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Tim Stüttgen: Anleitung zum politisch korrekten Gender-Verkehr

Von der Phalansterie in den Darkroom

In den Sechzigern und Siebzigern wollten Linke den Sex befreien und meinten dabei meist den der heterosexuellen Männer. In den achtziger Jahren kämpften Feministinnen gegen Porno-Zensur und Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter für Selbstbestimmung. In den Neunzigern folgte die Queer-Bewegung. Heute werden Dildos vom Verbraucherschutz getestet, und an die Stelle der Forderung nach Befreiung und Selbstbestimmung ist der Imperativ sexuellen Selbstmanagements getreten. Eine kleine Geschichte des Verhältnisses der Linken zum Sex.

von Tim Stüttgen

Wie schreibt man einen Text über politisch korrektes Vögeln? Gibt es den politisch korrekten Fick? Oder die politisch korrekte Sexwelt? Gibt es einen politisch korrekten Fick im Falschen? Sollten wir gleich in der Gegenwart beginnen oder tief in der Geschichte kramen? Eigentlich hatte ich mich für Ersteres entschieden, doch als ich die neuen Veröffentlichungen zu postpornografischen Visionen zur Hand nahm, flatterte ein steinaltes Foto aus einem Buch heraus, das den utopischen Sozialisten Charles Fourier zeigte.

Der hatte immerhin schon vor mehreren Jahrhunderten gepredigt, dass eine Unterdrückung der körperlichen Begehren in einer Gesellschaft nur Unheil anrichte. Demnach entwickelte er eine ganze Gesellschaftstheorie um die Befreiung der Lüste, welche die Familienstruktur genauso auflösen sollte wie das Patriarchat. »Die Situation einer Gesellschaft lässt sich an der Situation der Frau ablesen«, hatte er einmal gesagt und kann somit zu den frühesten Pro-Sex-Feministen gezählt werden. Zu seiner neuen Gesellschaftsordnung gehörte sogar eine neue Architektur. Seine sogenannten Phalansterien waren Gebäude für Wohn- und Produktionsgemeinschaften, die Kollektivität und freie Liebe fördern sollten. Fourier war also cool genug, das alles zusammenzudenken. Produktion und Begehren bedingten sich: Eine Befreiung des einen sei ohne Befreiung des anderen nicht möglich. Zu Fouriers zahlreichen Bewunderern zählten denn auch Friedrich Engels, Theodor W. Adorno, Roland Barthes und André Breton. Freie Liebe war demnach schon Ende des 18. Jahrhunderts ein Topos für die Progressiven.

Die Achtundsechziger übernahmen Fouriers Aufruf, genau wie die Punchline »Fantasie an die Macht«, die er damals in seinem Buch »Aus der Neuen Liebeswelt« verlauten ließ. Apropo Achtundsechziger: Neulich habe ich mir »WR: Mysteries of the Organism« (1971) vom serbischen Filmemacher Dusan Makavejev angesehen, der es schafft, Szenen der sexuellen Befreiung mit homosexueller Dissidenz und einer humorvollen Idee politischer Militanz zu verbinden. Dass die Arbeiter auch ihre Begehren befreien müssten, wird ihnen gar von einer Frau erklärt. Diese Szene sollte später Bruce La Bruce in »The Raspberry Reich« für die »homosexuelle Intifada« kopieren. »I don’t care about Mogadishu, I don’t care about Afghanistan: I just care about my orgasm!« sagte die nicht zufällig Gudrun genannte Führerin einer queeren RAF. Gleichzeitig ist Makavejevs Film zu klug für einen bloßen Befreiungsmythos. Neben den zahlreichen utopischen Momenten springen einem auch Bilder des Genossen Stalin oder die Fließbänder kapitalistischer Produktionsverhältnisse entgegen.

Am Widerspruch zwischen einem angeblich natürlichen Sex und der angeblich unnatürlichen Vergesellschaftung arbeitete sich auch Wilhelm Reich ab. Er ging von einer brutalen Repression des Sexes aus, die ihm zufolge sogar für Krankheiten wie Krebs verantwortlich sei. Also empfahl er Orgasmen gegen die Krankheiten der kapitalistichen Gesellschaft.

