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diedrich diederichsen: Über Wut als politischen Rohstoff

Rohstoff Wut

Ursprünglich sollte es an dieser Stelle um Wut als politischen Rohstoff gehen, nachdem im vorigen Jahr Stuttgart 21 den sogenannten Wutbürger hervorgebracht hatte: Tausende, die voller Wut gegen einen zwar nicht unbedingt erfreulichen, aber doch kaum weltbewegenden Bahnhofsneubau demonstrierten. Einige Wochen später war die Frage nach der »Wut als politischem Rohstoff« schon viel komplizierter geworden. Denn nun demonstrierten Hunderttausende wütend gegen brutale Diktatoren. Was hat der Stuttgarter Furor mit dem Zorn der arabischen Aufständischen gemein? Fünf Wut-Etüden.

von diedrich diederichsen

0. Wut

Wut muss man trennen von Zorn und Empörung. Zorn weiß sich legitim. Die Diskrepanz zwischen dem, was das Rechtsempfinden weiß, und der Realität des Rechts ist stabil. Wut ist dagegen trau­riges Tasten und Tappen im Dunkeln auf der Suche nach Legitimität. Empörung ist die Auffrischung eines älteren oder das Aufwecken eines schlummernden Legitimationsdiskurses. Erst bin ich sprachlos vor etwas, das geschieht, dann greife ich nach einem Halt von früher und finde etwas – das kann auch falsch und unangemessen sein: Dann reicht die Empörung nicht zum Zorn. Wut ist zwar der Rohstoff, den Zorn wie Empörung brauchen, er wäre in ihrem Zusammenhang aber schon veredelt oder verhüttet. Zorn und Empörung führen den Streit. Wut tritt eher alleine auf. In letzter Zeit immer öfter. Doch Wut hat eine Genealogie: Sie ist aus dem Streit herausgefallen. Im Streit ist sie gebunden: eine notwendige, agonale Energie, die sich im Streit vergesellschaftet. Verlieren Akteure im Streit jede Chance, verlieren sie ihre Position oder kann der Streit überhaupt nicht mehr geführt werden, dann tritt die gebundene Wut heraus und taucht frei, radikal und ein bisschen blöde anderswo wieder auf.

1. Die Wut der (Klein-)Bürger

Der Bürger ist derjenige, der sich eigentlich seiner Rechte und Privilegien sicher ist. Doch die Erosion des Bürgertums als herrschende Klasse beobachtet man schon länger, das seit Jahren zu beobachtende hektische Gebastel an seiner Rekonstruktion, komplett mit Klavierstunde, Taufe und wilhelminischen Vornamen ist längst Karikatur. Wütend ist der Bürger in seinem immer wieder vermeintlich bestätigten Gefühl, ihm würden seine Privilegien, die Regeln, an die er gewohnt ist, entzogen: von Rechtschreibreformern, Ausländern, Gutmenschen, Gender-Mainstreaming und Regietheater, aber auch von seinesgleichen, anderen bedrohten Bürgern. »Stuttgart 21« war in diesem Sinne ein Bürgerkrieg. Das, was man in Amerika »Road Rage« nennt – von Drängeln bis Drive-by-Shooting –, ist die lebenswelt­liche Alltagsvariante der Wut der Bürger und Kleinbürger.

