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Hannah Wettig: Syrische Blogger im Gespräch über die Entwicklung der Revolte und die Repression in Syrien

»Es wäre ein Desaster«

Der syrische Blogger Nour* schreibt auf thefreemen.wordpress.com über die Demokratiebewegung des Landes. Auch die syrische Bloggerin Raida* widmet ihren lesbisch-feministischen Blog razaniyat.blogspot.com seit Beginn der Revolte in Syrien vor allem dem Protest gegen das Regime.

Interview: Hannah Wettig

Was wollen die syrischen Demonstranten?

Nour: Vor allem wollen sie politische Freiheiten. Aber der Protest hat auch viel mit der wirtschaftlichen Situation zu tun. Wirtschaftlich hat sich Syrien in den vergangenen zehn Jahren drastisch verändert. Als Bashar al-Assad an die Macht kam, hat er angefangen zu privatisieren – nun, was man eben Privatisierung nennt.

Er hat Staatseigentum für wenig Geld an seine Familie und Freunde verkauft?

Nour: Genau. Früher war das Gesundheitssystem kostenlos und akzeptabel. Es gab Sportplätze, Schwimmbäder für wenig Eintritt. Die Miete war günstig. Inzwischen haben wir fast ein europäisches Preisniveau. Ich zahle 2 000 Dollar im Jahr für den Kindergarten meines Sohns.

Raida: Durch die Privatisierung sind diejenigen an der Macht noch reicher und noch mächtiger geworden.

Wie organisiert ihr euch als Aktivisten?

Nour: Ich kontaktiere Leute über Facebook. Aber das ist schwierig: Ich habe einen Decknamen, und die haben natürlich auch welche. Es dauert lange, bis man einander so vertraut, dass man sich verabredet. Wir arbeiten gerade daran, eine größere Organisation aufzubauen.

Ich habe einen Forderungskatalog geschrieben. Den habe ich erst einmal in meinem Wohnviertel diskutiert. Vor allem eine Forderung sei kritisch, dachte ich: »Wir wollen einen demokratisch gewählten Präsidenten gleich welcher Religion.« Aber die Leute in meinem Viertel fanden das gut.

Also habe ich das an andere Aktivisten über das Internet verschickt, zum Beispiel an die Jugend des 17. April und an lokale Koordinierungskomitees. Anhand der Rückmeldungen überarbeite ich den Entwurf immer wieder.

Was steht noch in dem Forderungskatalog?

Nour: Unsere Prinzipien sind: friedlicher Protest, Unterstützung des Widerstands gegen Israel, ein moderner Staat und dass uns die Religionszugehörigkeit des Präsidenten egal ist. Vom Regime fordern wir: sofortige Aufhebung des Schießbefehls, Freilassung der politischen Gefangenen, Verurteilung derjenigen, die für die Toten verantwortlich sind. Wenn diese Forderungen erfüllt sind, wollen wir einen nationalen Dialog, um ein neues politisches System aufzubauen.

Die politischen Forderungen sind: Vorbereitung eines Wahlgesetzes, Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit und Respekt für alle Kulturen Syriens. Kurden, Assyrer und andere müssen das Recht haben, ihre Sprache zu lernen und ihre Kultur zu leben.

Einige Oppositionelle haben sich mit Assads Beraterin Buthaina Shaban getroffen. Was haltet Ihr davon?

Nour: Du sprichst von Michel Kilo. Ich denke, diese Taktik ist gut.

Raida: Ich denke das nicht. Das gibt dem Regime eine Rechtfertigung, auf die Leute auf der Straße zu schießen.

Nour: Aber Kilo und die anderen haben Shaban sehr deutlich gesagt, dass sie nicht im Namen der Demonstranten sprechen könnten und dass das Regime den Leuten erlauben müsse, Repräsentanten zu wählen, damit es einen Dialog geben kann.

Raida: Louay Hussein und Aref Dalila haben das gesagt. Von Kilo haben wir noch nicht gehört, was während des Treffens passiert ist. Ich glaube, dass wir eine klare Position gegenüber allen Versuchen des Dialogs mit dem Regime einnehmen sollten. Warum braucht es diese Gespräche? Wie kann das der Revolution helfen? Ist es das, was die Leute auf der Straße wollen – dem Regime ein paar Konzessionen abzuhandeln?

Wie beurteilt ihr die Entwicklung der Revolte?

Nour: Mir macht Angst, dass das Regime die religiösen Gruppen gegeneinander ausspielt. Es gibt in Syrien 70 Prozent Sunniten, aber das Regime ist alawitisch.

Raida: Nein, ist es nicht. Die Gesellschaft ist sehr sunnitisch geprägt. Die Familiengesetzgebung orientiert sich am sunnitischen Islam. Assad lässt sich von sunnitischen Sheikhs beraten. Außerdem gibt es in der Regierung auch Christen und Sunniten.

