisen aller Art gehören schlicht zu diesem Wirtschaftssystem. Ich weiß noch, als ich 1998 begonnen habe, an der Wall Street zu arbeiten, da hat man mir gesagt, die Welt gehe unter – das war die Zeit, als Long Term Capital Management, der damals größte Hedgefonds, pleite gegangen ist, als Russland pleite gegangen ist und Asien fast pleite war. Und zwei Jahre später war schon die große Internet-Blase und die New Economy da. Solche Krisen gibt es regelmäßig.

Die Pläne zur Transaktionssteuer in Deutschland werden damit begründet, dass die Spekulanten an der Krisenbewältigung und damit an der Konsolidierung des Staatshaushalts beteiligt werden sollen. Immerhin hat der Staat mit den Steuergeldern der Mittelschichten die Rettungspakete für die Banken finanziert.

Der Staat spielt eine zwielichtige Rolle. Man muss sich vor Augen halten, dass die meisten Banken, die Rettungspakete benötigt haben, staatlich kontrollierte Banken waren. Die meisten privatwirtschaftlichen Banken haben diese Hilfen nicht benötigt. Es gab gewisse Ausnahmen, aber wenn Sie sich das einmal anschauen: Fast alle Landesbanken haben Hilfen benötigt. Der Staat ist nicht unbedingt ein guter Eigentümer von Finanzinstituten. Und der zweite Punkt ist, dass die Mittelschicht nicht die einzigen Steuerzahler stellt, Steuern zahlen ja auch Unternehmer wie ich.

Derzeit ist von »Attacken der Spekulanten« die Rede, etwa gegen den Euro oder gegen Griechenland. Wie funktioniert die Spekulation gegen Staaten? Könnte man etwa gegen Deutschland spekulieren?

Das wird immer hochgradig falsch dargestellt. Sie können nicht gegen ein Land spekulieren. Sie können sagen, kauft keine deutschen Staatsanleihen. Dann passiert Deutschland, was Griechenland passiert ist. Oder Sie können gegen den Euro spekulieren und andere Währungen kaufen. Ich empfehle das nicht, denn meiner Philosophie entspricht, dass man im eigenen Interesse ökonomisch vernünftig handelt. Ich empfehle unbedingt antizyklisches Handeln. Wenn alle laut darüber lamentieren, dass der Euro kaputt geht, dann ist das vielleicht der Moment, in dem man Euro kaufen sollte. Gerade wenn wieder einmal Weltuntergangsstimmung ist, sollte man kaufen. Das war im Herbst 2008 auch so, da dachte jeder, die Wirtschaft bricht auseinander – wenn Sie damals Aktien gekauft hätten, dann wären Sie heute reich.

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