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Jan Gerber: Über Affenrechte und die Entmündigung der Menschen

Rückkehr zum Planet der Affen

Die Debatte um das Verhältnis von Mensch und Tier und um das missing link fällt nicht zufällig zusammen mit der Diskussion um Sterbehilfe und die Entmündigung von Sozialfällen.

von Jan Gerber

Was ist ein Mensch? Wer diese Frage stellt, dem ist in der Regel nicht an Erkenntnis gelegen. Ihm geht es vielmehr darum, jemanden aus der Menschheit ausschließen zu können. Die Rede vom Menschen, der wahlweise kämpferisch, triebhaft, edel, hilfreich oder gut sei, ist die Kampfansage an all jene, die diesem Bild nicht entsprechen. So fielen der Idee des »neuen sozialistischen Menschen« diejenigen zum Opfer, die nicht als Abziehbild für die Ikonografie des Sozialistischen Realismus taugten: russische Kulaken, kambodschanische Brillenträger, albanische Alkoholiker usw. Die Euthanasie der Nazis wurde mit Plakaten vorbereitet, auf denen geistig Behinderte mit Affen gleichgesetzt wurden.

Auch der Vorschlag des Veganer-Papstes Peter Singer, großen Menschenaffen wegen ihres Verwandtschaftsverhältnisses zum Homo Sapiens Menschenrechte zu verleihen (»The Great Ape Project«), zielt nur auf den ersten Blick auf Integration. Sein Plädoyer für die Aufnahme von Gorilla, Schimpanse & Co. in die »Gemeinschaft der Gleichen« geht in Wahrheit mit dem Versuch einher, andere aus dieser Gemeinschaft auszuschließen. Das Leben eines Schimpansen, so Singer, besitze »einen höheren Stellenwert« als das Leben bestimmter geistig Behinderter. Von dieser Aussage ist es nicht mehr weit bis zu Singers Plädoyer, über die Grenzen zwischen »verzichtbarem« und »unverzichtbarem« Leben – ergo: Euthanasie – nachzudenken. Wenn vom Menschen im Plural gesprochen wird, ist es mit anderen Worten Zeit, die Koffer zu packen.

Die Antwort auf die Frage, wann der Mensch ein Mensch ist, wird in jüngster Zeit zwar vordergründig in der Biologie gesucht: in den Genen, Hirnströmen, motorischen Fähigkeiten, Schädel- oder Beckenformen. Als die Affenforscherin Jane Goodall vor einigen Jahren in Analogie zu Singer forderte, die Erklärung der Menschenrechte auch auf Menschenaffen auszuweiten, begründete sie ihr Engagement mit dem Hinweis, dass sich Schimpansen nur um einen Prozentpunkt ihrer DNA von den afrikanischen Sklaven der Neuzeit unterscheiden würden. Es ist jedoch kein großes detektivisches Gespür nötig, um hinter den Debatten über Biologie, Natur und Herkunft des Menschen eine Diskssuion über den gesellschaftlichen Status quo zu entdecken. So wird die Frage nach der Beschaffenheit des Menschen nicht nur in den Diskussionen um pränatale Diagnostik und Sterbehilfe mit der Verwertungsfähigkeit des jeweiligen Individuums beantwortet.

Auch die Freunde des »Great Ape Project« verweisen bei ihren Forderungen nach der Gleich­behandlung von Mensch und Primat nicht zuletzt darauf, dass auch Affen in der Lage seien, stumpfsinnige Fließbandarbeit zu verrichten: Ein Schimpanse benutzt einfache Werkzeuge, ist fähig, aus mehreren Gegenständen den mittleren auszuwählen, und kann die Grundbegriffe der Gebärdensprache erlernen. Vergessen wurde nur, dass derselbe Schimpanse, wie Uli Krug vor einigen Jahren schrieb, »vermutlich auch fähig ist, eine Stempelkarte in die Stechuhr einzuführen«. Die »rationale Ethik«, auf die sich Singer und andere berufen, ist die verinnerlichte Ethik der kapitalistischen Rationalisierung.

Eine solche Bestimmung des Menschen nach Maßgabe seiner Verwertbarkeit ist bereits in der Idee der Menschenrechte angelegt. So müssen die Verkäufer von Arbeitskraft, nach denen die bürgerliche Produktionsweise verlangt, rechtlich freie und gleiche Personen sein. Ein Leibeigener kann seine Arbeitskraft nicht auf dem Markt anbieten, weil er nicht frei über sie verfügen kann. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1789 symbolisiert nicht nur die Befreiung aus den Zwängen von Sippe, Stand und feudaler Willkürherrschaft, sie steht historisch zugleich für die Einsetzung der Menschen als Warensubjekte. Freiheit, Eigentum, Sicherheit, die ersten drei »natürlichen und unveräußerlichen Menschenrechte« von 1789, beziehen sich auf die Freiheit, die Ware Arbeitskraft – den Kern des Privateigentums an sich selbst – unter dem schützenden Blick des ideellen Gesamtwachtmeisters Staat auf dem Markt anbieten zu können.

