Schlüppis
Thomas von der Osten-Sacken: Libyen nach Gaddafis Sturz

Eine Chance für den Nahen Osten

Welche Auswirkungen wird der Sturz Muammar al-Gaddafis auf die Diktaturen im Nahen Osten haben? Obwohl sich die geopolitische Lage in Syrien, Jemen oder Bahrain grundlegend von der in Nord­afrika unterscheidet, fühlen sich die Despoten zwischen Mittelmeer und persischem Golf nicht mehr sicher.

von Thomas von der Osten-Sacken

Alles begann Anfang Februar mit einem verwackelten Video: Es zeigte ein paar Menschen, die in Misrata gegen zu hohe Mieten protestieren. Ein paar Tage später wurde der Beginn der »libyschen Revolution« ausgerufen. So richtig ernst wollte das damals niemand nehmen. Wer wusste auch schon etwas über Libyen, außer dass dort seit mehr als 40 Jahren Muammar al-Gaddafi regiert? Dann begann der Aufstand gegen den »Bruder Führer« zum großen Erstaunen auch der meisten Araber wirklich, und erstmals seit Jahrzehnten stand Libyen im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Die libyschen Rebellen schufen dabei nicht nur eine ganz eigene Ästhetik, die irgendwo zwischen »Mad Max« und spanischem Bürgerkrieg angesiedelt und von Revolutionsrap unterlegt ist, sondern es gelang ihnen auch das Kunststück, sowahl die Nato als auch die arabische Liga auf ihre Seite zu ziehen.

Sechs Monate später ist Bab Zawiya, die Zentrale des Gaddafi-Clans, gefallen, Tripolis weitgehend unter Kontrolle der Opposition. Die Bilder erinnern allerdings weniger an Massendemonstra­tionen in Tunesien und Ägypten als an den Fall von Bagdad. Durch von Gefechten zerstörte und abgebrannte Straßenzüge strömten die Bewohner der Hauptstadt nun zu Hunderten ebenso in die Paläste und Villen der Führungsclique wie in die Folterzellen des zentralen Geheimdienstgebäudes. Das libysche Abu Ghraib heißt Abu Salim, die Residenzen der Gaddafis gleichen in ihrem geschmacklosen Pomp den Palästen der Familie Saddam Husseins.

Endgültig ist das Schicksal dieses Typus eines besonders grausamen und größenwahnsinnigen arabischen Diktators besiegelt, wenn die erste Fernsehkamera Aufnahmen von unglaublich teurem Kitsch, schlechter Kunst und vergoldeten Badewannen aus den Residenzen des Herrscherclans überträgt und dann das Grauen und Elend der Exekutierten und Gefolterten in den unmittelbar benachbarten Zentralen der Geheimdienste zeigt.

Neben solchen Bildern hinterlässt die jahrzehntelange Herrschaft im Namen der arabischen Einheit nach der Freude und dem Jubel über die neue Freiheit noch eine große Leere, viele Waffen und hohe Erwartungen an die neue, bessere Zukunft. Ähnlich war es 2003 im Irak. Nicht von ungefähr betonen deshalb die Sprecher des Transitional Council unermüdlich, in Libyen werde sich die Geschichte nicht wiederholen, Verhältnisse wie im Zweistromland nach dem Sturz Saddam Husseins werde es nicht geben. Man werde vielmehr für Ruhe und einen geordneten Übergang sorgen. Ob das lediglich Beschwörungen sind und aus solchen Äußerungen schon Ahnungen über die kommenden Entwickluntgen sprechen, wird erst die Zukunft zeigen.

Denn mit Muammar al-Gaddafi stürzte der »arabische Frühling« einen arabischen Führer, dessen totale Herrschaft auf einer Synthese aus arabischem Nationalismus und Islamismus aufbaute und der systematisch alle einigermaßen unabhängigen Strukturen und Institutionen zerschlagen hatte. Keine Armee oder Gewerkschaft, von oppositionellen Parteien ganz zu schweigen, könnte das entstandene Machtvakuum auch nur in Ansätzen füllen. Deshalb ähnelt Libyen auch mehr Diktaturen im Nahen Osten wie Syrien oder dem Irak unter Saddam Hussein als den vergleichsweise pragmatischen Autokratien in den nordafrikanischen Nachbarländern.

Zugleich aber haben die Libyer eindrucksvoll demonstriert, dass es, wenn auch nur mit Hilfe von außen und in bewaffnetem Kampf, möglich ist, innerhalb einer recht kurzen Zeitspanne einen solchen Diktator zu stürzen. Eine Botschaft, die vor allem in Syrien verstanden wurde. Dort begrüßten viele die Einnahme von Tripolis euphorisch und skandierte »Adieu Gaddafi, Bashar ist der nächste«, sogar Rufe nach einer Flugverbotszone wurden erstmals laut, und auch im Jemen jubelten die Demonstranten. Assad dürfte die Meldungen aus Libyen mit wachsender Panik verfolgt haben, ein wenig aufgeschreckt zeigte sich selbst die Arabische Liga, die plötzlich eine Sondersitzung zum Thema Syrien einberief. So richtig sicher fühlt sich dieser Tage niemand in den Regierungspalästen zwischen Mittelmeer und persischem Golf.

