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Magnus Klaue: Alles Fake. Zum Kommunismus-Kongress in der Volksbühne

Alles nur Fake

Je ferner sein Glücksversprechen rückt, umso emphatischer wird der Kommunismus beschworen. Ein Nachtrag zum Kommunismus-Kongress in der Berliner Volksbühne.

von Magnus Klaue

Keine Jahreszeit eignet sich besser zur Massenmobilisierung linker Berufsjugendlicher als der Berliner Sommer. Durch die unverwechselbare Mischung aus Kiezhitze, Party­lärm und Grillgeruch ausreichend geistig gedimmt, kommt die selbsternannte prekäre Boheme in diesen anstrengenden Monaten ganz zu sich. Kein überflüssiges Großereignis wird ausgelassen, um in hundert ähnlichen Variationen sich selbst und immer nur sich selbst begegnen zu können. Nur wer die Ankündigung von »48 Stunden Neukölln« nicht als Drohung, sondern als Werbung wahrnimmt und die Verwandlung von Cafés in großleinwandzentrierte Klassenzimmer für eine Bereicherung des öffentlichen Lebens hält, vermag die Dreistigkeit aufzubringen, ausgerechnet an einem als Bühne des Volkes bezeichneten Ort den Kommunismus zu beschwören. Kommunismus, so wird naiv und konformistisch zugleich nahegelegt, sei doch im Grunde nichts anderes als ein endloses fröhliches Gemeinschaftserlebnis und daher Sache des Volkes. Wer dem widerspricht, ist ein Spielverderber oder, wie das heute beliebteste Schimpfwort lautet, ein Kritiker.

Zur Natur des Kritikers gehört es, nichts gelten zu lassen und jede kleine Freude ihrer Schalheit zu überführen. Der Kritiker ist ein notorischer Rechthaber, weil er notorisch Recht hat. Kommunistisch dagegen ist es nach heute vorherrschender Meinung, noch im Schlimmsten das Gute, noch im größten Schwachsinn eine Idee und noch in der Wiederholung des Immergleichen den revolutionären Funken zu halluzinieren. Anders lässt die Melange von Freiheits­rhetorik und Wirklichkeitsleugnung sich nicht erklären, die am vorvergangenen Wochenende, verteilt auf diverse »Panels«, den Vertretern von Politik und Kultur in der Berliner Volksbühne unter dem Label »Kommunismus« als konsenstaugliche Zukunftsperspektive anempfohlen wurde. Da es irgendwie »kommunistisch« ist, Theorie und Praxis, wie das so heißt, »zusammenzudenken«, zerfiel das gesamte Wochenende in Theorie- und Praxispanels: Performancekünstler für die Praxis, Diskursfabrikanten für die Theorie. Wobei natürlich auch die Praxis irgendwie theoriegesättigt und die Theorie launig-performativ daherkommen muss. Mit Blick auf die erwünschte Breitenwirkung hatte man als Chefdenker die unvermeidlichen postmodernen Volkstribunen Slavoj Žižek, Alain Badiou und Antonio Negri gecastet, die schon allein deshalb theatralen Unterhaltungswert besitzen, weil sie bei der absoluten Mehrheit linker Adepten einhellig als Vertreter einer intellektuellen Minderheit gelten.

Über Negri muss man nichts mehr wissen, seit seine Gegenüberstellung von »Empire« und »Multitude«, von parasitärem globalen Finanzkapital und produktiver Weltgemeinschaft, links wie rechts zum festen Bestandteil apokalyptischer Krisenrhetorik avanciert ist. Über Badiou und Žižek sollte man wissen, dass beide im reifen Alter den christlichen Fundamentalismus und dessen Nützlichkeit zum Zweck einer vermeintlich linken Bewegungspolitik entdeckt haben. Žižek, dessen frühere psychoanalytische Ausflüge in die neue und alte Populärkultur von Wagner bis Matrix mitunter originelle Erkenntnisse bereithielten, ist mittlerweile zu einer Art christlichem Leninisten mutiert und propagiert Askese und Selbstzucht als authentischen Weg zur Freiheit.

In einem rechtzeitig zum Kongressbeginn in der taz erschienen Warmup-Interview gab er zu Protokoll, die »Linke« dürfe die Affirmation von »Disziplin, Kampfbereitschaft und Opfer« nicht länger »der extremen Rechten« überlassen, schwadronierte über »Cola light, Bier ohne Alkohol und Kekse ohne Fett« als Dekadenzsymptome, beklagte die Uneigentlichkeit einer Gesellschaft, in der alles »Fake« geworden sei, und attestierte dem deutschen Führer, ein »Feigling« gewesen zu sein, um seine Vorstellung vom Kommunismus adäquat in dem Satz zusammenzufassen, Gandhi sei »radikaler« als Hitler gewesen. Badiou wiederum hat seit geraumer Zeit ausgerechnet Paulus als Vordenker des »revolutionären Ereignisses« für sich entdeckt und bescheinigt, ähnlich wie Žižek, dem christlichen Antijudaismus eine progressive Funktion beim Kampf für einen »Universalismus«, der offenbar nur als Kampf gegen den Individualismus des Judentums gedacht werden kann.

Die Philosophin Cécile Winter, ebenfalls in der Volksbühne zu Gast, wurde in Frankreich durch ihre Behauptung berühmt, Claude Lanzmanns Diktum, die Juden seien von den Nationalsozialisten nicht als x-beliebige Außenseiter, sondern »als Juden« verfolgt und ermordet worden, folge selbst »der Sichtweise der Nazis«. Einig sind sich alle drei in der Überzeugung, dass die vor allem von der Kritischen Theorie, aber etwa auch von Jean-Paul Sartre vertretene Ansicht, wonach die Auseinandersetzung mit dem antisemitischen Wahn selbst das Apriori jedes Kommunismus sei, im Namen der »Idee des Kommunismus« selbst endlich verabschiedet werden müsse. Nur in diesem Zusammenhang ist die absurde Rehabilitierung des Christentums, die Badiou und Žižek betreiben und die selbst konformistischen Kulturlinken eigentlich ein Greuel sein müsste, angemessen zu verstehen.

All dies könnte längst wissen, wer es wissen will. Die antijudaistischen und negationistischen Elemente im Denken von Winter und Badiou sind bereits vor drei Jahren in einem Essay von Philippe Zard in der französischen Zeitschrift Plurielles ausführlich dargestellt worden; die in den deutschen Übersetzungen von Žižeks Büchern getilgten antijüdischen Passagen kann seit einigen Wochen jeder im Online-Magazin Perlentaucher nachlesen.

Dass auf die von ihnen allen betriebene Austreibung der Antisemitismuskritik im Rahmen der Volksbühnen-Veranstaltung lediglich in einigen antideutschen Flugblättern hingewiesen wurde, macht deutlich, wie bis ins Innerste korrumpiert der hier propagierte Begriff von Kommunismus ist. Offenbar ist die »Idee des Kommunismus«, die der Kongress im Titel trug, selbst nur noch denkbar als autoritäres Gemeinschaftsprojekt auf Grundlage des Ausschlusses jenes Nicht-Identischen, als dessen Repräsentanten seit jeher die Juden figurierten. Je illusorischer die vom Kommunismus avisierte freie Assoziation der Individuen, die bestimmte Negation jedes Begriffs von Gemeinschaft, heute erscheint, umso euphorischer werden ihre autoritären Substitute bejubelt. Wo immer die »Idee des Kommunismus« auch bewahrt sein mag, ihre Freunde erkennt man zunehmend nur noch daran, dass sie solchen Ereignissen fern bleiben.