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Jan Tölva: Demonstration »zum Erhalt der Fankultur« in Berlin

Männermob für Männerkultur

Auf der Demonstration von Fußballfans in Berlin zeigten sich nicht nur nach Vereinen sortierte bunte Blöcke, sondern auch die Probleme der Szene.

von Jan Tölva

Für Samstag hatten die drei großen Fanorganisationen Pro Fans, Baff (Bündnis aktiver Fußballfans) und Unsere Kurve zu einer Demonstration »zum Erhalt der Fankultur« aufgerufen. Insgesamt kamen mehr als 4 000 Fußballanhänger nach Berlin, um nach Vereinen sortiert unter anderem gegen personalisierte Tickets, Verbote von Fanutensilien und Choreografien sowie eigener Fanzines zu protestieren.

Doch ebenso interessant wie die Frage, wer alles da war, war auch die, wer aus welchen Gründen nicht gekommen war. Gleich mehrere Ultragruppierungen hatten öffentlich angekündigt, nicht an der Demonstration teilzunehmen. So erklärten etwa Ultras aus Leverkusen, Ahlen und Mönchengladbach, dass sie es scheinheilig fänden, in Berlin gemeinsam mit Gruppen auf die Straße zu gehen, von denen sie erst vor kurzem noch angegriffen und beraubt worden seien. Auch auf der Demonstration selbst war die Gewalt in der Ultraszene eines der großen Themen. So forderte ein Vertreter der Herthaner Ultragruppe Harlekins in seinem Redebeitrag von den Anwesenden, mehr Verantwortung zu übernehmen und einen Selbstreinigungsprozess einzuleiten. Ähnlich äußerte sich auch Steffen Toll, der Pressesprecher der Demonstration. Für die Absage einzelner Gruppen äußerte er Verständnis, doch würden viele der anwesenden Gruppen deren Kritik im Grunde teilen. Es scheint jedoch mehr als wahrscheinlich, dass gerade die Absagen einiger Gruppen sehr dazu beigetragen haben, szene­interne Diskussionsprozesse in Gang zu setzen.

Dass Kritik alles andere als fehl am Platz ist, zeigte sich nicht zuletzt darin, dass trotz expliziter Ankündigungen (»Wir dulden weder Nazis noch Nazikleidung wie Thor Steinar o.ä. auf oder rund um die Demo. Wer das nicht akzeptiert, kann zu Hause bleiben!«) durchaus rechte Szenebekleidung auf der Demonstration zu finden war. Zwar wurden die Desperados Dortmund wegen ihrer Überschneidungen mit der örtlichen Neonaziszene noch in letzter Minute ausgeladen, doch ist es trotz aller Bemühungen der Veranstalter im Grunde nur logisch, dass auf einer solchen Demonstration von Fußballfans auch rechte Menschen mitlaufen. Immerhin sind rechte Ideologiefragmente wie Homophobie oder Nationalismus weiterhin ebenso fester Bestandteil der hiesigen Fußballkultur wie die Duldung von Neonazis in vielen Fankurven unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Trennung von Fußball und Politik.

Noch deutlich weiter ging die Kritik, die bereits am Abend vor der Demonstration bei einer von der Abteilung Aktive Fans von Tennis Borussia Berlin veranstalteten Podiumsdiskussion zum Thema geäußert wurde. So meinte ein Mitglied der Ultragruppe Infamous Youth aus Bremen, »Übergriffe von rassistischen weißen Männermobs« seien Teil der deutschen Fankultur, und Daniela Wurbs von Football Supporters Europe, einem europäischen Dachverband für Fanorganisationen, sprach von deutlichen Pa­ralle­len zu der Entwicklung in Italien, wo es in den vergangenen Jahren immer wieder zu schwersten Krawallen und Todesopfern gekommen war, woraufhin die dortigen Ultras außerhalb ihrer Szene mittlerweile quasi jeglichen Rückhalt verloren haben. Mathias Radowski von Baff sieht die Fanszene in Deutschland jedoch trotz allem mit Blick auf vergangene Jahrzehnte auf einem guten Weg. Nicht zuletzt durch die Kommerzialisierung hätten die Stadien sich enorm zivilisiert, jedoch leider auf Kosten sozialen Ausschlusses. Er stellte fest, dass funktionierende Problemlösungen nur aus der Fanszene selbst kommen können. Die repressiven Maßnahmen von Polizei und Verbänden seien seit zehn Jahren erfolglos.

