nd-App
www.flight13.com
Andreas Michalke: Berlin Beatet Bestes

Berlin-B-Boy

Berlin Beatet Bestes. Folge 117. Gang Starr: Just To Get A Rep (1990).

Berlin Beatet Bestes von Andreas Michalke

Mit dem Ende der achtziger Jahre hatten sich Hardcore und Punk für mich erledigt. Die Wurzeln des Rock’n’Roll spielten eine immer geringere Rolle in dieser Musik. Jazzgefrickel, Grindcore und einfach nur Noise übernahmen die Szene, die politisch immer strenger wurde. Die Hardcore-Szene wurde mir zu eng, ich wollte tanzen. Genauso eingezwängt fühlte ich mich von meiner damaligen Freundin, die wie ich aus der Punkszene kam. Ich lernte eine lustige Amerikanerin kennen, mit der ich dann plötzlich zu HipHop von Public Enemy, De La Soul, A Tribe Called Quest und Queen Latifah tanzen konnte. Viele meiner Hamburger Punkfreunde schwenkten zur gleichen Zeit ebenfalls auf schwarze Tanzmusik um. Allerdings mussten viele Punks das Tanzen noch lernen, während ich ja durch die Großraumdisco meiner Provinzzeit schon vorgebildet war.

Reggae war mehr für die Kiffer unter den Punks, Rave für die richtigen Drogenfreunde und HipHop für die Schlauköpfe. HipHop war Anfang der Neunziger ja auch eine ziemlich clevere Angelegenheit. Sogar ein so slicker Rapper wie Big Daddy Kane machte jetzt Conscious Rap zusammen mit Gamilah Shabbazz, der Tochter von Malcolm X. Viele linke Ex-Punks konnten sich auch mit dem aggressiven, sexistischen Gangster- Rap von Ice-T, NWA und den Geto Boys anfreunden. Politischer Hardcore-HipHop wie Paris, Silver Bullet und Black ­Radikal ML II blieb zwar ein eher europäisches Phänomen, war aber ebenfalls angesagt.

Meine Lieblingsgruppe Gang Starr spielte 1991 in der Hamburger Fabrik, in der ich vorher unzählige Punkbands gesehen hatte. Es war zwar bekannt, wie Rap vorgetragen wird, aber ich kann mich noch erinnern, wie enttäuscht ich dennoch nach dem Konzert gewesen bin. Die Musik war natürlich großartig. Die Verbindung von Jazzsamples und dem tollen Timbre des Rappers Guru kommt heute immer noch super. Auf der Bühne ergaben aber zwei Typen mit dicken Jacken, Mützen, Plattenspielern und Mikrophon – und natürlich ohne Instrumente – leider kein interessantes Bild. Weil ich den Titelsong der Platte »Step In The Arena« so gut fand, kaufte ich ausnahmsweise auch noch die Maxisingle von »Just To Get A Rep«.

Die Trennung von meiner Freundin verlief dramatisch. Obwohl ich versuchte, ihr aus dem Weg zu gehen, lauerte sie mir immer wieder auf, um mich zur Rede zu stellen. Wenn sie mich gestellt hatte, drohte sie mir oder schlug unvermittelt auf mich ein. Sie bombardierte mich mit Telefonanrufen, bis ich den Hörer nicht mehr abhob. Als ich nach Tagen doch mal wieder ranging, war sie natürlich dran. Anscheinend vollkommen verzweifelt und aufgelöst drohte sie mit Selbstmord. Als mich das nicht beeindruckte und ich das Gespräch beenden wollte, zerbrach sie plötzlich demonstrativ die Maxi von Gang Starr, die ich ihr geliehen hatte. Das Knacken der Platte am anderen Ende der Leitung war kurz. Unnötigerweise haben wir es dann leider doch noch einige Jahre zusammen ausgehalten.