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Karl Pfeifer: Jeffrey Herf im Gespräch über islamistische Formen des Antisemitismus

»Das Bild der Dritten Welt wird sich verändern«

Jeffrey Herf ist Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität von Maryland, USA. Er forscht und publiziert zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, vor allem zu National­sozialismus und Holocaust sowie ihren Nachwirkungen. Als bisher einziger seiner Titel auf Deutsch erschienen ist »Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland« (Propyläen 1998). Zuletzt erschien sein Buch »Nazi Propaganda for the Arab World« (Yale Univer­sity Press 2009).

Interview: Karl Pfeifer

Sie haben Ende Mai an der Konferenz »Arabische Antworten auf Faschismus und Nazismus« an der Universität Tel Aviv teilgenommen. Was haben Sie da erfahren?

Ich hatte verschiedene Eindrücke. Es gab Historiker, vor allem aus Israel, die Arbeiten vorstellten, in denen sie überzeugende Beweise dafür präsentierten, dass es in den dreißiger und vierziger Jahren politische und intellektuelle arabische Persönlichkeiten gab, die dem Nationalsozialismus und dem Faschismus öffentlich entgegen traten. Ich traf aber auch Historiker des modernen Nahen Ostens, die angesichts der Erkenntnisse, die meistens von Historikern, die zum Nationalso­zialismus forschen, aber auch von israelischen Historikern erbracht werden, große Schwierigkeiten haben, ihr etabliertes Paradigma der Erklärung der arabischen und islamistischen Politik aufrecht zu erhalten.

Der Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn vertrat 1962 in seinem klassischen Werk »The Structure of Scientific Revolutions« die Auffassung, dass Wissenschaftler an einmal etablierten Paradigmen festhalten und oft harten Widerstand gegen wissenschaftliche Beweise leisten, die nicht ihre Anschauungen stützen. Das war nach Kuhn in der Geschichte der Physik der Fall. Heute ist das so bei den Anhängern des Paradigmas, das mit den Schlüsselwörtern »Dritte Welt«, »Antiimperialismus«, »Orientalismus« und im Fall des Nahen Ostens mit dem Begriff »Antizionismus« auftritt. Diese Historiker halten verbissen an ihrer Meinung fest, wenn man sie mit wissenschaftlichen Belegen dafür konfrontiert, dass einige sehr wichtige arabische, palästinensische und islamistische Führer wie Hadj Amin al-Husseini enthusiastisch, willig und effektiv mit dem deutschen Naziregime zusammenarbeiteten, dessen Hass gegen Juden teilten und eine wichtige Rolle spielten bei der Fusion der nationalsozialistischen und islamistischen – nicht islamischen – Formen des Antisemitismus.

Ich habe in meinem jüngsten Buch »Nazi Propaganda for the Arab World« Beweise für diese Kollaboration in Hülle und Fülle erbracht. Das taten auch Klaus Gensicke, Martin Cüppers und Klaus Michael-Mallmann, Matthias Küntzel, Meir Litvak und Esther Webman, Zvi Elpeleg und andere. Trotzdem hörte ich einen Teilnehmer dieser Konferenz sagen, solche Beweise schädigten die ara­bische und palästinensische Sache – auch wenn sie wahr seien, und daher solle man sie nicht präsentieren. Andere nahmen Zuflucht zu den Aussagen des existierenden Paradigmas, hatten jedoch keine überzeugenden Antworten auf die wachsende Menge unbequemer Gegenbeweise. Für mich war die jüngste Tel Aviver Konferenz ein Kapitel in einer größeren Geschichte, die sich in den kommenden Jahren fortsetzen wird, nämlich die der Widerlegung der konventionellen linken und linksliberalen Weltsicht mit ihren verschiedenen Variationen des Antizionismus im Nahen Osten, in Europa und in den USA. Das Pardigma beginnt sich zu verändern.

Warum gibt es so viel Widerstand dagegen?