Diese Rechte sind zugleich Pflichten: Wer nicht in der Lage ist, seine Nützlichkeit unter Beweis zu stellen, fällt in letzter Konsequenz aus der Menschheit heraus. Auf den wenigen Wohlstandsinseln geht die Entmündigung, mit der zu rechnen hat, wer aufgrund psychischer Erkrankung nicht für seine Reproduktion sorgen kann, mit dem Verlust von Freiheit und Eigentum einher. Wer im falschen Teil der Erde geboren wurde, fiel wegen seiner ökonomischen Überflüssigkeit ohnehin nie in den Geltungsbereich von »Freiheit, Eigentum, Sicherheit«.

In dem Maß, in dem die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr als Vorstufe zum Himmel auf Erden, sondern nur noch als weiteres Kapitel einer unendlichen Geschichte wechselseitiger Quälereien erscheint, verlieren die Menschenrechte ihren überschießenden Gehalt. Sie stehen immer weniger für die Befreiung aus personaler Abhängigkeit, sondern nur noch für die Betrachtung unter dem Kriterium der Nützlichkeit. Unter den Erfordernissen der allgemeinen Konkurrenz fallen die Menschen, wie Max Horkheimer in den sechziger Jahren erklärte, auf den Status einer besonders geschickten, raffinierten Tierrasse zurück.

So kommt das Zielpublikum von RTL 2 bei seinen täglichen Verrichtungen längst mit jenen 1 000 Worten aus, die clevere Affen angeblich in Gebärdensprache erlernen können. In den einschlägigen Politgruppen, Werbeagenturen und Betriebskantinen haben sich jene Verhaltensmuster durchgesetzt, die auch in Orang-Utan-Cliquen beobachtet werden können. Soll heißen: Mit ihrer Forderung nach der Gleichsetzung von Mensch und Tier affirmieren die Freunde des »Great Ape Project« eine Entwicklung, die längst auf der Tagesordnung steht. Das Verlangen nach der Verleihung von Menschenrechten an die Insassen der einschlägigen Affenhäuser ist Ausdruck einer an sich selbst irre gewordenen Gesellschaft. Die erste und die zweite Natur fallen zusammen; Verwertung und Natur werden identisch.

Die große Stunde der Debatten um die Unterscheidung von Mensch und Tier, den Beginn oder das Ende menschlichen Lebens schlägt dementsprechend regelmäßig in Zeiten der Krise. Figuren wie Peter Singer werden massenkompatibel, wenn sich die Betreuung von Arbeitslosen oder Behinderten von einem Luxus, den sich der Staat leistet, in eine finanzielle Belastung verwandelt. Die Forderung nach Sterbehilfe für Schwerstbehinderte und Wachkomapatienten trifft auf besonderes öffentliches Verständnis, wenn die Krankenkassen schon die Bezahlung von Zahnersatz als Zumutung empfinden. Und auch das Einsickern der fachwissenschaftlichen Frage nach dem missing link zwischen Affe und Mensch ins Feuilleton, wie wir es derzeit beobachten können, dürfte nicht zufällig mit den Debatten um Sterbehilfe, pränatale Diagnostik oder die Entmündigung von Sozialfällen einhergehen. Die entsprechenden Sonderhefte und Themenabende der Infotainment-Programme liefern den historiografischen Soundtrack der sozialhygienischen Debatten um die Beschaffenheit des Menschen. Hier können sich die Zuschauer schon einmal an das gängige Vokabular von natürlicher Auslese, Untergang und dem Überleben des Stärkeren gewöhnen.

Im Unterschied zur heutigen Menschenrechts- und Veganismus-Linken sprach Karl Marx weniger vom Menschen als von den Produktionsverhältnissen. Er bezweifelte zwar nicht, dass den Menschen ein Natursubstrat innewohnt. Worin diese natürlichen Eigenschaften bestehen und in welchem Verhältnis sie zu den gesellschaftlich bedingten Bedürfnissen stehen, war ihm jedoch herzlich egal. Ihm ging es darum, die Verhältnisse umzuwerfen, in denen Plackerei, Existenzangst und Hunger fortgeschrieben werden, obwohl sie nach dem Stand der Produktivkräfte längst überflüssig sind.

Vor diesem Hintergrund wäre das missing link zwischen Menschheit und Tierreich gar nicht so sehr in prähistorischen Höhlen zu suchen. Es dürfte vielmehr dort zu finden sein, wo die »Rückkehr zum Planet der Affen« nicht, wie in Ted Posts gleichnamigem Film von 1970, als Schreckens­vision, sondern als Wunschbild erscheint. Dort also, wo man nichts mehr davon wissen will, dass sich menschliches Leben weder auf die Empfindung von Schmerz noch auf die Befähigung zu einfachster Industriearbeit beschränkt: in der Einheitsfront aus veganen Volxküchenbetreibern, Euthanasieanhängern und deutschen Gesundheitspolitikern.

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