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Carl Melchers: Saeed Ghaseminejad über den Israelhass iranischer Exiloppositioneller

»Alle waren sie gegen Israel«

74 prominente Exiliraner unterzeichneten kürzlich ein Solidaritätsschreiben für die Aktivisten der »Gaza Freedom Flotilla«, in dem sie behaupteten, das Vorgehen des israelischen Staates gegen die Blockadebrecher sei vergleichbar mit der Gewalttätigkeit der Islamischen Republik Iran. Die Ereignisse auf der »Mavi Marmara«, so der offene Brief der 74 Exiliraner, hätten gezeigt, dass »Israel von Natur aus nach Besatzung und Kampf« strebe. Saeed Ghaseminejad, Sprecher der Liberalen Studenten Irans und Direktor des Centre Iranien d’etudes du Liberalisme, hat diesen offenen Brief scharf kritisiert und einen bisher von 27 Exiliranern unterzeichneten Gegenbrief verfasst. Ghaseminejad ist Ingenieur und lebt in Paris.

Interview: Carl Melchers

Sie haben vor einer Woche einen offenen Brief verfasst, der sogar in der internationalen Presse diskutiert wurde – worum ging es da genau?

Unser offener Brief war eine Kritik des Statements von 74 iranischen Intellektuellen, die von sich behaupten, sie fühlten sich der oppositionellen »Grünen Bewegung« zugehörig. In ihrem Schrei­ben haben sie behauptet, der Kampf der »Grünen Bewegung« im Iran sei derselbe wie der Kampf der palästinischen Bewegung gegen Israel – was schlicht nicht stimmt. Ihre Stellungnahme war unfair und ungerecht. Die Grüne Bewegung im Iran ist eine gewaltfreie Bewegung. Die palästinensische Bewegung benutzt dagegen Gewalt in großem Ausmaß. Nicht nur gegen Israelis, sondern auch gegen die Palästinenser selbst. Ich habe gelesen, dass in der ersten Intifada etwa die Hälfte der palästinischen Opfer von Palästinensern getötet wurden – als Kollaborateure. Die Grüne Bewegung ist nicht so. Die Regierung prügelt, schießt, foltert und bringt Leute um, aber die Bewegung reagiert nicht mit Gewalt. Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen der Bewegung im Iran und der PLO oder der Hamas. Das wird in diesem Statement komplett ignoriert. Darin zeigen sich antiisraelische, aber auch antisemitische Tendenzen der iranischen Oppositionsbewegung und von uns Iranern, und die kritisieren wir.

Wer sind die Exiliraner, die diesen Solidaritätsbrief für die Free-Gaza-Aktivisten unterzeichnet haben?

Das sind meist Leute mit marxistischem oder islamistischem Hintergrund. In Iran haben wir eine Mischung von Marxismus und Islamismus. Die Revolution von 1979 war ja stark von beiden Ideologien beeinflusst. In beiden Bewegungen gibt es einen virulenten Antisemitismus, der sich vor allem in ihren Positionen gegenüber Israel äußert und im wesentlichen ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist, das nicht der historischen Beziehung zwischen Iranern und Juden entspricht.

Inwiefern ist dieser Antisemitismus ein modernes Phänomen?

Iran und das Judentum haben eine lange Geschichte von guten und friedlichen Beziehungen. Der berühmteste Aspekt dieser langen Geschichte ist die Eroberung Babylons durch Kyros den Großen, der im Alten Testament 22 Mal erwähnt wird. Kyros hat die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreit und ihre Rückkehr nach Jerusalem ermöglicht. Zurückgehend auf diese Zeit hat es immer eine besondere Beziehung zwischen Iranern und Juden gegeben. Diese Art von Antisemitismus, den man in Teilen der iranischen Gesellschaft und vor allem in bestimmten politischen und intellektuellen Kreisen findet, ist dieser Tradition völlig entgegengesetzt. Nehmen Sie zum Beispiel unsere Literatur. Literatur ist ein Spiegel unserer Gedanken, auch unserer versteckten Gedanken. Und in unserer traditionellen Literatur sind Juden nicht die bösen Charaktere.

Gelten im schiitischen Islam nicht Juden und andere religiöse Minderheiten als »unrein«?

Der moderne Antisemitismus im Iran, um den es hier geht, hat im wesentlichen vier Quellen. Davon ist der traditionelle islamische Antisemitismus, den es durchaus gibt, vielleicht nicht unbedingt die wichtigste.

Was sind die anderen Quellen?

Vor dem Zweiten Weltkrieg hat Reza Schah viele Studenten ins Ausland geschickt, vor allen nach Deutschland und Frankreich, wo die intellektuelle Atmosphäre stark vom Antisemitismus geprägt war. Die haben dann unter anderem dieses Gedankengut auch in den Iran zurückgebracht. Das ist die zweite Quelle. Die dritte Quelle ist der russische Kommunismus bzw. Stalinismus. Es gab ja einen russisch-nationalistischen Antisemitismus dort, Stalin war auch ein Antisemit, und auch unter Stalins Nachfolgern gab es die Verfolgung sogenannter Kosmopoliten und Zionisten. Stalin hatte einen ganz großen Einfluss auf die kommunistische Bewegung im Iran. Die Kommunisten dort wussten nicht besonders viel über Marx oder Lenin, aber sie bewunderten Stalin. Die vierte Quelle ist trimondistisch, sie entstammt also der Theorie der Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Nach dieser Sichtweise ist der Kampf der Palästinenser gegen Israel ein antikolonialer Kampf. Vor allem die beiden letztgenannten Strömungen haben die islamische Revolution von 1979 stark beeinflusst. Die meisten Führer der Revolution waren Antisemiten und haben nach der Machtübernahme den Kampf gegen Israel zum Staatsziel erklärt. Sowohl die neue revolutionäre Regierung als auch die neue Opposition waren antizionistisch. Abgesehen von den Monarchisten und Nationalisten bestanden alle politischen Strömungen aus antizionistischen Ideologen, es gab einen wahren Wettbewerb unter ihnen, wer antizionistischer war. Die Opposition war entweder marxistisch-leninistisch oder »islamo-marxistisch« wie die Volksmujahedin. Und die Regierung war islamistisch bzw. islamisch-fundamentalistisch. Alle waren sie gegen Israel. Aber das ist die Geschichte der Generation der Revolution.

