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Timon Engelhardt: Ein Nachruf auf die Lyrik

Reime sind Schweine

Lyrik ist als Liedtext entstanden und so ist sie auch gestorben. Ein wenig sentimentaler Nachruf.

von Timon Engelhardt

»Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand.« Mit diesen Zeilen beginnt ein Stück Fontanescher Lyrik, das, von einem zum Spartenpapst erklärten alten Mann mit Doppelnamen in den »Kanon der deutschen Literatur« erhoben, in den vergangenen Jahrzehnten vor allem dazu diente, Generationen junger Menschen durch den mahnend ausgefahrenen Zeigefinger darauf hinzuweisen, dass ein guter Mensch nur werden könne, wer Fallobst mit Kindern teile, idealerweise vom eigenhändig gepflanzten Baum. Dessen pädagogische Vernutzung durch abgepresste Textanalysen – diese unter dem Deckmantel des staatlichen Bildungsauftrags daherkommende Mischung aus Psychofolter und Menschenversuch – führte dazu, dass das Verhältnis schutzloser Minderjähriger zur Literatur ein für alle Mal zerrüttet wurde. Das umfassende Desinteresse an Lyrik großer Teile davon Betroffener zeugt heute davon.

Nun wurde der diesjährige Literaturnobelpreis an einen alten Schweden verschenkt, an einen, dem nun nach 57jähriger Dichterei vom deutschen Feuilleton gleich noch die Auszeichnung verliehen wurde, »Stimme der europäischen Poesie« zu sein. Eine mit modernster Kommunika­tions­technologie erstellte Umfrage in meinem dem geschriebenen Wort durchaus zugeneigten Freundeskreis ergab, dass der Herr Preisträger vollkommen unbekannt ist, dagegen wurde Ernst Jandl ­zitiert und »die rache/der sprache/ist das gedicht« in den Chatroom geworfen. Vermutlich sollte es bedeuten, dass politische (also irgendwie linke) Lyrik ihre Berechtigung habe und der Rest Missachtung verdiene, zumal die prompte Vereinnahmung Transtörmers für den »europäischen Gedanken« zeigt, dass etablierte Lyrik ihren festen Platz im Ensemble herrschaftsstabilisierender Ideologieproduktion hat.

Der Begriff der Lyrik wird von Autoren literaturwissenschaftlicher Abhandlungen als schwer greifbar bezeichnet, was dann in Bezug auf die sogenannte Junge Lyrik oder Jetztzeitlyrik so aussieht, dass nunmehr auch und wohl nicht zuletzt in dekonstruktivistischer Absicht auf das Versmaß verzichtet wird: Reime sind Schweine. Versucht sich dann doch einmal jemand am Reim, und wird dies wie das folgende Beispiel als Exempel für neue deutsche Lyrik veröffentlicht, so findet man bei der lyrischen Beschreibung der Verhaltensauffälligkeiten eines autoaggressiven Mädchens nach einem Satz wie »Meine Angst und meine Wut sind alles, was ich noch besitze« ganz sicher weitere Zeilen mit den Enden »ritze«, »Hitze« und »Schlitze«. Manche Reime sind tatsächlich Schweine, und die Moderne der Lyrik währt nun auch schon 100 Jahre.

Etwas, das heute eine zeitgenössische Erscheinungsform von Lyrik überhaupt darstellen könnte und dabei Interesse auch bei jüngeren, durch die Lehrplanmisswirtschaft vom gereimten Wort entfremdeten Konsumenten weckt, hat seinen Platz eher in den abgesteckten Grenzen heutiger Subkulturversionen: In den der schöngeistigen Säuselei unverdächtigen harten Rhymes sprechgesungener HipHop-Tracks zum Beispiel oder in den düsteren, Stimme und Sprache als gleichberechtigtes Instrument nutzenden Elektrofolkballaden einer Karin Dreijer Andersson. Etwas anderes als das Spiel eines Musikinstruments begleitende Dichtung bedeutet Lyrik im ursprüng­lichen Sinne eigentlich nicht, und vermutlich haben die Vocals eines Thom Yorke oder Dave Gahan mehr Menschen der Neuzeit zu freiwilliger Textarbeit bewegt als Theodor Fontane und Rainer Maria Rilke jemals zusammen.

Wobei wir beim endgültigen Urteil über heutige Lyrik wären: Wer einmal in einer Mußestunde beginnt, sich durch die Tausenden von Fans erstellten Websites für die lyrics durch die Charts gereichter Künstler zu klicken, bekommt schnell einen Eindruck davon, wie es um die heute überhaupt an Reimen interessierte Jugend bestellt ist: in Pop-ups gerahmte Erbauungsliteratur für den jeweils passenden Gefühlsmoment, jederzeit abrufbar mit einer geringen Anzahl an Mausklicks, und umgehend per Copy & Paste für den persönlichen Gebrauch zusammengestellt, gepostet, geliket und wieder vergessen. Dass hier Neues verkündet wird oder zumindest noch nicht durch permanenten Gebrauch völlig abgenutzte Wahrheiten, diese Hoffnung hege man lieber nicht! Das literarische Schaffen eines Adam Green ist die Rache der Popkultur an der Lyrik. Sie hat noch viel Schlimmeres verdient.

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