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Anna Kow: Über Kinderarmut in Deutschland

Die Lösung heißt Ehe

Die Kinder von Alleinerziehenden wachsen besonders häufig in Armut auf. Das geht aus einem Bericht des Statistischen Bundesamts hervor. Doch die Verantwortung für die sozialen Verhältnisse wird den Eltern zugeschoben.

von Anna Kow

Wäre der Titel nicht schon vergeben, hätte das Statistische Bundesamt seinen aktuellen Bericht über die Lebensverhältnisse von Kindern auch »Deutschland schafft sich ab« nennen können. Aus der Anfang August veröffentlichten Auswertung des Mikrozensus und anderer repräsenta­tiver Haushaltsbefragungen geht unter anderem hervor, dass im Jahr 2010 nur noch 16,5 Prozent der Bevölkerung, also jeder sechste Einwohner in Deutschland, unter 18 Jahre alt war. Vor zehn Jahren waren noch 18,8 Prozent der deutschen Bevölkerung Kinder und Jugendliche. Diese Entwicklung setze sich fort, so das Ergebnis der »12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung«. Wenn sich an der Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau und an den Ein- und Auswanderungs­bewegungen nichts ändere, werde bis zum Jahr 2060 der Anteil der unter 18jährigen auf 14 Prozent sinken.

Dies sei Zeichen einer unzureichenden Familienpolitik, äußerten etliche Kommentatoren, zudem fehle den Deutschen auch die nötige Risikobereitschaft. »Weder Vätermonate, Elterngeld, noch der sukzessive Ausbau von Betriebskindergärten und Krippenplätzen können den Deutschen offenbar die Angst nehmen, Kinder zu bekommen. Denn der Deutsche liebt das Rundumsorglospaket. Jegliches Restrisiko wird zur Bedrohung – und damit zum Geburtenverhinderer«, hieß es zum Beispiel in der Neuen Presse aus Hannover. Wenn es um Kinder gehe, regiere nicht mehr die Politik, sondern »die deutsche Angst«. Warnend und rührselig gab der Artikel zu bedenken: »Das Kinderlachen, es verstummt so langsam in Deutschland.«

Dass viele Kinder gar nichts zu lachen haben und Angst für Eltern nicht so unbegründet ist, zeigen die Ergebnisse des sogenannten Mikrozensus, die sich auf die wirtschaftliche und soziale Lage von Familien in Deutschland beziehen. Aus ihnen geht hervor, dass jedes sechste Kind in Armut lebt, ein Wert, der in den vergangenen Jahren konstant geblieben ist. Besonders weit verbreitet ist die Armut bei Kindern von Alleinerziehenden. Jedes dritte Kind, das alleine mit Mutter oder Vater aufwächst, ist der aktuellen Statistik nach arm. Und bei jeder beziehungsweise jedem dritten Alleinerziehenden sind staatliche Transferleistungen wie Hartz IV die Haupteinkommensquelle – was bedeutet, dass dem mit dem Kind lebenden Elternteil, je nach Alter des Kindes, für dessen Bedürfnisbefriedigung ganze 215 bis 287 Euro Sozialgeld zur Verfügung stehen. Dennoch, so das Statistische Bundesamt, sei die Grundversorgung der Kinder, etwa mit Kleidung, Essen und Spielsachen gut, nur auf Urlaubsreisen müssten etwa 22 Prozent aller Kinder und Jugendlichen aus finanziellen Gründen verzichten. Worauf die Eltern verzichten müssen, um ihrem Nachwuchs ansehnliche Klamotten, einen Handyvertrag oder eine nicht allzu peinliche Schultasche bezahlen zu können, wurde selbstverständlich nicht erfasst.

