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Birgit Schmidt: Angriffe auf nicht-muslimische Kinder in Berliner Schulen

Der Campus im Ghetto

An etlichen Berliner Schulen sehen sich nicht-migrantische und nicht-muslimische Schüler Angriffen ausgesetzt. Der Zusammenhang mit der muslimischen Männerkultur ist offensichtlich.

Kommentar von Birgit Schmidt

Geht eine Frau beispielsweise die Weserstraße in Berlin-Neukölln entlang, kann es durchaus passieren, dass ihr ein männlicher Jugendlicher mit Migrationshintergrund etwas wie »Ficke« hinterherruft. Die Weserstraße in Nordneukölln kreuzt die Rütlistraße, wo sich Deutschlands berüchtigtste Schule befindet. Deren Kollegium machte 2006 in einem Brief öffentlich darauf aufmerksam, dass es seiner Schüler nicht mehr Herr werde.

Mittlerweile wurde das Schildchen »Campus Rütli« an der Schule angebracht, ein ähnliches gibt es an der nahegelegenen Franz-Schubert-Schule, eine Parkanlage wurde in Aussicht gestellt. Doch die Probleme sind geblieben. Über ­eines, nämlich die Tatsache, dass sich nicht-migrantische Schüler und Schülerinnen dem Mobbing durch Schüler mit Migrationshintergrund ausgesetzt sehen, wird derzeit öffentlich diskutiert. Und so langsam wird Klartext gesprochen: »Es geht hier nicht um die Söhne polnischer, kasachischer oder italienischer Einwanderer, sondern um junge Muslime.« Das schreibt Regina Mönch in der FAZ.

Für die Betroffenen ist der Zusammenhang zwischen muslimischer Männerkultur und Mobbing offensichtlich. Die besorgniserregende Entwicklung ist auch der Lehrergewerkschaft GEW nicht entgangen, die Anfang Oktober einen Workshop zu dem Thema anbot. Es geht um Rassismus an Berliner Schulen, um Angriffe auf nicht-migrantische und nicht-muslimische Kinder und Jugendliche, die an zahlreichen Schulen in Bezirken wie Neukölln mittlerweile die Minderheit stellen. Kreuzberg hat sich zwischenzeitlich hinzugesellt zu den Neuköllner Problemkiezen, zwei Lehrer der Hector-Petersen-Gesamtschule hatten ihre Beobachtungen in einem Brief an die Lehrerzeitung der GEW zur Diskussion gestellt.

Die beiden Berliner Bezirke Neukölln und Kreuzberg nennt der Berliner Tagesspiegel mittlerweile ein von türkischen Jugendlichen »mystifiziertes Ghetto«, die Berliner Morgenpost zitiert eine Lehrerin an der Otto-Hahn-Schule, die von zunehmender Ghettoisierung spricht: »Familien, die es sich leisten könnten und aus besseren Bildungsschichten kommen, haben den Kiez bereits verlassen.«

Nicht unbedingt! Nord-Neukölln ist auch schick geworden in den vergangenen zwei bis drei Jahren. Insbesondere Zuzügler aus deutschen Kleinstädten und europäischen Ländern wie Spanien oder Großbritannien haben den Bezirk entdeckt – der billigen Mieten wegen. Die entsprechende Infrastruktur – Kneipen, Bioläden, Galerien – ließ nicht lange auf sich warten. Eines aber ist auch den begeistertsten Neuköllnern klar: Wer Kinder hat, haut ab. Zum einen wegen der Sprache: Neuköllner Jugendliche kennen schon lange keine Artikel und Präpositionen mehr. Und wegen der Lage an den Schulen: »Die 35jährige«, heißt es auf Spiegel online in einer Rezension des jüngsten Romans (»Arabqueen«) der gebürtigen Neuköllnerin Güner Balci, »ist von Kreuzberg ins schicke Berlin-Mitte gezogen. Sie ist gerade Mutter geworden. ›Niemand opfert sein Kind für die Integration‹, sagt sie.« Manche tun es doch. Manche können nicht anders. Deren Kinder haben es ganz offensichtlich schwer.