Im Straßenverkehr kann man es auch am ehesten an sich selbst beobachten. Ich verwandle mich etwa regelmäßig in einen Fahrrad-Nazi, was ich an guten Tagen amüsiert an mir selbst beobachte, an schlechten als erschreckende Verwandlung erlebe. Im Verhältnis zu meinen Mitmenschen interessiert mich dann plötzlich nicht mehr, dass und wie wir es miteinander aushalten, sondern dass sie meine verbrieften Rechte (als Radfahrer) verletzen oder verletzen könnten. Sie erscheinen mir nicht in ihrer realen Rolle als ein diffuses Bündel von Absichten, die natürlich nicht mich meinen, sondern durch die paranoide Perspektive des Rechteinhabers nur als Rechtebeschneider: verschnarchte Fußgänger, die den Radweg blockieren, linksabbiegende Autofahrerarschgesichter, die mir die Vorfahrt nehmen; die lahme Muddi, die nicht zur Seite springt, der fiese Vaddi, der mich zu Fall bringen will. Meine Rechte erscheinen mir als Radfahrer nicht wirklich garantiert, weil ich um meine geringe reale Macht gegenüber dem Autofahrer weiß, sobald wir gemeinsam einen rechtsfreien Raum beträten, und auch um meine potentiell größere Macht als die des Fußgängers. Da ich an der Garantierbarkeit meiner Rechte angesichts realer, in diesem Falle physischer Machtverhältnisse zweifele, klammere ich mich aggressiv an sie. Sie sind alles, was ich habe, ich klage sie ein, auch dort, wo sie niemand verletzen wollte oder jemand sie verletzt, ohne mir zu schaden.

Der wütende Bürger glaubt ebenfalls nicht an die Garantierbarkeit seiner Rechte. Wie beim Fahrrad-Nazi liegt das daran, dass er dazwischen steht: Da er aus Erfahrung weiß, wie leicht es ist, an den Rechten der unter ihm Stehenden (oder an seinem Gewissen) vorbei auf diese zu treten, weiß er auch, wie leicht es sich die machen könnten, die stärker sind als er. Er kann sich weder ganz auf Willkür verlassen, weil er zu schwach ist, noch aufs Recht, weil ihn seine relative Stärke retten könnte. So fällt er aus einer Position, aus der er streiten könnte, und wird wütend. Seine Wut ist die aus dem stabilen Streit herausgefallene Unsicherheit über seinen wahren Status und den seiner Antipoden. Ist um mich herum Recht oder Chaos?

2. Die Wut der Überforderten

Die Überforderten geben nichts mehr auf das Recht, aus dem Streit sind sie als komplette Loser längst entfernt worden. Auf sie hört kein Mensch. Sie warten auf den Tag, an dem ihnen ein stra­tegischer Vorteil (Amoklauf) die Möglichkeit der außerrechtlichen und außerrealen Macht vorübergehend gewährt. Doch sind sie zu überfordert, zu tief in Wut, als dass sie so kalt und cool auf diesen Moment warten könnten wie die Littleton-Attentäter in »Elephant« von Gus Van Sant. Des­wegen schießen sie meist daneben, lassen sich fangen oder schaffen es nur, die eigenen Kinder und sich selbst zu erlegen. Oft sind sie sediert. Unter dem schweren Schatten des Schlafmohns und in der Anästhesie des Alkohols hört man dann ein leises, heiseres Keckern und Keifen, einen Dauerzustand der Wut, über den man lieber nichts Näheres wissen will. In einem Protestsong der sechziger Jahre wird einem Mann, der sich jeden Abend in der Kneipe prügelt und in seinem Blut einschläft, geraten, etwas Sinnvolles mit seiner Wut anzufangen. Vorschlag des Protestsängers: den Papst zu blutigem Pulp zu prügeln. Werden die Protestsänger je mit dem Populismus aufhören? Was machen der Papst und seinesgleichen, wenn sie aus dem Streit herausgefallen sind? Sie entfesseln ohnmächtige, versoffene populistische Wut. Fazit? Der Überforderte verprügelt eh schon die ganze Zeit den Papst und seine Stellvertreter.