Viele Einzelheiten der Kollaboration von Husseini mit den Nazis sind seit Jahrzehnten bekannt. Aber das Bild von der der Dritten Welt half, ihn aus den Reihen der Nazi-Kollaborateure in das Pantheon der Revolutionäre der Dritten Welt zu versetzen, die gegen den westlichen Imperialismus kämpften. Wie ehemalige Nazis in Europa nach 1945 haben Husseini und andere hart daran gearbeitet, ihre Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust weißzuwaschen. Sie hatten aber den Vorteil, dass sie ihren Hass gegen Juden mit den Slogans des Antiko­lonialismus rechtfertigen konnten.

Einigen Historikern der Region fällt es anscheinend schwer anzuerkennen, dass Antisemitismus außerhalb Europas zutage treten kann, oder dass der Islamismus im gleichen Verhältnis zum Islam steht wie der Nationalsozialismus zum Christentum. Keiner von den beiden war eine einfache Verlängerung der vorhergehenden reli­giösen Tradition, aber keiner hätte ohne deren Radikalisierung und selektive Interpretation entstehen können. Den Historikern, die noch von Edward Said und der Dritten Welt fasziniert sind, fällt es schwer, sich vorzustellen, wie Robert Wis­trich unlängst dargelegt hat, dass sich der Schwerpunkt des globalen Antisemitismus von Europa in die arabische Welt und den Iran ver­lagert hat. Doppelte Standards machen sich bemerkbar. Wenn antisemitische Erklärungen von islamistischen politischen Persönlichkeiten wie Husseini kommen, werden sie nicht so ver­urteilt wie ähnliche Erklärungen von Antisemiten und früheren Freunden und Kameraden Husseinis im nationalsozialistischen Berlin, wie Himmler und den Beamten in Ribbentrops Auswärtigen Amt.

Zu welchen Schlüssen gelangte diese Konferenz?

Die Teilnehmer waren sich darin einig, verschiedener Meinung zu sein. Während der vergangenen Jahre haben mehrere Historiker in Deutschland, Israel sowie auch ich eine Masse von Beweisen für die Kollaboration zwischen Nazis und einigen Arabern und Islamisten vorgelegt. Niemand hat jemals behauptet, dass alle Araber oder alle Muslime Hitler verehrten, aber viele taten es. Die Tatsache einer wesentlichen islamis­tischen und arabisch-nationalistischen Kollaboration mit Nazideutschland ist mittlerweile unwiderlegbar bewiesen, ebenso, dass der Antisemitismus, der sich auf eine besondere Interpretation des Koran und der Hadithen gründete, zur Unterstützung des Nationalsozialismus und der arabischen und muslimischen Radikalen beigetragen hat, und zwar während der dreißiger und vierziger Jahre, lange vor der Gründung Israels.

In der Tat waren es die Islamisten selbst, die die Tradition des Islam umgestalteten und verfälschten, um diese unverwechselbare moderne Form des islamistischen Judenhasses zu fördern. Eine Implikation dieser jüngsten Forschung ist, dass der von diesen politischen Persönlichkeiten ausgedrückte Antisemitismus den Krieg von 1948 mit verursachte und dafür verantwortlich ist, dass die arabische und islamistische Seite sich stets weigerte, den Kompromiss einer Zwei-Staaten-Lösung zu akzeptieren, wie sie schon in den späten dreißiger Jahren, während des Uno-Teilungsplans 1947 bis 1948, dann 2000 in Camp David und schließlich wieder von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vorgeschlagen wurde.

Aber gewöhnlich wird auch behauptet, dass die Verfolgung der Juden in der muslimischen Welt nie so schlimm war wie in der christlichen. Was denken Sie?

