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Jörn Schulz: Über Islamkritik und Rechtspopulismus

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Islamkritik? Welche Islamkritik? Rechts­populistische Verteidiger des Abendlandes ignorieren wissenschaftliche Abhandlungen über den vorgeblichen Gegenstand ihrer Kritik. Das müssen sie auch.

von Jörn Schulz

Die Islamkritik hat eine lange Tradition. Als der Prophet Mohammed eine Offenbarung verkündete, die ihm bei der Auswahl der Ehefrauen größere Freiheit zusprach als dem Rest der Gläubigen, kommentierte seine Gattin Aisha: »Gott hat es eilig, dir deinen Willen zu erfüllen.« Obwohl diese Bemerkung den göttlichen Ursprung der Offenbarung in Frage stellte, wurde sie nicht aus der Überlieferung getilgt, sie findet sich unter anderem in der als autoritativ geltenden Hadith-Sammlung Mohammed al-Bukharis.

Der Koran und die Hadith-Literatur, die Worte und Taten des Propheten wiedergibt, belegen, dass die frühislamische Gemeinde renitent war. Nicht immer wollte sie dem Propheten lauschen (»Wenn sie ein Spiel sehen, dann brechen sie sogleich dazu auf und lassen dich stehen«), und die Zweifel der ersten Muslime an der Authentizität mancher Offenbarungen fanden in Form einer Mahnung an Mohammed sogar Eingang in den Koran: »Übereil dich nicht mit dem Koran, bevor er dir endgültig eingegeben worden ist. Und sag: Herr! Lass mich an Wissen zunehmen!«

Heutzutage im Stil Aishas zu spotten, kann gefährliche Folgen haben. »Die satanischen Verse« von Salman Rushdie, die dem Autor ein von Ayatollah Khomeini ausgesprochenes Todesurteil eintrugen, thematisieren die Konflikte in der früh­islamischen Gemeinde, im Kapitel »Rückkehr nach Jahilia« wird auch Aishas Zweifel erwähnt. Respektlos im Ton, aber differenziert in der Darstellung, sind die »Satanischen Verse« eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Islam in literarischer Form.

Dass nicht jeder Islamkritiker Rushdies intellektuelles Niveau erreicht, ist verzeihlich. Doch lautet nun das unausgesprochene Stoßgebet der Rechts­populisten: »Herr! Verschone mich mit dem Wissen! Ich habe doch schon mein Ressentiment!«. In den Worten von Bernd Zeller, einem Autor der »Achse des Guten«: »Man kann den Islam auch emotional ablehnen. Mit der islamischen Kultur hängt so viel Inakzeptables zusammen, dass es schon schlimm wäre, wenn sich dagegen kein Widerstand regen würde in einem Kontinent, der schon mal weiter war.«

Dieser Kontinent war tatsächlich mal weiter, die Islamkritik hat schon bessere Zeiten gesehen. In den neunziger Jahren gab es essentialistische, apologetische, romantisierende und historisch-kritische Beiträge, doch so verschiedene Autoren wie Bassam Tibi, Bernard Lewis, Reinhard Schulze und Annemarie Schimmel waren sich über eines einig: Man sollte auf wissenschaftlicher Grundlage debattieren.

Nunmehr aber bestehen die meisten Islamkritiker darauf, in selbstverschuldeter Unmündigkeit zu verharren, obwohl man dank Google Books nicht einmal mehr den Hintern aus dem Sessel heben muss, wenn man islamwissenschaftliche Standardwerke lesen will. Hilfreicher als eine Auseinandersetzung mit den immer gleichen Schlagworten ist daher die Suche nach den Motiven. »Wie die ›Islamkritik‹ als Diskursgegenstand in die Welt gekommen ist«, erläutert Henryk M. Broder. »Es war der 11. September 2001, um 8.46 Uhr New Yorker Zeit. Bis dahin beschränkte sich ›Islamkritik‹ auf die Frage, ob man als Urlauber in Ägypten oder in Tunesien mehr für sein Geld bekommt.«

Bereits der Iranischen Revolution im Jahr 1979 und dem Attentat auf Anwar al-Sadat am 6. Ok­tober 1981 folgte eine Flut auch populärwissenschaftlicher Bücher über Islam und Islamismus, die von Menschen diskutiert wurden, die sich auch mal für etwas anderes als das eigene Wohlbefinden interessieren. Doch das, was heutzu­tage als Islamkritik gehandelt wird, entstand tatsächlich aus der Vorstellung, »sie« seien nun eine Bedrohung für »uns«, während die 80 000 hingerichteten Oppositionellen im Iran und andere, die vor dem magischen Datum 9/11 zu Opfern des Islamismus wurden, kein Anlass zur Beunruhigung waren.

Aus der Angst vor dem islamistischen Terrorismus ging die paranoide Vorstellung hervor, die Einwanderung von Muslimen sei eine Invasion, die mit der Islamisierung Europas enden werde. Vor allem diese Wahnidee ist kennzeichnend für die rechtspopulistische Islamkritik, die vorgeblich für die Rechte des Individuums eintritt, den Mus­limen, zu denen meist umstandslos alle Migranten aus islamischen Ländern sowie deren Nachkommen gezählt werden, aber als Kollektiv kriegerische Absichten unterstellt. Die Abneigung gegen wissenschaftliche Untersuchungen ist nicht allein ein Ausdruck individueller Ignoranz. Anders als »emotional« kann eine rechtspopuistische Islamkritik gar nicht vorgebracht werden.