Nour: Du hast Recht. Das Regime gibt vor, alawitisch zu sein. Allerdings sitzen in 60 bis 70 Prozent der höheren Positionen Alawiten, obwohl sie eine Minderheit in der Gesellschaft darstellen. Das verursacht Neid.

Raida: Ich glaube, dieses Denken führt zu Sektiererei, was die größte Gefahr für unsere Revolution ist.

Nour: Das wollte ich gerade sagen: Das Regime versucht, die Gesellschaft zu spalten. Alawitische Polizisten werden dazu angehalten, Sunniten zu beleidigen. Dann werden die Menschen wütend und schlagen zurück. In einem Fall wurde ein Alawit zu Tode getreten. Die Alawiten gehen in ihre Dörfer und erzählen: »Die Sunniten hassen uns.«

Raida: Wir sollten sagen, dass wir einen alawitischen Präsidenten wählen würden. Das würde den Alawiten die Angst nehmen, dass sie nach der Revolution verfolgt würden.

Nour: Ich habe in meinem Blog über einen Ladenbesitzer geschrieben, der mir gesagt hat: »Mir ist es egal, ob ich von einem Alawiten oder Christen oder Muslim regiert werde, solange er den Willen des Volkes achtet.«

Profitieren die Islamisten von den Spaltungsversuchen des Regimes?

Nour: Wenn die Taktik aufgeht, wird die Revolution fehlschlagen. Das trifft auch die Islamisten.

Raida: Sind mit Islamisten Muslimbrüder gemeint? Die Syrer hassen die Muslimbrüder, da sie zwei Jahre mit Abdelhalim Khaddam gearbeitet haben, dem früheren Vizepräsidenten. Es gibt viele religiöse Menschen in Syrien. Aber religiöse Menschen und Islamisten sind zwei verschiedene Dinge.

In Ägypten und Tunesien hat sich die Armee auf die Seite der Demonstranten gestellt. Warum geschieht das nicht in Syrien?

Raida: Viele Menschen glauben, dass das Militär auf die Demonstranten schießt. Aber es ist die vierte Division, die nicht zur Armee gehört. Die vierte Division bekommt ihre Befehle direkt vom Präsidenten. Während der Belagerung von Daara standen dort Panzer der vierten Division, weil sich die fünfte Division, die in der Nähe von Daara stationiert ist, weigerte zu schießen.

In den deutschen Medien wird häufig kritisiert, dass die Nato den Libyern helfe, die Syrer aber allein lasse.

Nour: Ich persönlich bin froh, dass der Westen nicht bereit ist, uns zu helfen. Es würde der Revolution schaden, wenn sie mit dem Westen assoziiert würde. Es wäre ein Desaster für die gesamte Region. Wenn Syrien will, kann es Bürgerkriege in allen arabischen Nachbarländern provozieren.

Raida, du bist auch Aktivistin für Schwulen- und Lesbenrechte. Kann man darüber in Syrien offen reden?

Raida: Nein, nicht wirklich. Ich schreibe darüber in meinem Blog. Außerdem bin ich in einer lesbisch-feministischen Gruppe in Beirut, wo ich studiert habe und jetzt gerade wieder hingezogen bin. In Syrien ist das noch ein Tabu.

Gibt es eine Szene in Syrien?

Raida: Man trifft sich in normalen Cafés und Bars. Allerdings finde ich die Lesbenszene in Damaskus eher langweilig. Die meisten sind sehr jung und reden nur über Sex und Beziehungen. In der Schwulenszene ist es ähnlich. Spannend finde ich die Transsexuellenszene. Diese Leute machen sich mehr Gedanken über Gender-Beziehungen.

Wissen Leute aus deinem Umfeld, dass du lesbisch bist?

Raida: Ja, viele. Vor der Revolution haben mich viele dafür angegriffen, dass ich darüber schreibe. Jetzt sind einige dieser Kritiker meine besten Freunde geworden, weil sie meine Arbeit als Aktivistin für die Demokratie unterstützen. Ich denke mittlerweile, dass es ein Fehler war, über Lesben- und Schwulenthemen zu sprechen, bevor man Gender und Sexualität thematisiert, besonders in einem Land, in dem es keinen Raum gibt, Tabus und Fehlinterpretationen zu dekonstruieren.

Du lebst jetzt in Beirut, aber trotzdem willst du nicht, dass dein richtiger Name veröffentlicht wird. Bist du dort nicht sicher?

Raida: Nein. Die Syrer kontrollieren den Libanon seit 30 Jahren. Sie haben dort Verbündete: die Syrisch-Nationalistische Partei und die Hizbollah. Außerdem ist der syrische Geheimdienst sehr präsent. Aber auch wenn mir dort nichts passiert, muss ich an meine Eltern denken, die noch in Syrien sind.

* Namen von der Redaktion geändert

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