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Thomas Gesterkamp: Über Männerrechtler und Antifeministen

Männer im Monolog

Gegen den Feminismus formieren sich zunehmend Netzwerke von Männerrechtlern – vor allem im Internet. Sie fühlen sich übervorteilt und fordern ein Ende der »organisierten Besserstellung« von Frauen.

von Thomas Gesterkamp

In ihrem Koalitionsvertrag hat die schwarz-gelbe Bundesregierung eine »eigenständige Jungen- und Männerpolitik« vereinbart. Eine Folge davon ist, dass mittlerweile das Referat 408, zuständig für »Gleichstellungspolitik für Männer und Jungen«, mit drei Planstellen etabliert wurde. Dieser Schritt geht einher mit einem Auftrieb der Debatte um Männerrechte und Männerbewegung. Da gilt es jedoch genau hinzusehen, denn diese »Bewegung« stellt sich sehr heterogen dar. Während am Geschlechterdialog orientierte Verbände unter Federführung der Kirchen derzeit ein »Bundesforum Männer« als Pendant zum Deutschen Frauenrat gründen, wittern antifeminis­tische Aktivisten überall die Benachteiligungen von Männern und klagen über eine »Kaste der Genderfunktionäre«, deren kulturelle Hegemonie jeden Widerspruch unterdrücke. Von einer solchen Hegemonie zu sprechen, hat wenig mit der Realität zu tun. Denn wann immer in den vergangenen Jahren etwa das spröde Wortpaar »Gender Mainstreaming« Erwähnung in den Medien fand, changierte dessen Bewertung zwischen »lächerlich« und »gefährlich«.

Bereits 2005 bezeichnete der Stern die »neue Geschlechtergefühligkeit« als »trivial und teuer«. Der Spiegel wiederum malte 2007 das düstere Bild einer autoritären Gender-Pädagogik, die Jungen »früh zu Kritikern des eigenen Geschlechts« mache. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sah Frauen schon die »Bewusstseinsindustrie« übernehmen. Und Redaktionskollege Volker Zastrow wetterte gegen das »angewandte Kaderprinzip der feministischen Lobby«, die eine »politische Geschlechtsumwandlung« plane. Auch die rechte Junge Freiheit schlug einen ähnlichen Verschwörungston an: »Eine totalitäre Ideologie«, so hieß es dort, werde »durch eine auserwählte Truppe Linientreuer von oben nach unten durchgesetzt«.

Als Kronzeuge solcher Anklagen dient häufig Gerhard Amendt. Der Bremer Geschlechtersoziologe, einst Vorkämpfer für die Legalisierung der Abtreibung, vertritt inzwischen irritierende Ansichten. So behauptet er, Frauen seien in Beziehungen ebenso gewalttätig wie Männer. In der Welt forderte er gar die Abschaffung der Frauenhäuser – wegen ihres »militanten Feminismus«. Auch Focus scheint mit regelmäßigen Berichten über das »geschwächte Geschlecht« eine »neue Bürgerrechtsbewegung« geradezu herbeischreiben zu wollen. Doch Zeitungstexte spielen für die meisten Männerrechtler nur als Textbausteine im Netz eine Rolle. Denn der neue Geschlechterkampf wird vorwiegend online geführt. Internetforen stilisieren dabei Männer zu Diskriminierten in allen Lebensbereichen.

Zentraler Bezugspunkt der Männerrechtler ist der Antifeminismus. Ein »ausufernder Gouvernanten- und Umerziehungsstaat« fördere einseitig die Frauen. »Freiheit statt Feminismus!« fordert kurzerhand die Junge Freiheit und prangert an, dass die Kritik an der Benachteiligung von Männern einem »Denkverbot« unterliege. Rechtskonservative brüsten sich deshalb, die »Political Correctness« zu missachten – vor allem, wenn die »Tabus« vermeintlich von »68ern« dekretiert wurden.

