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Thomas Ewald: Wohnen in St. Pauli wird teuer

Esso-Häuser in Seenot

St. Pauli zählte lange Zeit zu den ärmsten Stadtteilen Deutschlands. Inzwischen ist er für viele Mieter unbezahlbar geworden.

von Thomas Ewald

Er hieß Micro, und der Kiez war sein Zuhause. Nur der Imbissverkäufer in der Bude zwischen Esso-Tankstelle und Spielbudenplatz auf St. Pauli wollte nicht verstehen, dass Micro ausgerechnet vor seiner Bude abhängen musste. Der Punk, den es irgendwann von Italien nach St. Pauli verschlagen hatte, sollte verschwinden. Schnorrer seien schlecht für das Geschäft. Es kam zur Rangelei. Micro griff zum Barhocker und schlug zu. Er bekam Bewährung. So erzählt man sich die alte Geschichte noch heute auf dem Kiez.

Auch Manta kennt die Geschichte. Manta ist selbst ein Urgestein der Punkszene in Hamburg. Sein Stammplatz war lange Zeit der Gehweg vor dem Kiosk an der Feldstraße. Er erinnert sich noch an die Zeit, als sich keine Polizeistreife in das direkt hinter dem Heiligengeistfeld, dem Wohnzimmer des FC St. Pauli, gelegene Karo-Viertel traute. Hier lag auch der berühmte Bauwagenplatz Bambule, jedenfalls bis Ronald Barnabas Schill seinem Spitznamen »Richter Gnadenlos« alle Ehre machte und das Areal 2002 räumen ließ. Heute findet man hier Designerläden und Cafés.

Mantas Einstellung gegenüber der Staatsgewalt ist die alte geblieben. So ist es auch schon mal vorgekommen, dass er sein Dosenbier geopfert hat, um es auf einen vorbeifahrenden Streifenwagen zu werfen, ohne jede Vorwarnung. Das ist jetzt zwei Jahre her. Was hat sich geändert? Das Gebiet zwischen Bahnhof Sternschanze und der Hafenstraße in St. Pauli wird immer gesichtsloser. Die Viertel verlieren ihren Charme, und Manta kämpft gegen den Krebs, er magert ab und verliert seine Zähne. Man bekommt ihn kaum noch zu Gesicht.

Micro würde vielleicht ausrasten, wenn er wüsste, dass mittlerweile sogar sein alter Stammplatz vor dem Imbiss gentrifizierungsgefährdet ist. Und zwar nicht durch einen spießigen Aushilfswurstdreher, sondern durch den Abriss des ganzen Areals. Die Esso-Tankstelle, die drei Mietswohnhäuser und die gut 100 Meter lange Ladenzeile davor sollen verschwinden. Aber Micro lebt nicht mehr, er starb vor zwei Jahren in Bielefeld.

»Ich sehe, dass die Seele des Kiezes kaputt geht«, sagt Aron Schneider. Er hat knapp zwei Jahre für das Stadtteilbüro GWA St. Pauli als Sozialarbeiter gearbeitet und sich dort um die Mieter gekümmert. Für ihn bedeutet der geplante Abriss auch das Ende des Viertels, wie man es bisher kannte.

Andi Schmidt ist einer der Betreiber der »Meanie Bar« und des »Molotow«, die in der Ladenzeile untergebracht sind. Für ihn ist das, was hier passiert, die »Ballermannisierung« der Nachbarschaft. Ähnlich wie Kreuzberg ist auch St. Pauli zum Lieblingsspielplatz deutscher Touristen aus den Randgebieten geworden. Am Wochenende ist das Publikum auf der Reeperbahn nicht mehr von dem einer Großraumdisko im Sauerland zu unterscheiden. Der Spielbudenplatz, dessen zwei große LED-Leinwände der Energiekonzern Vattenfall sponsert, lädt im Winter zum verruchtesten Weihnachtsmarkt der Welt ein und wirbt mit einem onanierenden Cartoon-Weihnachtsmann.

Vor allem im Sommer herrscht auf dem Platz Ballermann-Stimmung. Es gibt einen Sandstrand, die Sangria fließt in Strömen. Schlechte Coverbands spielen Fetenhits. Die Esso-Häuser sind umzingelt. Seit 1949 stehen die Hochhäuser samt der Esso-Tankstelle am Spielbudenplatz, den Corny Littmann mal den Dorfplatz von St. Pauli genannt hat. 2009 übernahm ein Investor das Areal. Eine Augenweide sind die gammeligen Esso-Häuser nicht gerade. Schwarze Flecken ziehen sich über die bröckelnden Außenwände.

»Man kann nicht davon sprechen, dass hier eine Gentrifizierung stattfindet«, sagt der für Bauvorhaben des Bezirks Hamburg-Mitte zuständige Bezirkamtsleiter, Markus Schreiber. Der Sozialdemokrat ist davon überzeugt, dass die Mieter, die in den vergangenen Monaten in den lokalen Zeitungen gegen einen Abriss argumentierten, nur »eine eklatante Minderheit« darstellten. Da seine Partei im Wahlkampf Sozialwohnungen versprochen hat, ist er froh, »dass man mit dem neuen Eigentümer, der Bayerischen Hausbau, einen Drittel-Mix vereinbart hat«. Die Wohnsituation im Kiez werde sich bessern, keineswegs verschlechtern. Mit Drittel-Mix meint Schreiber, dass es Sozialwohnungen, Mietwohnungen und Eigentumswohnungen geben wird.

Eine bezahlbare Mietwohnung im Stadtgebiet wird auch von Familie Sommer gesucht. »Das ist doch wieder nur Eigentum«, stöhnt Jörg immer wieder, wenn er im Internet nach einer Mietwohnung sucht. Die dreiköpfige Familie wird demächst um zwei Mitglieder reicher. Jörgs Frau erwartet Zwillinge. Die Eheleute fühlen sich »verarscht«, wie so viele, die auf Wohnungssuche sind. Dabei reißen sich die Städte um junge Familien mit akademischem Background. Die Sommers sind studierte Ingenieure und gehören dem Einkommen nach zur Mittelschicht. Doch immer wieder bezweifeln sie, ob sie sich Hamburg noch leisten können. »Wir wollten erst in Richtung Süddeutschland ziehen«, sagt Jörg und wirkt dabei ziemlich geknickt. Süddeutschland oder Randgebiete namens Bramfeld, Rahl­stedt oder Pinneberg, das sei keine zufriedenstellende Aussicht.

Auch die Mieter in den Esso-Häusern wissen um die Probleme auf dem Wohnungsmarkt. »Viele würden lieber nicht mehr umziehen«, sagt Aron Schneider. Seiner Einschätzung nach möchten 90 Prozent der Anwohner auf St. Pauli bleiben. »Es geht um Leute, die in den Häusern seit 30, 20, zehn Jahren wohnen. Die bezahlen fünf bis zehn Euro pro Quadratmeter.« Wenn die Menschen dort raus müssten, würden nur die wenigsten zurückkehren können.

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