3. Die Wut der Aufständischen

Die Aufständischen sind in jeder Hinsicht wütend. Zu ihnen gehören Überforderte ebenso wie verängstigte Kleinbürger, wann immer diese Gruppen keine Angst mehr vor der immer größeren und diffuseren Gruppe der Aufständischen haben. Die Kleinbürger erkennen in den Aufständischen natürlich diejenigen, die sich nicht an das Recht halten, und deswegen haben sie eine Heidenangst vor ihnen – als würde ein Fahrrad-Nazi auf der einen Seite von einem sich annähernden Formel-Eins-Rennen, auf der anderen von einer riesigen Demo bedroht. Die Aufständischen sind zunächst diejenigen, die sich selbst erfolgreich einreden konnten, dass ihre Wut legitim sei. Das können normalerweise weder die Loser noch die Wutbürger. In dem Moment hört die Wut auch auf. Im Mai 68 gab es eine mit den Situationisten kooperierende Gruppe, die sich »Die Wütenden« nannte, »Les Enragés«; ein schönes Buch von René Vienet, das auf Deutsch bei Nautilus erschienen ist, dokumentiert sie. 1968 entwickelte sich dieser Übergang der aus dem Streit herausgefallenen oder nie zu ihm zugelassenen Wut in eine neue eigene Legitimität, ein neues selbst gemachtes Gesetz, in dem ein gleichgesinntes Kollektiv oder eine auf einer gewissen Synchronie, jederzeit praktizierbare, improvisierende Lebensform aufblühen konnte. Das war der entscheidende Moment dieses Aufstands. Wut wird hier gegeben und in eine Form verwandelt – es gibt aber immer auch den Moment, wenn eine historische Wut ihren Moment der Umwandlung in Streitfähigkeit verpasst hat.

Heutige Aufständische – so in den allerletzten Fällen in Nordafrika oder Wisconsin – haben nicht nur ihr Herausgefallensein in etwas inte­griert, das eine Streitposition wieder ermöglicht. Sie haben nicht oder mussten nicht eine Subkultur gründen, von der aus Verhandlungen aufgenommen werden konnten – wie »Die Wütenden« oder »Die Langhaarigen«. Sie tragen eher dazu bei, dass Streit überhaupt wieder stattfinden kann – an dem Ort, an dem diese Aufständischen ihre Tage des Zorns stattfinden lassen. Sie sind das Gegenteil von 68 in diesem Punkt: Statt über ihr kulturell Spezifisches und über den Versuch, dieses als kollektives Selbst zu setzen, organisieren sie den Punkt, an dem Wut zu Streitfähigkeit, Kampffähigkeit wird, über das maximal Allgemeine, das Unspezifische. Es ist nicht nur Schnellschuss-Diagnostik, wenn man sie über ihre Organisationsstruktur definiert: coole, bewegliche Elektronik. Die ist das Gegenteil von Liedern und Kunst, die nur uns und unsere wertvollen individuellen Erfahrungen meint.

Diese Aufständischen haben so – jedenfalls im aktuellen Stadium ihres Aufstands – überhaupt keinen konkreten Auslöser mit ihrer Wut verbunden und diese dadurch verwandelt in Empörung oder Zorn, sondern direkt die allgemeine Ursache: die Unmöglichkeit des Streites selbst. Und damit auch die Unmöglichkeit, die eigene Wut wieder in die agonale Energie gesellschaftlich ausgetragener Dissense von Demokratie bis Klassenkampf einzuspeisen. Sie haben die Rahmenbedingung des autoritär ausgeschlossenen Streites direkt attackiert. Das ist genial – dieses Genie haben der Multitude auch nicht ihre begeistertsten Verfechter zugetraut: Die Rahmenbedingung der eigenen Entstehung als politische Forderung zu nutzen, die sie dann selbst als Fordernde hervorbringt.

Die größte Gefahr ist, dass diese Forderung nach der Rahmenbedingung »Streit an sich«, wenn dieser Streit nicht an eine politische Spezifik gekoppelt ist, dazu führt, dass dieser, wenn seine Austragung denn erfolgreich erkämpft worden sein wird, nicht als ein nun möglicher, fortwährender Prozess ausgetragen werden kann, sondern nur als der ultimative, der ganz unspezifisch grundsätzliche Streit ums Ganze – der dann so total würde wie seine vorherige Verhinderung totalitär war.