Wissenschaftler wie der liberale Bassam Tibi und der konservative Bernard Lewis arbeiten mit essentialistischen Ansätzen, sie gehen von einer Prägung islamischer Gesellschaften durch spezifische religiöse Prinzipien aus. Eine historisch-kritische Forschung, die etwa auch den Widerstand gegen die in den meisten islamischen Gesellschaften seit 1 200 Jahren andauernde Vorherrschaft der orthodoxen Theologie untersucht, ist ergiebiger. Doch darüber kann man diskutieren, entscheidend ist, dass sowohl Tibi als auch Lewis die Möglichkeit anerkennen, die bestehenden Verhältnisse zu ändern.

Nicht jede essentialistische Islamkritik ist reaktionär. Man kann auch recht haben, wenn man unrecht hat. So gibt es gute Gründe, viele Thesen von Necla Kelek oder Seyran Ates zu kritisieren, doch im Kampf gegen patriarchale Gewalt sind auch Schläge unter die Gürtellinie gerechtfertigt. Die Kritik der 68er-Bewegung am christlichen Obrigkeitsstaat hätte einer wissenschaftlichen Prüfung auch nicht immer standgehalten.

Rechtspopulistische Islamkritiker hingegen wähnen das Abendland in einem Zweifrontenkrieg gegen Islam und Feminismus. »Die Antipathie gegenüber dem Feminismus – und Frauen –, die Breiviks Dokument durchzieht, ist nicht zufällig«, schreibt Jane Claire Jones im Guardian. »Einst stolz, männlich und unbezwingbar, ist Europa – wie Breivik in Sektion 2.89 suggeriert – eine Frau geworden, die eher eine Vergewaltigung duldet als ›ernsthafte Verletzungen zu riskieren, indem sie sich widersetzt‹.«

Dieser von Breivik zitierte Halbsatz stammt aus einem Gespräch, das die niederländische Zeitung De Volkskrant mit Broder geführt hatte. Gegenüber dem Tagesspiegel sagte Broder, De Volkskrant habe den Hintergrund falsch dargestellt: »Ich habe mit keiner blonden Frau diskutiert, die vergewaltigt wurde, ich habe aus irgendeinem Artikel zitiert, in dem eine vergewaltigte Frau darüber räsonierte, dass es besser wäre, sich nicht zu wehren, wenn man mit dem Leben davonkommen will.«

Muslimische Migration als Vergewaltigung des Abendlandes – diese Sexualisierung der Vorstellung, es fände eine Invasion statt, ist kein Zufall. Broder empfiehlt freiheitsliebenden jungen Europäern die Auswanderung. Für konsequente Rechts­populisten ist der Kampf gegen den Islam jedoch, wie für Breivik, ein Kampf um die Kontrolle über die Frauen und deren Reproduktionsfähigkeit.

Nicht nur in dieser Hinsicht ähneln sie den Islamisten und den muslimischen Reaktionären. Die Orientierung an einer mythologisierten Vergangenheit, die Abwehr alles Fremden und »Zersetzenden« sowie der Hass auf jene, die als Agenten des Feindes in der eigenen Gesellschaft ausgemacht werden, einen Reaktionäre und Rechtsextremisten. In den vergangenen Jahrzehnten ging von muslimischen Extremisten eine größere Gefahr aus, doch es gibt keine Garantie dafür, dass Faschisten und fanatische Christen nicht aufholen. Denn während sich in Europa nationalistische Ressentiments verbreiten und in Großbritannien und Ungarn bereits rechtsextreme Milizen in den Straßen marschieren, kämpfen die Protestierenden in vielen islamischen Ländern für die Freiheit.

»Wie kommt das Neue in die Welt?« fragt Rushdie. »Wie überlebt es, extrem gefährlich wie es ist? Welche Kompromisse muss es eingehen, welche Abmachungen treffen, welchen Verrat an seiner verborgenen Natur üben, um die Abbruchkugel abzuwehren, den Würgeengel, die Guillotine?« Das Neue war im 7. Jahrundert der Islam, der sich gegen die mekkanische Aristokratie behaupten musste. Die »satanischen Verse« waren eine später als Einflüsterung des Teufels bezeichnete Offenbarung, die den strikten Monotheismus widerrief, um einen Kompromiss mit dem ancien régime zu ermöglichen.

Das Neue im Jahr 2011 ist die arabische Revolte, und für die säkularen Demokraten sind Rushdies Fragen sehr aktuell. Ob sie die Orthodoxie überwinden und den Islamismus marginalisieren können, ist unklar. Dass die ägyptische Tageszeitung al-Masry al-Youm in der vergangenen Woche unter dem Titel »Al-Azhar zerrissen zwischen Säkularisten und Islamisten« über den Streit in der bislang als erzkonservativ bekannten bedeutendsten theologischen Universität der islamischen Welt berichtete, ist nur eines von vielen Anzeichen für einen tiefgreifenden politischen Wandel. Die rechtspopulistische Islamkritik ist ein innenpolitisches Problem der westlichen Länder, die politisch bedeutsame Islamkritik wird nun auf den Straßen von Kairo, Tunis und Teheran vorgebracht.

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