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Cord Riechelmann: Über den Roman »Saal 6« von Achim Szepanski

Wie man aus einer Mücke einen Banker macht

»Saal 6« heißt der erste Roman des ehemaligen Mille-Plateaux-Chefs und Deleuze-Fans Achim Szepanski. Die wüste Erzählung soll der erste Teil einer Trilogie sein.

von Cord Riechelmann

Wenn es, wie Aristoteles meinte, eine der Aufgaben der Kunst ist, zu zeigen, wie es bestimmt nie werden soll, dann ist Achim Szepanskis Roman »Saal 6« große Kunst. Denkt man zunächst. Bis man schon ziemlich weit fortgeschritten in der Lektüre auf eine Szene stößt, wo es um die Lautkulisse in »einer hauptsächlich durch soziale Transferleistungen gestützten Systemgastronomie« geht. Gemeint ist eine Armen- und Obdachlosenküche, in der abwechselnd verschiedene Köche arbeiten. Und wie dann auf zwei Seiten zuerst das Scheppern und Klappern der Töpfe und Pfannen, der »erregte Gesprächsbrei älterer und armer Menschen« sowie die Karriere eines RTL-Zwei-Sterne-Fernsehkochs als Modell einer neuen Art von Prominenz beschrieben wird, ließ jeden Eindruck überdrehten Hyperrealismus weichen. Auf einmal schien der Roman real zu werden. Das ließ einen selbst kurz zweifeln, ob man vorher richtig gelesen hatte oder ob es bloß wieder das alte Berlin-Syndrom war.

Szepanskis Geschichte spielt hauptsächlich im Frankfurter Bankenmilieu, von dem man als Berliner naturgemäß keine Ahnung hat, während man sich mit Armen und deren Küchen ganz gut auskennt. Diese Erkenntnis wirkte dann aber sofort auch niederschmetternd. Denn wenn die Selbstoptimierungstechniken der Frauen und Männer im Biotop von Banken, Marketing und durchgestylten Bars tatsächlich diesen Beschleunigungsgrad erreicht haben, ist man selbst die abgehängteste Nummer geworden, die denkbar ist. Bis zu genau diesem Punkt hatte man noch gedacht: Okay, der Mann übertreibt, er will bloß an die Wand malen, wie es werden könnte, wenn wir nicht aufpassen und diese Finanzheinis machen lassen. Aber so ist es nicht. Wahrscheinlicher ist, dass in Frankfurt am Main längst alles so ist.

Dort nämlich arbeitet Nicole S., eine der Hauptfiguren von »Saal 6«. Sie ist Ressortleiterin der Marketingagentur H.O.M.O., eine Art Musteragentin, eine Frau um die 30 mit langem, glattem, schwarzem Haar, »die wie keine zweite in ihrer Branche weiß, dass sowohl ihr symbolisches als auch ihr körperliches Kapital, sie selbst als lebendiges Geld immer schon in die kalkulierende Kreditierung innerhalb der Berufsfelder eingeschrieben ist, welche die Zirkulation von ausgepreisten Verführungskräften auf einer lukrativen Ebene ermöglichen, sei es als Partnerin, Werbefachfrau, Animateurin oder als Finanzgehilfin im Rahmen einer immensen Nachfrageökonomie. Geschmack ist, sagt Nicole S. gerne mit dem Soziologen Pierre Bourdieu, wie ich mich in meinem sozialen Feld definiere.«

Man könnte 30, 40 solcher Sätze aus dem Buch als Beispiel dafür anführen, wie Szepanski trotz überbordender Wortspiele doch nie das Gefühl erzeugt, man lese hier Literaturliteratur. Man liest die Sachen gern, weil sie immer mit einem Überschuss an Möglichkeits-Wirklichkeit arbeiten und sehr nah an der Zeit dran sind.

Der Roman spielt im Jahr 2013 – zumindest taucht die Jahreszahl mal auf –, seine Worte, Satzfiguren und Begriffslandschaften sind aber ganz nah am Heute. So nah wie der Frankfurter Stadtwald, der so etwas wie der Fluchtpunkt aus der Bankenwelt ist und wo Autonome unter Bewachung minderbedeutender Polizisten sich auf den Aufstand vorbereiten.