Aber im Unterschied dazu erkennt der wütende Kleinbürger die Gründe für seine Unfähigkeit, den Streit zu führen, oder auch sein Ausgeschlossensein, die Desintegration der politischen Verhältnisse, in der sich Wut in agonale gesellschaftliche Energie verwandeln und in gesellschaftliche Konflikte einspeisen lässt, nicht. Er greift sie auch nicht an. Er sieht immer nur punktuell seine Rechte in Gefahr und weiß, dass ihm genau an diesem Gefahrenpunkt dieselbe Wut droht, zu der er selber fähig ist: ob von bürokratisch unfassbar gewordenen Herrschenden, Spekulanten oder superfertilen Migrantenmassen, die »Wanderers Nachtlied« nicht schätzen. Dass »Stuttgart 21« natürlich tatsächlich ein Projekt ist, das jeden Zorn verdient, löst das Problem nicht.

4. Die Wut der Theorie

Natürlich ist Theorie zu fein, um wütend zu sein. Aber sie ist fed up und möchte auch dringend aus der Welt fallen, möchte so total werden wie die Verhältnisse, deren Niveau keine Detailarbeit mehr verdient. Dass politische Kritik immer mehr zur reinen Kulturkritik wird und darin auch nicht mehr als eine Kritik der Ideologie, der Wahrheitsbehauptungen und des falschen Bewusstseins, sondern als eine Kritik anderer Leute Lebensqualität auftritt, ist nicht zielführend oder wenigstens unterhaltsam, wäre aber nicht so schlimm, wenn nicht mit dem cultural turn von Texten wie »Der kommende Aufstand« die implizit kultur- und zivilisationskritische Argumentation als Fluchtpunkt eines Exodus gedacht würde; eines Exodus aus dem Streit, der sich auf den poetischen Evergreen »Revolution« beruft. Das ist dann sozusagen die gezielte Herbeiführung jener Wut, die Angehörigen anderer Klassen einfach so passiert, ist das gezielte Unmöglichmachen einer Mobilisierung agonaler gesellschaft­licher Energien für den Streit, um so in eine Wut zu fallen, die im besten Falle neu anfängt; im wahrscheinlicheren aber nicht einmal das: Sie kann sich dann nur noch sedieren, Amok laufen, Revolutionsmethadon spritzen.

Dem feinen Sound des Exodus in diesen Texten – die viel gelobte Sprache ist ja der eigentliche Produktvorteil von »Der kommende Aufstand«: ein Update von SI-Lyrik, für alle, die noch einmal asozialerweise die Poesie an die Macht bringen wollen – stehen in heute beliebten Theorien spiegelbildlich gleich falsch die absoluten, naturwissenschaftlichen Wahrheiten der Badiou-Schule gegenüber, deren Kommunismus nach jedem Streit spielt, in einer Welt, die von denen veranstaltet werden soll, die diesen dann ein für alle Mal gewonnen haben werden.

Exodus und metaphysischer Universalismus waren verständliche Reaktionen auf eine klein gewordene Identitätspolitik, die die Zulassung zum Streit an den identitären Zwang knüpfte. Identitätspolitik war von einer strategischen und beweglichen zu einer identitären Politik aber nicht deswegen degeneriert, weil sie mit aller Gewalt in den Streit hinein wollte, sondern weil sie ihn stillstellen wollte: gesellschaftliche Identität als einen Fixpunkt errichten, der genau die Sorte von kleinbürgerlicher Legitimität an die Stelle der offenen Auseinandersetzung setzen will, die in den zu öffnenden Zonen, in der Fortsetzung von Klassenkampf und demokratischer Debatte geführt werden könnten. Streit ist immer die Aufhebung von Identitäten. Der erfolgreiche Aufstand, die erfolgreich Aufstand gewordene Wut kümmert sich darum, dass er geführt werden kann, nicht, wer mitmachen darf.

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