Und dieser Generation entstammen auch die Unterzeichner der antiisraelischen Erklärung der 72 oppositionellen Exiliraner?

Ja, die meisten. Und ich muss auch sagen, dass ich bei einigen Unterzeichnern sehr überrascht war, dass sie ihren Namen unter so einen Brief setzen, wie etwa Ramin Jahanbegloo, ein erklärter Liberaler, der in Kanada lebt. Oder Majid Mohammadi, der in New York lebt. Oder der im US-Exil lebende ehemalige Studentenführer Ali Af­shari. Oder die säkulare Feministin Mehrangiz Kar. Bei anderen wie Akbar Ganji wundert es mich wiederum überhaupt nicht, das sind unverbesserliche Antizionisten. Einige Unterzeichner haben übrigens behauptet, sie hätten den Text gar nicht so genau gelesen, sie hätten ihn einfach nur unterschrieben. Aber sie sagen das nicht öffentlich.

Inwiefern ist die in diesem offenen Brief geäußerte Kritik an Israel antisemitisch?

Die Israelkritik ist weitgehend ein »Hijab«, eine Verschleierung antisemitischer Positionen. Wenn man nicht offen antisemitische Sachen sagen will, sagt man typischerweise etwas gegen Israel. Ich glaube, dass man prinzipiell schon legitime Kritik an der Politik Israels üben kann, ohne antisemitisch zu sein, aber hier ist das wohl nicht der Fall. Das merkt man vor allem daran, dass diese Intellektuellen immer nur Menschenrechtsverletzungen in Israel anprangern. Von China oder Russland reden sie nie, selbst wenn dort die Menschenrechte von Muslimen gebrochen werden. In einer Debatte hat einer von ihnen behauptet, in Israel herrsche Apartheid. Wenn es in Israel einen arabischen Minister geben kann, wie kann man da von einem Apartheidsystem sprechen? In ihrem Statement haben sie jedenfalls nie von Frieden gesprochen, sondern davon, dass sie den Palästinensern den Sieg wünschen. Ich habe mich gefragt, von welchen Palästinensern sie da sprechen und wie dieser Sieg wohl aussehen soll. Es ist schon fast unheimlich, wie wenig sie sich in dieser Angelegenheit von Ahmadinejad unterscheiden.

Bestreiten sie wie Ahmadinejad Israel das Existenzrecht?

Sie haben jedenfalls nie gegen die Hamas protestiert. Ich denke, dass manche von ihnen glauben, Israel habe kein Recht zu existieren. Zum Beispiel hat Mohsen Kadivar, ein weiterer Unterzeichner und der bekannteste Schüler Montazeris (vgl. Jungle World 2/2010), neulich sogar behauptet, die Demonstranten im Iran hätten die Parole »In Gaza wie im Libanon, ich sterbe für Iran« gerufen. Das ist nicht nur gelogen, es ist eine infame Verdrehung der Tatsachen. Auf mehr als 90 Youtube-Videos kann man sehen, wie die Menschen »Nicht für Gaza, nicht für Libanon, nur für Iran sterbe ich!« rufen – diese Parole ist eine Absage an den islamistischen Internationalismus der islamischen Revolution. Das ist die wichtigste außenpolitische Parole der Bewegung.

Unglücklicherweise sind die meisten persischen Medien im Ausland in den Händen von Leuten, die versuchen, unsere Stimme zu zensieren. Wir haben unser Statement zu Radio Farda, BBC Persian, RFI, Radio Deutsche Welle und Radio Zamaneh geschickt, alles Sender, die von der US-Regierung oder europäischen Regierungen gesponsort werden. Aber diese Medien haben bislang nichts berichtet, während sie alle das anti­zionistische Statement der 72 Marxisten und Islamisten mit großer Freude und Aufregung besprochen haben. Und das ist kein Einzelfall, sondern typisch. Ich frage mich schon, was es soll, wenn das Geld von Steuerzahlern im Westen dazu benutzt wird, um den Antizionismus im Iran noch zu stärken.

Wer sind denn die Unterzeichner Ihres Gegenbriefs?

Fast alle sind jung, die meisten sind Studenten. Sie sind die Kinder der islamischen Revolution und aufgewachsen unter der Islamischen Republik. In dieser Generation findet man so viele Gruppen und Individuen, die an Frieden im Nahen Osten glauben, die nicht antisemitisch denken, die glauben, dass sowohl Israelis als auch Palästinenser ein Recht auf ein eigenes Land haben und in Frieden zusammen leben können – also Leute, die nicht glauben, dass Israel unser Feind ist. Sie glauben nicht an diese Art von islamischem Internationalismus, sondern, dass dies nicht unserem nationalen Interesse entspricht. Ganz im Gegenteil – sie glauben, dass Israel und Iran natürliche Verbündete sind.

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