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Catrin Dingler: Alessandro Dal Lago über Roberto Saviano und dessen Bestseller »Gomorrha«

»Der Heldendiskurs gehört zur Rechten«

Der Soziologe Alessandro Dal Lago hat sich in Italien viele Feinde gemacht, weil er es wagte, den italienischen Autor Roberto Saviano zu kritisieren, der mit seinem Bestseller »Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra« weltberühmt wurde. Saviano, der wegen seines Buches über die Kriminalität der süditalienischen Mafia Todesdrohungen erhält, wird von vielen Italienern als Held gefeiert. Dal Lago bezeichnete ihn dagegen als »Papierhelden« und hat damit große Entrüstung ausgelöst.

Interview: Catrin Dingler

Ministerpräsident Silvio Berlusconi beschimpfte Roberto Saviano und andere Autoren, die über die Mafia schreiben, kürzlich wieder einmal als »Nestbeschmutzer«. Man wirft Ihnen deshalb vor, Sie attackierten den Autor des Bestsellers »Gomorrha« zum falschen Zeitpunkt.

Jeder andere Moment wäre genauso falsch gewesen. Ich habe meine Kritik letztes Jahr geschrieben, ich hätte sie ein Jahr früher oder ein Jahr später schreiben können – solange Berlusconi regiert, macht das keinen Unterschied. Er wird immer wieder auf diese Art der Rhetorik zurückgreifen. Übrigens habe ich niemanden attackiert. Eine Kritik zu formulieren, heißt nicht unbedingt, jemanden zu attackieren. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass man jedes Buch lesen, interpretieren und kritisieren kann.

In Ihrer Kritik geht es vor allem um das Wechselverhältnis von literarischer Konstruktion und medialem Erfolg. Was genau halten Sie daran denn für besonders problematisch?

Zuerst stellt sich die Frage, mit welchem literarischen Genre wir es hier zu tun haben. Allgemein verbreitet ist die Meinung, Saviano erzähle die Wahrheit über die Camorra und über Neapel bzw. über die Rolle, die die Camorra in Neapel spielt. Ich frage mich schlicht, ob es sich dabei um eine historische, dokumentarische, ethnografische, soziologische oder biografische Wahrheit handelt. Dem Buch wird ein besonderer dokumentarischer Wert zugesprochen. Ich aber weise nach, dass die Dokumentation größtenteils fiktiv ist. Gegenüber der journalistischen Darstellung gewinnt die Rolle des Ich-Erzählers zunehmend an Bedeutung. Grundsätzlich ist nichts gegen eine Doku-Fiktion einzuwenden, im Gegenteil, dieses hybride Genre kann sehr nützlich sein. Weil aber »Gomorrha« von Anfang an als soziale, ökonomische und moralische Anklage gegen die Camorra interpretiert wurde, frage ich mich: Ist dieser Anspruch gerechtfertigt?

Können Sie eine Episode aus »Gomorrha« nennen, auf die Sie ihre Zweifel gründen?

Das Buch beginnt mit der Legende von den Chinesen, die nie sterben. Dieses Ammenmärchen wurde von antirassistisch engagierten Journalisten kritisiert und entbehrt jeder Grundlage. Ist ein Buch glaubwürdig, das vorgibt, die Wahrheit über die Camorra zu erzählen, aber mit der Kolportage eines Vorurteils beginnt? Wenn diesem Buch geglaubt wird, warum wird ihm geglaubt? Ausgehend von diesen Fragen analysiere ich die verschiedenen Erzählmechanismen. Ehrlicherweise muss ich hinzufügen, dass ich gleichzeitig meine Abneigung gegen den Erzählstil des Autors zum Ausdruck bringe. Ich halte vor allem seine Sprache für demagogisch und populistisch.

Sie werfen Saviano vor, er erteile der poltischen Macht eine »Absolution«, indem er die Mafia als moralisches Problem darstelle.

Wer von der Mafia spricht, ohne ihre Verbindung zur Politik explizit zu machen, verschließt die Augen vor der Realität. Der moralische Diskurs hat etwas Tröstliches: Die Camorra ist immer das absolut Böse, das dem Staat absolut Entgegengesetzte. Weder in »Gomorrha« noch in seinen späteren Artikeln äußert sich Saviano explizit zu den engen Verbindungen zwischen Mafia und Politik, obwohl richterliche Untersuchungen den Verdacht erhärten, das die italienischen Geheimdienste an Mafia-Attentaten beteiligt waren.