Regelmäßig wird die These wiederholt, Frauen seien gar nicht mehr benachteiligt und die Frauenemanzipation sei abgeschlossen. Unklar bleibt, wie sich dies mit der Tatsache der ungebrochenen, bei einem Blick in die Führungsetagen offensichtlichen Übermacht von Männern in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien in Einklang bringen lässt. Angela Merkel und Anne Will zum Trotz ist unter den 186 Vorständen der Dax-Unternehmen eine einzige Frau. Der weibliche Anteil liegt hier also bei gerade einmal 0,5 Prozent.

Im Kampf um die Deutungshoheit versuchen Antifeministen, Worte wie »Befreiung« oder »Geschlechterdemokratie« für sich zu beanspruchen. Sie präsentieren sich dabei als die neuen Bürgerrechtler, als Bewahrer zivilgesellschaftlicher Werte. So trägt der rechte Online-Auftritt Die freie Welt den harmlosen und irreführenden Untertitel »Die Internet- und Blogzeitung für die Zivilgesellschaft«. Eine andere Publikation nennt sich Eigentümlich frei – die Macher betrachten sich als Libertäre, sprachlich wie personell aber gibt es Überschneidungen etwa zur Jungen Freiheit.

Eine weiteres Argumentationsmuster stützt sich auf Biologismen. Sachbücher, in denen Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, feiern riesige Verkaufserfolge. Ausgesuchte Hinweise auf Hirnforschung oder Verhaltensbiologie untermauern fragwürdige Behauptungen zur Geschlechterdifferenz. So entstehen klar strukturierte, angeblich »natürliche« Rollenstereotype und ein polarisiertes Muster von Zweigeschlechtlichkeit, das nicht der realen Vielfalt entspricht. Den Befürwortern des Gender Mainstreaming wird umgekehrt vorgehalten, eine »anthropologische Neutralisierung« anzustreben und die Fakten der Biologie zu leugnen.

Auch anti-etatistische Denkfiguren finden sich unter den Männerrechtlern. Im deutschen Parteienspektrum sind diese vor allem in der FDP, in Österreich in der FPÖ zu Hause. Barbara Rosenkranz, die gescheiterte Kandidatin der einstigen Partei Jörg Haiders bei der Bundespräsidentschaftswahl, hat nicht nur einen umstrittenen rechtsextremen Ehemann und zehn Kinder, die zum Beispiel Sonnhild oder Hildrun heißen, sondern auch ein ganzes Buch gegen den »Gender-Wahn« verfasst. Unter Berufung auf »freiheitliche« und zivilgesellschaftliche Prinzipien polemisiert sie gegen staatliche Bevormundung und warnt vor »Umerziehung« durch öffentliche Institutionen, die sich in die Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau einmischten. An diesem Punkt treffen sich Männerechtler mit christlichen Fundamentalisten, die vor »staatlicher Herrschaft über die Kinderbetten« warnen. Organisatorisch haben diese beiden Strömungen wenig mitei­nander zu tun, gemeinsam aber ist ihnen, dass sie Ressentiments gegen alles schüren, was vom bösen Staat kommt.

Die Diskutanten in den einschlägigen Internetforen sind überwiegend keine Neonazis. Allerdings ergeben sich immer wieder Überschneidungen und Verbindungen zu entsprechenden Kreisen und Publikationen. Eindeutig rechts­extrem ist die Webseite free-gender.de, auf der sich Mitglieder und Sympathisanten der Initiative »Raus aus den Köpfen – Genderterror abschaffen« präsentieren. Gender Mainstreaming, so heißt es dort, sei »eine unbekannte Gefahr, die sich seit gut 25 Jahren immer tiefer in den politischen Alltag der BRD und der restlichen Welt hineingebohrt hat«. Die vor allem in Ostdeutschland aktive Gruppe veranstaltet »Aufklärungsvorträge« zum Gender-Thema, besucht aber auch Treffen von Neonazis, wie zum Beispiel das »Fest der Völker« im September 2009 in Thüringen.

Eine längst überfällige »Publikation für die Zeit nach dem Feminismus« sei wiederum das Buch »Befreiungsbewegung für Männer«, ist sich dessen Mitherausgeber Paul-Hermann Gruner sicher. Der Redakteur beim Darmstädter Echo fordert »das Ende des weiblichen Geschlechtermo­nologs« und eine »offensive Interessenvertretung der Männer«. Die Kerngruppe der Autoren bil­dete im Dezember 2009 die Arbeitsgemeinschaft zur Verwirklichung der Geschlechter-Demokratie (Agens e.V.), der das »Berliner Mannifest« als politische Plattform dient. Das dürftige Positionspapier nennt als Ziel unter anderem den »gemeinsamen Dialog auf Augenhöhe zwischen der befreiten Frau und dem befreiten Mann«.