So deprimierend manchmal die Welt von Dr. Dr. Hanselmann, dem gar nicht mal unsympathischen Manager der Esperanto-Bank, in ihrer grell ausgeleuchteten Geldarmseligkeit ist, so freut man sich doch, dass hier einer bereit ist, von dem Mann mit dem doppelten Doktortitel zu erzählen. Und das hat natürlich mit der Person von Achim Szepanski zu tun.

Es war 1994 oder 1995, als man zum ersten Mal in der Reichenberger Straße in Berlin im alten Hard-Wax-Laden, einem der wichtigsten Techno-Plattenläden in Techno-Deutschland, eine Platte mit der Aufschrift »Mille Plateaux« gesehen hatte. Es war noch nicht lange her, dass der Berliner Merve-Verlag »Tausend Plateaus«, eines der Hauptwerke von Gilles Deleuze und Felix Guattari, ins Deutsche übersetzt herausgebracht hatte. Und jetzt lag hier die Platte eines Labels, das sich danach benannt hatte, auf dem Tisch. Ziemlich begeistert fragte man die Freunde von Hard Wax, was das denn für geiles Zeug sei. Die Freunde antworteten nur mit einem nur angedeuteten gekräuselten Lächeln, und das hieß damals: »Das ist Frankfurt, das ist Scheiße.« Die Freunde von Hard Wax betrieben das Label »Basic Channel«, Einzahl, und sie waren Meister des Weglassens und der Reduktion, schon ein Wort trug ihnen zu viel unkontrollierbare Bedeutung mit sich rum. Das war das Gegenteil von Mille Plateaux und Achim Szepanski, dem Erfinder und Macher von Mille Plateaux. Den Namen hatte sich Szepanski tatsächlich von Deleuze brieflich ausgeliehen, und als Deleuzianer verfolgte man trotz Berliner Techno-Grundstudium die Sachen von Mille Plateaux, bis dann auch dieses Label mit der Technokultur unterging. Was auch deshalb Spaß machte, weil Szepanski ein wirklicher Deleuze-Leser war und ist. Er war keiner dieser Schwätzer, die an der FU Berlin Vergleichende Literaturwissenschaften studiert hatten, aus der Schweiz kamen und jetzt mit der Geschwindigkeit eines Berner Sennenhundes Punk entdeckten und sich für Philososphen hielten, weil sie einen kannten, der mal mit Derrida Essen gegangen war.

Szepanski war eingetaucht in das Denken von Deleuze, er konnte schon als Techno-Theoretiker durch dessen Hauptwerk »Differenz und Wiederholung« surfen, als sei er in den Wellen des Buches aufgewachsen. Und daran hat sich nichts geändert. »Ontologie verstanden als konstruktive Tätigkeit. Man macht das Seiende univok; Univozität behauptet, dass die Mücke dasselbe Sein ausdrückt wie ein Mensch«, heißt es an einer Stelle in »Saal 6«. Besser kann man das Anliegen von Deleuze in »Differenz und Wiederholung« nicht in einen Roman weben. Wobei Szepanski eben auch zum Konstruktivisten wird, der die Frankfurter Bankenwelt auch erschafft, und zwar auf eine Art, dass man sich auf diese Welt – zumindest für die Dauer der Lektüre – auch einlassen mag. Das Buch ist viel sympathischer als alles, was David Foster Wallace je geschrieben hat. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil sich Szepanski nicht so schrecklich überlegen fühlt wie Foster Wallace.

Man muss das betonen, weil Szepanski in einem Interview in der aktuellen De:Bug in jedem zweiten Satz erklärt, wie viel er mit Foster Wallace zu tun hat. Literarisch jedenfalls hält sich die Verwandtschaft in sehr engen Grenzen. Was allerdings auch nicht verwunderlich ist. Szepanski ist nämlich eines nicht: ein ambitionierter Schriftsteller. Er schreibt nur, und das wie der Teufel.

»Saal 6« ist nur der erste Band einer Trilogie, die in diesem Jahr in seinem Verlag Rhizomatique erscheinen soll. Nach dem Niedergang der Techno-Kultur, der Insolvenz seines Labels und einem unwürdigen jahrelangen Rechtsstreit um den Namen Mille Plateaux ist hier einer zurückgekommen, was nicht von allen Machern der großen Techno-Zeit gesagt werden kann. Das ist nicht nur schön, es ist toll, weil Szepanski offensichtlich nicht wie Nicole S. auf E hängengeblieben ist.

Achim Szepanski: Saal 6.
Zu bestellen über http://www.edition-mille-plateaux.com

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