Kommt Saviano nicht immerhin das Verdienst zu, die kriminellen Geschäfte der Casalesi-Clans und ihre Verflechtung mit legalen Industriezweigen bekannt gemacht zu haben?

Das ist die gängige Meinung. Ich habe bezüglich Savianos Enthüllungen über das Verhältnis von Kriminalität und globalisierter Wirtschaft meine Zweifel. Seine Darstellung ist aufsehenerregend und verharmlosend zugleich. Die Camorra ist bei ihm eine Wucherung des Bösen, eine »Pest«. Mit seinen Metaphern greift er auf folkloristische, rassistische Bilder zurück. Er verwendet Stereo­type und altbekannte Klischees.

Wurde »Gomorrha« deshalb ein Weltbestseller?

Savianos Erfolg hängt mit der Bedrohung durch die Camorra zusammen. Beispielsweise werden auf der Buchrückseite der englischen Ausgabe verschiedene Kritiker und Rezensenten zitiert, und fast alle verwenden das Wort »Held«. Das jemand unter heroischen Bedingungen schreibt, wirkt faszinierend.

Aufgrund der Todesdrohung seitens der Camorra gilt er in Italien als nicht kritisierbar. Erklärt sich die quasi religiöse Verehrung Savianos auch aus der katholischen Tradition des Landes?

Nein, ich denke nicht, dass sich diese Heldenverehrung aus der katholischen Kultur ableiten lässt. Im Katholizismus gibt es die Figur des Heiligen und die Heiligsprechung, aber das ist etwas anderes. Der Heldendiskurs gehört traditionell zur Kultur der Rechten. In Bezug auf Saviano wird die Heldenverehrung auch von der Linken mitgetragen. Man hält meiner Kritik daran entgegen: Gab es nicht auch Helden in der marxistischen Tradition? Hat Trotzki die Soldaten der Roten Armee etwa nicht als Helden beschworen? Diese Argumentation macht keinen Sinn, es geht mir in meiner Kritik um das Heldentum als kulturelle Kategorie, um den Heldenmythos. Der Mythos vom Helden ist entweder romantisch-regressiv im Stile eines Thomas Carlyle oder faschistisch.

Saviano betont, dass er sich als Schriftsteller an Autoren der konservativen Kulturtradition geschult hat und häufig auch Julius Evola liest, einen Helden der neofaschistischen Rechten.

Dass jemand zu wissenschaftlichen Zwecken Evola liest, halte ich für absolut legitim. Es kommt darauf an, welche Bedeutung man diesen Autoren zukommen lässt. Der Heldendiskurs ist ein Diskurs der Rechten, den sich die Linke seltsamerweise zu eigen macht, vielleicht ohne es zu merken, vielleicht ist ihr auch das historische Bewusstsein abhanden gekommen.

Sie behaupteten, Saviano verhalte sich komplementär zum Berlusconismus. Inwiefern?

Mit Berlusconismus bezeichne ich ein kulturelles Regime, das auf vermeintlich unversöhnlichen Gegensätzen basiert. Berlusconi beharrt beispielsweise auf dem Gegensatz von Freiheit und Kommunismus. Saviano verwendet dieselben linguistischen Codes: die Macht seines Wortes gegen die Macht der Camorra. Dass auch die Linke Berlusconis binäre Kodierung übernimmt, in der politischen Diskussion auf jede soziale Kategorie verzichtet, stattdessen jede Debatte auf die Unterscheidung zwischen Gut und Böse reduziert, bringt sie in eine subalterne Position. Daran zeigt sich die kulturelle Verarmung der Linken.

Die einzige politische Alternative in Italien ist demnach eine linkspopulistische Variante Berlusconis?

Dass Saviano für viele Linke zu einer Ikone werden konnte, erklärt sich aus der Frustration, dass es keine politische Linke gibt, die dem Triumph der Rechten etwas entgegenzusetzen hätte. Das alte Mitte-Links-Bündnis ist an einem toten Punkt angelangt. Das zeigt sich auch an der fast hysterischen Reaktion auf mein Buch: Man kritisiert mich nicht für das, was ich über Saviano schreibe, sondern dafür, dass ich überhaupt über Saviano schreibe, dass ich das kulturelle Klima Italiens und die politische Bedeutung der Identifikation des Publikums mit dem Schriftsteller-Helden demaskiere.