Die Zeit schrieb zum Ergebnis des Mikrozensus 2010: »Die meisten Kinder in Deutschland wachsen bei verheirateten Eltern auf. Von denjenigen, die mit nur einem Elternteil groß werden, lebt ein Drittel unter der Armutsgrenze.« Liegt es also an den Alleinerziehenden? Schon im Jahr 2008 war das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in einem Dossier zum Thema Kinderarmut zu dem Ergebnis gekommen, »dass allein die höhere Anzahl von Alleinerziehenden und Familien in schwieriger ­Erwerbssituation zu einem Großteil zum Anstieg der Kinderarmut beigetragen haben«. Um den Missstand zu beseitigen, empfahl das Ministerium eine »höhere Erwerbstätigkeit«. Zwar solle die Bedeutung öffentlicher Unterstützung für Familien im Kampf gegen Kinderarmut nicht unterschätzt werden. »Gleichwohl liefern die vorliegenden Daten sehr deutliche Hinweise darauf, dass die beste Absicherung gegen Armut eine Vollzeitbeschäftigung darstellt.« Das dürfte Alleinerziehenden aber auch ohne die messerscharfe Analyse des BMFSFJ klar gewesen sein. Die Verantwortung für die unzumutbaren Verhältnisse, in denen manche Kinder aufwachsen müssen, schob das Ministerium so den Eltern zu, die ihre prekäre Situation doch überwinden könnten, wenn sie sich nur genug bemühen würden, eine ordentliche Arbeit zu finden.

Abgesehen davon, dass einigermaßen gut bezahlte Vollzeitbeschäftigungen heutzutage nicht gerade leicht zu finden sind: Alleinerziehenden, die Vollzeit arbeiten, dürfte wenig vom eigenen Leben bleiben. Denn die Beschäftigung mit den Kindern füllt ohne weiteres die Zeit aus, die neben dem Arbeitstag von mindestens acht Stunden bleibt. Für »das Wertvollste einer Gesellschaft«, wie das Statistische Bundesamt Kinder in seinem Bericht bezeichnet, müssen solche Eltern das ­eigene Leben aufgeben – es sei denn, sie verstehen unter »eigenem Leben« nur die Lohnarbeit.

Wenn Eltern sich wünschen, mehr von ihren Kindern zu haben als deren schlechte Laune am Frühstückstisch, werden sie nicht unterstützt. Es sei denn, es handelt sich um Väter, denen derzeit gerne zugestanden wird, sich neben der Karriere auch noch ein bisschen für die Familie zu »engagieren«. Eine alleinerziehende Mutter, die nicht bereit war, Vollzeit zu arbeiten, weil sie mehr Zeit mit ihrer Tochter verbringen wollte, ist mit ihrer Klage auf Unterhalt kürzlich vor dem Bundesgerichtshof gescheitert. Dem geltenden Unterhaltsrecht nach muss nach einer Scheidung der das Kind betreuende Elternteil Vollzeit arbeiten, sobald dieses drei Jahre alt ist und Betreuungsmöglichkeiten bestehen. Nun muss die Mutter genau so viel arbeiten wie ihr Ex-Mann, der das Kind nicht betreut. Geschiedene Frauen mit Kind sollten schnell einen neuen Partner finden – diese Lehre lässt sich somit aus dem Urteil ziehen.

Auch eine neue Publikation des Beltz-Verlags, die dieser Tage erscheint, beschäftigt sich mit der Kinderarmut. Felix Berth, Autor des Buches mit dem Titel »Die Verschwendung der Kindheit – Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert«, empfiehlt darin die gezielte Frühförderung von Kindern aus »schwierigen Verhältnissen«. Diese Förderung kann offensichtlich nicht früh genug beginnen. »Wir kommen nicht weiter, wenn wir uns nur auf Schulen konzentrieren. Wir müssen viel früher ansetzen. Schon bei einem Säugling passiert sehr viel im Gehirn«, sagte Berth in einem Interview in Focus.

Kinderarmut wird in dem Buch jedoch nicht als Hindernis für das Glück und die Entfaltungsmöglichkeiten der Einzelnen dargestellt, sondern als Bedrohung für »die soziale Stabilität und den ökonomischen Wohlstand der Bundesrepublik«. Folgerichtig lautet die bange Frage, die sich der Autor stellt: »Wer garantiert, dass der derzeit lautlose Frust perspektivloser Jugendlicher nicht plötzlich umschlägt in Rebellion und Randale?« Manche Kinder sind also nicht nur arm, sondern bedrohen auch noch die Zukunft Deutschlands.