Bei genauerer Betrachtung erweist sich vieles von dem, was aus Fankreisen an Kritik geäußert wird, selbst als überaus kritikwürdig. So wird beim Thema Kommerzialisierung gegenwärtig vor allem gegen den von Red Bull mit viel Geld unterstützten Verein Rasen-Ballsport Leipzig polemisiert. Ähnlich ergeht es auch der TSG 1899 Hoffenheim und ihrem Mäzen, dem SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp, dessen Konterfei auch schon mit einem Fadenkreuz versehen auf Doppelhaltern Dortmunder Ultras zu sehen war. Wenn im Aufruf zur Demonstration in Berlin bedauert wird, dass durch einen möglichen Aufstieg von RB Leipzig in die Bundesliga wieder »eine traditionelle Mannschaft samt ihrer Fans von der Bildfläche verschwindet«, dann stellt sich die Frage, was so prinzipiell schützenswert an Tradition sein soll. Der Begriff der Tradition ist eines von vielen regressiven Ideologiefragmenten in der heutigen Fußballkultur, in der man sich »gegen den modernen Fußball« positioniert und in der einige unter den Ultras sich allwöchentlich für ihren Verein und ihre Stadt prügeln. Hoffenheim und Red Bull sind da wohl einfach die zeitgenössischen Sündenböcke einer verkürzten Kapitalismuskritik.

Eine andere Frage ist die der Repräsentativität. Fast jeder Block auf der Demonstration war eindeutig von Anhängern der Ultrakultur dominiert. Ultras repräsentieren jedoch nicht einmal ansatzweise die gesamte Vielfalt des Stadionpublikums. Zwar sind sie für sich genommen in den meisten Stadien tonangebend, doch stellen sie gegenüber der Summe anderer Fußballidentitäten nur eine Minderheit dar, und zwar eine mit deutlichen demografischen Abweichungen vom Stadiondurchschnitt: Ultras sind im Schnitt jünger und deutlich häufiger männlich. Diese demografischen Eigenheiten spiegelten sich dann auch auf der Demonstration wider. Während in deutschen Stadien rund ein Drittel der Zuschauenden Frauen sind, waren höchstens zehn Prozent derjenigen, die für Fankultur auf die Straße gingen, weiblich – der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund lag wahrscheinlich noch deutlich darunter. Eine Lesart der Demonstration wäre also die, dass dort vornehmlich junge, weiße, heterosexuelle Männer für ihr Hobby auf die Straße gehen; allerdings würde bei dieser Interpretation außer Acht gelassen, dass Fußball nicht nur hierzulande schon lange zu einem Kulturgut geworden ist, das bei aller kommerziellen Verwertbarkeit für alle zugänglich und bezahlbar sein sollte.

So sind auch viele Forderungen der Fans nicht falsch. Gleich mehrere Gruppen verweisen etwa auf eine jüngst von Amnesty International initiierte Kampagne gegen Polizeigewalt oder forderten sozial verträgliche Eintrittspreise. Doch stellt sich vielfach die Frage, ob die Fans selbst nicht ein bedeutender Teil des Problems sind, wenn etwa dieselben Ultragruppen, die im Internet stolz von Fans anderer Vereine erbeutete Schals und Fahnen auf Fotos präsentieren, »Fußballfans sind keine Verbrecher« rufen oder pauschal »Freiheit für alle Stadionverbotler« gefordert wird, obwohl allen Beteiligten klar sein müsste, dass ein Großteil der Stadionverbote nicht auf Willkür, sondern auf wirklich begangenen Gewalttaten zurückgeht. Es ist keinen Monat her, dass Anhänger von Union Berlin nach Spielen der zweiten Mannschaft ihres Vereins erst Fans von Tennis Borussia Berlin und kurz darauf Anhänger vom Brandenburger SC Süd 05 angegriffen und teilweise krankenhausreif geprügelt haben. Die Täter liefen an diesem Samstag zum Teil mit auf der Demonstration. Dass hier wirklich Hoffnung auf Selbstkritik besteht, darf bezweifelt werden.