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Peter Bierl: Der Euthanasie-Anhänger Peter Singer erhält den »Ethik-Preis«

Wahlverwandte unter sich

Am kommenden Freitag erhält der Tierrechtler und Euthanasie-Anhänger Peter Singer den »Ethik-Preis« der Giordano-Bruno-Stiftung.

von Peter Bierl

Als Peter Singer Ende der achtziger Jahre in Deutschland auftreten wollte, protestierten sogenannte Krüppel-Initiativen und Antifaschisten so vehement, dass Veranstaltungen reihenweise ausfielen. 1996 mussten die Organisatoren eines Science-Fiction-Kongresses in Heidelberg den Bioethiker aufgrund öffentlichen Drucks als Redner wieder ausladen, in Bonn konnte nur unter dem Schutz eines großen Polizeiaufgebots eine Pressekonferenz stattfinden, die Singer gemeinsam mit Alice Schwarzer abhielt. Deren Zeitschrift Emma sowie die liberale Zeit machten sich zu Fürsprechern eines Mannes, der die Tötung von Behinderten propagiert. Nun ehrt die Giordano-Bruno-Stiftung Singer mit ihrem »Ethik-Preis«.

Singer und die italienische Tierrechtlerin Paola Cavalieri sollen am Freitag, dem 3. Juni, in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main den mit 10 000 Euro dotierten Preis »für ihr engagiertes Eintreten für Tierrechte« sowie für die Initiierung des »Great Ape Project« verliehen bekommen, hieß es in einer Presseerklärung der Stiftung. Diese Initiative, die unter anderem von der Affenforscherin Jane Goodall unterstützt wird, engagiert sich nicht bloß für Orang-Utans, Gorillas, Bonobos und Schimpansen, für deren Überleben und gegen Tierquälerei – was an sich lobenswert wäre –, sondern begründet dieses Engagement mit einer dezidiert menschenfeindlichen Ideologie der »Tierrechte«.

Mit seinem Buch »Animal Liberation« von 1975 hat Singer den Begriff des Tierrechts populär gemacht. Er rechtfertigt darin Menschenversuche und Euthanasie, indem er behauptet, bestimmte Tiere hätten ein größeres Lebensrecht als manche Menschen. Wer etwa für tödliche Experimente lieber Tiere als geistig Behinderte oder Säuglinge verwenden will, den schimpft Singer einen »Speziesisten«. Die Rede vom Speziesismus als einer Form von Rassismus gehört seither zum geistigen Rüstzeug der Tierrechtler. In seiner »Praktischen Ethik« (1979) entwickelt Singer die Kategorie der menschlichen »Nicht-Personen«, die man bei Bedarf töten dürfe, wozu er Säuglinge und geistig Behinderte zählt. Solche Tötungen erscheinen ihm als eine Frage des Kalküls: »Sofern der Tod eines behinderten Säuglings zur Geburt eines anderen Säuglings mit besseren Aussichten auf ein glückliches Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn der behinderte Säugling getötet wird«, schreibt er. Seine zen­trale These lautet: Die Zugehörigkeit zur menschlichen Art sei »kein moralisch relevantes Kriterium« für ein Recht zu leben.

Die Giordano-Bruno-Stiftung wurde 2004 als »Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung« von Herbert Steffen, einem früheren Unternehmer aus der Möbelbranche, gegründet. Steffen und der »atheistische Philosoph« Michael Schmidt-Salomon fungieren als Vorstand. Dem Beirat gehören der Zeichner Janosch, der Bioethiker Norbert Hoerster, die SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier, der Psychologe Colin Goldner und der Biologe und Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits an.

Wuketits ist auch Vorstand des österreichischen Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und ­Kognitionsforschung, dessen Beirat der Lorenz-Schüler Irenäus Eibl-Eiblsfeldt angehört, der das, was Nazis als »Ausländerstopp« bezeichnen, mit Begriffen wie »Territorialtrieb« und »Dominanztrieb« legitimiert. Wuketits pries Lorenz noch 2003 in einem Aufsatz als »Paradebeispiel eines Aufklärers« und als Verfechter einer »Höherentwicklung« der Menschheit, ohne dabei dessen Nazivergangenheit zu erwähnen. Ganz sicher wäre dies im Sinne von Konrad Lorenz gewesen, der Mitglied des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP war und die rassische »Aufnordung« und »Ausmerze« der Schwachen tatsächlich als Mittel zur »Höherentwicklung« der Menschheit begriffen hat.