Diese Antwort überlasse ich anderen Historikern, die mehr über die Situation der Juden in muslimischen Gesellschaften wissen. Wie Bernard Lewis feststellte, wurden Juden so lange toleriert, wie sie ihren zweitklassigen dhimmi-Status akzeptierten. Die Existenz einer jüdischen Souveränität in der Form des Staates Israel war deswegen für einige Muslime, die glaubten, der angemessene Status für Juden sei der von Untergebenen, eine unerträgliche Beleidigung. Der springende Punkt ist, wie Bassam Tibi sagte, nicht der Islam, sondern der Islamismus. Beginnend mit der Gründung der Muslimbruderschaft 1928 in Ägypten durch Hassan al-Banna wurde eine neue politische Tradition geschaffen, die man Islamismus nennt. Hassan al-Banna und Hadj Amin al-Husseini haben den Islam neu definiert als eine von Natur aus antisemitische religiöse Tradition. Sie nahmen antijüdische Geschichten und Zitate aus dem Koran und den Hadithen, die in der Vergangenheit marginal waren, und machten diese zum Mittelpunkt ihres Verständnisses des Islam. In der Tat behaupteten sie, dass der Judenhass von der Zeit Mohammeds bis in das 20. Jahrhundert im Islam zentral sei. Ende der dreißiger Jahre begriffen Beamte des deutschen Auswärtigen Amtes, dass der Nationalsozialismus diese Menschen anziehen könnte, wenn man versuchte, ihnen auf der gemeinsamen Grundlage des Judenhasses und der Opposition gegen die britische Anwesenheit im Nahen Osten zu begegnen. Das war der Grund, weshalb die arabischsprachige Kurzwellenpropaganda den Koran und nicht »Mein Kampf« zitierte.

Wiederum möchte ich betonen, dass der Nationalsozialismus nicht Resultat des Christentums war, aber er ist ohne Christentum undenkbar. Er war eine Radikalisierung und eine krasse Fälschung des Christentums. Der Islamismus war eine Radikalisierung von bereits existierenden Strömungen des Islam, und in diesem Sinne war er eine Fälschung des Islam. So wie Historiker wie Thomas Nipperdey über die »vielfältigen Konti­nuitäten« in der deutschen und europäischen Geschichte schreiben, ist es wichtig, über die vielfältigen Kontinuitäten der Geschichte des modernen Nahen Ostens zu schreiben. Eine dieser Kon­tinuitäten, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufkam, war die moderne Tradition des islamis­tischen Antisemitismus.

Ihre abschließende Erklärung?

Wie ich schon vorher bemerkte, denke ich erstens, dass wir am Beginn einer grundlegenden Revision des bisherigen Bildes der Dritten Welt sind, das seit Jahrzehnten dem Antizionismus Nahrung gibt. Tatsächlich meine ich, dass sich dieses Bild in den kommenden Jahren verändern wird, insbesondere wenn Wissenschaftler und ­Intellektuelle aus Nordafrika wie Boualem Sansal oder die nahöstliche und iranische Diaspora und Opposition ihre Stimme finden und ihre Abscheu vor den ideologischen Wurzeln des islamistischen Terrorismus zum Ausdruck bringen, der zur Abschlachtung so vieler zehntausender Muslime während der vergangenen Jahrzehnte geführt hat.

Zweitens wissen alle, die sich die Mühe machen, die Hamas-Charta von 1988 oder irgendein Manifest von al-Qaida oder Ahmadinejads Tiraden lesen, wohl, dass nichts von dem, was dort gesagt wird, wirklich neu ist. Sie alle beziehen ihre Themen und sogar ihre Slogans aus der ideologischen Synthese, die während der nazi-islamistischen Kollaboration in Berlin während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere zwischen 1941 und 1945, stattfand.

Natürlich werden diejenigen, die aus politischen und intellektuellen Überlegungen an dem sich jetzt auflösenden antizionistischen Paradigma festhalten, behaupten, dass die arabische und islamistische Reaktion auf die Nazipropaganda unbedeutend war. Die wissenschaftlichen Beweise zeigen aber, dass es anders war. Insbesondere für Wissenschaftler, die Arabisch, Farsi und Hebräisch lesen, gibt es auf diesem Gebiet wichtige Arbeit zu leisten. Ich hoffe, dass mein Buch und die neuesten Forschungsergebnisse in diesem Bereich helfen werden, noch mehr Wissen zu erwerben. Ich bin lange genug Historiker, um zu wissen, dass einige Befürworter des alten Paradigmas ihren Zorn am Boten der neuen Erkenntnisse auslassen werden, doch eines Tages werden die Beweise die Verteidiger der alten Ordnung überwältigen.

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