Zugleich wissen die Despoten im Nahen Osten aber, dass sich ihre geopolitische Lage grundlegend von der in Nordafrika unterscheidet. Mit einer Intervention der Nato-Staaten, die maßgeblich zum Sturz Gaddafis beitrug, ist bei ihnen eher nicht zu rechnen. Gaddafi hatte keine starken regionalen Verbündeten, er stand am Ende sogar ziemlich alleine da. Kein Iran hielt seine schützende Hand über den libyschen »Revolutionsführer«, kein Saudi-Arabien unterstützte ihn bis zuletzt. In Nordafrika fehlen eben solche nach Hegemonie strebenden Regionalmächte. Dies mag ­einer der Gründe sein, warum der »arabische Frühling« bislang auch nur im Maghreb zu grundlegenden Veränderungen geführt hat. Östlich des Suezkanals drohen die Proteste und Aufstände sich dagegen in blutige Stellvertreterkriege zu verwandeln. Saudi-Arabien, der Iran und die Türkei intervenieren massiv in Syrien, im Jemen und in Bahrain. Es sind ja nicht die Forderungen und Wünsche der Demonstranten, die sich in Nordafrika und dem Nahen Osten unterscheiden, sondern die regionalen Machtstrukturen. In sechs Monaten hat sich, mit Ausnahme Algeriens, der Maghreb grundlegend geändert. In Marokko gab es eine Verfassungsreform, in Tunesien fand eine Revolution statt, in Ägypten wurde immerhin der Präsident gestürzt. Im Nahen Osten dagegen regieren, trotz aller Proteste und Aufstände, weiterhin die alten Herrscher, und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass sie, wenn auch geschwächt, das Jahr überstehen könnten.

Die Auswirkungen von Gaddafis Sturz auf den Nahen Osten dürften deshalb auch eher symbolisch bleiben. Unterschätzen sollte man sie deshalb nicht. Wie wohl wirken Bilder von jubilierenden Libyern, die ihre Befreiung unter anderem feiern, indem sie ihre Autos mit Sternenbanner und Union Jack schmücken, während gleichzeitig die großen Anführer der »Achse des Widerstands«, Mahmoud Ahmadinejad, Hassan Nasrallah und Bashar al-Assad, die syrischen Demonstranten als fünfte Kolonne des Imperialismus denunzieren? Und das mit Phrasen, die man auch aus jeder Ansprache des »Bruder Führers« kannte. Und was empfand man wohl im Hauptquartier der Hamas in Damaskus, als man den Amerika-Flaggen schwenkenden »libyschen Revolutionären« zum Sieg gratulierte? Wie nur fügt das alles sich in den alten Mythos vom antiimperialistischen Kampf ein? Was genau ist der Unterschied zwischen libyschen Rebellen und syrischen Demonstranten?

So widersprüchlich und irre Gaddafis Reden auch geklungen haben mögen, er war ein maßgeblicher Protagonist der Militärputsche, die vor 50 Jahren als »arabische Revolutionen« in die Geschichtsbücher eingingen und im Irak und Syrien die Ba’athisten, in Ägypten Gamal Abd al-Nasser an die Macht brachten. Konnte man Hosni Mubarak und Zine al-Abidine Ben Ali noch als Büttel des Westens beschimpfen, ist dies bei Gaddafi kaum möglich. Mit Tripolis ist nach Bagdad eine zweite Metropole des Panarabismus gefallen, und die von arabischen Satellitenfernsehstationen übertragenen Bilder aus der libyschen Hauptstadt vermitteln einmal mehr eine deutliche und niederschmetternde Botschaft: Das also ist geblieben von der glorreichen arabischen Renaissance, der hysterischen Massenmobilisierung gegen Kolonialismus, Imperialismus und Zionismus? Unzählige Kriege, Terroranschläge und ermordete Oppositionelle später bleiben nur noch vergoldete Sofas, geschmacklose Ölgemälde und anderer Ramsch übrig. Eindrucksvoller ließe sich kaum zeigen, in welch desaströser Verfassung sich die arabische Welt seit Jahrzehnten befindet.

Und darin bestände auch die eigentliche Chance, nicht nur für Libyen, sondern für die Menschen in der ganzen Region. Die Grundlagen dieser Ideologie, die Ursache für so viel Leid, Armut und Elend sind endlich kompromisslos in Frage zu stellen. Das aber hieße, diese Ideologie nicht durch die nächste, ebenso destruktive zu ersetzen, die im Hintergrund schon lauert und Islamismus heißt. Anders als ihre vergleichsweise armen Nachbarn in Ägypten oder Tunesien haben die Libyer mit ihrem enormen Ölreichtum eigentlich die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Neuanfang, zumindest unter Armut müsste künftig eigentlich niemand leiden. Nur, und auch das haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt, Ölökonomien tendieren in der Region dazu, besonders widerwärtige Herrschaftssysteme hervorzubringen: Die beiden übelsten sich auf den Islam berufenden Regimes im Iran und Saudi-Arabien wären ohne schwarzes Gold wohl nie so entstanden.

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