Genau wie Fourier wurde Reich von den Achtundsechzigern wiederentdeckt, die ihre Kommunen-Experimente mit den Theorien der beiden begründeten. Der Minirock sollte dabei genauso helfen wie die Aufgabe der Zweierbeziehung. Wie absurd ambivalent das Achtundsechziger-Versprechen »sexuelle Befreiung« allerdings anmutet, lässt sich beispielsweise an der frühen Konkret zeigen, welche gerne mal Pin-Up-Fotos aufs Cover brachte, wie sie heute noch in der Bild-Zeitung zu finden sind. Auch der linke März-Verlag von Jörg Schröder verkaufte gerne Erotik. Alles heterosexuell, natürlich. Denn so weit wie Makavejevs »WR: Mysteries of the Organism« waren die meisten Achtundsechziger noch nicht. Man kann fast den Eindruck haben, große Teile der Achtundsechziger-Interventionen von Feministinnen, Schwulen oder Lesben hätten zeitgleich, aber weit weg vom linken Alltag stattgefunden. Die Kommunen boten einen Hauch von Utopie, aber auch viel Überlastung durch die zunehmende Politisierung des Privaten. Und von der Versprechung des vielfältigen und freien Sexes profitierten oft nur die Männer. Klaus Theweleit hat sich einmal in einem Essay erinnert, wie seltsam es eigentlich war, dass gute Freunde von ihm zu dieser Zeit immer noch Angst hatten, sich zu outen.

Heterosexuell gesprochen war die Devise also erst mal: mehr machen. Mit mehreren. Keine schlechte Idee. Doch der Stress und die Erschöpfung, die das mit sich brachte, folgten später. Das Private ist eine ambivalente Sphäre, in der das Intime der Zweierbeziehung Besitz und Gewalt verstecken mag – doch ohne das Private kann es auch eng werden im moralisch-emotionalen Selbsthaushalt. Aber man soll die Kämpfe bekanntlich nicht mit ihrem Scheitern in eins setzen. Neue Ideen und Interessen an Politiken des Experiments und eine polymorph-polygame Sexualität überleben bis heute als ernsthafte Versuche für eine andere Welt. Dass dabei das Ablegen der Fesseln vorschnell mit dem Ablegen der Klamotten und wildem Losvögeln gleichgesetzt wurde, war sicher etwas naiv. Nacktheit als Metapher für Freiheit? Naja.

Auf dem Wege in die Achtziger wurde der Sex in einen neuen Konservatismus überführt und gleichzeitig kulturindustriell vermarktet. Porno wurde zur Massenproduktion, Sex-Clubs wurden Kapitalanlagen, mehr als je zuvor war industriell gefertigter Sexkram erhältlich. Und gleichzeitig wurde strenger reguliert. Schwule und radikalfeministische künstlerische Arbeiten wurden zensiert, dass sich die Balken bogen. Deshalb setzten sich in den achtziger Jahren auch Feministinnen gegen Zensur ein, selbst wenn die meisten Pornos misogyn waren. Die in den Siebzigern gestartete Prostituiertenbewegung hatte ihre ersten Erfolge in den achtziger Jahren. Das Jahrzehnt war somit auch die Zeit des Pro-Sex-Feminismus und der Sexarbeiterinnen- und Sexarbeiter-Rechte. PC hieß primär: Selbstbestimmung.