Insofern taugt Lorenz durchaus als Ahnherr jenes »evolutionären Humanismus«, den die Giordano-Bruno-Stiftung propagiert. Schmidt-Salomon hat den Begriff von dem britischen Rassenhygieniker Julian Huxley übernommen und stützt sich auf Richard Dawkins, der meint, die Neurobiologie könne beweisen, dass es keinen freien Willen gebe. Dieser »evolutionäre Humanismus« bietet Schmidt-Salomon zufolge die Chance, »aus dem von Rachegedanken geprägten moralischen Automatismus von Schuld und Sühne auszubrechen«. Für ihn sind »die Täter stets auch die Opfer der Geschichte«, auch Hitler gilt ihm als »im Grund moralisch unschuldig«. Dagegen ist die Vorstellung vom Menschen als einem mit freiem Willen, Entscheidungsfreiheit und Gewissen ausgestatteten Wesen ein Erbe der jüdisch-christlichen Religion, dem auch andere große Religionen verbunden sind.

Demgegenüber hat Schmidt-Salomon als Co-Autor eines Kinderbuches, des »Ferkelbuches« (2007) aus dem Alibri-Verlag, das Judentum als starre Gesetzesreligion, als besonders brutale, patriarchale Religion mit einem bösartigen, gewalttätigen, eifersüchtigen Gott karikiert. Als das Buch wegen Antisemitismus indiziert zu werden drohte, gehörten die Deutsche Unitarier-Religionsgemeinschaft (DUR) aus Hamburg sowie Unitates, die Stiftung der DUR, zu Schmidt-Salomons Unterstützern. Die DUR wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von ehemaligen hochrangigen Nazifunktionären, insbesondere der Deutschen Glaubensbewegung Wilhelm Jakob Hauers, gegründet und deswegen immer wieder attackiert, früher auch von Colin Goldner, der heute dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung angehört.

Mittlerweile zum Tierrechtler geworden, behauptete Goldner 2007 in einem ebenfalls im Alibri-Verlag erschienenen Sammelband, wer eine Aussage wie »Das schlimmste KZ bereiten wir den Tieren« kritisiere, betreibe eine »Inflationierung und damit Entwertung des Antisemitismusvorwurfs«. Die Herausgeberin des Bandes, die Antizionistin Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN), schreibt, das Gedenken an den Holocaust habe sich inzwischen »zur westlichen Weltreligion«, zu »einem negativen Identifikationsmodell«, entwickelt, und es finde eine »Fetischisierung des Holocaust« statt, während die Tierrechtsorganisation Peta den KZ-Vergleich in ihrer Werbung »lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt« habe. Die Kritiker solcher Holocaust-Vergleiche seien ohnehin allesamt Fleischfresser: »Sie moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänsekeule frei.«

Am Freitag wird Colin Goldner nun die Lobrede auf Peter Singer halten. Dabei kommt in Frankfurt zusammen, was zusammengehört: Antihumanismus und verkitschte Tierliebe, Schmidt-Salomons Pseudo-Religionskritik aus der Herrenmenschen-Perspektive und die »praktischen Konsequenzen«, die Singer daraus ziehen möchte. Und das alles unter dem Namenspatron Giordano Bruno, der bloß noch als Märtyrer in Erinnerung ist, dem aber die völkischen Bewegungen seit dem Kaiserreich wegen seines Pantheismus und Antisemitismus huldigten: Ernst Haeckel, Propagandist von Darwins Evolutionslehre, der eine neue pantheistisch-naturwissenschaftliche Religion und ein eugenisches »Ausjäten« forderte, Theodor Fritsch, der Bruno in seinem 1887 erschienenen »Antisemiten-Katechismus« zitiert hat, oder Sigrid Hunke, die 1999 verstorbene Unitarierin und langjährige Ehrenvorsitzende der DUR. Als mögliche Preisträger der Giordano-Bruno-Stiftung für die folgenden Jahre empfehlen sich Thilo Sarrazin und, wenngleich posthum, Alfred Ploetz, der Begründer der Rassenhygiene.

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