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Margarita Tsomou: Tipps zur politisch korrekten Selbstoptimierung

Was Dr. Sommer noch nicht wusste

Sex gegen das Patriarchat ist harte Arbeit. Sieben Tipps zur ­politisch korrekten sexuellen Selbstoptimierung.

von Margarita Tsomou

Die weniger Glücklichen unter uns sind als (linke) heterosexuelle Biomänner geboren. Sie bewegen sich zwischen Mackertum und vermeintlicher Verklemmtheit. Etwas besser steht es um die Bio­frauen. Die wurden wenigstens durch den Feminismus für Sexualitätsfragen sensibilisiert. Das meiste Potential haben Queers, denn die kommen nicht umhin, Sex jenseits der Hegemonie zu erfinden. Durch uns alle atmet das Patriarchat – also keine Panik: Es gibt keinen richtigen Sex im Falschen. Fakt ist aber: Sogenannter normaler Sex ist politisch unreflektierter Sex, ist schlechter Sex – und solchen möchte nicht mal der GQ-Leser haben. Exklusiv für den geneigten Jungle World-Leser sieben Hilfsmittel, um mit politisch unkorrekten Gliedmaßen sexuell Korrektes zu tun.

Nichts ist langweiliger als die Fixierung auf Deine Genitalien. Beschäftige Dich mal mit Abwegigem wie Fingern, Achseln, Bauchnabeln, Kniekehlen etc. Die Gefahr, in stereotype Praktiken zu verfallen, ist da kleiner, das macht kreativ und vervielfältigt die erogenen Zonen. Roher Genitalsex ist wie verkürzte Kapitalismuskritik mit Hauptwiderspruchskrankheit: zentralistisch, platt und undifferenziert.

Eines der wichtigsten Hilfsmittel ist der Dildo. Er eignet sich für sämtliche Konstellationen – hetero wie homo – und für alle denkbaren Geschlechter. So kann jede und jeder jeden und jede in beliebige Löcher penetrieren, man kann dabei abwechselnd von Praktiken lesbischen Sexes (Dildo-Vaginal-Sex) zu schwulem Sex (oral, anal) übergehen, ohne sich in Identitäten zu zwängen. Und ein Tipp: Liebe Hetero-Genossen und liebe lesbische Genossinnen, nehmt das Ding doch auch mal in den Mund – der Dildo ist nicht der Phallus, sondern sein Überflüssig-Werden!

Baue als bewusste Inszenierung Fetische ein. Den schlimmsten Sex hat man ja mit Genossen, die sich ob ihrer patriarchalen Position so schämen, dass sie ihre Macker-Phantasien vor sich selbst verleugnen. Die andere Seite der Medaille ist, dass sie einen Sex produzieren, wie man ihn sich mit italienischen Berlusconi-Anhängern vorstellt. Leute, baut die notwendigen Schweinereien in performative Spiele ein und erfindet Fetische, die es Euch durch die Distanz der Inszenierung erlauben, bewusst mit Perversionen zu experimentieren! So könnt Ihr einen Bullen oder einen neoliberalen Investmentbanker darstellen (bei Unterwerfungsphantasien auch Hartz-IV-Empfänger). Der Satan in Euch kann so ausgelebt und zugleich kritisch reflektiert werden.

Guess what: Es gibt ein Jenseits des Orgasmus. Wie auch in der Politik sind teleologische Haltungen plump. Nach dem Motto »Der Weg ist das Ziel« empfehlen sich ein paar Tage Sex mit Orgasmus-Absistenz. Das macht Geilheit zum Dauerzustand und beweist der Partnerin oder dem Partner zärtlichen Altruismus. Zum Thema Orgasmus empfehle ich außerdem weibliche Ejakulation. Angesichts der Liter an weiblicher Abspritz-Flüssigkeit ist der Spermaausfluss zu vernachlässigen. Das rüttelt an der Zentriertheit des männlichen cum-shot als einzigem spektakulären Feuerwerksereignis.

Politisch guter Sex ist streng genommen nicht mit Monogamie verträglich. Monogamie ist ein eigenes Perversionsgenre, da es die hegemoniale Form der Partnerschaft als patriarchale Besitzkonstellation affirmiert, die auch noch Sex an Reproduktion koppelt. Entzerrt also Sex von Liebe und etabliert den Seitensprung, bindet Dritte ein oder organisiert gemeinsame Orgien.

Die zumindest einmalige Erfahrung einer queeren Sexparty ist im Grunde zwingend. Dort finden alle hier erwähnten politischen Sex-Praktiken in kollektiven Räumen statt. Das ist so etwas wie ein Plenum mit anschließender Demonstration, nur dass Du hier Deinen Queerness-Faktor heben kannst.

Und ja, wir alle gucken Pornofilme. Aber nehmt bitte erstmal die Hand aus der Jogginghose und googlet das Stichwort Post-Porn. Da gibt es eine ganze Menge alternativer Pornoproduktionen aus queer-feministischer Perspektive, die Euch als Fortbildungsfilme zum Nachahmen empfohlen seien.

Das hört sich alles nach viel Arbeit an und kann sicherlich erschöpfen. Aber keine Angst, es geht nicht um die ständige Jagd nach geilem Exzess. Es geht darum, durch Erfahrungen eine Haltung zu verinnerlichen, die dazu führt, dass jede Berührung ein Stück mehr zur Geste gegen das Patriarchat wird.

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