Die queeren Bewegungen der neunziger Jahre formierten sich nicht zuletzt aufgrund einer anderen politischen Konstellation, nämlich der Mischung aus der neuen moralischen Selbstüberwachung wegen der Ansteckungspanik und dem gleichzeitigen Totschweigen der Opfer der Aids-Krise. Trotz Prekarität auf der eigenen Lust zu bestehen, wurde als Menschenrecht eingefordert. Es dauerte allerdings bis tief in die Nuller-Jahre, bis die Queer-Bewegung, die sich aus einer Vielheit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern zusammensetzte, das gesamte Dispositiv der Heterosexualität angriff. Sex wurde als gesellschaftlich produziert bloßgestellt und die klassische, auch heute noch in kommerziellen Pornos dominante Aufteilung von männlich/dominant und weiblich/devot durchbrochen. Insbesondere Beatriz Preciados »Kontrasexuelles Manifest« war in diesem Sinne beeindruckend. Jede und jeder galt hier als revolutionärer Sexarbeiter, der seine Begehren dekonstruieren und mit anderen performativen Technologien wie Dildos, Prothesen und Drag vollkommen auf neue Fährten gelangen konnte. Heute haben auch Techno-Tempel wie das Berliner Berghain selbstredend ihre Dark­rooms, und queere Sexualität hat sich zur Metapher eines besseren, freieren Lebens entwickelt.

Dazu kann durch die Veränderung der Produktionsverhältnisse nun jede und jeder mit eigener Handkamera und Webpage Pornos drehen und sie der Welt zeigen. Websites wie Gay Romeo haben beispielsweise die Schwulen-Szene total umgekrempelt. War früher der Horizont des Sexes das städtische oder dörfliche Umfeld, können nun Dating-Webpages für jede Vorliebe Abhilfe schaffen. Das Internet hat somit den Sex internationalisiert wie potentiell demokratisiert. Dabei wird kein Fetisch ausgespart, es gibt alles zu sehen. Aber ist das sexy? Florian Cramer hat vor ein paar Jahren einmal davon gesprochen, wie die neuen politisch korrekten und selbstverwalteten Web-Portale das schön Dreckige des Obszönen verunmöglichen würden. Kann PC-Sex überhaupt noch obszön sein? Und das mehrfach gruppendynamisch durchdiskutierte SM-Spiel dirty und anregend? Werden dort nicht altbekannte Rollen wiederholt? Oder sind sie schon immer reflexiv gebrochen?

Michel Foucault hat in seiner »Geschichte der Sexualität« unterstrichen, dass nichts trügerischer sei als das sexuelle Dispositiv. Während es der Bevölkerung immer mehr Daten und Bilder für die verschiedensten Formen der Geständnisse und Entäußerungen abringt, wird es zum selbst gestalteten Teil einer neuen Selbstüberwachungstechnologie. Der Darkroom wird zu einer von vielen Entspannungsmöglichkeiten im forcierten Wettbewerb der Marktsubjekte. Sex ist politisch korrekter geworden, die Dildos werden heute vom Verbraucherschutz abgenickt. Sich heute pro-sex und aktiv begehrend darzustellen, gehört zum Usus. Dabei bekämpfen sich PC-Ideologien, die die permanente Überwachung des eigenen ehemals Intimen verstärken, mit dem Glamour des Porno-Pop, wo jede und jeder mehr schöneren Sex erleben will und soll. Im schlimmsten Fall wird dabei Sex wieder als Gefahr inszeniert und die Kondome bleiben zu Hause.

In der Kontrollgesellschaft wird so Sex zu einer weiteren Dimension des Selbstmanagements. In der sollte angesichts des vielfältigen Angebots zwar auch ein politisch korrekter Fick möglich sein, allerdings ist die Freude darüber ambivalent, wenn er in den Strukturen aktueller Marktanforderungen aufgeht. Ist Polysex vielleicht eher Konsum als Kommunismus? Ist das permanente Ja zur Lust sex-positiv oder doch die biopolitische Mobilisierung des Körpers? Ist das private Spektakel nur ein Spiegel einer Gesellschaft des Spektakels, die nicht ohne den Porno im Bett mehr leben will? Man soll ja nicht kulturpessimistisch werden, aber, wenn man sich die gesellschaftlichen Zustände, die auch die Bedingungen des Sexuellen diktieren, ansieht, lässt sich selbst ein zauberhafter Text wie das »Kontrasexuelle Manifest« manchmal nur noch im Dialog mit Ehrenfelds »Das erschöpfte Selbst« genießen.

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