Sogenannte Männerbefreier mischen sich gerne unter bekannte Experten. Im Februar veranstaltete die Universität Düsseldorf den Kongress »Neue Männer, muss das sein? – Über den männlichen Umgang mit Gefühlen«. Von Me­dizinern und Therapeuten organisiert, war die Veranstaltung gewiss kein Treffen von Rechts­radikalen. Renommierte Redner wie der Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der Historiker Martin Dinges oder der Gesundheitswissenschaftler Elmar Brähler waren vertreten. Es referierte aber auch Gerhard Amendt, dessen Einladung Frauenaktivistinnen mit Interventionen beim Rektor und bei der Gleichstellungsbeauftragten zu verhindern versucht hatten.

Wenig Berührungsangst gegenüber Männerrechtlern zeigt auch die Konrad-Adenauer-Stiftung. Bei ihr arbeitet Agens-Mitglied Karl-Heinz van Lier, der im Sommer 2009 mit öffentlichen Geldern die Tagung »Ein Männeraufbruch ist überfällig« in Mainz organisierte. Auch hier eine Mischung aus rechten und vergleichsweise harmlosen Rednern: Das Spektrum reichte vom antifeministischen Blogger Arne Hoffemann über den zur Welt gewechselten ehemaligen Taz-Redakteur Robin Alexander bis zu Hartmut Steeb, dem Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, einer Dachorganisation pietistischer Gruppen, die am Wortlaut der Schöpfungslehre festhalten und gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung als psychische Störung betrachten.

In der »Männerbewegung« existieren tendenziell progressive und rückwärts gewandte Strömungen von jeher nebeneinander. Streit über traditionelle und moderne Selbstverständnisse hat es seit den siebziger Jahren immer wieder gegeben; ein einheitlicher Kurs war und ist nicht erkennbar. Einige der von Männerrechtlern skandalisierten Themen sind diskussionswürdig: Vor allem migrantische Jungen haben Schwierigkeiten in der Schule, nur Männer müssen zum Militär; es gibt Gesundheitsberichte über Frauen, aber keine über Männer; auch dass Gewalt nicht nur von Männern ausgeht, sondern sich eben auch überwiegend gegen sie richtet, ist ein zu wenig beachtetes Thema. Doch daraus lässt sich keine allgemeine Diskriminierung qua männlichem Geschlecht ableiten.

»Ein vermeintlicher Dialog, der von vorneherein mit klischeehaften Zuweisungen arbeitet, kann nur ein Monolog bleiben«, sagt der Freiburger Geschlechterforscher und Gewaltexperte Hans-Joachim Lenz. Auch er hat für den Sammelband der »Männerbefreier« einen Beitrag geliefert, sich aber anschließend vom »maskulinistischen Geplänkel« seiner Co-Autoren distanziert. Statt »berechtigte männerpolitische Anliegen« selbstbewusst zu vertreten, bedienten sich diese »tumber Pauschalisierungen«. »Verschwörungen fantasierend«, würden Männer »zum Opfer böser Frauen stilisiert«, urteilt Lenz.

Das Männer-Thema bekommt unter der schwarz-gelben Bundesregierung auffällig mehr Gewicht. Verschlafen Sozialdemokraten, Grüne und Linkspartei etwa ein Politikfeld der Zukunft? Eine Idee muss zumindest nicht grundsätzlich falsch sein, nur weil sie der politische Gegner mangelhaft in die Praxis umgesetzt hat. Männerpolitik, die sich eindeutig von rechtskonservativem oder gar rechtextremem Gedankengut distanziert, kann konfrontativen Antifeministen den Wind aus den Segeln nehmen. Der Gestus des Tabubrechers, der angebliche »Denkverbote« missachte, wäre ebenso erschwert wie die Umdeutung einst progressiver Begriffe.

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