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Paul Gerstheim: Laura Mérrit im Gespräch über hängende Schwänze und Sexualkompetenz

»Slow down, pleasure up!«

Laura Méritt betreibt den feministischen Sexshop »Sexklusivitäten«, ist Initiatorin des »Feministischen Porno-Filmpreises Europa« und als Sexberaterin tätig. Die Jungle World hat bei ihr ein paar Ratschläge für Sie eingeholt.

Interview: Paul Gerstheim

Wenn man sich das Produktsortiment Ihres Ladens ansieht, hat man den Eindruck, normaler Hetero-Blümchensex sei absolut out, wenn nicht gar reaktionär. Kann es sein, dass man sich heute schämen muss, wenn man kein Sexspielzeug im Nachtkästchen hat?

Das habe ich so noch nicht gehört. Der sexpositive Flügel der Frauenbewegung setzt sich seit langem dafür ein, das es sich ausgeschämt hat. Statt Scham haben wir Charme, sind stolz auf unsere Lippen und erfreuen uns einer sexpositiven und überhaupt positiven und lebensbejahenden Sprache nicht nur in der Sexualität. Gerade darum geht es doch: keine Vorliebe für eine Sexualität oder Sexpraktik zu diskreditieren. Blümchensex ist auch was Feines und lässt sich prima mit Spielzeugen und anderen Praktiken kombinieren.

Ich habe ein paar heterosexuelle, aber ganz besonders linke Männer gefragt, was ihnen spontan zum Verhältnis von Linken und Sex einfällt. Die häufigsten Antworten waren: »Problem­gespräche«, »Sexismusvorwürfe« und »Linke haben keinen Sex«. Könnten Sie solchen linken Hetero-Männern als »Sexpertin« irgendwie weiterhelfen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Antworten repräsentativ sind. »Intelligent fickt gut« entspricht meiner Erfahrung und deckt sich mit den Ergebnissen bekannter Studien: Männer, die Sex reflektieren können, sind erwiesenermaßen auch aufmerksamere Liebhaber und achtsam gegenüber den Wünschen ihrer Liebespartnerinnen und Liebespartner. Nachhaltiger Sex bedeutet verlängerte Kommunikationskompetenz, verbal und nonverbal. Darum geht es.

Es gibt ja mittlerweile ein breites Kursangebot, in dem etwa vermittelt wird, wie man Stoff­mösen häkelt, wie weibliche Ejakulation funktioniert oder wie man sich einen schönen Bart anklebt, wenn man keinen hat. Aber die, die Aufklärungskurse wirklich bräuchten, erreicht das doch gar nicht, oder?

Die Angebotszusammenstellung hört sich so natürlich etwas schrullig an. Tatsächlich gibt es eine ganz erhebliche Diskrepanz zwischen der allgegenwärtigen sexuellen Freizügigkeit in den Medien und oft nicht ausreichend vorhandener individueller Sexualkompetenz. Wir kommen aus einer Kultur, die das Wissen und den Umgang mit der eigenen Sexualität in der Regel nicht fördert. Romantische Sexbombenfantasien helfen vielleicht, Autos zu verkaufen, aber nicht, mit der eigenen sexuellen Realität zurechtzukommen. Neuen Studien zufolge ist das Sexualwissen, das schlichte Know-how, sogar wieder rückläufig. Daher ist es wichtig, Angebote zu machen, die von vielen genutzt werden. Ich mache gerade wieder eine Infokampagne zur weiblichen Ejakulation. Natürlich haben viele schon von der weiblichen Prostata gehört. Aber wo genau sie sitzt, wie sie stimuliert wird und wie frau ejakuliert, ist oft auch in sehr aufgeklärten Kreisen nicht bekannt.

Weitere Probleme offenbaren sich, wenn es z.B. um sexuelle Kommunikation in der Beziehung geht. Den meisten Menschen fällt es schwer, der oder dem Liebsten liebevoll zu sagen, dass man etwa gerne einmal etwas anderes ausprobieren würde. Es gibt meiner Meinung nach nicht genug Angebote, die dabei unterstützen, sich selbst auch durch eine lustvolle Sexualität ganzheitlich zu erfahren. Von den Medien wird vieles oberflächlich und aus kommerziellen Gründen sexualisiert. Das ersetzt natürlich eine Beschäftigung mit der real existierenden Sexualität nicht.

Sie haben einmal gesagt: »Ich habe mittlerweile auch einen Kundenstamm an heterosexuellen Männern, die lernen und sich weiterbilden wollen.« Was bringen Sie denen bei?

Slow down, pleasure up! Den Ständer mal zur Seite legen. Safer Sex kann auch sexy sein. Kriterien für feministische Pornos. Hängende Schwänze sind liebenswert. Nicht die Größe, sondern die Liebeskompetenz ist entscheidend, und die kann man lernen …

Zum Thema politisch korrekter Sex haben Sie gesagt: »Alles ist erlaubt, wenn die drei K erfüllt sind: Kommunikation, Kooperation, Kopulation.« Wenn das in der Men’s Health stehen würde, hieße es wahrscheinlich: typisch Männer, voll kopulationsfixiert. Oder nicht?

Es geht um konsensuelle Kopulation. Natürlich gerne auch abwechslungsreiche! Also schlicht um einvernehmlichen Sex, der manchmal so einfach nicht herzustellen ist. Ist für Kommunikation und Kooperation in ausreichendem Maß gesorgt, kann auch schön kopuliert werden.

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